Moderner Alpinismus

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Ruedi Schatz

( St. Gallen ) Viel wird diskutiert über den « Modernen Alpinismus » in den Kreisen unserer SACler. Der eine verurteilt ihn in Grund und Boden und bezeichnet seine Anhänger als verantwortungslose Individuen; der andere wundert sich nur darüber, dass man sich das Leben derartig unbequem machen kann, wie das die sogenannten « Extremen » tun; der dritte sieht im « Sechsten Grad » den Gipfel der Bergsteigerei. Der vorliegende Artikel will keine erregenden Fahrtenberichte bringen, sondern einfach zu einem Problem Stellung nehmen, das junge und ältere Bergsteiger bewegt.

Mein Ausgangspunkt ist eine ganz bestimmte Situation im schweizerischen Alpinismus. Das tägliche Gespräch unter den Klubkameraden, Äusserungen in den « Alpen », Ansprachen an Klubanlässen, sie alle beweisen, dass ein Problem « Moderner Alpinismus » in unserm Land besteht. Dieses Problem ist zugleich ein Generationenproblem. Man kann dieses Problem ganz kurz in die Frage der älteren Generation zusammenfassen: « Warum machen die Jungen derartigen Unsinn in den Bergen? » Und, etwas schöner ausgedrückt, stellen sich die Fragen etwa so: Was bewegt unsere Jungen, derartige Touren zu machen? Haben diese Touren noch mit Alpinismus im wahren Sinn des Wortes zu tun? Wo bleibt die Seele bei diesen Touren? Lassen sie sich gegenüber Volk, Angehörigen und sich selbst verantworten? Wie sollen wir uns zu diesem Tun und Treiben einstellen?

Diese Fragen sind mein Ausgangspunkt. Ich bin sicher, dass sich die meisten Leser schon im stillen oder lauten ihre Gedanken zu ihnen gemacht und auch eine Antwort darauf gefunden haben. Aber auch ich möchte versuchen, eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Ich erhebe keinen Anspruch darauf, die richtige Antwort zu geben. Meine Antwort wird jene der Jungen sein. Mein Ziel aber ist es, bei den Kameraden etwas um Verständnis für uns Junge zu werben, denn wir haben dieses Verständnis nötig. Die Kluft zwischen den sogenannten « Extremen » und den übrigen Klubkameraden müsste nicht existieren. Dass sie existiert, ist sehr bedauerlich und richtet grossen Schaden an. Sie vermauert das Verständnis zwischen alt und jung, sie treibt die Jungen zu extremen Stellungnahmen und verhindert das Wertvollste in der Beziehung zwischen Bergsteigern: das Vertrauen. Nur wenn die Jungen Verständnis fühlen, werden sie Vertrauen fassen, nur wenn man ihnen wirklich wohl will, werden sie auch dem erfahrenen Rat der älteren Alpinisten zugänglich sein, nur dann wird jener wertvolle Ausgleich zwischen den Generationen möglich sein, der die allzu hohen Wogen der Jungen dämpft und die allzu starre Ablehnung der Alten mildert. Wenn mein Aufsatz etwas zu diesem Verständnis beitragen kann, dann ist sein Zweck erfüllt.

« Moderner Alpinismus », was ist das eigentlich? Wann und wo beginnt er, zeitlich und materiell? Sind das einfach besonders schwere Touren? Und wo ist dann die Grenze? Entscheiden die technischen Mittel darüber? Oder die innere Einstellung des Menschen? Setzen wir zwei extreme Punkte: auf der einen Seite steht der Berg- und Passwanderer, der mit offenen Augen durch unsere Berge eilt, seiner Gesundheit zuliebe, wegen all dem Schönen, das er auf seiner Wanderung sehen kann.

Auf der anderen Seite stehen Bergsteiger, die sich zum Wahlspruch Maduschkas bekennen:

Wenn einer fällt - nicht jammern und klagen, immer das Hohe, das Äusserste wagen.

Wenn es soweit, wenn es ist Zeit, blick nicht zurück - erfüll' Dein Geschick...

Ein Motto, in dem uns die ganze Schicksalsschwere, der ganze Ernst dieser Bergeinstel-lung, die den Tod schon in ihr Tun einbezieht, vor Augen tritt.

