Mit Gas und Sand über die Hochalpen

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und Sand über die Hochalpen

Erwin A. Sautter-Hewitt, Zumikon ZH

Spelterini und de Beauclair Ehe sich Kapitän Eduard Spelterini - alias Schweizer aus Bazenheid im sanktgallischen Toggenburg - nach vielen Fahrten im In- und Ausland ( Ägypten, Belgien, Russland, Südafrika, Ungarn usw. ) als erster an Freiballon-starts in den Alpen heranwagte, bedurfte es damals kurz vor der Jahrhundertwende auch einiger mutiger Passagiere, also Alpinisten, die mit der Bergwelt vertraut waren und deren Gefahren nicht unterschätzten.

Professor Dr. Albert Heim ( 1849-1937 ), der berühmte Geologe und eigentliche Animator zur ersten geplanten Alpenfahrt im Freiballon \ stellt in seiner Einführung zu Eduard Spelterinis Bildband

Zwischen dem Alpinismus und dem Freiballonsport bestehen einige interessante Parallelen: beide Tätigkeiten dienten militärischen Zwecken und der Forschung, ehe sie als reiner Sport betrieben wurden. Dabei ist der Alpinismus rund zweitausend Jahre älter als das Bal-lonfahren. Von Hannibals Heereszug über die Alpen 218 v. Chr. bis zur Erfindung des Heiss-luft- und Gasballons 1783 - also vor genau 200 Jahren - verstrichen genau 2001 Jahre. Seit 1898 wagen sich die Ballonfahrer in die Alpen, in das höchste Gebirge Europas, das sich von Savona bis Wien über eine Distanz von 1200 Kilometer erstreckt und bis auf 4810 Meter ü. M. hinaufreicht. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass die ersten alpinistischen Erfolge, wie die Besteigung des Mont Blanc 1786 durch Balmat und Paccard, mit den Pionierleistungen in der Luftfahrt zusammenfielen: 1785 überquerten Blanchard und Jeffries als erste Menschen den Ärmelkanal an Bord eines Freiballons.

.** Atemraubender Blick der Ballon-alpinisten aus dem kleinen Weidenkorb in die dunkle Eigerwand.

Oben: Mönch und Jungfrau.

ren damals Prof. Heim, Dr. Jul. Maurer und Dr. Biedermann, drei Männer, denen die Alpenwelt kein Buch mit sieben Siegeln bedeutete. Die Höhenfahrt über die Waadtländer Alpen und den Jura bei Yverdon bis nach Rivière dauerte fast sechs Stunden und führte über eine Maximalhöhe von 6800 Meter ü. M., wobei Spelterini als einziger der Korbbesatzung ohne einige stärkende Züge aus der Sauerstoffflasche ausgekommen sein soll.

Zehn Jahre später hatte Spelterini einen nicht weniger ehrgeizigen und sportlichen Konkurrenten am Ballonhimmel erhalten: den 1874 in Brasilien geborenen Deutschen Victor de Beauclair, der mit 32 Jahren das Schweizer Brevet als Ballonfahrer erwarb. Aus dem einstigen Medizinstudenten wurde aber nicht nur einer der mutigsten Ballonfahrer, sondern auch ein begnadeter Skiläufer, Ruderer und Bergsteiger. In die Geschichte des alpinen Freiballonsports schrieb sich der Deutsche mit zwei ganz ausserordentlichen Fahrten ein: am 29. Juni 1908 startete er an Bord des Ballons ( Cognac ) ab Station Eigergletscher an der Jungfraubahn und landete am nächsten Morgen bei Stresa am Langensee; die zweite Reise im Weidenkorb ging von Bitterfeld -30 Kilometer nördlich von Leipzig - in südlicher Richtung und über die Alpen bis hinunter in die Toskana. Auf dieser 56stündigen Re-kordfahrt vom 4. Dezember 1908 um den San-tos-Dumont-Preis überflog de Beauclair erstmals die Ostalpen ( Karawanken ).

Literarisches Echo Während die erste Alpenfahrt im Freiballon, die Reise Spelterinis ab Sitten, abgesehen von einem Leitartikel in der ( Neuen Zürcher Zei- Am I. Juli 1982 ereignete sich im Jungfraugebiet ein tragischer Unfall mit dem Ballon hbbiz. Wenige Sekunden später löste sich der Korb von der Hülle, da die Tragseile bei der Berührung einer Eiskrete durchgescheuert wurden. Beim Absturz auf den Gletscher fanden die vier Insassen den Tod.

