Leuchtende Firnkuppen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Mit 3 Bildern ( 4-6Von Jos. L. Schmid

Von der Fuorcla da la Sella zum Chapütschin ( Basel ) Oftmals blickte ich von den Gipfeln der Berninagruppe zu den weissen Spitzen des Sellakammes hinüber. Ein glitzernder, langgezogener Grat, dessen Nordhänge von gewaltigen Eismassen bedeckt.sind. Herrlich und unvergesslich müsste die Überschreitung dieses Grenzgrates seinWieder führten wir in der Hochwelt des Engadins ein Nomadenleben, wie es Bergsteiger lieben. Schönstes Sommerwetter krönte unsere Fahrten. Dann erreichten wir nach achttägiger Abwesenheit das Bergdorf Pontresina. Eine persönliche Retablierung war notwendig.

Im schattigen Taiswald lauschen wir den Klängen des Kurorchesters. Durch eine Waldlichtung blicken wir hinauf zu den Sellaspitzen, zum Piz Glüschaint und dem Köpfchen der Muongia. Leuchtende Firnkuppen in der Mittagssonne Nachmittags geht 's bergwärts. Ziel: Coazhütte, das heimelige Berghaus hinten im Rosegtal!

Nachts halb 2 Uhr. Lautlos schliesst sich die Türe der SAC-Hütte hinter uns. Schlaftrunken stolpern wir über Moränenblöcke gegen den Gletscher hinunter. Unruhig flackert das Lichtlein der Kerzenlaterne in die Nacht hinaus. Hie und da lösen sich Steine unter unsern Tritten. Unheimlich ertönt ihr Poltern durch die stille, einsame Bergwelt. Hinter mir murmelt Albi unverständliche Worte...

Endlich - ein letztes Poltern abrutschender Blöcke - und wir betreten freudig das harte Eis. Wir queren hinüber zum Sellagletscher. Das Rauschen der vielen kleinen Bächlein im Eis ist Musik für unsere Ohren. Vor uns, zur Linken, der Piz Aguagliouls, dessen schiefrige Westflanke die Nacht noch dunkler erscheinen lässt. Am Sellabruch angelangt, ziehen wir die Steigeisen an; auch das Seil wird umgebunden. Riesige Séracs, weitklaffende Schrunde, zwingen uns, den Durchschlupf mehr östlich, in der Nähe der Felsen, zu versuchen. Eine spitze, blanke Eisbrücke verlangt Pickelschläge. Doch haben wir Glück; ohne grossen Zeitverlust erreichen wir das obere Gletscherplateau.

Der Morgen graut. In gewohntem, gleichmässigem Schritt steigen wir höher. Spalten kreuzen manchmal unsern Weg, doch leicht finden sich begehbare Brücken. Die Fuorcla links liegenlassend, stehen wir nach kurzem Anstieg auf dem Piz Sella. Östlich des Gipfels, in einer kleinen, windgeschützten Felsnische, halten wir erste Rast, und die aufgehende Sonne schickt ihre wärmenden Strahlen zu uns herüber. Ganz in unserer Nähe liegt der Südwestgrat des Piz Roseg, ein grossartiger Kletterweg. Im Crast'agüzzasattel erkennen wir einen winzigen, dunklen Punkt: das Rifugio Marco e Rosa. Wir erinnern uns schlafloser Nächte...

Nicht lange dürfen wir das Gipfelglück geniessen, denn noch wartet unser ein langer Weg. Dem Firngrat folgend, überschreiten wir die Dschimels, zwei kleinere Firngipfel. Imposant ist der Blick in die steile, felsige Südwand. Alfredo Corti, der Senior der italienischen Alpinisten, hat auch hier Pionierarbeit geleistet. Weiter wenden wir unsere Schritte, westwärts, und gelangen an den Fuss eines wuchtigen Felsgipfels: La Sella Ost. Gut greifen unsere Zehnzacker im steilen Firnhang, der in den Nordostgrat übergeht. Diesen Felsgrat verfolgend, betreten wir nach wenigen Minuten die 3566 Meter hohe Spitze.

