Mit den Enkeln

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VON MAX KOENIG, ZOLLIKON ( ZH )

Wenn weit in den Landen wir zogen umher, wie die Heimat wir fanden kein anderes mehr.

Mit 1 Bild ( 124 ) I.

Im Vorjahr waren es ihrer drei: der 8jährige ungestüme Martin, Tino gerufen, sein lOjähriger, stets zum Schalk bereite Bruder Hans-Kaspar, für gewöhnlich Hacha, und der leider zeitweilig etwas zu Pedanterie neigende, doch der Natur im allgemeinen und der Bergwelt im besonderen seit jeher verfallene Popa, mit seinen 67 Jahren glücklicherweise noch immer begeisterungsfähig und leidlich gut erhalten.

In den Vorbereitungen ihrer Wanderung über Nufenen, Naret und Campolungo war der besagte Popa, was bergtüchtige Schuhe, Kleidung und Ausrüstung anbetraf, pickelhart. Er liess diesbezüglich nicht mit sich reden und scheute sich nicht, am Tage vor der Abreise, sage und schreibe, eine richtige Inspektion vorzunehmen; immerhin, sie fiel zu seiner Zufriedenheit aus. Auch als zufolge solch sturer Haltung die zwei kleineren Rucksäcke Modellähnlichkeit mit der nur leicht abgeplatteten Erde erhielten und der grosse Rucksack recht anhänglich wurde, blieb er fest. In die Berge gehen, sei keine Tändelei, man dürfe nicht mit ihnen spielen; das gelte, behauptete er, nicht nur für wagemutige Klettereien und Schlossereien x-ten Grades zu jeder Tages- und Jahreszeit an Nordwänden und dergleichen, das gelte sinngemäss für Bergfahrten jeder Art. Nach seiner, von gewisser Seite als übertrieben bezeichneten und nachsichtig belächelten Auffassung gelte das auch für bescheidene Passwanderungen, wie die vorgesehenen. Bereit sein sei alles, habe unser General erklärt und im Blick auf die Berge, die sein tapferes Réduit wehrhaft schirmend umschliessen, habe er seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, dass sie, nämlich die Berge... in allen Höhen einen jeden befreien, der mit reinem Empfinden und im Masse seines eigenen physischen Könnens das Hochland betrete... ( in der Übersetzung M. Ö. ). So würden dann die Berge, meinte der Popa, im Erleben und im Erinnern unvergängliches, köstliches Geschenk.

Nun, an einem 18. Juli, einem Montag, fuhren die drei, ledig und frei der Sorge des eigenen Vehikels morgens früh mit der SBB nach Luzern und erreichten von dort auf schmälerer Spur und sich etwa an Zahnradstangen klammernd, Meiringen. Entlang belebten, mit schmucken Dörfern umsäumten Seen, durch betriebsame Städtchen, durch weites offenes Gelände mit Gehöften, Obstbäumen, Äckern, Wiesen und Kornfeldern, zwischen dunklen Tannenwäldern und lichten Buchen und sanft geschwungenen Hügeln, die sich gegen die ragenden fernen Berge hinziehen, empfanden sie, unausgesprochen, die Schönheit ihrer geordneten, friedlichen Heimat.

Noch oben auf der Kanzel befeuchtete der Gischt des Staubbachfalles ihre Gesichter wie mit feinem Sprühregen. Der Gang durch die gewaltige, enge, tiefe Schlucht, welche die junge reissende Aare in den Kirchet gesägt hat, wird immer auch menschliches Staunen sein.

Während der Fahrt mit dem gelben Postwagen durch das Haslital halfen Stauseen, Masten und Leitungen dem Popa zu einem Anschauungsunterricht über « des Wassers Macht und Kraft, wenn sie der Mensch benützt, bewacht ». Er sprach vom Arbeitsvermögen fallenden, bewegten Wassers und von Pferdestärken, und seine Begleiter teilten seine offensichtliche Bewunderung für das Werk. Was der 20jährige Doktor der Medizin und nachmalige berühmte Albrecht von Haller, der frühe Sänger der Alpen, im Sommer 1728 auf einer Passwanderung mit seinem Freund Johannes Gessner in sein Tagebuch geschrieben hat:... Nous voyageons pour voir la nature et non pas pour voir les hommes, ni leurs ouvrages schien dem Popa hier durch die Technik etwas überholt.

