Letzte Sulzschneeflecken

Ruedi Horber, Niederscherli

Blick vom Gipfel der Märe in das Hengsttal hinunter, wo der Frühling den Winter bereits verdrängt hat.

Skitouren auf nur 2000 Meter hohe Voralpengipfel im Spätfrühling? Was für eine abwegige Idee! Entweder hat man zu dieser Jahreszeit die Skis bereits in den tiefen Keller gestellt oder dann werden grössere Ziele in den Hochalpen anvisiert. Strahlhorn, Alphubel, Finsteraarhorn, Dufourspitze oder gar der Montblanc sollen die Tourensaison abschliessen und nicht irgendein unbekannter Voralpengipfel, wo man die letzten Schneereste buchstäblich mit der Lupe suchen muss. Vom mühsamen Skitragen unter der stechenden Mai- oder Junisonne gar nicht zu reden!

Das Hohelied der Voralpen-Skitouren im Spätfrühling Ungeachtet all dieser an und für sich begründeten Einwände soll hier das Hohelied der Voralpen-Skitouren im Spätfrühling und der letzten Sulzschneeflecken gesungen werden. Während in jenen Monaten die bekannten Tourengebiete und namentlich die alpinen Unterkünfte meist hoffnungslos überfüllt sind, ist man im Mai und Juni auf vielen kleineren Voralpengipfeln oftmals praktisch allein. Der Schnee zeigt sich in der Regel von seiner besten Seite, der Rucksack ist leicht und erlaubt ein genussvolles Skifahren im Pullover, ohne Spaltengefahren wie im Hochgebirge. Und die Anfahrtszeiten zum Tourenziel sind in der Regel kurz; so beträgt etwa die Distanz vom Zentrum Berns bis zur knapp über 2000 Meter hohen Gantrischkette weniger als 30 Kilometer. Damit wird auch dem ökologischen Postulat, unnötig lange Transportwege zu vermeiden, die notwendige Reverenz erwiesen. Voralpen-Skitouren im Spätfrühling passen ausserdem sehr gut in unsere hektische Zeit, da die Abfahrt am späteren Vormittag beendet sein sollte. Es sei denn, man wolle im tiefen, schweren Nassschnee buchstäblich zu Tale schwimmen. Der Nachmittag bleibt somit für andere Aktivitäten zur Verfügung, sei es für die Familie, das Büro, den Garten oder ganz einfach für das .

Voralpen-Skitouren im Spätfrühling sind ein kurzes, aber besonders intensives Erlebnis. Die Szenenwechsel erfolgen abrupt, sei es von der lärmigen Zivilisation in die Stille der Natur und wieder zurück in die Hektik unserer Zeit, sei es vom steilen Sulzschnee-hang zur blühenden Wiese im Talgrund. Kaum hat man den Wohnort in der morgendlichen Dunkelheit verlassen, taucht man schon beim Aufstieg in die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Und kurz nach der Abfahrt sitzt man bereits beim kühlen Bier in der Gartenwirtschaft. Alle diese rationalen und irrationalen Argumente lassen die vermeintliche Mühsal des Skitragens, der Hitze und des Suchens der letzten Sulzschneeflecken in den Hintergrund treten. Zwei Beispiele gefällig? Warum nicht eine Spätfrühlings-Skitour auf die Chrummfadenflue oder die Märe im Gantrischgebiet?

Chrummfadenflue 2074 Meter Die Chrummfadenflue im östlichen Gantrischgebiet gehört sicher nicht zu den bekannten Skitourenzielen der Schweizer Alpen. Selbst der Name lässt nicht gerade auf einen besonders attraktiven Gipfel schliessen. Aber trotzdem ist die knapp über 2000 Meter hohe Chrummfadenflue eine beliebte Skitour im Einzugsgebiet von Bern. Dies hat viele Gründe: kurze Anfahrtszeiten; Aufstieg in nur Vk bis 2 Stunden; Ausgangspunkt an der Gantrischstrasse auf gegen 1600 Meter Höhe; lohnender Schlusshang und luftiger, felsiger Gipfel; leichte Tour, die bei praktisch allen Verhältnissen machbar ist; Skilift in der Nähe, der die Abfahrt verlängert und den Tourenfahrer bequem zum Ausgangspunkt zurückbringt. Wen wundert es daher, dass an schönen Wochenenden in den Monaten Januar, Februar und März Dutzende von Tourenfahrern an der Chrummfadenflue unterwegs sind?

