L'Ar Pitetta

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Ali Szepeny

( Lausanne ) Wie wir vor die Türe der Alphütte treten, glitzert alles im Mondlicht. Der Besso wirft seinen spitzen Schatten in das Val d' Ar Pitetta zu unseren Füssen, und bald verschwinden wir in ihm Unten, bei einigen Lärchen, schnallen wir die Felle an. Klappernd ziehen unsere Ski gegen die mondbeschienenen Séracs hinauf. Und weit oben weht eine Schneefahne von den Felsen der Epaule in den Himmel. Sie scheint unsere Schritte zu beschleunigen; fast machen wir Laufschritt hinter der grossen Moräne, bergauf, auf das erste Plateau und in die steilen Hänge unter den Séracs. Plötzlich sehen wir unsere gestrige Spur nicht mehr, und das Waten im tiefen, schweren Pulverschnee beginnt. Im Mondschatten ist es wieder ganz dunkel. Wie Indianer suchen wir nach der Fährte; doch sie ist zu stark Verblasen. Im Schein unserer Lampen halten wir Kriegsrat. Koni versucht, uns in Flüster-tönen etwas zu erklären; ich will nach links einen Hang hinauf; schliesslich folgen wir Ruedsch und gehen fast flach Richtung Besso weiter. Und wirklich, die Gegend wird wieder bekannter. Da sind ja die zugeschneite Spalte, die halbverdeckte Eislawine, das kleine mittlere Plateau. Auch unsere Spur erscheint wieder. Allerdings sehen wir nur die Stockeinsätze, aber immerhin, es genügt. Langsam ziehen wir weiter, durch den unteren Bruch, über das Plateau de Morning. Der Himmel deckt sich immer mehr zu, frierend essen wir etwas, doch keiner von uns hat Lust zu einer langen Rast. Bis hierher haben wir gestern vorgespurt und gingen heute ohne Seil. Schnell sind wir angebunden, und die ersten Schritte im Neuland beginnen. Es sind äusserst unangenehme Schritte. Tiefer Schnee, ein sehr steiler Hang und für den Mittelmann noch obendrein zwei Seilenden, die sich bei jeder Spitzkehre um Ski, Stöcke und alle nur erdenklichen Körperteile wickeln — was ein ungeahntes « Angefluche » zur Folge hat. Von vorne rauhe Glarner Laute, von hinten ein heiseres Gekrächze. Nachdem all das überstanden ist — sechs Stunden lang spurten wir im immer tieferen Schnee bergauf —, schnallen wir erleichtert die Ski bei den untersten Felsen der Epaule ab. Ein langer Eishaken bewährt sich ausgezeichnet im vermoderten Gestein, und während die beiden anderen einen wahren Hottentottentanz aufführen, der allerdings wegen Platzmangels etwas von der heiligen Tradition abweicht —, versuche ich frierenderweise Ski und Stöcke zu meistern, die nicht angebunden werden wollen. Inzwischen wird mir mitgeteilt, dass das Weisshorn schon tief in Wolken steckt und dass ich mich gefälligst beeilen soll. Schliesslich werde ich der Sache Herr, und im grössten Tempo klettern wir bis zur Epaule hinauf.

Unsere Stimmung sinkt auf Lufttemperatur. Die Felsen sind tief verschneit, Wolken um den Gipfel. Über unser Gespräch auf diesem sicher sehr eindrucksvollen Rastplatz schweigt die Chronik. Ganz abgesehen davon, dass der Grossteil im Wind verloren ging.

So schnell als möglich klettern wir wieder zu den Ski hinunter. Felle ab und Ski anschnallen, Rucksackpacken, alles mit zwei Paar Handschuhen an den Händen, ist die Sache eines Augenblicks. Und dann fahren wir. Endlos lange scheint es mir. Koni vorne, in der Mitte versuche ich halbwegs anständig weiterzukommen, und Ruedsch hinten. Wahrscheinlich habe ich in meinem Leben noch nie so viel über Skitechnik und Seilführung gehört wie dort oben — allerdings mit Recht. Doch auch das ging vorüber. Vom Plateau de Moming an können wir wieder ohne Seil fahren; der Schnee ist gut, und jetzt reiht sich Schwung an Schwung, wie es sein soll. Wie in einem Traum erreichen wir wieder die Lärchen im Tälchen und steigen langsam zu unserer Alphütte auf.

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