Maloja—Tiefenkastel im Winter

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Edwin Weber.

Lieber Karl! Vom Julierhospiz sandtest Du mir Bild und Gruss. Die frohe Laune Deiner Zeilen zeigt mir deutlich, dass Du es verstanden hast, meiner Empfehlung die bequemste Folge zu geben. Das Lachen ist wieder einmal auf Deiner Seite, denn ich kann es Dir nachfühlen, mit welchem Genuss Dein neuer « Auburn » über die polierte Julierstrasse durch das Oberhalbstein gesteuert wurde. Du kamst natürlich aus dem Engadin und nahmst den angeratenen Übergang von Maloja nach Tiefenkastei « unten » durch. Die Einwendung, dass zwischen zwei Punkten der gerade Weg der kürzeste sei, muss ich gelten lassen, insofern sich dabei das Mass und die Art der Erlebnisse auf « Geschwindigkeit » beschränkt. Die Eile allein aber tut es nicht. Bald genug hat man den kleinen Raum durchmessen, der das Leben begrenzt, und fühlt sich seinem Anfang näher als einem lieb ist. Dein viel gerühmter Triumph der Technik mag in der Überwindung aller winterlichen Schwierigkeiten und Mühsale Orgien feiern, aber ebenso sicher ist, dass damit Deinem Bergsteigergewissen nicht gedient ist. Es bleibt nur noch der Vorwurf über ungenügende Wegbeschreibung, den ich anerkenne. Das Versäumte sei aus meinem Tagebuch nachgeholt und als einzigartige Querung der Bündner Alpen von Süd nach Nord Dir und Deinen bergkundigen Kameraden anempfohlen. Für diese Bergfahrt rate ich Dir, den « Unentbehrlichen » bis zur Rückkehr in Tiefenkastei in gute Wartung zu geben. Damit schonst Du den Wagen und Dich. Die Rätische Bahn kämpft auch um ihre Existenz und befördert Dich ohne Schneeketten ins Engadin.

Nach der Ankunft des Mittagzuges hat man noch Zeit genug für eine Skiwanderung über die verschneiten Seen nach Maloja. Es wird Dir nicht leicht fallen, mit dem schweren Rucksack 500 m neben der schönen Autostrasse einen 15-km-Langlauf über die weisse Ebene zu tun. Aber als Training für die folgenden Tage kann es nur nützen.

Wir starteten ebenfalls in St. Moritz. Über dem tief verschneiten Engadin blaute der Himmel und glänzten die Berge in frühlinghafter Färbung. In gerader Linie spurten wir über den Silvaplaner See und die Ebene von Sils, Maloja entgegen. Erspare Dir diese Wanderung nicht, denn sie wird Dir die tiefe Stille des Tales und die Pracht der beidseitigen Bergflanken in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit offenbaren. Wundersam beruhigend der dunkle Waldsaum zu beiden Seiten der in Eis erstarrten Seen. Die Engadiner Sonne lastete schwer auf der blendend weissen Fläche. Mitten im Silser See versank ich so tief im sulzigen Schnee, dass mich meine Frau schon mit den Füssen auf dem Grunde des Sees wähnte. Schleunigst strebten wir dem schattigen Ufer zu. Es ergab sich von selbst, dass wir in Maloja unsere Bretter zuerst an das Grab des Grossen lenkten, der uns das tiefere Erschauen der Berge vermittelt hat. Wenn Du sein Schaffen ehren willst, trete an dem klaren Winterabend vor das einfache Tor zu Segantinis Grab und lasse dabei Deine Augen frei über die dunklen Föhren der stillen Stätte zu den Spitzen des Piz Lagrev schweifen, wo über dem Grunde blauer und violetter Schatten die Sonne mit letzter und höchster Glut Abschied nimmt.