( Aufnahme aus dem Hubschrauber der Air Glaciers ).

tung ) vom 9. Oktober 1898 ( Nr. 280 ), kein grösseres Echo fand, ging die Hochalpentraversie-rung de Beauclairs vom 29./30. Juni 1908 an Bord des ( Cognao nicht nur in die aeronautische Fachliteratur, sondern auch in die alpine Belletristik ein. Im 1909 erschienenen Buch ( Im Banne der Jungfrau ) von Konrad Falke alias Karl Frey ( 1880-1942 ), dem Schriftsteller und Kulturpolitiker, findet die ( Himmelfahrt ) ab Station Eigergletscher einen grossartigen Niederschlag in Wort und Bild. Neben Schilderungen bergsteigerischer Leistungen im Jungfraugebiet fand sich erstmals ein Bericht über den alpinen Freiballonsport.

An der denkwürdigen Alpenüberquerung nahmen neben dem Ballonführerde Beauclair und Konrad Falke auch noch dessen Freund Gebhard Guyer sowie Frau Guyer teil. Aus dem Erlebnisbericht: ( Um 11A vormittags stiegen wir von der Station Eigergletscher der Jungfraubahn auf, überflogen den Südwestgrat des Mönchs nahe seinem Gipfel und blieben dann bis zum Konkordiaplatz in ca. 4800 m Höhe, zwischen den Oberländer Viertausen-derriesen dahinschwebend. Über dem Konkordiaplatz fing es an zu donnern. Wir fielen und machten eine 12 km lange Schleppfahrt über den Grossen Aletschgletscher bis zu seinem Abfluss in die tiefe und enge Massaschlucht hinein, die wir in halber Höhe durchflogen. Das war das Interessanteste der ganzen Fahrt. Langsam wurde hierauf die alte Höhe wieder erreicht und das Rhonetal bei Brig überflogen. Die Windrichtung führte in der Höhe gegen Zermatt. Leider waren auch dort alle hohen Gipfel in drohende Gewitterwolken gehüllt, so dass wir wieder tiefere Regionen aufsuchen mussten, um von dieser gefahrbringenden Richtung durch den Unterwind abgelenkt zu werden. Über Simpeln kamen wir nochmals ans Schlepptau. Dann ging 's über die südliche Simplongruppe und über die italienischen Alpen, während eine pechschwarze Gewitternacht, die nur durch die fortwährenden Blitze in der Ferne erhellt wurde, unmittelbar hinter uns nachrückte. Am frühen Morgen befanden wir uns über der Po-Ebene bei Coggiola. Um 10 Uhr erfolgte die Landung, nach 21stündiger Fahrt beim Bergdörfchen Gignese, einige Kilometer westlich von Stresa am Lago Maggiore. ) Nach dieser dramatischen Höhenfahrt über die Gipfel und Gletscher, durch Gewitter und bis annähernd 6000 Meter ü. M. sowie bei minus 15 Grad Celsius - und nach einer Nacht im Ballonkorb hoch über dem Rhonetal - schrieb Falke in seinen Schlussbetrachtungen:

Am 21. September 1965: von Mürren auf dem Weg über die Viertausender ( Pilot: Fred Dolder ). Um die Mittagsstunde befinden wir uns über dem Oeschinensee und dem Kandertal. Die Landung erfolgt sechs Stunden später bei Samoëns im Savoyischen, 30 Kilometer südlich von Evian am Genfersee.

über aller Qual des Lebens als ein Bild, das ein unveränderliches Antlitz hat. ) In den ( QH II/74, S. 71 ff. ) finden sich unter dem Titel ( Bergsteiger und Bergschriftsteller ) Lebenserinnerungen von Alfred Graber ( Muzzano ). Graber schildert darin auch eine Begegnung mit dem ( Ballonfahrer und Bergsteiger Victor de Beauclair ) sowie dem begabten Erzähler, der ( Anekdoten aus der Frühzeit des Skilaufs und des Fliegens anschaulich vortrug ). De Beauclair habe in seinem aussergewöhnlichen Leben nichts Gedrucktes hinterlassen ausser einer kurzen Anleitung über den Bau von Sprungschanzen. Am 15. August 1929 stürzte de Beauclair als 55jähriger am Matterhorn tödlich ab. Der wohl kühnste Ballonfahrer oder ballonfahrende Alpinist aller Zeiten, ein kosmopolitischer Sportsmann ohnegleichen, fand den Tod in jenem Gebirge, das für ihn zeitlebens eine Herausforderung darstellte - in den Alpen.

