Mit Ski über den Morgenhorn-Ostgrat

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Mit 2 Bildern ( 17, 18Von Hepman[| E„er f ( Lyss ) Es ist März und Samstagmorgen... Zwei freie Tage lachen meinem Kameraden Ernst Reiss und mir entgegen. Angehaucht von Frühlingsahnen flitzt die halb apere Landschaft am Fenster des Schnellzuges, der uns nach Kandersteg führt, vorbei. In uns ist ein mächtiges Freuen über die beiden freien Tage, ob dem Frühlingshauch und vor allem ob unserer morgigen Tour: Morgenhorn-Ostgrat. Seit unserem ersten und gescheiterten Versuch, ihn im Januar im Aufstieg von der Gamchilücke aus « zu nehmen », stand er unentwegt und mahnend weiter auf unserem Tourenprogramm. Damals hatte ein lästiges Schneetreiben unserem Vordringen kurz unterhalb des markanten Felsaufschwungs Halt geboten. Heute gedenken wir fröhlich lachend jenes siegreichen Rückzuges, der uns wegen der rasch wachsenden Neuschneedecke fast einiges Kopfzerbrechen verursacht hatte. Diese lag gute 15 cm hoch, als wir die letzten gefährlichen Lawinenhänge in der Talenge nach dem Gamchiboden hinter uns hatten.

Kurz nachdem die letzten Häuser von Kandersteg hinter uns liegen, schnallen wir die Bretter an und steigen gemächlich den uns vertrauten Weg zum felsenumstandenen Öschinensee hinan. Er liegt diesmal nicht wie « ein liebliches Auge » in seiner felsigen Welt, er ist zugedeckt mit Eis und Schnee, und eine breite Schlittenspur weist, den Sommerweg abkürzend, durch die glatte Schneefläche. Etwas zaghaft und mit gemischten Gefühlen folgen wir ihr, und ich glaube, wir treten beide herzhafter auf, wie wir bald darauf wieder Boden mit festem Unterbau unter den Brettern haben. Langsam, nach dem Motto « Eile mit Weile », nehmen wir die Steigung zur Öschinenalp. Wir haben ja noch den ganzen Nachmittag vor uns. Die Sonne hat den Schnee an der Oberfläche leicht aufgeweicht, so dass wir die Steilhänge in mühelosem Gleitschritt hinter uns bringen.

Vor Jahren bin ich einmal im Hochwinter zur Mittagsstunde durch diese Steilhänge aufgestiegen. Wie ein Alpdruck lastete damals der Gedanke auf mir, dass die Schneemassen an den obern Hängen lebendig werden könnten. Heute ist die Gefahr gebannt, denn dank der kalten Nächte ist die Schneeschicht bis in den Nachmittag hinein fest, so dass keine Lawinengefahr besteht.

Auf einem apern Schindeldach einer bis übers Türgericht verschneiten Sennhütte der obern Öschinenalp halten wir Rast. Unendliche Stille umgibt uns. Von fern her nur rauschen leise Wasser, die zu Tale eilen. Blaugrün grüsst der Tannenwald aus dem Talkessel von Kandersteg zu uns herauf. In der Höhe glitzern die versulzten Schneehänge wie Kristall. Über allem wölbt sich ein fadblauer Himmel mit der hell leuchtenden Sonnenscheibe. Warm und wohlig umspielen Licht und Wärme unsere nackten Oberkörper. Ein Rudel Gemsen, mindestens 20 an der Zahl, flüchtet, bis zum Bauch einsinkend, die Hänge zum Bundstock hinauf.

Erst als die Dachschindeln ihre Abdrücke recht deutlich in unsern nackten Rücken geprägt haben, machen wir uns auf den Weiterweg zu der vom Grat herunter grüssenden Hohtürlihütte. In den steilen Hängen darunter ist der Sulzschnee so gut, dass es ein grosses Mass Überwindung kostet, nicht schnell zur Abwechslung ein Stück weit wieder abzufahren!