Frühzeitig verliessen wir unser Quartier am andern Morgen. Die steilen Hänge zum Lunghinpass sind der Mittagssonne ausgesetzt und am besten bei hartem Schnee zu begehen. Die Harscheisen erwiesen sich zu wenig griffig. Verschiedene eisharte Lawinenrinnen mussten wir zu Fuss queren. Im Aufstieg hielten wir uns ziemlich genau an den Sommerweg, von Capolago ausgehend. In der Höhe von 2300 m wurde der Schnee endlich etwas weich. Die Sonne brannte erbarmungslos auf unsere Rücken. Für einige Augenblicke flüchteten wir in den schmalen Schatten eines Felsblockes und schlürften Orangensaft. Der stille Kessel des Lunghinsees barg schönsten Pulverschnee und kühlere Temperatur. Mit frischem Elan spurten wir im Zickzack den hohen Steilhang zum Sattel zwischen Piz Lunghin und Il Sasso hinauf und zu Fuss, bis zu den Hüften im Schnee dem Grat folgend, über die Gwächte zum Gipfel. Einer kam uns noch zuvor. Wie ich den letzten hohen Tritt zum Ziele schaufelte, rauschte, vom Aufwind der warmen Südwand getragen, ein Adler hart über unsere Köpfe hinweg. Lange und neidig verfolgten wir das Spiel des herrlichen Segelfliegers. Soll ich Dir von der Weihe der Gipfelstunde erzählen Dein Engadin vom Lunghin betrachtet und die Bergeller Obelisken und Nadeln — das Ziel Deiner Sommerferien — im Winterkleide beschreiben? Nein, ich wünsche, dass Du unseren Spuren folgst und hier oben an innerlicher Betrachtungsweise gewinnst. Das Schauen allein genügt ja nicht. Das Ereignis wird erst mit der geistigen Vorbereitung und den Mühsalen der Durchführung zum Erlebnis. Wie oft sitzen wir stundenlang über der Siegfriedkarte und schaffen uns in Gedanken das gewählte Landschaftsbild mit allen seinen Tücken in bezug auf winterliche Begehbarkeit. So haben wir den Erfolg der geplanten Fahrt schon halbwegs in der Tasche.

Die Abfahrt vom Lunghinsattel zum Pass war ein jauchzendes Schwingen, ein Wiegen durch kristallenen Flaum. Um die lange Ebene von Pian Canfèr am Septimerpass nicht durchspuren zu müssen, hielten wir uns von der Lunghinpasshöhe ganz rechts in gebührlichem Abstand der Felswand entlang und, über Punkt 2501 m in gerader Richtung abfahrend, zu den Bachverschnei-dungen östlich von Punkt 2163 m hinunter. Den Glanztag beendeten wir in Bivio. Nächtige in der Pension Solaria bei Torriani und nimm am andern Morgen den Schlüssel mit zur Skihütte Rothaus im Val Fall er, den Du erst in Tiefenkastei wieder der Post für den Besitzer übergibst.

Der Aufstieg zum Stallerberg ist Dir gut bekannt. Im Winter folgt man mehr oder weniger auch dem Sommerweg und unternimmt diese Tur nicht unmittelbar nach grösserem Schneefall. Du wirst jede grössere Winterfahrt ohnehin nur in einer Periode ruhigen Wetters antreten und die Wetterkarte einige Tage vorher genau verfolgen, um vor Überraschungen während der Tur möglichst geschützt zu sein. Vor der Passhöhe sind die steilen Buckel rechts zu den Flühseen hinauf mit Vorsicht zu erklimmen Solltest Du dort brettigen Schnee vorfinden, trage die Ski zu Fuss hinauf. Der weitere Aufstieg zur Faller Furka geht über stark welliges Gelände. Du wirst dort oben auf etwa 2750 m Höhe nicht wenig überrascht sein von dem Bilde, das sich unerwartet vor Dir auftut. Schon der freie Rückblick in die Engadiner und Bergeller Berge lohnt den mühsamen Aufstieg. Aber Du siehst Dich nun unmittelbar dem Piz Piatta, 3398 m, gegenüber. Wo Du auf hoher Warte stehen magst — von überall siehst Du sein trotziges Haupt aus dem weissen Gipfelmeer in den blauen Himmel ragen. Ist er doch einer der Glanzpunkte Graubündens in der Kette Rheinwaldhorn-Piz d' Err-Piz Kesch-Piz Linard, denen in den Alpen nichts verborgen bleibt und die ihr silbernes Licht in die fernsten Weiten senden. Schon Purtscheller sagte von ihm, dass er an Schönheit und Wucht des Aufbaues zu den hervorragendsten Gestalten unserer Alpen zähle. Dies erschaute der berggewohnte Mann und stand dabei dort, wo jetzt die Skihütte Rothaus unten auf der Ebene von Tga dem Höhenwanderer ein sauberes Winterrefugium bietet.