Langsam blieben die prächtigen, trotzigen Wettertannen und dann auch die Bergesmatten mit den leuchtenden Alpenrosen zurück, als der Wagen wie mühelos spielend das lange Tal durcheilte und schliesslich die unwirtliche Grimselpasshöhe erreichte. Hoch oben in den Felsen waren tra-versierende Gemsen sichtbar.

Nach einem länglichen Fussmarsch gegen die Oberaar und nach erstem noch erfolglosem « Strahlen » brachte die Abendpost die drei nach Gletsch. Der verblichene Glanz und die Table d' Hôte des grossen Hotels machten ihnen den Eindruck einer vergangenen Zeit. Beim Spaziergang zum Rhone-Gletscher hin war es bereits empfindlich frisch, kühle Luft fiel auf den Talboden. Doch hätten die Knaben das kleine gute Zelt, das zwei junge Menschen im Windschatten eines grossen Felsblockes aufgeschlagen hatten, dem Hotel vorgezogen. Der Popa dachte anders, er nahm dann aber auch ein bisschen teil am respektlosen Herumtollen auf den Betten und an der Kissenschlacht, entsann sich jedoch rechtzeitig eines genügenden Restchens Würde und Autorität für das Ordnen der Kleider, für Ruhe und Lichterlöschen. Mit eindringlichen Worten malte er den beiden Gesellen die Beschwerlichkeit der nächsttägigen Route durch das Eginental und über den Nufenenpass nach All'Acqua; Schi af, um neue Kräfte zu sammeln, sei nun wichtig. Befriedigt mit der Wirkung seines Appelles und mit dem Ergebnis des Tages legte auch er sich im Nebenzimmer zur Ruhe. ...doch hier wie überhaupt... Um die erste Morgenstunde klopfte ihn Hacha wach und erklärte in dürren Worten, der Tino habe im Bett erbrochen, der wilde Knabe sei nur noch e.n Häufchen Elend. Als alles wieder im Blei war, hatte der Popa schon einen besseren Begriff der möglichen Konsequenzen seiner gewagten Kumulierung der Rechte und Pflichten von Mutter, Vater, Grossmutter und Grossvater; dafür fühlte er dankbar die Vertiefung der Verbundenheit.

Das erste talwärts führende Bähnlein brachte sie nach Ulrichen. Der Schrecken der Nacht sass dem bleichen Tino noch in den Knochen, er insistierte aber, seinen Rucksack selbst zu tragen. Das Wetter war so-so, und zwar mit einem deutlichen Stich ins Schlechterwerden. Als Gotthard-Kanonier hatte der Popa das Eginental wiederholt durchzogen und auf zusammengerauftem Gras in der offenen leeren Sennhütte im hintersten Talboden genächtigt. Jetzt ist ein manierliches, fahrbares Strässchen da, und das Trio war noch gar nicht lange von Ulrichen unterwegs, als sich ihm von dort ein Jeep näherte. Man erbarmte sich des Tino und nahm auch die anderen Rucksäcke mit. Rüstig schritten nun Hacha und der Popa das Tal hinan; sie hörten und sahen erste Munggen, freuten sich an Bergblumen und prüften interessante Steine. Fast unbemerkt gelangten sie zur Grenzwächter-Station im Ladstaffel, wo dann eine grosse Kanne Tee aus der Wächterküche mit dem Hotel-Lunch aus dem Rucksack auch den Tino wieder in Form brachte.

