Kleines Mosaik aus den Aiguilles Rouges d'Arolla

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON HANS BRUNNER, MAGGLINGEN

Mit 2 Aufnahmen ( 6, 7 ) Es gibt Bergnamen, die kaum mehr als belanglose Dinge aussagen. « Täschhorn » zum Beispiel macht lediglich klar, dass hinter dieser Bezeichnung ein eher akzentuierter Gipfel, eben ein Horn, zu erwarten ist und dass dieses Horn irgendwo über dem Dorfe Täsch thronen muss. Mehr nicht. Was heisst jedoch « Horn » in Helvetien, dem Lande der Hörner? Es existieren andererseits auch Namen, die uns ansprechen oder gar packen. « Dom », der Name des Nachbargipfels des Täschhorns, weckt ungleich präzisere Vorstellungen. Hoch, weiss und vornehm muss dieser Berg sein und den zu ihm emporschauenden Menschen stille werden lassen.

Auch « Aiguilles Rouges » ist ein Name, der an empfindsame Saiten im Bergsteiger rühren kann. Aiguilles: Nadeln, eine ganze Reihe wahrscheinlich. Aiguilles Rouges: rote Nadeln! Ist nicht rotes Gestein, beinahe in der Regel, schwer begehbar, oft sogar gefährlich? Natürlich geisterte dieser vielsagende Name auch in den Bereich meiner Antennen. Später kamen aus Erzählungen aufgeschnappte Fetzen dazu. Ein Unglück, welches dort vor Jahren zwei junge Menschenleben gefordert und mich aus bestimmten Gründen aufgerüttelt hatte, tat ein weiteres. Kurz und gut:

schon seit langem standen die Aiguilles Rouges im vorderen Glied meiner bergsteigerischen Pläne. Sie behaupteten sich über alle Sommer hinweg, die bei chronisch unausgeglichenen Spannungsfeldern zwischen Plänen und Möglichkeiten zu zerrinnen pflegen. Eines Tages tauchte ich in Begleitung lieber Freunde schliesslich doch in Arolla auf, mit dem greifbaren Ziel natürlich: Aiguilles Rouges.

Lange bevor der reizvolle Pfad vor den steinernen Treppenstufen der Cabane de Waldkirch endet, treten Grate und Kanten beiseite und geben die Sicht auf die Aiguilles Rouges frei. Der erste Blick enttäuscht und beeindruckt zugleich. Für die Enttäuschung ist das Fehlen kühner Felsgebilde, eben « Aiguilles », massgebend. Der Berg zeigt in seiner grossen Struktur eine gut-bürgerlich anmutende, allem Ausgefallenen abholde Behäbigkeit. Südlich des wuchtigen Nordgipfels erhebt sich ein Kamm, dessen regelmässiger Anstieg und Abfall der gebogenen Flugbahn eines Geschosses gleicht. Erst beim weitern Beschauen entdeckt man die sägeblattähnliche Zahnreihe auf diesem Rücken. Die Türmchen und Zacken vermögen indessen aus der Froschperspektive wenig zu imponieren. Beeindruckend hingegen sind Grösse und Wucht des alleinstehenden Berges. Es gehört nur ein bescheidenes Mass an alpinen Kenntnissen dazu, um gleich zu erkennen, dass es hier um ein hochalpines Unternehmen geht und nicht um eine rucksackfreie Sonntags-kletterei.

Freunde belehrten uns darüber, dass üblicherweise durch ein Couloir in den Sattel südlich des ersten ausgeprägten Vorgipfels aufgestiegen und damit ein guter Teil des Nordgrates links liegen gelassen wird. Wir unsererseits legten Wert auf eine seriöse Bekanntschaft mit den Aiguilles Rouges und stiegen schon beim eigentlichen Nordsattel ein. Einmal im Fels, verstrickte uns die Kletterei gleich restlos in ihre Geheimnisse und Forderungen.

Messerscharf trennte die Gratschneide Licht und Schatten. Das Gelb der sonnenübergossenen Ostseite war gleich einem pedantischen Pinselstrich abgegrenzt vom dunkeln Karmin und Violett der beängstigend niederfahrenden Wände der Dixence-Flanke. Mit ebenso scharfen, übergangslosen Konturen klebten die satten Farben auf Antlitz und Bluse des tief unter mir an der Kante hoch-kletternden Kameraden und komponierten das Ganze zu einem kühnen Bild blutvollen Lebens.

Es gibt Gipfel, die plötzlich und überraschend « da » sind. Andere lumpen den Kletterer und machen ihn zehnmal glauben, die Hand sei erlangt, die ihn vollends auf die höchste Spitze ziehe. Hintennach merkt er dann, dass es nur Finger waren.

In den Aiguilles Rouges trieb eigentümlicherweise schon der markante Nordgipfel oder, genauer gesagt, dessen Vorbauten dieses bekannte üble Spiel. Doch war das nur eine unzulängliche Vorbereitung für das, was der « Crêt du Coq » getaufte Grat seinen Störefrieden an falschen Tatsachen vorgaukelte. Der Weg zum wirklichen führt über eine lange Reihe vermeintlicher Gipfel. Schliesslich zählt dieser gigantische Hahnenkamm fünfzehn Zacken, in steinernen Realitäten gesehen ordentlich wilde Nadeln und Türme. Bestimmt hat diese Zahnreihe schon manchen Müden oder vom Stundenzeiger Gehetzten in die graue Verzweiflung getrieben.