Nun ins Val Bercia hinein. Halte Dich an die Hänge rechts vom Bach, und Du wirst erstaunt sein ob der glänzenden und schnellen Fahrt nach Igl Plang hinunter. Fahre dort bis zum Talboden und meide die nach Tga führenden Hänge, denn diese bergen allerlei Tücken. Der Spaziergang über die Ebene nach Tga führt Dich zur Skihütte Rothaus, die dem gleichnamigen Hotel in Mühlen gehört und für 10 Personen gut eingerichtet ist. Der Rückblick auf die Nordwand des Piz Piatta wird Dich noch lange vor der Hütte zurückhalten. Kaum zu glauben, dass man diese gewaltige Pyramide, die nach allen Seiten nur ihre steil abfallenden Flanken zeigt, mit Ski und ohne Akrobatik bis hart unter die Spitze begehen kann. Schaust Du aber vom Piz d' Err nach Südwest, so siehst Du bald, dass auch dieser Riese seine schwache Seite hat. In einer verborgenen Falte seines mächtigen Körpers legt sich ein schmaler Gletscher von 200 bis 400 m Breite wie ein weisses Band um den steinernen Leib. Dieses Band vermittelt Dir den Anstieg zum Ziel. Der Zugang erfolgt durch die steile Rinne des Gletscherbaches von Piatta, dort wo sie die unterste Felsstufe des Berges ins Val Bercia durchschneidet. Folge nun weiter immer der tiefsten Mulde des Bachbettes in der Richtung des untern Gletscherrandes, und Du wirst leicht diesen selbst und demselben folgend den obersten Gletscherrücken gewinnen. Der letzte Aufstieg zur Spitze führt wie im Sommer rechts der Westkante über solide Felsen.

Wir standen am Abend des Neujahrstages wortlos vor den Hütten in Tga. Die Sonne versank hinter dem Weissberg, und des Piatta gewaltiger Schattenkegel stieg schon am jenseitigen Berghang zum Piz d' Err. Unter dem lichtgrünen Winterhimmel versanken die glühenden Berge in die dämmernde Nacht. Bittere Kälte trieb uns rasch in die Hütte. Sie barg noch den Frost der unbewohnten Räume. Wir versuchten zu heizen. Gewaltige Rauchwolken quollen aus den Fenstern, nur nicht aus dem Kamin. Wir flüchteten ins Freie und erinnerten uns an das schöne Lied vom gemütlichen Hüttenleben. An Schlaf war nicht zu denken. Wir folgten dem Rate der Frau, löschten das modernde Feuer und eilten die sternhelle Nacht hinunter ins Tal.

Frühzeitig um 5 Uhr verliessen wir wieder das gastliche Rothaus in Mühlen. Helles Mondlicht lag in der stillen, weissen Gasse, und in einem Schneeloch plätscherte leise der Dorfbrunnen in sein eisgepolstertes Becken.

Unter den Füssen knirschte flimmernder Schnee. Wir eilten wieder das Val da Faller hinauf. Eine Wanderung im märchenhaft durchleuchteten Winterwald. Scheinbar weit entfernt und doch so vertraut in der grossen Ruhe gurgelte unter der Eisdecke der muntere Bergbach. Dann wieder das grosse Staunen in Tga. Der Mond stand über dem silberweissen Scheitel des Piz Piatta, und sein Licht fiel schräg auf die weisse, weite Ebene von Igl Plang. In abweisender Steilheit und Wucht trotzte vor uns die schattige Nordwand unseres Berges, während dort drüben die Flanken der Piz d' Err-Gruppe gespensterhaft hell zwischen dem dunklen Bergwald und dem flimmernden Nachthimmel standen. Ein Bild von übermächtiger Eindruckskraft und Ruhe. Wortlos entnahmen wir bei schwachem Kerzenlicht der Hütte unsere zurückgelassenen Rucksäcke und schnallten die Bretter an.

Drei Menschen näherten sich dem in erdrückender Grosse dastehenden Berg. Im hintersten Grund der Ebene schwenkten wir in vielen Kehren durch leichten Pulverschnee dem Eingang in das Val Bercla zu. Der hellen Nacht entstieg ein farbenprächtiger Tag. Einem Spinnennetz gleich schoben sich zarte Federwolken in grosser Höhe über die Bergwelt. Lange bevor die höchsten Spitzen das erste Licht empfingen, erfüllte den Himmelsraum die ganze Glut der aufgehenden Sonne. In purpurner Röte erstrahlte die enge Schlucht zwischen himmelhohen Wänden. Als sich die ersten Strahlen auf Spitzen und Felskanzeln legten und die Berge in ihrem stillen, grossen Leuchten standen, da hielten auch wir an und ergaben uns der Weihe des herrlichen Morgens. Der Tag gab aber damit sein Schönstes. Einige Minuten später erlosch das Glühen. Eine Wolkenschicht legte sich vor die Sonne, und Berge und Himmel erschienen wieder kalt und grau.