Wir treffen die Hütte in komische Schneeverwehungen gebettet an. Die Schaufel, die an der Wand bereithängt, leistet uns bald gute Dienste, um die bis zur Hälfte eingeschneite Türe frei zu machen. Während ich mit der Pfanne ( vom Format eines « jungen Wäschehafens » ) Tee bereite, fährt Freund Ernst mit den Schneeräumungsarbeiten im Innern der Hütte fort, wo feiner Schneestaub stellenweise schuhtief liegt. Kalt und schattig ist es da drin, so dass wir vorziehen, unsern « five o'clock tea » auf der sonnigen Terrasse vor der Hütte einzunehmen. « Monsieur, le thé est servi, premier service commence. » Gemeinsam tragen wir unsere bis zum Rand gefüllte Teepfanne, deren Inhalt mein Kamerad für eine ganze Kompagnie Soldaten ausreichend findet, vor die Hütte. Aber es ist einfach herrlich, hier auf unserer sonnigen Terrasse in aller Ruhe unseren übermässigen Durst zu stillen. Ein richtiges Gelage halten wir ab, denn nachdem der grösste Durst gestillt ist, geht unsere « Tea-party » in ein Diner über, das an Vielzahl der Gänge nichts zu wünschen übrig lässt.

Anfänglich sind wir allein Herr und Meister in der Hütte. Erst später finden sich noch vier « Unentwegte » ein. Am Abend sitzen wir lange vor der Hütte und geniessen plaudernd und wieder still sinnend das letzte Leuchten des erlöschenden Tages. Langsam versinken unter uns der Talkessel von Kandersteg und das Kiental in der Dämmerung, während die letzten Sonnenstrahlen die Schneehäupter der Blümlisalpgruppe in einem zarten Rot aufleuchten lassen. Sonnenuntergang in den Bergen! Hunderte von Malen erlebt und doch immer wieder ergreifend! Erst als der graue Dämmerschleier bis weit über die leuchtenden Gipfel hinausgreift und die Schneeberge kalt und stahlblau dastehen, kehren wir fröstelnd in die vom Herdfeuer schwach erwärmte Küche zurück.

Eine kalte, sternenklare Nacht bricht herein, die einen herrlichen Tag in Aussicht stellt.

Eine gute Weile noch sitzen wir um das knisternde Herdfeuer, sprechen von vergangenen Bergfahrten, von den Bergen, die für uns das Glück bedeuten.

Zwischen Nacht und Morgendämmerung schnallen wir vor der Hütte unsere Bretter an. Der kalte Morgen treibt uns gar schnell den letzten Schlaf aus den Gliedern. Die Aufstiege zu einem der Blümlisalpgipfel sind von der hochgelegenen Hohtürlihütte aus ein Vergnügen. Gestärkt von der ausgiebigen Nachtruhe kommen wir rasch vorwärts. Nachdem wir bereits eine halbe Stunde lang unsere Spuren in die unberührten Hänge des Blümlisalpgletschers gelegt haben, wird meinem Gefährten bewusst, dass er seinen Geldbeutel in der Hütte hatte liegen lassen. Während er, kurz entschlossen, kehrt macht und die Hänge hinunter meinen Blicken entschwindet, steige ich durch die weite Gletschermulde höher, allgemeiner Kurs Morgenhorn. Die Nordflanke scheint heuer für einen Skiaufstieg besonders geeignet zu sein. Bis knapp unter den Gipfel, wo ein kurzer Eisgürtel die Flanke quert, glaube ich die Ski an den Füssen behalten zu können. Kehre um Kehre steige ich in gleich-massigem Tempo die immer steiler werdende Flanke hinauf, lege die Spur um oder über die Spalten, wie es der Schnee eben erlaubt. Rhythmisch girrt bei jedem Schritt der trockene Pulverschnee unter den Ski.

Beim Eisband, etwa 20 m unterhalb des Gipfels, hat mein Kamerad, der flottes Tempo aufgelegt hatte, wieder aufgeschlossen. Hier müssen wir unsere Ski ausziehen und die Stöcke für kurze Zeit mit dem Pickel tauschen. Gemeinsam steigen wir die letzten Meter durch knietiefen Pulverschnee zum 3612 m hohen Gipfel des Morgenhorns auf, wo wir, knappe zwei Stunden nach dem Aufbruch in der Hütte, die Ski einstecken. Der erste, einfachere Teil unserer Fahrt liegt hinter uns. Ein windstiller, strahlender Tag hat von der herrlichen Bergwelt Besitz ergriffen. Wo soll nur das Auge anfangen zu schauen, um dieses Übermass an Schönheit ganz aufnehmen zu können! Dunkle Schatten mischen sich harmonisch in die von Sonnenglanz überfluteten Berge.Vom Bernina bis zum Mont Blanc recken Berge ihre Häupter gegen den sonnigen Himmel. Wie viele unzählige schöne Fahrten und Erlebnisse gäbe es da noch zu finden! Ein Menschenleben reicht aber nur für einen ganz kleinen Teil aus... Und man erkennt bei solchem Schauen, wie kurz unser Dasein bemessen ist.

