Mit Ski auf den Campo Tencia

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VON SIGI ANGERER, LUZERN

Miti Bild m Der Wetterbericht kündete Schlechtwetter auf der Alpennordseite an. Das passte uns gar nicht! Schon mehrere Sonntage gelang uns infolge ungünstiger Witterung keine rechte Tour mehr. Schönes und trockenes Wetter wurde aber wieder einmal mehr für das Tessin vorausgesagt. « Nun -, so gehen wir eben ins Tessin zum Skifahren »Das war leichter gesagt als getan. Denn: wohin, war die erste Frage.Von Kameraden hatten wir vernommen, der Schnee sei im Tessin bereits Mangelware. Trotz eifrigem Nachdenken konnten wir keine geeignete Tour ausfindig machen. Deshalb waren wir um einen guten Tip sehr froh, denn in unserer Sektion haben wir für solche Fälle einen Spezialisten. Er kennt praktisch jedes Gebiet und findet überall dort, wo andere aufgeben, noch lohnende Touren. Mit der Lupe in der Hand sitzt er an langen Abenden über irgendeinem Kartenblatt und sucht alle möglichen Skirouten ausfindig zu machen. Mit dieser Methode hat er schon manch schöne und wenig bekannte Tour gefunden. Auch heute wurden wir von unserem Berater nicht enttäuscht. Er wusste von einem besonders lohnenden Skiberg zu berichten, dessen Skiaufstieg er nach der eben beschriebenen Methode auf der Karte entdeckt hatte, wobei er die trotz Lupe und Karte noch nicht ganz abgeklärten Stellen vorsichtshalber von einem Nachbargipfel, dem Campolungo aus, in Einsicht nahm. Die dann ausgeführte Tour gefiel ihm so gut, dass er sie uns warm empfahl.

Nach der Karte war der Aufstieg bald erklärt: Den grossen, kegelförmigen Hang ob der Hütte hinauf, durch eine enge Passage auf den Gletscher, diesen etwas nach links queren und die Ski ca. 30 m durch ein felsiges Couloir tragen. Danach in direkter Linie mit den Ski bis auf den Gipfel. Das war alles.

Es ist Samstagnachmittag. Mit der Bahn fahren wir von Luzern durch den St.Gotthard-Tunnel nach Rodi-Fiesso, von wo aus wir mit dem Postauto über Prato noch ein Stück höher hinauf nach Dalpe fahren. Von der Durchfahrt durch Prato ist mir jetzt noch der besonders gut proportionierte, romanische Glockenturm in Erinnerung. Es ist schon abends 7 Uhr. Wir schultern den mit den Ski beladenen Rucksack und machen uns auf den Weg zur Capanna Campo Tencia. Am Himmel ziehen schwere Wolken auf, was uns aber nicht stört, denn der Wetterbericht hat trockenes Wetter versprochen. In gleichmässiger Steigung führt der breite, aber rauhe Weg an verlockendsten Rastplätzen vorbei. Im lichten Lärchenwald leuchten allenthalben zarte Frühlingsblumen. Schon bald erreichen wir die Alp Piumogna, die durch Uberschüttung arg verwüstet ist. Einladend sieht es hier nicht mehr aus. Baufällige Steinhütten stehen neben verfallenen Holzhütten. Die letzteren weisen noch heute auf die frühere Herrschaft und den Einfluss der Urner hin.

Nach einer Stunde Marschzeit können wir bei der Abbiegung nach Süden auf dem kleinen Brücklein die Ski anschnallen. Die Dämmerung weicht mehr und mehr der Nacht. Ich will die Taschenlampe auspacken, um sie im Bedarfsfalle gleich zur Hand zu haben. Doch alles Suchen im Rucksack nützt nichts, nur eine Reservebatterie ist zu finden. Zum Glück war mein Kamerad Heiner nicht so vergesslich wie ich und bringt sogar eine äusserst praktische Stirnlampe zum Vorschein. Über einen steilen Hang mühen wir uns im grundlosen Schneesumpf aufwärts. Die Wegmarkierung ist leider unter dem Schnee verschwunden. Spuren sieht man auch keine. Anscheinend sind wir die einzigen 1 Die Alpen - 1966 - Les Alpes1 Gäste heute abend. Am oberen Ende des Hanges hört der Schnee auf. Zwischen Stauden und Steinen tasten wir uns, die Ski in Händen tragend, zum nächsten Schneefleck durch.