Zwischen Felsblöcken hindurch spurten wir zum Einstieg am gefrorenen Bach. Mit geschulterten Ski erledigten wir über harten Schnee und verblasene Grasnarben die steile Stufe. Nach einer guten halben Stunde waren die Bretter wieder an den Füssen und folgten der gut verdeckten Bachrinne in der Richtung des herabhängenden Gletschers. In einer endlos erscheinenden Schlangenlinie schraubten wir uns förmlich den Berg hinauf, vorsichtig die flachsten Mulden suchend und die brettigen Buckel meidend. Bei jeder Wendung zeigten sich neue Höhen der sich weitenden Fernsicht. Um die Mittagsstunde stolperten wir über einen wilden Zirkus hoher, ausgehöhlter Windgangeln zum Rande des obersten Gletscherbodens, der dort in einer sehr steilen Wandflucht ins Aversertal abbricht. Hart und glatt geblasener Schnee führte zum Ende des Skiweges, hoch über der gewaltigen Nordwand, die sich ins Val Gronda hinunter verliert.

Zum Greifen nahe recken sich die Felszacken des Piz Forbisch. Die Gipfelfelsen erwiesen sich so trocken wie im Sommer, nur in den Rinnen lag harter Schnee. Die von allen Seiten so trotzig erscheinende Spitze ist eine sanft nach Osten geneigte, grosse Fläche, die reichlich Platz zum Ruhen bietet. Überwältigend ist der Tiefblick über die 1500 m hohe Wand zu den Hütten von Tga hinunter. An der Südseite des Gipfelblockes fanden wir auf windgeschützten Platten Zeit für kurze Mittagsrast. Lange blieb der Blick haften in der Tiefe des Val Gronda und den Skigefilden des Val Nandro, am Wege unserer 1 ' "

weiteren Wanderung nach Tiefenkastei. Die Felsbastionen über dem Bergell erschienen von eigenartiger Schönheit und im Gegenlicht von klotziger Wucht.

Sei es ein Vergnügen oder gar nur Sport, einerlei — uns ist dieses Schauen in den weiten Horizont und die tiefen Täler innerstes Bedürfnis. Ihm gilt unser Kampf um Licht und Höhe.

Kalte Luft blies aus Westen, wo die Glarner Berge hinter grauen Wolkenschleiern versanken. Der kurze Wintertag mahnte zum Aufbruch. Tief in den Knien und in weitem Bogen durchfuhren wir die launenhaften Schneegebilde, liessen uns in freiem Lauf von einem Gletscherrand zum andern tragen und schlängelten uns in engen Kurven den grossen Steilhang hinab. In flottem Tempo glitten wir über die sichern Hänge und durch die steile Rinne ins Val Bercia hinein. Der Rest blieb ein sanfter Ausklang mit langem Schuss durch die enge, schattige Schlucht und in leichtem Schwingen zur Ebene von Igl Plang hinab. Der Himmel entwölkte sich, und als wir zu unserem Hüttlein strebten, stand über den Bergen wieder das ewig schöne Leuchten.

Nachdem Du von der Spitze dieses Berges die Fortsetzung Deiner Wanderung durch das Val Gronda und die Skiwelt des Val Nandro erschaut hast, muss Dir der Aufstieg zur Fuorcla Curtegns ein Vergnügen sein. Den Zugang in das Val Gronda findest Du unmittelbar bei den Hütten von Igl Plang, auf der Spur des Sommerweges. Folge demselben bis unter die Fallinie der Fuorcla und schraube Dich dort in engen Kehren hinauf. Südlich der Passhöhe geniessest Du einen prächtigen Rückblick auf die Pyramide des Piatta. Die Abfahrt zum Starlerapass und die Ausfahrt durch das langgezogene Val Curtegns zu Füssen der 1000 m hohen Westwand des Piz Forbisch wird Dir ein jauchzendes Erlebnis sein. Vielleicht wird Dir der grosse Lawinenkegel, der jedes Frühjahr vom Piz Cagnial abbrechenden Schneemassen unter dem obersten Hang des Starlerapasses ein kleines Hindernis bedeuten.

Auf dem ebenen Radonserboden stehst Du mitten im Skiparadies des Val Nandro. Dort findest Du in der bewirteten Skihütte Pianta oder, wenn der Hüttenwart in Tigia anwesend ist, auch im heimeligen Skihaus der Sektion Uto gastfreundliche Aufnahme.

