Kreuzberge

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Samuel Plietz.

Das Gebiet.

Der Alpstein ist nicht umsonst das beliebteste Ausflugsziel der Ostschweiz. Mit seinen idyllischen Bergseen, taufrischen Matten und dunklen Tannenwäldern bildet er in der Tat ein wahres Kleinod, das es in seiner reizvollen Vielgestaltigkeit selbst mit mancher berühmten Hochgebirgslandschaft ruhig aufnehmen kann. Eine ganz eigenartige Note erhält das Säntisgebiet durch die mächtigen Felsgrate und Türme aus weissem Kalk, die oft ganz unvermittelt aus sanftem Wiesengelände hoch in das Blau des Himmels emporsteigen und so nicht selten Kontraste von höchster malerischer Wirkung schaffen. Turenmöglichkeiten bieten sich in grosser Zahl und für alle Ansprüche, vom harmlosen Sonntagsbummel bis zur eindrucksvollen Kletterfahrt. ( Silberplatten, Altmann, Hundsstein, Freiheit usw. ). Für den passionierten Zackenmenschen aber, der sich auf gebahnten Wegen nur mit innerlichem Unbehagen bewegt und am liebsten irgendwo an praller Wand klebt oder über messerscharfe Gräte hinwegturnt, ist im Alpstein eine ganz besondere Ecke reserviertdie Kreuzberge.

In imposanter Wildheit erheben sich die acht kühnen Zacken hoch über der eintönigen Ebene des Rheintals. Wie eine trotzige Burg stehen sie an der Ostmark unseres Landes und schauen weit hinaus ins Vorarlberg und Tirol, hinüber zu den ungezählten Spitzen der Ferwallgruppe, des Rätikons und der Silvretta. Die Kreuzberge dürfen wohl ohne Bedenken als die schönsten und schwersten Kalkkletterberge der Schweiz bezeichnet werden. Wenn die Engelhörner durch ihre grossartige Lage in unmittelbarer Nähe der eisgepanzerten Berner Oberländer unvergessliche Eindrücke vermitteln, muss, rein klettertechnisch betrachtet, den Kreuzbergen der Vorzug gegeben werden. Der äussert steile Aufbau, das fast durchwegs prächtig solide Gestein und der ungewöhnliche Tief blick besonders nach der Rheintalerseite hinunter gestalten eine Kletterfahrt in den Kreuzbergen zum bleibenden Erlebnis. Die schönste Zeit für solche Turen ist wohl unzweifelhaft der Herbst. Wenn die sommerliche Hitze gewichen ist und die Tage kürzer und kürzer werden, beginnt ja das Voralpengebiet erst seine landschaftlichen Reize und seine volle Farbenpracht zu entfalten. Es ist dann für den Berggänger die Zeit gekommen, um Pickel und Steigeisen beiseite zu legen und hinauszuziehen zu unbeschwerter, froher Kletterfahrt.

Im Hauptquartier.

Für die Klettereien in den Kreuzbergen gibt es ein originelles Hauptquartier. Das ist die Roslenalp. Nicht dass sie etwa besonders komfortable Unterkunft böte, ganz im Gegenteil! Man findet hier noch etwas von jener romantischen Ursprünglichkeit, die im Zeitalter moderner Hüttenbauten ( wenn möglich mit fliessendem warmen und kalten Wasser !) in unsern Bergen immer mehr und mehr abhanden kommt. Ein langgestreckter, ärmlicher Stall, gewöhnlich von einer fusshohen Dreckschicht umgeben, bildet die ganze Gaststätte. Man darf nicht davor zurückschrecken, eine ganze, kalte September- oder Oktobernacht lang frierend im schüttern Heu zu liegen und nach Leibeskräften mit den Zähnen zu klappern. Von Schlafen ist meist schon deswegen keine Rede, weil die im untern Raum untergebrachten Ziegen immer von Zeit zu Zeit wie auf Kommando mit einem ohrenbetäubenden Gebimmel beginnen! Natürlich lässt sich dadurch niemand den Humor verderben, sondern man weiss diesen gutgemeinten Beitrag zur Unterhaltung zu schätzen und sucht sich mit Scherzworten über die langen, nächtlichen Stunden hinwegzuhelfen. Am Morgen aber wird es im « Hauptquartier » lebendig. Seile werden aufgerollt, Kletterschuhe angezogen, und schliesslich marschiert eine Partie nach der andern ab, dem Einstieg zu.

Probleme.