Der Übergang zur etwas höheren westlichen Sellaspitze ist reich an Abwechslungen. Fels wechselt mit Eispartien. Der sonnenwarme Granit lässt uns hier verweilen. Faul liegen wir auf dem Rücken und verfolgen mit unsern Blicken ein Wolkenband, aus dessen Konturen immer wieder neuere Formengebilde entstehen.

Wie von weit, weit her höre ich meinen Namen rufen. Es ist Albi, der mein Nickerchen stört und zum Weitergehen mahnt. Auch Chica, unsere Gefährtin, ist beim Betrachten der Wolken eingeschlafen. Noch einen letzten Blick hinüber zur östlichen Sellaspitze, die imponierend in den blauen Himmel ragt.

Der Abstieg bietet vorerst eine hübsche Kletterei, dann folgt ein Quergang im abfallenden Eishang. Stufen schlagend erreichen wir eine Scharte im Grat, von welcher wir in kurzer Zeit zur Cima Sondrio ( 3539 m ) gelangen. Unser Blick entdeckt Sondrio, die Kapitale des Veitlins. Der Weinkenner weiss, dass es die Heimat des Sassella, des Giumello und des feurigen dunklen Inferno ist.

Nun stehen wir vor der schönsten Spitze der Sellagruppe, dem 3600 Meter hohen Piz Glüschaint. Silberner Glanz liegt auf der weissen Kuppe. Ein steiler Firnanstieg führt uns auf den Nordgrat, der stark vereist ist. Im obersten Teil des abfallenden Grates sind Stufen zu schlagen. Freudig reichen wir uns auf dem höchsten Punkt die Hände. Unten auf dem spaltenreichen Gletscher erkennen wir eine Spur, die erste und einzige auf unserer langen Reise. Wir blättern im Gipfelbuch und lesen, dass ein Pontresiner Führer mit seinem Gast dem Piz Glüschaint einen Besuch gemacht hat.

Der Abstieg über den Südwestgrat bietet einzigartige Klettergenüsse. An einer Plattenwand seilen wir ab. Albi kommt als letzter unten an. Sein Versuch, das Seil zu lösen und einzuziehen, misslingt. Also wieder hinauf! Ohne das frei hängende Seil zu berühren, klettert unser Freund über die griffarmen Platten zum Abseilblock hinauf. Er kann den verflixten Strick lösen und uns zuwerfen. Frei herunterkletternd, erreicht er wieder unsern Standort. Eine letzte, schöne Gratkletterei leitet über in weichen Firn.

Mühsam ist der Weg, dem Kamm entlang, zur Muongia. Knietief sinken wir im aufgeweichten Schnee ein; erbarmungslos brennt die Sonne auf uns drei müde Wanderer. Durst, Durst! Wir trinken die letzten Tropfen aus Chicas Teeflasche. Ein harmloser Felsaufstieg führt uns zum Signal. Nach kurzer Rast verlassen wir den Gipfel der Muongia und versuchen, in der Westflanke tiefer zu kommen. Der ganze Berg scheint aus Millionen Steinchen zu bestehen. Alles rutscht und lebt. Wie zum Necken leuchtet der graue prächtige Granit der Bergeller Kletterberge zu uns herüber! Wuchtig erhebt sich der Nordgrat des Badile in den südlichen Himmel.

Jeder Schritt bringt uns rutschend tiefer, und bald sind wir endlich unten auf dem Gletscher. Wir waten durch tiefen, nassen Schnee hinüber zur Südflanke des Piz Chapütschin ( 3389 m ). Der letzte Aufstieg des heutigen Tages, im Schnee und über wackelige Platten, ist mühsam, aber nicht schwierig. Unsere Uhren zeigen die fünfte Abendstunde, wie wir unsere Namen ins Gipfelbüchlein eintragen.

Müde, aber wunschlos glücklich, bummeln wir talwärts. Noch einmal blicken wir hinauf zur Sellagruppe. Ein letztes rotgoldenes Licht liegt auf den weissen Spitzen. Dann betreten wir die gastliche Stube der Coazhütte.

Feedback