Immer wieder straucheln wir. Zu unserer Erleichterung ist der Schnee auf der anderen Seite etwas besser, und der Mond leuchtet zwischen den Wolken hervor, so dass wir einen kleinen Überblick über das Gelände gewinnen, ehe er sich wieder verbirgt. Schon bald tauchen vor uns die Alphütten von Crozlina auf, die für uns eventuell eine Unterkunft ergäben, falls wir die Capanna des CAS nicht finden sollten. Da der Mond sich wieder zeigt, sind wir dieser Sorge rasch enthoben. Es ist immer noch warm, und der Schnee will nicht gefrieren. Nach einer Weile bleibt Heiner stehen und meint: « Sollten wir nicht nochmals nachsehen, wo die Hütte steht? » Ich bin zwar der Ansicht, wir sollten noch ein Stück weiter ansteigen; doch beim Nachsehen gibt es eine Rast, und dafür bin ich schon zu haben! Nach der Karte müssten wir jetzt der Hütte gerade gegenüberstehen. Ist etwa der dunkle Felsklotz da drüben die Hütte? Wir ändern die Richtung, gleiten diesem Punkt zu und stehen schon nach 150 Metern wahrhaftig vor der sich in der Dunkelheit kaum abzeichnenden Capanna und stellen nach dreistündigem Aufstieg die Ski erleichtert an die Hauswand.

Trotz Hunger und Müdigkeit wird erst ein Gang durch die Hütte gemacht und ein passender Schlafplatz gesucht und gefunden. Dann mache ich mich ans Kochen, was hier eine einfache Sache ist, da ein Zündholz genügt, um den Gaskocher zu entflammen. Aber bis wir mit unserem Nachtessen fertig sind, zeigt die Uhr schon Mitternacht. Wir stellen den Wecker auf 5 Uhr morgens ein und verschwinden unter den Decken.

Schönes Wetter erwartet uns, wie wir noch etwas verschlafen am Morgen unter die Türe treten. Rasch löffeln wir unser « Spezialfrühstück », bestehend aus Milchpulver, Hafer- und Soyaflocken, so dass wir uns nach diesem Kraft-Frühstück gestärkt für den steilen Aufstieg fühlen.

Direkt der Hütte gegenüber liegt ein grosser, kegelförmiger Hang, dessen Spitze in einen engen Felsdurchlass mündet. Hier kann man noch mit den Ski durchgehen, erinnern wir uns der Beschreibung unseres Freundes. Doch scheint dies, von unserem Standpunkt aus zu deuten, nicht möglich, so dass wir gespannt in weiten Kehren den Hang hinaufsteigen. Der Schnee ist leider nur wenig gefroren; so nützen unsere vorsorglich aufgesteckten Harsteisen wenig. Die Kehren werden enger, der Hang steiler. Endlich sehen wir rechts einen schmalen Schneestreifen, der in einer Steilheit von ca. 45 Grad die Verbindung mit den Schneefeldern des Gletschers herstellt. Ich spotte, als Heiner einigemal ansetzt, bis er die Spitzkehre in dem steilen Gelände wagt. Der Spott vergeht mir aber, wie ich selber dran bin. Versuche ich mich hangauswärts zu wenden, so ist 's, als glitte ich aus und müsse den weiten Hang hinunterrutschen. Drehe ich mich gegen den Hang, so kann ich die Beine zu wenig heben, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Irgendwie gelingt es mir aber, die Spitzkehre zu guter Letzt einzulegen. Und nun sind wir über die Harsteisen noch sehr froh, denn sie geben uns im steilen Hang festen Halt. Nachdem wir so einige Male die Spitzkehren auf geradezu akrobatische Art geübt haben, queren wir nach links in flacheres Gelände. Mit einem unangenehmen Gefühl denke ich dabei an den Rückweg: wenn man hier stürzen würde? Über schöne Hänge ziehen wir nun unsere Spur, den kleinen Gletscher nach links querend, zur nächsten Passage. Ein steiles Couloir bildet den Schlüssel zum weiteren Aufstieg: eine mit Pulverschnee ausgekleidete Rinne, die 60 m hoch hinaufführt, während wir glauben, in Erinnerung zu haben, sie sei nur halb so hoch. Heiner ist ein Gentleman und überlässt mir den Vortritt. Die Ski auf den Rucksack geschnallt, stapfe ich Schritt für Schritt im tiefen Schnee höher. Weiter oben wird die Schneedecke dünner, und ich muss manchmal lange nach einem festen Tritt suchen. Froh sind wir, als das Gelände flacher wird. Erleichtert schnallen wir die Ski an und steigen in einer weiten Mulde auf. Die Felsen rücken nochmals enger zusammen, so dass wir zu kurzen Spitzkehren gezwungen werden. Nach einem letzten, wieder etwas steileren Hang lassen wir die Ski zurück und steigen die wenigen Meter zu Fuss zum Gipfel hinauf. Ein kalter Wind bläst uns hier ins Gesicht. Trotzdem verweilen wir längere Zeit auf ihm, um die für uns ungewohnte Aussicht zu betrachten. Es macht uns Mühe, die bekannten Berge wie Oberalp, Tödi, Rotondo usw. festzustellen. Die Bernina im Osten mit dem Biancograt erkennen wir leicht. Bei den Walliser Riesen im Westen müssen wir dagegen wieder einige Zeit raten, bis wir zu jedem Berg den ihm gehörenden Namen gefunden haben. Erstaunt bin ich ob dem Blick nach Süden: ein Berg reiht sich hinter den andern, derweil ich geglaubt hatte, dass südlich des Gotthards die Berge bald aufhören!

