Kleines Tagebuch aus dem Triftgebiet

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Mit I Bild ( 148Von Franz Amberg

( Engelberg ) An einem regnerisch unfreundlichen Novembertag zeigte mir Walter auf der Karte das Triftgebiet und sprach mir verlockend von frohen Frühlingsskitouren. Schnell erfasste auch mich die Begeisterung für diese Gegend, die mir bisher ganz unbekannt war: ein weites Gletschergebiet, auf der Karte wie ein zierlich gezacktes Rebenblatt; fünf Eisströme zusammenfliessend in der Mulde des Triftfirns und als Blattstiel der Triftgletscher, der in zwei kühnen Abbruchen zu Tal fliesst. Die Randzacken des Blattes: herrliche Skiberge, alle über der Dreitausendergrenze. Weit ausgebreitet steigt der Triftkessel zum Hausdach der Triftlimmi, von dem auf der andern Seite der Rhonegletscher hinabfliesst, auch er wieder mit mächtiger Firnmulde, eingerahmt von den stolzesten Bergen der Zentralschweiz.

Während langen Semesterwochen und schönen Ferientagen haben wir eifrig unsere Vorbereitungen betrieben. Ostern ist vorüber, ein Regentag hat uns noch zurückgehalten. Doch endlich ist es so weit. Tiefblau spannt sich der Himmel über unser Tal, von den Bergen fliegen feine Schneefahnen. Bequem tragen mich Bähnchen und Skilift zum Jochpass. Möglichst rasch mache ich den bekannten Weg zur Engstlenalp. Der Wirt, den ich zufällig dort antreffe, lobt das Triftgebiet als das schönste Skiparadies, das es überhaupt gebe. Wir haben also gut gewählt. Nur wird der Weg zum Paradies nicht ohne Mühe sein.

Die Abfahrt durchs Gental hinaus, der Slalom, den die Natur mit Tannen und Felsblöcken ausgesteckt hat, wäre recht amüsant — nur sitzt da so ein ungewohntes Ding auf dem Rücken und will immer woanders hin als die Ski, am liebsten einfach auf den BodenNach den ersten Gefällstufen dann die lange, schier endlose Wanderung über einsame Alpen, immer entlang dem rauschenden Bach. Die Sonne brennt glühend heiss, der Sack drückt ganz unverschämt. Über Lawinenkegel führt die Spur, ganze Wälder haben die Schneemassen von den Felsen ins Tal gestürzt, und mühsam schleppe ich Sack und Ski durch das Gewirr der Baumstämme, sinke tief ein, strauchle, falle. So geht es stundenlang. Zuletzt führt mich ein Fahrsträsschen und endlich ein Weglein, an dem die Veilchen blühen, nach Nessenthai. Kaum habe ich im Dorf den brennenden Durst etwas gestillt, saust schon das gelbe Postauto grossartig daher, aus dem Walter und Fink mit riesigen Säcken heraus^ klettern. Noch am Abend erkundigen wir uns über den Weg nach der Trifthütte. Wir begegnen bedenklichen Gesichtern: es werde jawohl gehen, aber—. Wir lassen uns aber keineswegs entmutigen und schlüpfen erwartungsvoll ins Bett.

Ferien kann man das kaum nennen! Das wäre also der Anfang gewesen: frühmorgens der Aufbruch und der Marsch auf der hallenden Sustenstrasse, dann auf dem steilen alten Saumweg. Der Morgenwind, der dem Tag voranging, war etwas zu warm. Dann stundenlanges, verbissenes Steigen, da jeder Schritt unter der schweren Last Überwindung kostete. Zum Glück hatten wir den sonnseitigen Weg über Schaftelen und Ahorni gewählt, der Sommerweg wäre bestimmt ungangbar gewesen. Auf der Triftalp ein kurzer Aufstieg mit den Fellen und dann die stundenlange, schwere Arbeit am steilen Hang. Schritt für Schritt musste der erste seine Schuhe in den harten Schnee schlagen, derweil die folgenden nicht etwa sitzend warten konnten in dem abschüssigen Gefälle. Das einzige Mittel ein wenig zu ruhen: man wälzte sich samt Sack und aufgebundenen Ski auf die Seite wie ein störrisches Maultier, das nicht mehr weiter will. Schon dunkelte der Abend, als wir in die Gegend der Windegghütte kamen. Müde sind wir in den winzigen Raum gekrochen. Der Himmel hat sich überzogen, es regnet. Schnell etwas kochen, essen, dann schlafen, schlafen. Zwölf Stunden mit 30 kg ermüden!