Der Wanderer, der von der Bollenwies in die Saxerlücke heraufkommt, steht auf einmal vor einem überwältigenden Bild. Wie aus dem Boden gestampft erscheint urplötzlich der Erste Kreuzberg, dessen Ostgrat sich in grandioser Linienführung scheinbar direkt aus den dunstigen Tiefen des Rheintals emporschwingt. Dieser phantastische Ostgrat ist noch nie begangen worden und muss wohl als ein ganz hoffnungsloses Problem betrachtet werden. Es verläuft allerdings parallel zur völlig ungangbaren Kante ein mächtiges Kamin, das aber unten in glatte Wände ausläuft und deshalb noch nie näher erkundet werden konnte. Schon verschiedentlich haben allererste Kletterer Versuche unternommen, um einen Einstieg in dieses Kamin zu erzwingen, doch sind solche Anstrengungen immer wieder an den abweisenden Plattenschüssen und überhängenden Wülsten gescheitert. Eine Seilsicherung ist dort teilweise ganz ausgeschlossen, denn erstens fehlt jeder Stand und zweitens ist das Gestein so aussergewöhnlich kompakt, dass nicht einmal ein Mauerhaken eingetrieben werden kann. Der Rückzug ist also, selbst wenn es sich nur um einige Meter handeln sollte, eventuell sehr kritisch.

Dagegen gibt es am Ersten Kreuzberg noch ein anderes, zwar seit Jahren gelöstes Problem, das aber wohl immer das Hauptzugstück der Gruppe bilden wird. Es ist die berühmte Scharte im Westgrat. Schon der Zugang durch das die Nordwand durchreissende Couloir kann besonders bei Nässe sehr schwer sein. Der Grat selbst aber ist direkt faszinierend. Er wird gebildet durch eine stellenweise kaum fussbreite Mauer, die beidseitig von mächtigen Abstürzen flankiert ist. Nach Süden fällt der Block 600 Meter senkrecht auf die Dächer der klein wie Spielzeuge aussehenden Hütten der Unteralp hinab. Es ist mir noch in lebhafter Erinnerung, wie ich als Kletteranfänger mit meinem gestrengen Lehrmeister Hans Baumgartner zum erstenmal hier herauf kam, wie es mir im ersten Moment fast den Atem verschlug und ich dann innerlich zitternd den luftigen Gang antrat! Schon nach wenigen Metern gelangt man zur Scharte, die jedes weitere Vordringen unmöglich zu machen scheint. Sie ist oben etwa sieben Meter breit und läuft dann nach unten zu einer zirka zwanzig Meter tiefen, glatten Spalte aus. Der Vorausgehende muss von einem sehr schmalen Gratzacken aus etwa acht Meter auf einen kleinen Absatz hinuntergelassen werden. Von dort aus gelangt er am Seile hängend durch ein recht heikles Manöver halb spreizend, halb pendelnd zur gegenüberliegenden Wand, an der er sich dann an winzigen Rauhigkeiten äusserst schwer wieder zum Grat hinaufzuarbeiten hat. Für die Nachkommenden wird hierauf das Seil etwa 7—8 Meter weit horizontal über die Scharte gespannt, worauf es wie an einer Wäscheleine hinüberzuhangeln gilt. Das ist natürlich eine ziemlich luftige Sache, und schon mancher wackere Mann konnte auch durch andauernde liebevolle Aufmunterungen, Beschwörungen oder plötzliche Temperamentsausbrüche des Vorausgegangenen nicht zur Überfahrt bewegt werden! Der Weiterweg von der Scharte zum Gipfel ist zwar nicht mehr sehr schwer, aber von ausserordentlicher Ausgesetztheit.

Dort wo das Nordwandcouloir des « Ersten » auf den Grat ausmündet, kann man sich auch nach rechts anstatt links wenden und den « Zweiten » über sein gewaltiges Ostbollwerk erklimmen. Dieser Übergang ist aber ziemlich heikel, denn zu seiner grossen Ausgesetztheit gesellen sich eine ganze Anzahl ausgesprochen unangenehmer Stellen mit lockern Graspolstern und bröckelndem Gestein. Es ist also hier grösste Vorsicht am Platz. Von Westen her kann der Gipfel dagegen ohne grössere Schwierigkeiten erreicht werden.

Der « Dritte » und « Vierte » sind vom Standpunkt des Kletterers aus betrachtet weniger interessant, da sie keine besonders dankbaren Aufstiege bieten. Der « Fünfte » hingegen ist vielleicht der lohnendste Gipfel der Kreuzberge. Zu empfehlen ist dabei in erster Linie die rassige Westkante, die von der Scharte zwischen dem « Fünften » und « Sechsten » steil und ausgesetzt zur Höhe führt. Die technischen Anforderungen sind nicht sehr hoch, aber das erstklassige Gestein und der grossartige Tiefblick machen den Aufstieg zu einem Genusse seltener Art. Der Abstieg erfolgt dann entweder durch die Kaminreihe der Nordwestwand oder aber nach Süden ( luftiger Abseilblock ) und Traversierung in die Ostscharte.