Da ist ein grosser Unterschied, es sind fast zwei Welten, die uns entgegentreten. So wenig aber der Passwanderer identisch mit dem « klassischen Bergsteiger » ist, so wenig bekennen sich alle modernen Bergsteiger zur Devise Maduschkas. Die Grenze aber muss irgendwie in der Mitte liegen.

Am einfachsten und deutlichsten lässt sich die Grenze mit Hilfe der technischen Hilfsmittel ziehen. Hilfsmittel braucht jeder Bergsteiger. Als klassische Hilfsmittel aber betrachtet man Seil, Pickel und auch noch das Steigeisen; als moderne Mittel aber gelten Mauerhaken, Karabiner, Doppelseil, Stehschlinge, Eishaken etc.

Nun wurden schon auf klassischen Routen dann und wann Nägel - im eigentlichen Sinn - und auch alte Sicherungshaken verwendet, wenigstens auf Routen, die heute als klassisch gelten. Die Verwendung war aber äusserst sparsam und ausnahmsweise. Andererseits gibt es moderne Routen, die fast ohne diese Mittel gemacht werden, denken wir nur an die Durchstiege durch die Brenvaflanke des Mont Blanc ( Route de la Poire ) und ähnliche. Aber das sind Grenzfälle, auf die wir später eingehen. Einstweilen genügt es, zu sagen, dass auf modernen Touren häufig Haken verwendet werden, auf klassischen sehr selten.

Und ein weiterer Unterschied taucht mit dem Namen Hans Dülfer auf. Hans Dülfer hat in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg im Wilden Kaiser den modernen Alpinismus eigentlich geschaffen. Er hat bis dahin unmögliche Wände, wie die Ostwand der Fleischbank, den Dülferriss, die Westwand des Totenkirchls erstmals begangen. Und zwar wurden diese Leistungen dadurch möglich, dass er den Haken nicht mehr nur als Sicherungsmittel verwendete, sondern als Mittel zur Fortbewegung. Der Haken ersetzte ihm nicht nur einen fehlenden Sicherungszacken, sondern auch fehlende Griffe und Tritte, so dass er eigentlich griff lose Partien mit Haken und Seil überwinden konnte. Wenn mit Hans Dülfer in den Ostalpen dieser moderne Alpinismus Einzug hielt, so liegt der Grund nicht zuletzt in der draufgängerischen Mentalität der tirolischen und deutschen Kletterer, dann aber auch darin, dass die Kalkwände der Ostalpen viel eher ein raffiniertes Auswerten aller technischen Möglichkeiten und ein unbesorgtes Probieren gestatten, als die eisüberzogenen Hochgipfel der Westalpen. Die Marksteine der ostalpinen Entwicklung kann man etwa mit den Namen Fleischbank-Ostwand, Fleischbank-Südostwand, Civetta-Nordwestwand und - immer schwerer werdend - Grosse Zinne Nordwand, Westliche Zinne-Nordwand, Cima de Su Alto setzen. Auf den letzten Routen werden weite überhängende Strecken nur noch mit Hilfe von Haken überwunden.

Aber auch in die Westalpen drang der moderne Alpinismus ein. Schon Franz Lochmatter beging Routen, die noch heute als « Fünfer » gelten, und seine Leistungen sind um so höher einzuschätzen, als er sie in Nagelschuhen und mit einfachen technischen Hilfsmitteln vollbrachte. Armand Charlet und Pierre Allain heissen die Exponenten des Neuen in den Westalpen, bis dann Cassin mit der Begehung des Walker-Sporns der Grandes Jorasses wohl die grösste Leistung des modernen Alpinismus bis heute vollbrachte.

Was Dülfer für das Felsgehen bedeutet, das bedeutet Weizenbach für den Eismann. In den Wänden des Berner Oberlandes und des Mont Blanc leistete er auf Eis und im kombinierten Fels das Äusserste.