Freitag, 6. April.

Ganz zage guckt die Sonne ein paarmal durchs Hüttenfensterchen, doch Wolken ziehen am Himmel, im Tal hängen die Nebel. Es ist föhnig warm, Lawinenwetter, der Schnee verregnet. Vorsichtig ziehen wir unsere Lawinenschnüre hangab und hangauf und suchen den Weiterweg auf den Triftgletscher, den wir am Abend auch endlich finden.

Samstag, 7. April.

Am Samstag das gleiche Bild: Nebel, nasser Schnee, etwas Neuschnee, dazu schneit es noch immer. Trotzdem nehmen wir die Säcke, klettern auf den Gletscher hinab, und dann beginnt ein stummes Wandern über die weite, weisse Fläche, die rings in Nebel gehüllt ist. Warnend kracht es aus der Gegend des obern Abbruchs, den wir umgehen sollten. Da kehren wir lieber um. Nach 6 Stunden sind wir wieder beim « Tea-Room Windegg, dem besten Haus am Platze ». Die Stimmung will nun doch ein wenig sinken. Aber wie wir spät noch vor die Hütte treten, hat das Schneien aufgehört, und der Sternenhimmel blitzt klar in die kalte Nacht.

Sonntag, B. April.

Weisser Sonntag! Herrlicher Morgen in Sonne und Schneepracht. Stumm stehen wir vor der Hütte in andächtigem Schauen. Wortlos lobt das Herz den Schöpfer. Doch dann wollen wir die Namen all dieser Gipfel wissen, und auch einen Weg zur Trifthütte müssen wir heute finden, der trotz dem Neuschnee gefahrlos zu gehen ist. Ich ziehe allein in weiten Schleifen den Hang über der Hütte immer höher hinauf. Der Blick vom Grat auf den mächtigen Abbruch des Triftgletschers ist überwältigend schön. Von den Gräten weht der Schnee hell in die tiefe Himmelsbläue. In sausender Fahrt geht 's zur Hütte zurück, wo die zwei Staatsköche ein ausgezeichnetes Essen rüsten. Am Nachmittag gehen sie auf Erkundungsfahrt, derweil ich mich vor der Hütte sonne. Freudig kehren sie zurück: der Weg ist gefunden!

Montag, 9. April.

Früh verlassen wir die Hütte und steigen zur Höhe, von dort auf den Gletscher über den Sommerweg. Dann halten wir stark nach rechts und ersteigen den Hang zum Schattig Trifttäli. Entgegen seinem Namen empfängt es uns in hellster, gleissender Sonnenpracht. Wir machen eine Entdeckung: der Steinmann etwas oberhalb P. 2177, bei dem ich gestern gestanden habe, ist ein Wegzeichen. An ihm vorbei führt ein Übergang hoch über dem Triftgletscher östlich am Ausläufer des Stotziggrates vorbei direkt zum Tälchen. Hätte ich mich gestern nur ein klein wenig weiter vorgewagt, so hätten wir uns einen mühsamen Umweg ersparen können. Der herrliche Tag lässt aber auch bei meinen kritischen Kameraden keinen Vorwurf aufkommen. Langsam schieben wir uns nun in einer « Bergbahnspur » in südlicher Richtung über die Gletscherzunge östlich des Sackgrätlis hinauf. Zuletzt wird es sehr steil, aber endlich sind wir doch glücklich auf der Höhe. Kurze Mittagsrast. Sack ab, und unbeschwert steigen wir nun ohne Last den Hang zum Steinhaushorn ( 3112 m ) hinauf. Eine prächtige Fahrt in weiten offenen Gelände bringt uns wieder zu den Säcken. In brütender Nachmittagshitze queren wir den Triftfirn und ersteigen den Kamm zur Hütte. Wir sehen wie Piraten aus. Fast wochenalte Barte zieren das dunkle Gesicht. Froh beziehen wir den weiten Hüttenraum, der uns nun einige Tage beherbergen wird. Und ergriffen blicken wir in das herrlich weite Gletschergebiet ringsum, derweil die Sonne golden hinter Wolkenbänken versinkt, sodass die Gipfel noch in zartem Rot erglühen. Die nahen Gletscherspalten liegen in violetten Schatten, und der Abbruch zu unsern Füssen stürzt prächtig zur Tiefe mit seinen blaugrünen Türmen und zackigen Eisburgen. Einmal weckt mich sein Donnern aus dem tiefen Schlaf.

Dienstag, 10. April.