Der Fünfte Kreuzberg hat einen zwar nicht grossen, aber bitterbösen Nachbarn, den « Sechsten ». Dieser war es auch, der bei der Erschliessung der Kreuzberge als letzter jahrelang allen Angriffen trotzte. Heute wird er auf zwei Routen begangen, die aber beide hohe Anforderungen stellen. Die erste ist der Güttlerriss, so benannt nach dem verdienten Alpsteinpionier Richard Güttier, die zweite die Westwand. Die beiden Aufstiege sind gänzlich verschieden voneinander. Der Güttlerriss, der sich von der Ostscharte schräg durch die Nordwand hinaufzieht, stellt, wie alle derartigen Risse, eine schwere Kraftprobe dar. Der Kletterer liegt mit seiner rechten Körperseite auf einem völlig glatten und steilen Felsband, das überdies noch etwas nach aussen hängt. Füsse und Oberarme werden wechselweise im eigentlichen Riss verklemmt und der Körper so unter grösster Anstrengung in die Höhe geschoben. Der Westaufstieg ist ganz anderer Art und erfordert nicht in erster Linie Kraft, sondern feine, sorgfältig ausgeglichene Kletterarbeit. Die Wand ist praktisch senkrecht und muss, wie der Güttlerriss, als äussert schwierig bezeichnet werden. Etwa in der Mitte befindet sich eine Stelle, wo Griff und Tritt nur noch aus einigen abschüssigen, glatten Absätzchen bestehen!

Interessant ist der Ostaufstieg zum « Siebenten », während der Abstieg nach Westen und die Überschreitung des « Achten » keine besondern Schwierigkeiten bieten.

Damit wären wir mit unserem kurzen Streifzug durch die Kreuzberge zu Ende. Ausser den vorstehend skizzierten Routen bestehen noch eine Anzahl Varianten, die zwar teilweise schwierig, aber im Ganzen genommen ziemlich bedeutungslos sind. Dagegen bleibt noch ein Problem zu erwähnen, das sogar als das grösste und allerschwerste der Kreuzberge gelten kann und technisch unbedingt an Dolomitenprobleme von Ruf heranreicht. Es ist dies der Ostgrat des « Fünften ». Wenn davon erst jetzt die Rede ist, so geschieht es deshalb, weil diese Route nur äusserst selten begangen wird und im übrigen noch fast eine Klasse schwerer ist als alles andere! Der Fels ist hier zwar ebenfalls vollkommen solid, aber aussergewöhnlich kleingriffig und dazu, wenigstens in der untern Hälfte, absolut senkrecht. Etwas unterhalb der Ostscharte wird zuerst eine schwere Wandstufe überwunden, worauf sich sofort ein ganz unheimlicher Quergang nach rechts hinaus zur Kante anschliesst. Unter Ausnützung der letzten Möglichkeiten feinsten Gleichgewichts-spiels windet sich der Kletterer um diesen Pfeiler herum und gelangt ohne Ruhepunkt direkt zu einem engen, glatten und sehr anstrengenden Riss, der ungewöhnlich ausgesetzt senkrecht nach oben führt. Das wesentliche Charakteristikum dieser Route besteht darin, dass schon nach begonnenem Quergang ein Rückzug praktisch kaum mehr möglich ist; es bleibt deshalb dem Kletterer nichts anderes übrig, als sich mit allen Mitteln durchzukämpfen 1 Klettertechnisches.

Die Fahrten in den Kreuzbergen sind der Inbegriff feiner, ausgesetzter Kalkkletterei mit ihren katzenartigen Bewegungen und dem peinlich genauen Ausbalancieren des Körpers. Der steile Aufbau, die oft winzigen Griffe erfordern ein richtiges Klimmen unter starker Inanspruchnahme der Finger und Vorderarme. Die Art der Fortbewegung ist eine ganz andere als im Urgestein. Dies kam mir letzten Herbst so recht zum Bewusstsein, als ich unmittelbar nach schweren Dauphinéfahrten ( Meije usw. ) wieder in die Kreuzberge kam und zuerst ganz unbeholfen und mit einem gewissen Unbehagen die steilen und feingriffigen Stellen anging.

Für Mauerhaken-Artisten ist in den Kreuzbergen kein Betätigungsfeld. Abgesehen von einigen Abseilringen, die gute Dienste leisten, werden wie in stillschweigender Übereinkunft alle künstlichen Hilfsmittel vermieden. Es ist dies sicher ein erfreuliches Zeichen der Ehrlichkeit gegen sich selbst, ein Zeugnis aber auch der Achtung vor diesen herrlichen Kletterbergen, die so stolz und kühn an der Grenze des Appenzellerlandes stehen.

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