Trotz der schönen Aussicht beschleicht uns beide ein beklemmendes Gefühl beim Gedanken an die bevorstehende Abfahrt. Wie wird das felsige Couloir im Abstieg zu begehen sein? Wie fällt die Querung im Steilhang aus? Ist der Schnee noch gut? Solche und ähnliche Gedanken steigen in mir auf, während wir uns im Windschatten eines Felsens von den Mühen des steilen Aufstiegs erholen. Ein dünnes Gewölk lässt die Sonne langsam verblassen. Und da es ohne ihre Wärme ungemütlich kalt wird, rüsten wir uns zur Abfahrt. Schnell sind wir bei den Ski und schnallen sie an die Füsse. Zu unserer angenehmen Überraschung lässt sich trotz des windgepressten Schnees gut schwingen, so dass wir schneller, als uns lieb ist, wieder ob dem Felscouloir stehen! Eine Umgehung ist nicht möglich, so dass wir diese « Schlüsselstelle » anpacken müssen. Der Abstieg ist kurz und schwierig. Dann aber folgt wieder ein Schneehang, der freies Schwingen erlaubt. Schwieriger ist die nachfolgende Querung im Steilhang oberhalb der Hütte. Da ich zögere, fährt Heiner kurzentschlossen los, in der Richtung auf einen kleinen Felssporn in der Nähe der Aufstiegsspur. Die Sonne hat aber die dünne Schneekruste der vergangenen Nacht aufgeweicht. Alles geht gut vonstatten, bis Heini am Felssporn vorbeifahren will. Er rutscht hier mit der Schneeunterlage plötzlich ab, so dass ich ordentlich erschrecke, denn unter ihm liegt ja der mit Eis überzogene Felsabsturz. Nach etwa drei Metern bleibt er aber wieder stehen, kann sich aufrichten und weiterfahren. Was aber ist geschehen? Längs dem Felsen bestand ein Hohlraum, in den Heiner mitsamt der Schneedecke einbrach. Ein harmloses, aber eindrückliches Erlebnis! Während ich nun Schritt für Schritt über den freigelegten Felsen balanciere, fährt Heiner schon den Steilhang hinunter. Der Schnee ist völlig durchnässt, so dass wir statt einer genussvollen Abfahrt richtige Schwerarbeit zu leisten haben. Lang ist der Hang, und es gibt viele Bögen in den tropfnassen Schnee zu ziehen, bis wir die Hütte erreichen. Müde, aber doch sehr zufrieden, halten wir hier unsere Mittagsrast und erleben in Gedanken nochmals die ganze Abfahrt. Und dabei überlege ich: Touren, bei denen man vor Beginn des Aufstiegs oder der Abfahrt so ein prickelndes Gefühl verspürt, um nicht zu sagen eine Angst, diese vermitteln einem dann immer eine ganz besondere Freude. Man musste sich überwinden - und freut sich wohl gerade deshalb darobÜberarbeitet Red.Oe. )

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