Vermutlich liegt es in der Vielfalt, und vielleicht ausserdem im Umfang dieser Vielfalt, dass die Erinnerungen an Einzelheiten der Fahrt in einem hoffnungslosen Durcheinander umherliegen. Es existiert, von einigen wenigen deutlich gezeichneten Ausschnitten abgesehen, nur ein Chaos von glatten, abstehenden und ragenden Blöcken, von Rissen, Wändchen, Verschneidungen und einigen Schneezungen, von Abstiegen in harmlose wie wilde Breschen und vor allem von Türmen noch und noch.

Durch dieses gelbrote Durcheinander leuchtet das Bild eines Couloirs, welches schon lange im oberen Viertel meines Blickfeldes gehangen hatte; mit Eis und Schnee durchsetzt, liess es wenig Gutmütigkeit erwarten, erwies sich aber als ziemlich harmlos. Auch eine abgespaltene Platte steht ausserhalb der besagten Unordnung, als Rosine gewissermassen. Wer sie erst kritisch gemustert hat, wird bestimmt das « Znüni » zurückstellen und gleich einsehen, dass es vorteilhafter ist, Speck und Brot im Rucksack aufzuseilen als, dem Bauche einverleibt, durch den Riss zwischen Platte und festem Fels zu zwängen. Diese merkwürdige Passage öffnet den ganz anderswo erwarteten Weiterweg. Ferner entzückte mich eine nahe im Lot stehende rostrote Wand, die wohl Griffe in Menge offeriert, als Beigabe aber auch einen Tiefblick an den Schuhspitzen vorbei, der selbst abgebrühten Kletterfritzen Eindruck machen kann. Dazu blieb mir ein hartes Nüsschen in bester Erinnerung: ein Aufschwung auf eine schräge Platte, der durch einen weiten Schritt angegangen werden muss. Dabei hätte man einen kleineren Briefkasten als Zuggriff für die rechte Hand bitter nötig, kriegt aber nur einen wohl anständigen, aber verdammt runden Knubel zwischen die Finger. Es ist offensichtlich, dass dessen Politur von intensiver Behandlung durch tastende Finger herrührt.

Wollte oder könnte man den Hochgipfel mit der imposantesten Rundsicht feststellen, fielen die Aiguilles Rouges bestimmt in die engere Wahl. Nur ganz wenige Silberhäupter der Prominenz der Walliser Viertausender verstecken sich vor dem Nordgipfel oder den höchsten Zähnen der Crêt du Coq. Vom Mont Blanc, der den Blick weiter westwärts durch seinen weissen Wall abriegelt, steht alles mit Namen und Rang da, lichtübergossen die einen, in blauen Schatten drohend andere. Die Sicht gegen Osten wird, nicht ganz lückenlos allerdings, durch die Kette der Mischabelhörner abgegrenzt. Man sitzt - nein man steht angesichts dieser erhabenen Pracht - auf einem vorgelagerten, königlichen Balkon. Der Herr Präsident müsste im Grunde genommen alle Hebel in Bewegung setzen, um die Walliser Landesväter dort oben zu einem regierungsrätlichen Augenschein zu versammeln. Garantiert würden die Ratsherren, ins Tal zurückgekehrt, einige Halbe des feurigen Fendant heben und auf die grandiose Schönheit ihres Landes anstossen.

Als die lange Reihe der eigentlichen roten Nadeln hinter uns lag, führte die Frage des Weiterweges zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen. Mein Freund machte sich zum Anwalt der Weiterverfolgung des nun abbiegenden Grates, trotzdem eine neue Auflage von harmloseren Nadeln und Türmchen vor uns lag. Ich stritt ebenso mannhaft für meine Überzeugung, die sich an eine zeitsparende Umgehung in der Westflanke über Geröll und Schneezungen hängte. Ein Riesen-knäuel drohender Gewitterwolken in der Gegend des Mont Pleureur und Mont Blanc de Seilon fächelte scharfen Wind in das Feuer unserer Diskussion. Als wir schliesslich in « meiner » Flanke umherstolperten, der streitbare Freund aber dennoch nicht müde wurde, auf dem schwachfüssigen Fundament meiner Argumentation für die Umgehung herumzuhacken, gerieten wir zu allem Überfluss in schwarzes Eis. Daraufhin wurde meine Position unhaltbar, besonders als nun auch der schweigsame Seilschaftsdritte, aus mir unverständlichen Gründen ohnehin ständig dazu geneigt, meinem Freunde statt mir recht zu geben, offen zur Partei der Gratfinken übertrat. Also querten wir hinaus auf den Grat, wegen der Kirche im Dorf und so weiter. Wir gerieten auch auf diesem Wege in den « Kakao », aber wie durch ein Wunder nicht ins Gewitter. Als schliesslich die Schwierigkeiten hinter uns lagen, waren wir uns wieder vollkommen einig, darin nämlich, dass jedermanns Bauch nach Essen schrie. Also machten wir uns schleunigst auf den Weg zu den Fleischtöpfen drunten in Arolla.

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