Damit kommen wir auf die Schweiz zu sprechen. Wir kennen eigentlich nur wenige extreme Routen in unserm Land: in den Kreuzbergen, in den Engelhörnern, in der Argentine und im Bergell sind sie etwa zu finden, und wohl nur die Südwand des Zustoll hält bis heute einen Vergleich mit den allerschwersten Dolomitenfahrten aus. Die Seltenheit dieser extremen Routen in der Schweiz ist ein Beweis dafür, dass der moderne Schweizer Alpinist zwar gern schwer, aber möglichst weitgehend frei klettert.

Es bliebe ein Blick nach Amerika zu tun, wo sie, wie in allen Gebieten, « den Vogel » mit der « Erbohrung » eines auf 300 Meter völlig überhängenden Felszahnes in dreijähriger « Arbeit » abgeschossen haben.

Das waren nur einige Andeutungen. Würde der Leser die Tourenberichte einiger dieser extremsten Fahrten lesen, so könnte er vielleicht ein Kopfschütteln nicht unterdrücken, und seine Meinung, der moderne Alpinismus sei ein Unsinn, würde nur noch bestärkt. Ich möchte vorläufig jede Bewertung dieser Touren vermeiden. Etwas aber sei von vornherein festgestellt: der moderne Alpinismus hat seine Auswüchse - zu denen zähle ich die amerikanische Felsbohrtechnik -, und welche Erscheinung hätte das nicht. Der moderne Alpinismus ist aber nicht identisch mit diesen Auswüchsen, sonst würde sich jede Diskussion erübrigen.

Und doch scheint mir diese Antwort auf rein technischer Grundlage das Wesen des modernen Alpinismus nicht ganz zu erfassen. Mit der Verwendung von Haken als Mittel zur Fortbewegung ist er noch keineswegs gekennzeichnet. Jeder könnte mir entgegenhalten, dass schon vor Dülfer etwa von Franz Lochmatter im Mont-Blanc-Gebiet Routen erschlossen wurden, die noch heute mit dem Schwierigkeitsgrad 5 bewertet werden, also über den « klassischen Alpinismus » weit hinausgehen, und dies praktisch ohne Haken Verwendung.

Es scheint, dass der Unterschied zwischen klassischem und modernem Alpinismus nicht allein auf der technischen, sondern vor allem auf der geistigen Ebene gesucht werden muss. Vor allem scheint der moderne Alpinist viel eher bereit zu sein, grösste Gefahren auf sich zu nehmen, ja, er scheint Freude an dieser Gefahr zu haben. Und als « moderne Touren » wird mancher einfach jene bezeichnen, die ein gewisses Mass an Risiken überschreiten.

Wenn man den modernen Alpinismus mit dem klassischen vergleicht, dann scheint einem der Unterschied zwischen dem Zmuttgrat und dem Walkersporn zuerst unendlich gross. Wenn man aber näher zusieht, dann, so glaube ich wenigstens, schmilzt dieser Unterschied recht schnell zusammen.

Fragen wir uns zuerst, welche Motive die klassischen, welche die modernen Bergsteiger in die Berge getrieben haben. Warum haben die Whymper, Klucker, Young ihre Touren gemacht? Warum steigen die Rébuffat, Dassin, Rebitsch in die Berge?

Vom klassischen Alpinismus wird etwa gesagt, er habe noch wissenschaftliche Ziele verfolgt. Kein Mensch wird das vom modernen Bergsteigen sagen können. Es ist aber auch gut so, denn Wissenschaft hat mit Alpinismus nie etwas zu tun gehabt und wird nie etwas damit zu tun haben. Der Wert des Bergsteigens besteht gerade darin, dass es seine Rechtfertigung in sich selbst findet. Man geht nur wegen des Bergsteigens in die Berge, wegen nichts anderem. Der Gemsjäger, der Gletscherforscher, der Ersteller einer Seilbahn, sie alle gehen zwar in die Berge, aber sie sind keine Bergsteiger im engern Sinn. So wenig wir bereit sind, einem den Titel « Alpinist » zuzuerkennen, der nur wegen Gelderwerbs die Berge aufsucht, so wenig ist einer Alpinist, der nur wegen wissenschaftlichen Erkenntnissen Gipfel besteigt. In einzelnen Fällen mag Wissenschafter und Alpinist im selben Menschen zusammenfallen, dann ist er aber nicht wegen, sondern trotz seiner wissenschaftlichen Interessen Alpinist. Und wenn wir die Klassiker ansehen, so war die Wissenschaft auch in keinem Fall der eigentliche Beweggrund. Lesen wir sie, von Saussure zu Young, dann sehen wir immer wieder, dass da andere Kräfte am Werk waren, viel stärkere als das rein wissenschaftliche Interesse, ja, dass dieses Interesse eigentlich nur als Vorwand diente zu einer Zeit, da man dem Bergsteigen noch keinen Eigenwert zuerkennen durfte.