Viel zu kurz dauert unsere Gipfelandacht. Die lautlose Stille, die den Eindruck weckt, einziges Lebewesen zu sein in diesem weiten Tempel, würde uns noch lange fesseln. Die Ungewissheit über unsern Abstieg lässt uns aber nicht länger rasten. Ski und Stöcke, die uns bis fast auf den Gipfel vor mühsamem Schneestapfen bewahrt haben, werden auf den Sack geschnallt. Dann stampfen wir los; mit möglichst grossem Seilabstand graben wir uns in knietiefem Schnee über die Grattürme zum Vorgipfel hinunter. Absturzdrohend hängt die mächtige Gratwächte stellenweise bis zu 8 Meter in die Südwand hinaus. Ein imposanter Anblick! Die Nordseite bildet die mehr als 1000 m hohe Nordwand, die in einer Flucht zum Gamchigletscher abfällt. Nahezu eine Stunde benötigen wir, um bis zum Vorgipfel zu gelangen, denn oft brechen wir bis zu den Hüften im Schnee ein. Die auf dem Rucksack aufgeschnallten Ski sind zudem gar manchmal hinderlich genug.

Vom Vorgipfel aus folgen wir etwas mehr als zwei Seillängen dem Grat bis auf einen überaus luftigen, in die Südwand hinausstehenden Felskopf. Ca. 20 Meter tiefer sehen wir unter einer nahezu senkrechten, glatten Wand die Fortsetzung des Weges. Gut gesichert sucht mein Kamerad, weit « überaus-lugend », die Wand nach einer schwachen Stelle ab. « Zurück! » Ich ziehe das Seil ein. Ein Sicherungshaken zum Abseilen würde hier helfen; aber « wo nichts ist, hat selbst der Kaiser sein Recht verloren ». So müssen wir, weil wir kein Eisenzeug mithaben, andere Mittel und Wege finden, um diese Stelle zu meistern. Die Rekognoszierung ergibt, dass sich der Absturz auf einem Band in der Südwand umgehen lässt, sobald die Gwächte durchstiegen ist. Gesichert sucht mein Kamerad die Gwächte zu durchschlagen, um eine einen Durchgang bietende Rinne herauszuhauen. Meine Sicherungsmassnahme wird bald unter Probe gestellt, als der mächtig mit dem Pickel ausholende Gefährte plötzlich bis unter die Arme wie in eine verdeckte Gletscherspalte einbricht. « Seil! » Langsam lasse ich es durch meine Hände gleiten, damit sich Ernst bei seiner Maulwurfsarbeit tiefer wühlen kann. Die « Bohrung » ist durch und, wie eine Stimme aus der Unterwelt verkündet, ein Durchkommen möglich. Durch die Höhle fällt mein Blick 1000 Meter tiefer auf den Kanderfirn. Ich seile erst die beiden Paar Ski ab, dann tauche auch ich in das grundlose Loch und steige langsam ab. Auf der Südseite hat es weniger Schnee, so dass wir nach einem kurzen Abstieg, aber wegen den sperrenden Ski recht mühsam, über einen Quergang wieder auf den Grat zurückkehren. Wie mühsam es war, besagt der Hinweis, dass wir für diese zwei Seillängen nahezu eine Stunde benötigten! Die nächsten drei Seillängen führen über zwei kleinere Türme in verhältnismässig guter Kletterei. Einzig beim Abstieg vom zweiten bin ich ehrlich froh, die « rutschige » Angelegenheit hinter mir zu haben. Aber die Reihe der Grattürme will kein Ende nehmen. In anstrengender, heikler Arbeit kämpfen wir uns tiefer. Die widerspenstigen Bretter werden immer wieder hinderlich und darum gar oft boshaft benannt! Felskletterei ist etwas Wunderschönes, Skifahren ebenfalls, aber Kletterei zwischen schneebehangenen Türmen mit aufgeschnallten 2,20 m langen Ski ist kein Spass mehrEin gleichzeitiges Vorrücken ist längst nicht mehr möglich. Das zeitraubende Sichern und die verschiedenen Abseilmanöver beanspruchen viel Zeit. Die Mittagssonne zeichnet den Schatten unseres Grates auf den tief unter uns von Sonne überfluteten Gamchigletscher. Auf ihm registrieren wir unser Vorrücken: das kleine Stück, das geschafft ist, und das noch viel längere, das noch zu schaffen ist. Und immer wieder sind es die Ski, die uns den Abstieg erschweren und verzögern.