Von so-so war das Wetter inzwischen auf ein bedenkliches lala gesunken, und als das Kleeblatt den Nufenen in Angriff nahm, fiel bereits Regen in feinen zusammenhängenden Fäden, und der Popa erhielt eine erste Anerkennung für Pelerinen und Knirpsschirme, die er vorgeschrieben hatte. Der zudem einsetzende und immer dichter werdende Nebel erledigte auch die Schönwettervariante über den Griesgletscher zur Corno-Hütte. Schon bald passierten sie im Nebel uad anhaltenden Regen erste Schneefelder, die sich gegen die Passhöhe hinauf zu einem Ganzen fügten. Der nasse, faule Schnee half dem Wasser mit, seinen Weg langsam, aber sicher auch in die Schuhe zu finden. Es war nachgerade recht kalt geworden, doch die beiden Jungen bestanden diese erste Prüfung, ohne Wesens zu machen, vorzüglich. Trotz Fehlens jeglicher Sicht und der den Pfad verbergenden Schneedecke war dem Popa die allgemeine Richtung schon auch aus der Topographie des Geländes klar. Endlich waren die 2440 m überschritten, und ging es abwärts. Nach langer Zeit hörten sie Herdengeläute, und einmal trat aus dem Nebel unvermittelt ein junger italienischer Sennengehilfe. So schön sich das Bedrettotal vom Nufenen her öffnet, so unwahrscheinlich lange wurden ihnen im Regen und Nebel die fast 8 km der Alpe Cruina, bis sie gegen den Abend die Strasse und dann schliesslich auch das alte Ospizio erreichten. Auf den ersten Blick schien dem Popa alles verträumt wie einst; auch die Leonardis waren noch da; beim Umherstreifen und näheren Besehen hatte vieles jedoch ein neues Gesicht, und Bunker, Depots, Unterkünfte, Materialbahnen, Kraftleitungen, ja auch schon Ferienchalets, ein Pfadi-Lager u.a.m. zeugten vom Tun und Geschehen der vergangenen 20 Jahre.

Das gute Wetter des nächsten Tages trocknete den dreien auch ihre Sachen. Eine Stunde oder zwei skizzierte man um die Wette, dann brauchten die Jungen nicht lange, um sich mit den Kindern der Tessiner Feriengäste zum Spiel zu finden.

Doch war des Bleibens nicht. Nach zweimaligem Übernachten mussten und wollten sie weiter. Wieder war es dem Ppoa gelungen, einen Jeep zu requirieren. Dieses « Mädchen für alles », dem auch kein Weg zu schlecht und zu steil ist, brachte sie in holpriger, verwegener Fahrt auf 1800 m Höhe zur Alpe Cristallina. So war für den Naretpass und das Val Sambuco nach Fusio schon viel gewonnen. Wie oft in den letzten fast 50 Jahren, im Sommer und im Winter, allein oder mit seinen Kindern und seiner Frau, war der Popa hier! Wie hatte er sich als Kanonier fast das Herz ausgerannt, um auf Stabiello die versehentlich noch weidende Herde knapp vor der Scharfschiessübung des Fort Airolo in Sicherheit zu bringen... was vergangen, kehrt nicht wieder, ging es aber leuchtend nieder, leuchtet's lange noch zurück...

Sie wussten sich nun in einem Gebiet, wo mit etwas Glück und guten Augen Kristalle zu finden waren. Tino war wieder ganz auf dem Damm und entsprechend unternehmungslustig; schon ertönte auch sein Triumphgeschrei über ein herausgekratztes, kleines, zierliches Exemplar. In der A Torta zwang sie das hochgehende Wasser, weit gegen die SAC-Hütte auszuholen, bis der Übergang zum Naret hin gelang. Das Wetter war sonnig geworden, und von der Passhöhe zeigte sich die Lieb- lichkeit der kleinen Seen und der Hänge zum Sella und Vespero. Steile, harte Schneefelder mit trügerischen Decken über das reissende Flüsschen veranlassten sie, etwas exponiert, aber mit gebotener Vorsicht, auf der linken Talseite, wo sie Edelweiss entdeckten, abzusteigen. In der Sonne und dem Windschatten der Alphütte Fornaa wurde ausgiebig gefüttert und mit Schüttelbecher-Ovo aus klarem Bergwasser nachgeschwemmt.