Bevor sich die Spitzen des Dreigestirnes Piz Mitgèl, Tinzenhorn und Piz d' Eia in den Hüttenfenstern spiegeln, beginnt der Aufstieg zum letzten Teilstück unserer Durchquerung. Zu viele Möglichkeiten führen in diesem grossen Skigelände in die Höhe. Unser Weg ist aber weit, deshalb wählen wir die kürzeste Route über den Piz Martegnes 2674 m. Achte aber nicht auf die roten Linien der Skikarte, denn sie führen oft falsch oder sehr ungeschickt. Bedauerlich, dass die Ausführung der Skikarten keiner sachkundigen Kontrolle untersteht, leidet doch mit dieser in vielen Fällen direkt irreführenden Linienführung der Wert unserer prächtigen Siegfriedkarte. Statt auf die Schichtlinien der Karte achtet der Skifahrer zu sehr auf den roten Überdruck. Er vernachlässigt damit die Betrachtung der Bodengestaltung und beurteilt Lawinenmöglichkeiten nur nach den eingetragenen roten Pfeilen. Der Winterturist erhebt durch die erhöhten Gefahren, die ihn bedrohen, Anspruch auf unbedingte Zuverlässigkeit der Karten. Also keine propagandistisch inspirierten Skikarten, sondern verantwortungsbewusste Arbeit.

In einer sanft ansteigenden Spur um den Felsen von Farrèras ist die Spitze in gut zwei Stunden erreicht, und der ganze Zauber des winterlichen Paradieses im Oberhalbstein liegt zu Deinen Füssen. Einige Minuten Rast. Die Felle ab. Einige Meter unter dem Gipfel verlassen wir den Kamm nach der Westseite und durchfahren die idealen und meist pulverigen Hänge bei der 2400-m-Schichtlinie nach der Nordseite des Berges. Durch das offene Gelände von Prada la Ritg hinab gewinnen wir die Höhe der Saluxer Alp und, etwas links zurückbiegend, die Brücke über den Bach. Die rassige Abfahrt hat uns 700 Meter tiefer gebracht.

Der Wiederanstieg zur 400 m höhern Furcletta Ziteil geht am mühelosesten dem zugedeckten Bachbett unterhalb Sur Trutg nach und unter dem Felskopf des Mutta sur Trutg hinüber zu den flachsten Mulden, etwa 70 m unter der Kapelle Ziteil, und horizontal weiter zur Passhöhe. Bist Du aber früh am Weg und ist Dir das Wetterglück hold, steige ganz zur Kapelle hinauf. Sie ist nicht nur den frommen Pilgern ein geheiligter Wallfahrtsort, sondern auch den Skifahrern angesichts der erhabenen Bergwelt und hoch über dem heimatlichen Tal eine Stätte innerer Besinnung und Mahnung geworden.

Als Krone dieses klassischen Überganges wünschen wir Dir an einem langen Frühlingstag noch den Abstecher zur Spitze des Piz Curvèr 2976 m. Bei gut gesetztem Frühlingsschnee geht man mit den Ski den hohen Steilhang über der Kapelle hinauf bis hart unter den nordwärts verlaufenden Gipfelgrat und zu Fuss das letzte Stück und auf der flachem Westseite des Grates in zirka zwei Stunden zum Gipfel. Du kannst aber die lange Abfahrt ins Tal auch ohne diese Gipfelbegehung zum besondern Erlebnis gestalten. Von der Passhöhe verliere nur so viel an Höhe, dass Du an den langen Flanken der Alp Munter entlang in flüssiger Fahrt bis zum Bachbett unter der Stür-viser Alp bleiben kannst, um in nur schwacher Gegensteigung zu den Alphütten zu gelangen. In 2100 m Höhe ist dies mit dem freien Blick über Höhen und Tiefen eine der herrlichsten Stätten in Graubündens Alpenwelt. Wie oft schon hast Du Dich auf der Durchreise nach dem Engadin nach den hoch gelegenen Alphütten unter dem aussichtsreichen Kamm der Alp Munter gesehnt! Jetzt hast Du Gelegenheit, dem Kranze Deiner reichen Bergerinnerungen die sonnige Stunde auf der Stürviser Alp beizufügen. Von dort siehst Du schon das Ende Deiner langen Winterfahrt. Durch lichten Wald nach Stürvis und über offenes Gelände wirst Du Deine schwunggewohnten Bretter in gut gewählter Fahrt nach Tiefenkastei steuern. Vorerst aber steige noch vollends hinauf zum weissen Grat über den braunen Hütten. Schaue noch einmal hinab auf die lieblichen Dörfer Deiner an Schönheit so reich gesegneten Heimat und auf die dunklen, ernsten Wälder, die den Unterleib Deiner geliebten Berge säumen. Einen letzten dankbaren Blick aber wirf noch hinüber zu den silberweissen Höhen, deren Licht Dich auf so vielen Bergfahrten begleitet und in Deinen Augen noch leuchtet, wenn sich die Sonne Deines Wanderlebens langsam zum Abend senkt.

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