Wir haben noch genügend Zeit vor uns und beginnen daher erst mit leichteren Touren. In zügigem Gleichschritt schreiten wir mit den Fellen aufwärts, an blauen Spalten und Eisblöcken vorbei. Dem Triftstöckli machen wir nur einen kurzen Besuch. Von dort begleitet uns ein stürmischer Gratwind zum mittleren Diechterhorn ( 3389 m ), dessen letzten Felszahn wir mit unseren Skischuhen leider nicht ersteigen können. Aber auch vom Grat aus haben wir eine herrliche Fernsicht. Die Berner Alpen sind ganz nahe, aus der Ferne grüsst das Matterhorn. In die Begeisterung des Schauens mischt sich herzklopfend die Vorfreude auf die Abfahrt. Schnell etwas essen, wachsen und dann los! Leider erlaubt der windgepresste, verblasene Schnee keine Schwünge, aber die offenen, übersichtlichen Hänge laden zur stiebenden Schussfahrt. Nur viel zu schnell sind wir wieder bei der Hütte.

Mittwoch, 11. April.

Gwächtenhorn: ein vergnüglicher Aufstieg vorbei an prächtigen Séracs, eine schöne Fernsicht, die heute schon leicht getrübt ist; und eine begeisternde Abfahrt über steile Hänge und sanft geneigte Mulden. Ich benütze eine Zeltblache als Windsegel und schwebe so « bolzgerade » die steilsten Gefälle ruhig hinab.

KLEINES TAGEBUCH AUS DEM TRIFTGEBIET Der Donnerstag bringt eine böse Enttäuschung: das Wetter hat umgeschlagen. So legen wir uns eben nochmals hin. Am Nachmittag machen wir einen Vorstoss gegen den Weissnollen. Aber der Schnee ist ganz nass, Nebel verhüllt jede Sicht, Schneefall setzt ein. Wir kehren um und verkriechen uns in die Hütte, wo uns auch noch den ganzen Freitag schlechtes Wetter festhält. Am Samstag wollen wir aber bestimmt weg. Schon sind die Reste unserer Vorräte, die wir in brüderlichem Kommunismus zusammengelegt hatten, verteilt. Aber das Wetter ist weiter schlecht. Wir werden langsam ungeduldig.

Sonntag, 15. April.

Ein klarer Morgen. Der Schnee ist wieder fest. Während die ersten Strahlen der Sonne die Gipfel ringsum aus dem Schatten heben, steigen wir schon zum Grat, wo wir in Helle und Blau hineintauchen. Dem Weissnollen gilt ein kurzer Besuch. Immer möglichst auf gleicher Höhe ziehen wir zum Eckstock, dann zum Dammastock. Einige Meter müssen wir noch zu Fuss steigen. Beim schneeverwehten Signal erwartet uns eine bezaubernde Gipfelstunde. Meine ersten Blicke gelten dem breiten Titlis, den vertrauten Rigidalstöcken, dem Helm des Engelberger Rotstocks. Aber dann hält uns all die Pracht der Hochalpen gefangen. Wieder zieht das Matterhorn, so stolz und frei stehend, die Blicke auf sich.

Und wieder die endlosen geraden Schussfahrten, immer die blauen Berge der Ferne im Auge, um die Ohren den brausenden Wind, dass das Herz jubelt in der Freude des Fahrens. Am Nachmittag rasten wir im Schatten des Hotels Belvédère und stärken uns für den Aufstieg zur Furka-Passhöhe. Dort grüssen uns auf apern Grasflecken schon zierliche Küchenschellen in ihren Pelzkäppchen mit dem feinen violetten Hauch. Eine Skispur geleitet uns bis Realp, wo wir spät abends einmal essen dürfen, ohne vorher kochen zu müssen, und wo uns richtige weiche Betten erwarten.

Montag, 16. April.

Wir entdecken den Frühling, das Grün und die Blumen. Ein Käsebrot in der einen, die Ski in der andern Hand, haben wir in Göschenen einen ganz leeren Wagen erobert. Da gehen wir nun lachend von einem Fenster zum andern und schauen die leuchtenden Matten, in denen weisse Blüten-bäume stehen, die Birken in ihren jungen zarten Blättern und die Menschen, die wir alle neugierig betrachten, haben wir doch lange nur immer die gleichen gewohnten Gesichter gesehen. Immer bezaubernder wird die Fahrt durch das blühende Land. Schon erwartet der See den eilenden Schnellzug, dann sendet der stolze Bristen noch einen letzten Gruss und mahnt, ob dem erwachenden Leben des Frühlings die einsamen Schneewüsten nicht zu vergessen.

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