Durch die Campo la torba und das Val Sambuco geht es abwechslungsreich, aber lang bis zum neuen Stausee ob Fusio; Tino kam nun doch etwas auf die Felgen.

Und schon war es, nach Fischen, Boccia spielen, Bummeln und Fotografieren im pittoresken sommerlich warmen Fusio, der letzte Tag. In ungebrochener Wanderlust erreichten sie nach etlichen Stunden den Scheitel des Passo di Campolungo. Wohl weil er ein Techniker ist, störte es den Popa nicht stark, dass auch dieser Übergang nun mit einem Hochspannungsmast « geziert » ist. Durch die interessanten Gesteinsarten und deren Struktur führte sie das Weglein zum Tremorgio-See. Nach Vanit, ihrer letzten Barriere vor dem Livinen-Tal, feierten sie in Dalpe den glücklichen Abschluss der Expedition in gehobener Stimmung.

IL Zu den dreien, die der geneigte Leser bereits kennt, gesellten sich im darauffolgenden Jahr noch zwei. Neu hinzugekommen war Barbara im Alter zwischen ihren beiden Brüdern Hacha und Tino, sowie die achtjährige Susanne. Die Mannen hatten sich bereit erklärt, das Risiko auf sich zu nehmen, und man hatte auch die respektiven Mamis und die noch immer einflussreichen Omas soweit beruhigt, dass die Sache gesichert war. Die kluge, etwas herbe und zurückhaltende aber zuverlässige Barbara war dank des geschwisterlichen Behauptungskampfes in seinen verschiedenen Erscheinungsformen, z.B. mit mühelosen Tränen und mit Mamirufen oder, wenn zum Äussersten getrieben, eventuell auch mit etwas kratzen ihren Brüdern bekanntlich durchaus gewachsen. Dasselbe traf für die zweite Eva zu, d.h. ihre temperamentvolle, redselige, doch liebenswerte Cousine und Busenfreundin, Susanne, die sich ebenfalls, wo immer nötig, durchzusetzen wusste. Ermutigend und bestimmend war für den Popa die geradezu enthusiastische Bereitschaft und Vorfreude seiner beiden Enkelinnen.

Obwohl die Reise etwas anders und weiter ausgesteckt war, dachte wieder niemand ernstlich an ein eigenes Fahrzeug; Bahn, Post und Schusters Rappen würden sie freier und unbeschwerter halten.

Bezüglich Ausrüstung und Kleidung war der Popa der gleiche geblieben, was bei seinem vorgerückten Alter, in welchem man sich, wenn überhaupt, nur schwer zu ändern vermag, nicht verwunderte. Man musste ja auch zugeben, dass die letztjährigen Erfahrungen ihm scheinbar recht gegeben hatten.

Die Gruppe, die dann an einem 17. Juli den Frühzug bestieg, war farbiger und lärmiger als jene des Vorjahres; sie wollte gleichen Tages über Bern-Lötschberg-Brig-Fiesch hinauf zum Hotel Jungfrau, Eggishorn. Der Zwischenhalt in Bern reichte gut zum Bärengraben - ein Vergnügen für alt und jung - und auch zu einer Führung durch das Bundeshaus, die sogar für den Popa, wie er zu seiner Schande gestehen musste, erstmalig war. Beeindruckt von dem mächtigen Bau, von den Ratssälen mit ihren ernsten vaterländischen Bildern, dem Blick auf den weiss schimmernden Kranz des Hochgebirges, verhielt sich die kleine Schar in feiner Disziplin und Aufmerksamkeit. Zum Bahnhof zurück wurde dann auf jedem Brunnenstock ein würdiger Herr Bundesrat vermutet.

An der Lötschbergrampe tat sich mit dem Rhone-Tal eine neue, südlichere Welt auf. Wieder blieb in Brig Zeit, um geruhsam dem Stockalper-Palast einen Besuch abzustatten. Einmal, wenn der Popa längst nicht mehr ist, wird es sich weisen, wie viel von seinem gewordenen Wissen er seinen Enkeln haftend mitgeben konnte.