Es ist schon taghell und recht mild, als ich kurz nach 7.00 Uhr an einem späten Maisonntag das Auto auf der Wasserscheide im Gantrischgebiet verlasse.Von Schnee ist in der näheren Umgebung nicht mehr allzuviel zu sehen, aber der Gipfelhang der Chrummfadenflue, der sich in der Ferne deutlich am klaren Morgenhimmel abzeichnet, ist noch weiss. Also die Skier schultern und nichts wie los. Kein Mensch weit und breit, nur vereinzeltes Vogelgezwitscher durchbricht die Stille dieses schönen Sonntagmorgens. Nach etwa einer halben Stunde nehmen die Schneeflecken an Häufigkeit zu, und mit Ach und Krach gelingt es mir, zwischen Steinen und aperen Stellen meine Fellspur anzulegen. Beim Gustiberg auf gut 1700 Meter Höhe beginnt der schöne Schlusshang der Chrummfadenflue, der sich gegen den Gipfel stark verengt und bis zu 35 Grad Steilheit aufbäumt. Altere Spuren weisen mir den Weg, der Schnee ist jedoch hart gefroren, so dass ich mit der Hilfe von Harscheisen meine eigene Route in den Hang lege. Um 8.30 Uhr erreiche ich den Grat, und ziemlich ausgesetzt geht es zu Fuss bis zum höchsten Punkt.

Die Abfahrt entpuppt sich als wahrer Genuss. Die harte Unterlage ist in der Maisonne bereits etwas aufgeweicht, und der Gipfelhang zeigt sich für einmal von seiner besten Seite. Dies ist gar keine Selbstverständlichkeit. Nur zu gut erinnere ich mich an das letzte Mal, als ein Bruchharsch übelster Sorte mich jeglicher Abfahrtsfreude beraubte. Beim Gustiberg setze ich mich auf eine Bank vor der Alphütte und geniesse die wärmende Maisonne und die unendliche Ruhe. Ein Platz zum Träumen, zum Verweilen, zum Vor-sich-Hindösen. Doch das Schmelzwasser, das vom Hüttendach tropft, mahnt zum Aufbruch. Auf den letzten Schneeresten fahre ich noch etwa 250 Höhenmeter weiter hinunter, durch lichtes Gebüsch, Mulden, Tälchen und schöne Hänge, hinein in den Bergfrühling. Dann heisst es, den Gegenanstieg zum Standort des Autos in Angriff nehmen, denn der nahe Skilift, der mich wieder zur Wasserscheide hätte bringen können, hat seinen Betrieb schon seit mehreren Wochen eingestellt. Die Sonne brennt, der Schnee klebt an den Fellen, der Schweiss rinnt von der Stirn, das kühle Bier lässt grüssen. Doch bald ist es geschafft, und nach etwas mehr als vier Stunden ist die Rundtour beendet. Ein letzter Blick zurück zur Chrummfadenflue, ein Schluck Tee aus der Thermosflasche, Tenuewechsel, und als ich am späteren Vormittag Richtung Bern zurückfahre, umgibt mich bereits ein Hauch von Frühsommer.

Abrupter Szenenwechsel zwischen den steilen satten Grün des Mittel-Sulzschneehängen derlandes Märe 2087 Meter Kurz nach 6.00 Uhr, an einem gewöhnlichen Wochentag Mitte Mai, verlasse ich mit einigen Kollegen die Gantrischstrasse auf gut 1200 Metern Höhe bei der sogenannten Hengstkurve. Auf aperem Natursträsschen geht es in den Hengstschlund hinein, ein kleines, malerisches Tal, das im Hintergrund von der Schibe und der Märe abgeriegelt wird. Eindrücklich und schroff ragen die beiden Gipfel in die Höhe, und der Gedanke, sie mit den Skis besteigen zu wollen, erscheint auf den ersten Blick eher abwegig. Doch weit gefehlt: Die Überschreitung der Schibe und der Märe gilt als eine der schönsten.