In schwerer Arbeit geht es abwärts über bizarr geformte Wächten, und aus manchem Schneeloch müssen wir uns herauswühlen, bis er endlich hinter uns liegt, dieser Grat mit all seinen Absätzen, Türmen und Scharten. So wird es nachmittags 16 Uhr 30. Kurz vor Punkt 3281 sehen wir eine Möglichkeit, in einer steilen Schneerinne durch die Südwand auf den Kanderfirn abzusteigen. Nach zehnstündiger mühsamer Arbeit fällt der Entscheid nicht schwer, diesen kürzeren « Weg » einzuschlagen. Vom Grat aus werfen wir einige Felsbrocken in die Rinne hinunter, um die Schneeverhältnisse zu prüfen. Da diese im Schnee, ohne einen Rutsch auszulösen oder auf Eis aufzuschlagen, stecken bleiben, dürfen wir annehmen, dass die Verhältnisse gut sind. Wir knüpfen die Brustschlingen, die längst zu « Bauchschlingen » geworden sind, besser, binden Ski und Stöcke zu einem Bündel zusammen und lassen dieses als erstes an der Lawinenschnur über die Wächte ins Couloir hinab. Der Abstieg durch die steile Rinne zum Gletscher hinunter vollzieht sich « planmässig ». Der Schnee ist ideal; er ist gerade so weich, dass das Tritteeinstampfen nicht mühsam wird und die getretenen Stufen doch gut halten. Wir haben Glück! Bei schlechten Schneeverhältnissen könnte diese Steilrinne im Abstieg kaum begangen werden. Den Bergschrund und das anschliessende Chaos von Lawinentrümmern durchfahren wir auf dem « Hosenboden schüttelnd » in einem für solche Zwecke wie geschaffenen Rutschkännel.

Die fünfte Nachmittagsstunde ist vorbei. Seit dem Aufbruch vom Gipfel haben wir nicht mehr gerastet, nichts mehr zu uns genommen, und doch liegen nun fast zehn Stunden harter Arbeit hinter uns. Mit den Ski und Stöcken richten wir uns eine Sitzgelegenheit zurecht und halten in der weichenden, warmen Sonne ergiebige Rast. Im Gegenlicht der Abendsonne glänzen die weiten Flächen des Kanderfirns wie flüssiges Blei. Langsam kriecht der mächtige Schatten des Balmhorns und Alteis auf dem Gletscher näher. Neugierig lugt der Gipfel des Bietschhorns über den Petersgrat zu uns herüber.

Die Abfahrt, die nun folgt, ist herrlich! Die riesige Fläche Schnee ist von gleichmässiger Beschaffenheit. Eine eisige Glasurschicht deckt eine Schicht Sulzschnee, die jeden Schwung gelingen lässt. Die Schneeoberfläche bricht bei der leisesten Berührung ein, die Eisplättchen klirrten dabei wie Glasscherben.

In sausender Fahrt geht 's über die herrlichen Hänge bis zum untern Ende des Kanderfirns, begleitet von der hellen, klingenden Melodie der splitternden Eisscherben und dem Surren der im Fahrtwind flatternden Hosen. Was mich bei solchen Skihochtouren immer beglückt, das sind die Einsamkeit und die unberührten Hänge.

Über den grossen Geröllkegel links vom Gletscherabbruch reihen wir Kristiania an Kristiania. Es folgt die Schussfahrt auf den Moränenkamm. Und dann schreiten wir das Gasterntal hinaus, das letzte Leuchten der Gipfel der Blümlisalp immer wieder schauend und gleichfalls mit der hereinbrechenden Abenddämmerung ein « Wettgleiten » aufnehmend. Aber eine feine Glückseligkeit legt sich in uns fest und begleitet uns heimwärts und in den Alltag zurück.

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