In Fiesch liess der Jeep auf sich warten, erreichte dann aber sein Hotel Jungfrau, Eggishorn, auf 2200 m über Lax mit einer höllischen, halsbrecherischen Hetzfahrt sicher in Rekordzeit. Zum einseitigen Vergnügen der Kinder war das Hotel diesen Abend wegen Defektes seiner Stromanlage nur kerzenbeleuchtet. Dieser Umstand und die vielen Eindrücke des Tages erleichterten aber dem Popa, seine Schutzbefohlenen in ihren Zimmern zur Ruhe zu bringen. Die Mädchen hätten sich allerdings noch vieles, Wichtiges und Vertrauliches zu sagen gehabt, und Geheimnisse sind ja bekanntlich da, um, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, verraten zu werden. Nach langem Tuscheln vermochte aber schliesslich auch Susanne ihren Redeschwall und -drang zu meistern und müde, sorgenlose Kinder schliefen den Schlaf der Jugend.

Der Morgen war unfreundlich. Grauer dichter Nebel hing bis knapp zum Hotel herab; das Eggishorn musste vorderhand abgeschrieben werden. Weit ausholend erreichten sie die Märjelenalp, von wo sie der Pfad bis oberhalb des Sees führte. In den Aufhellungen, welche zeitweilig die Nebeldecke aufrissen, erschien der Aletschgletscher wie ein Teil des gewaltigen Leibes eines sagenhaften unmerklich langsam aus dem Gebirge kommenden Tazzelwurmes. Zeitlos brechen von seiner Flanke mit, weiss wie Carraramarmor Abrissflächen, grosse Brocken in das grüne Wasser des Märjelensees, ein Eismeer en miniature, es fehlen nur der Eisbär, etwa ein Seehund und einige philosophische Pinguine. Nach insgesamt vier Stunden, welche die Tüchtigkeit auch der Mädchen unter Beweis stellten, kamen sie ins Hotel zum Essen zurück.

Da das Eggishorn hoffnungslos im Nebel verborgen blieb; wurde aus dem Nachmittag ein Spaziergang gegen die Riederalp. Männertreu war so gefragt, dass Tino es wagte, der holden Cousine sein Sträusschen unter der Bedingung anzubieten, dass sie fortan seinen Anweisungen Folge zu leisten habe. Der mit Entrüstung über solch dreistes Ansinnen angerufene Popa fällte als zuständige Instanz einen ziemlich vagen Entscheid; bemerkenswert war ihm, dass der Hacha, wohl in der geheimen Gewissheit, dass Grosszügigkeit geschätzt werde und Früchte trage, seinen Nebenbuhler mit einer ostentativ bedingungslosen Männertreu-Offerte ausstechen wollte. Zweifellos machte er einen Punkt oder zwei.

Zufrieden mit dem Erlebnis des grossen Gletschers und des Märjelensees, wanderten sie am nächsten Morgen zur Riederalp, einer schönen Alpterrasse, voll Ferienvolkes. Mühelos trug sie die Luftseilbahn hinab nach Mörel und brachte sie die Bahn durch das Goms mit seinen grossen Dörfern, über deren geduckten, zusammengedrängten Dächern sich hell und hoch die Kirchen und ihre Türme erheben, nach Gletsch. Ulrichen und dann Gletsch waren den Knaben Erinnerungen vom Vorjahr. In strömendem Regen sprangen sie von der Bahn zum bereitstehenden Postwagen. Oben im Belvedere an der Furka war es wieder besser, und endlich fand auch der Popa in seinem Leben Zeit, durch den Stollen mit seinen dunkelgrünen kalten Eiswänden in den Gletscher einzudringen. Im kosmopolitischen Trubel der Souvenir-Stände bestaunten sie die Kristall-Funde eines Strahlers. Dann mahnte der Postwagen zur Weiterfahrt; noch vor dem Nachtessen erreichten sie Hospenthal mit seinem pausenlosen Gotthard-Verkehr aller Wagenarten und aller Völker. Schon schwärmten sie aus zur alten Reussbrücke, über die Suworow geschritten, zum finstern Langobardenturm, dem Wahrzeichen des Ortes. Der Popa sah in der Erinnerung zweier langer Kriegsdienste vertraute Artillerie-Ziele, hörte den dumpfen Knall der Geschütze... ganze Batterie 4 Schuss... sah die kleinen weissen Wölklein der explodierenden Schrapnells, das Aufschlagen der Granaten, die Korrektur gemäss Fadenkreuz...