47 Am Gipfelgrat der Märe: Das Ambiente ist trotz der bescheidenen Höhe von rund 2000 Metern recht alpin.

wenn auch anspruchsvolleren Skitouren im westlichen Gantrischgebiet, und sie nimmt etwa 7 Stunden in Anspruch. Doch für heute ist unser Ziel etwas weniger amibitiös und zeitaufwendig, denn wir wollen uns diesmal mit der West-Ost-Überschreitung der Märe begnügen. Das Unterfangen ist allerdings nicht zu unterschätzen, ist doch diese Tour gemäss dem einschlägigen SAC-Führer nur guten alpinen Skifahrern vorbehalten.

Der Bergfrühling ist beinahe mit Händen zu greifen, Unmengen von Schmelzwasser rauschen im Bach zu Tale. Bald gibt es mit dem Auto kein Weiterkommen mehr. Wir lassen den Wagen stehen, schultern die Skis, und abwechslungsweise über Schneereste und steinige Alpmatten geht es Richtung Seebergsee auf gegen 1500 Meter Höhe. Nun können wir die Felle montieren und auf einem breiten, nach Osten gerichteten Hang zum Wannelsgrat aufsteigen. Obwohl es erst kurz nach 7.00 Uhr ist, brennt die Sonne bereits recht unerbittlich im Nacken. Die Stille dieses Maimorgens wird nur von den schrillen Pfiffen eines Murmeltieres unterbrochen, das gerade aus dem Winterschlaf erwacht sein dürfte. Auf dem Grat an- Morgenlicht am stolzen Gipfel der Mare im westlichen Gantrischgebiet gelangt, queren wir in der steilen Westflanke Richtung Süden. Der Szenenwechsel ist eindrücklich: vorher sonnenbeschienene, sanft geneigte Hänge mit griffigem Sulz, jetzt eine eher mühsame Querung in einer düsteren Flanke auf hart gefrorenem Schnee. Die Spuren sind vereist, und bald helfen auch die Harscheisen nicht mehr weiter. Skis auf den Rucksack, und vorsichtig bewegen wir uns auf den Südgrat der Märe zu. Nach einem letzten Steilaufschwung treten wir schliesslich auf die Krete, die uns auf Schneeresten leicht zum felsigen Gipfel der Märe führt.

Was für ein Panorama, welche Kontraste! Im Norden, tief unter uns, das Hengsttal, wo bereits der Frühling Einzug gehalten hat. Im Westen das Freiburgerland, ebenso in satten grünen Farben; weit und breit nichts mehr von Winter: Nur die Berge im Süden und Osten sind noch weiss, aber man sieht den Schnee unter der heissen Maisonne buchstäblich dahinschmelzen. Es ist erst 8.30 Uhr, als wir die Abfahrt in Angriff nehmen. Zuerst südöstlich über Schneeflecken bis erneut ein abrupter Szenenwechsel erfolgt: Einfahrt in das 38 Grad steile Nordost-Couloir, das bereits stark aufgeweicht ist. Vorsichtig setzen wir zu den ersten Schwüngen an, bis wir den Rhythmus im steilen Gelände gefunden haben und den letzten Frühlingssulz voll geniessen können. Nur zu rasch ist das Vergnügen vorbei, das Couloir liegt bereits hinter uns, und weitere, schöne Hänge führen zum Seebergsee hinunter, auf dessen Oberfläche noch Eisschollen treiben. Aber sobald wir aus dem Schatten der Nordwand der Märe in die Sonne treten, weicht der Winter endgültig dem Frühling, und unter der stechenden Vormittagssonne marschieren wir den schäumenden Hengstbach entlang zum Auto zurück, durstig und verschwitzt, aber noch ganz erfüllt von unserem Tourenerlebnis.

Ausklang Skitouren auf nur 2000 Meter hohe Voralpengipfel im Spätfrühling? Mit etwas Phantasie und Begeisterung durchaus machbar. Die hier vorgestellten Beispiele aus dem Einzugsgebiet von Bern lassen sich ohne weiteres vermehren. Es braucht ja nicht immer ein prestigeträchtiger Viertausender zu sein. Auch kleinere, unbekannte Ziele vermögen ein Höchstmass an Genuss zu vermitteln. Was gibt es Schöneres, als an einem milden Maimorgen den letzten Frühlingssulz in einem steilen Voralpen-Couloir auszukosten?

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