Renaissance in Mürren und Gersthofen Zur eigentlichen Wiedergeburt des alpinen Freiballonsports kam es erst im Jahre 1957, als Fred Dolder ( Thalwil ) mit den beiden Alpinisten Dr. Jürg Marmet und Dölf Reist von Mürren aus an Bord des Ballons ( Zürich ) ( 2300 m3 ) die Alpen überquerte und die deutschen Piloten Potthast und Eckert von Gersthofen bei Augsburg aus übers Alpenmassiv bis in die Gegend von Mailand gelangten. Es ist kaum ein Zufall, dass im gleichen Jahr die Reihe der Alpenüberquerungen im Freiballon von einem zentralen Startort ( Mürren im Schilthorngebiet ) und von einem peripheren Füllplatz ( Gersthofen im Freistaat Bayern ) wieder aufgenommen wurde, da der Kreis der aktiven Gasballonfahrer in Europa nur knapp hundert Piloten umfasste. Man wusste also bald einmal von den Plänen der Freunde diesseits und jenseits des Rheins. Nach der 1. Internationalen Hochalpinen Ballonsportwoche im August 1962 in Mürren, an der sechs Ballone die Alpen überquerten, schrieben die Deutschen 1965 die 1. Allgäuer Ballonsportwoche in Oberstdorf aus.

Nach einer Alpenfahrt im Freiballon ab Mürren schrieb der deutsche Bergschriftsteller und Alpinist Toni Hiebeier im Magazin für Bergsteiger ( Alpinismus ) ( Mai 1970 ): ( Ballon-fahren in den Alpen ist eine feine Sache, auch noch - besser gesagt: besonders - im Zeitalter der Überschalldüsenriesen. Der Jet-Set des Ballonsports ist jedoch anders: ein kleines, traditionsbewusstes Häuflein von Männern, die ihr Handwerk verstehen. ) Hiebeier hatte an der B. Ballonsportwoche vom 22. Juni bis 4. Juli 1969 teilgenommen. Er war bei Chandolin im Wallis gelandet.

Die Liebe zur Meteorologie Im Freiballonsport- und besonders beim Fahren in den Alpen - gilt es den ( Point of no return ) kühl abzuschätzen. Der Abstieg muss eingeleitet werden, bevor der Landeballast bedrohlich zur Neige geht. Kurz: es gilt die Grenzen einer Fahrt frühzeitig zu erkennen. Dazu sollte man noch mit dem Wetter auf du stehen. Es ist die Liebe zur Meteorologie, die den verantwortungsbewussten Berggänger und Ballonfahrer auszeichnet. So besteht denn auch zwischen Ballonfahrern und Wetterma-chern, wie zwischen Alpinisten und Meteorologen, ein fast kameradschaftlich zu nennen-des Verhältnis. Es gibt keine grosse Bergfahrt ohne vorherige Konsultation der Wetterkarten, und es wird zu keiner Ballonfahrt gestartet, ohne Studium der meteorologischen Voraussagen und einem Gespräch mit dem zuständigen Flugwetterberater.

Die Beziehung Ballonfahrer—Meteorologe reicht bis in die Anfänge des alpinen Freiballonsports zurück, als der damalige Direktor der Meteorologischen Zentralanstalt ( MZA ) in Zürich, Dr. Julius Maurer, an der Höhenfahrt der ( Wega> ab Sitten im Jahre 1898 teilnahm. Dr. Maurer war auf jener denkwürdigen Fahrt mit dem Überwachen der verschiedenen Instrumente, wie Barograph, Thermometer, Feuchtigkeitsmesser usw., beschäftigt gewesen. Schon damals wurden die Wetterstationen auf dem Pilatus und Säntis sowie die Stationen von Bern und Luzern über die herrschenden Verhältnisse befragt, bevor Kapitän Spelterini den Befehl ( Loslassen !) gab.

Der Meteorologe Othmar Schmid hat zuhanden der in Mürren startenden Piloten eine Studie über die im Gebirge vorkommenden Windzirkulationen verfasst, die auch Hinweise auf die Besonderheiten von Talwinden enthält, die für den Ballonpiloten beim Entschluss zur Landung einkalkuliert werden müssen, um seine Passagiere sicher auf die Erde zurückbringen zu können.

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