Von Tiefenbach ist es ein bequemes Gehen zur Albert Heim-Hütte, wo sie ihren Proviant verzehrten. Die Anwesenheit der Rettungsmannschaft für die am Galenstock vermissten Engländer machte ihnen den Ernst der Berge schreckhaft bewusst. Dann wurden bescheidene, aber selbst ge-funde Kristalle die grosse Sache.

Zum Lucendrosee und an Fibbia und Valetta waren sie bereits ein mit dem Popa eingespieltes Team. Er lehrte sie auch den « Chüedreckler », wie er ihn einst von den urchigen Sennen um den Fluhbrig und den Aubrig heimgebracht hatte. Zu Hause war das rauhe, etwas prähistorische Geschrei verpönt ...man müsse sich ja schämen... doch die Jungen verlangten beliebige da capos. Der Popa gab immerhin zu, dass er sich bei diesem Juchzer irgendwie unrasiert vorkomme und versucht sei, klobige Schuhe zum Marsch nach Mailand zu salben. Wenn er die realistischen Be-gleitgrimassen seiner Schüler sah, verstand er, wie solcherart die Reisläufer von Anno dazumal, unterstützt durch das Horn des Uri-Stieres, den Lombarden kalte Schauer über den Rücken jagen konnten.

Wie flüchtig verrannen die Tage! Bis Andermatt, wo sie ihre Rucksäcke abgaben, benützten sie die Bahn. Durch die Schöllenen ging es zu Fuss zum Suworow-Denkmal und über die Brücke zum genarrten « Gottseibeiuns » an der Felswand. Laut klang das Lob für den guten Weg, der, vom Verkehr unbehelligt, zur alten « Römer»brücke und nach Göschenen führt.

Es war dem Popa warm ums Herz, alle fröhlich und gesund heimbringen und ihnen seine Anerkennung und seinen Respekt zollen zu können. Nur zum Scheine zögernd liess er sich das Versprechen abringen, übers Jahr wieder zu gehen; das unisono Verlangen war ihm Lohn genug.

Und die Moral von der Geschieht '?

Etwa das reichere und kräftigere Vokabularium der heutigen Jugend, das bei Gelegenheiten ungewollt dem oft verdutzten Popa zu Ohren kam?

Oder die Beglückung, die im Miterleben und Mitschauen liegt, im... geteilte Freude ist doppelte Freude...?

Oder das Geschenk aus der Sicht der späten Jahre, Natur- und Berg-Verbundenheit in Kinder-herzen pflanzen zu dürfen?

Was ist es doch für ein Unausschöpfliches, wenn - mit blanken Augen- ein junges Gemüt beginnt, die Umwelt nicht nur zu sehen, sondern sie auch aufzunehmen: die Linie des Horizontes, das Blau des Himmels, das Ziehen der Wolken, den Flug der Vögel. Wenn das Kind des Friedens einer Alp und ihrer Menschen und Tiere gewahr wird, das Rauschen und Sprudeln des Bergbaches hört, die weite Schau von der Bergeszinne erfasst;das Lodern der Arnika, das Wunder des Enzians oder der brennenden Feuerlilie, den Duft des Männertreus, die schlichte Schönheit des Edelweisses; die Formen und Farben der Gesteine, den Schliff der Kristalle, das Erkennen der eigenen Kraft, die Bereitschaft zu Anstrengung und etwas Entbehrung, die Freude über den Durchhaltewillen für eine Aufgabe und ein Ziel!

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