Mein Berg

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Paul Eggenberg.

Endlich steht die Wand vor mir, die Wand, von der ich schon so manche Nacht geträumt, die in mein Leben eingedrungen ist, der ich gehöre mit meinem Denken und Handeln, der ich Untertan bin — bis heute!

Heute aber will, muss ich Herr werden über sie!

Heute muss sie sich beugen, wie trotzig, wie göttlich sie jetzt auch vor mir aufwuchten mag im Frühschimmer des neuen Tages.

Heute ist mein Tag!

Wie das Blut durch meine Adern rast! Wie im Fieber stehe ich da, knüpfe das Seil eng um meine Brust, hänge die Felshaken an den Karabiner. Hei, wie das Eisen so hell klingt beim Zusammenschlagen! Berg, das ist meine Waffe! Rüste dich! Heute kannst du mich vernichten, heute liefere ich mich dir aus — dann ist deine Zeit um.

Ich bin bereit, zu allem gerüstet. Gewiss, es kann mich das Leben kosten, der Berg kann mich elendiglich hinunterschmettern, meine Glieder in Fetzen zu seinen Füssen legen. Was sagt mir das? Ich spiele nicht um Kupfermünzen! Gross muss der Einsatz sein, dann erst hat er einen Wert.

Diese Vorbereitung der letzten Minuten, sie hat etwas Unbeschreibliches in sich — ist Wohllust und Gebet, ist der Augenblick, in dem einem das Gefühl unfassbarer Kraft und zugleich auch wieder grösster Hilflosigkeit bewusst wird. Da ist man Mensch, ist Gott und Teufel in einer Person. Jetzt endlich ist mein Freund bereit, jetzt, jetzt kann es losgehen — auf Leben und Tod, Gelingen und Verderben. Jetzt gibt es nur noch einen Gedanken: Sieg!

Berg, Stein... welches Gefühl, diesen im Morgenlicht so totgrau erscheinenden Stein unter den Fingern zu spüren, sich daran festkrallen zu können, ihn unter den Sohlen der Kletterschuhe beherrscht, bezwungen zu wissen!

Langsam geht es vorwärts, aufwärts. Während sich der Körper anschmiegt an den kalten Fels, tastet die Hand sorgsam weiter, Stück um Stück, bis sie wieder einen kleinen Griff gefunden hat.

Jetzt geht ein Dehnen durch den Körper. Wie eine Schlange hebt sich das Menschlein da in der Felswand über die Zacken und Scharten empor, jeden Muskel, jede Sehne gespannt, bereit, sein Leben zu wagen, um es in der grössten Gefahr wieder zu gewinnen! Denn der Lebenswille wächst mit der Gefahr und der Nähe des Todes.

Die Zeit eilt nirgends so wie hier droben in der Verkörperung der Zeitlosigkeit. Schon sind wir drei Stunden in der Wand. Aber man denkt ja gar nicht an Zeit, das ist so menschlich! Und jetzt sind wir in einem göttlichen Kampf begriffen, wo es um den letzten Einsatz geht.

Langsam fallen die ersten Sonnenstrahlen auf die Felsen über uns. Bis jetzt waren wir immer noch völlig im Schatten, während die Gipfel ringsum schon alle in ein Meer des Lichtes getaucht wurden. Und mit dem Erscheinen der Sonne kommt auch Leben in die Wand. Das gestaltlose Grau weicht einem unerschöpflichen Spiel zwischen Schatten und Licht, Hell und Dunkel. Die kleinsten Zacken und Scharten erhalten Gestalt, die Ritzen treten hervor — und blendend drohen die glatten Wände hernieder auf die beiden frechen Ruhestörer, die da im Reiche der Urgewalten zu hämmern beginnen.

Eben sind wir an der gefährlichsten Stelle angekommen, wo die Bergflanke grifflos glatt emporstrebt. In winzige Spalten versucht mein Freund die Eisenkeile einzutreiben.

Eine lange und mühselige Arbeit! Laut dröhnt der Hammerschlag in die Weite hinaus — und fast ist mir, als ob der Rerg darin seinen Hohngesang sänge. Tönt es nicht so eigentümlich formlos, hallend, so ganz unmenschlich?

Warte nur, du steinerner Riese, schon sind wir dem Ziele viel näher gerückt. Nur noch wenige Stunden — und du wirst entthront sein!

Meter um Meter kämpft sich der Vordermann hinauf, saugt sich fest an den sonnenbeschienenen Planken, dieweil ich unten sichere. Langsam nähert er sich der Kante, die dieses mühsamste Stück abschliesst. Jetzt fasst er den Griff, zieht sich hinauf, ganz langsam, sicher — und verschwindet um die Gratecke. Ein langer Jauchzer hallt durch die Flühe: ein Siegesruf!

Aber noch bin ich nicht oben. Sorgsam arbeite ich mich hinauf. Die Sonne blendet hier, und heiss strahlt sie vom Urgestein zurück, sie trocknet die Zunge aus, dass diese ganz schwer wird. Doch was will das auch sagen. Jetzt gilt ja nur das Eine und Einzige: Sieg!

Schon nähere ich mich der Kante, recke mich, sauge mich mit meinen Fingerspitzen fest, um den letzten Zug zu tun, der auch mich hinauf und um die Gratecke bringen soll — da, ganz unwillkürlich ziehe ich den Kopf ein wenig zwischen die Schultern zurück — über mir in den Flühen beginnt es zu poltern, der Berg wird lebendig: Steinschlag!

Und schon saust mit sirrendem Ton der erste Stein über mich hinaus in die Tiefe hinunter. Teufel auch, wäre ich nur einen Meter tiefer, nur nicht so zuoberst an der Kante!

Neben mir und über mich hinaus prasselt Stein um Stein nieder, das wahrste Hohngelächter des Berges. Das sind seine Gewalten, das ist seine Macht; denn es ist sein Gebiet, seine WeltSchon scheint das Ärgste vorüber zu sein, sorgfältig strecke ich mich wieder... da, ein unheimlicher Schmerz durchzuckt meine aufs äusserste angespannte Hand. Ich lasse den Griff fahren...

Keinen Augenblick hatte ich die Besinnung verloren — doch schien es mir eine Unendlichkeit, die ich im Seil zwischen Himmel und Erde gehangen hatte.

Jetzt sitzen wir stumm nebeneinander, mein Freund und ich. Der Notverband an meiner Hand ist schon ganz durchblutet. Doch was tut 's, wir sind ja oben, haben den Berg unter uns, die Wand bezwungen, den Sieg errungen!

Die Alpen — 1940 — Les Alpes.30 Beinahe hätte es uns den Einsatz gekostet, dort unten an der glatten Stelle. Da war mein Leben wirklich nur mehr in der Hand meines Freundes, wurde uns das Seil zur lebendigen Verbindung. Wir wissen es beide, ein Händedruck sagt uns alles, das Seil bindet uns, ist unser Lebensstrang!

Noch einmal versuchen unsere Augen die zu unsern Füssen hingebreitete Welt zu umfassen, dann führt auch uns der Weg wieder hinab, zurück. Wohl haben wir gesiegt — dennoch mischt sich in das Gefühl des Stolzes stille Bescheidenheit; denn zu deutlich ist uns der riesige Gegensatz zwischen menschlicher Ohnmacht und Allmacht des Berges bewusst geworden!

Mein Berg ?!

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