Auch der Genuss der landschaftlichen Schönheit erklärt die Bergsehnsucht nicht. Der reine Ästhet wird dem Bezwingen hoher Gipfel verständnislos gegenüberstehen. Sein Standpunkt ist ein betrachtender, nicht ein tätiger. Er will sehen, nicht bezwingen. Hat je ein Bergsteiger einen Gipfel nur wegen der Aussicht bestiegen? Freilich ist es schön, wenn sich nach langem Aufstieg der Blick weitet, die Freie des Gipfels sich nach hartem Weg in der Wand öffnet. Aber diese Aussicht ist doch nur eine Krönung, der Abschluss einer Tour, etwas Zusätzliches, letzten Endes Unwesentliches. Wer die Berge nur ästhetisch geniessen will, bleibt im Tal oder auf dem Vorgipfel, denn von dort aus sind sie ja viel schöner, eindrücklicher als vom hohen Gipfel aus. Und wem kam je eine Tour sinnlos vor, weil Nebel und Sturm die Gipfelrast verdarb? Der Wind mag uns belastet haben, der Nebel behindert, wir mögen kräftig geflucht haben, aber das bergsteigerische Erleben, die Eindrücklichkeit einer solchen Tour sind vielleicht nur um so grösser gewesen.

Von Anfang an war Bergsteigen die Erfüllung einer Sehnsucht des modernen Menschen, dem in der Sicherheit des neuzeitlichen Lebens offenbar viel fehlte, was einem inneren Bedürfnis entsprach. Eine Sehnsucht, das ist aber etwas Gefühlsmässiges, das weder mit wissenschaftlichem Interesse, noch mit der Freude am schönen Anblick der Berge erklärt werden kann. Es ist dieselbe Sehnsucht nach dem Unbekannten, dieselbe Lockung des Abenteuers, die den Menschen über die Meere, in die Urwälder und Wüsten, an die Pole zog. Es ist der Wunsch, sich vom Gewohnten, allzu Sicheren, von allen Schranken des Alltags, der Gesellschaft, des Staates, des Berufs zu befreien. Es ist der Wunsch auch, etwas zu leisten, aus dem kein materieller Gewinn entspringt, eine Leistung zu vollbringen, nur um ihrer selbst willen, die weder messbar noch bezahlbar ist, die einfach befriedigt, weil man sie vollbracht hat. Und es ist auch die Sehnsucht, die Geborgenheit der Zivilisation, die uns vor allem und jedem schützt ( höchstens vor dem Menschen nicht ), zu vertauschen mit einem Leben, das die menschliche Kraft wieder einmal ganz nackt auf die Probe stellt, zu versuchen, ob Wille und Körper stark sind, ob sie leistungsfähig geblieben sind trotz aller Verweichlichung. Bergsteigen ist eine Reaktionserscheinung auf die moderne Lebensweise, eine « Zivilisationskrankheit », wenn man will. Naturvölker sind keine Bergsteiger.

Dieser Wille zur Leistung entspringt auch einem gewissen Ehrgeiz. Wenn man das Wort Ehrgeiz hört, dann glauben manche Leute, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen zu müssen. Seien wir ehrlich: Wer hat keinen Ehrgeiz? Und was lässt sich gegen gesunden Die Alpen - 1953 - Les Alpes15 Ehrgeiz sagen? Welche Errungenschaften der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft ruhen nicht ( wenigstens zu einem kleinen Teil ) im Ehrgeiz. Wie sollte das Bergsteigen nicht auch hier eine kleine Wurzel haben! Und mir scheint, dass gerade der bergsteigerische Ehrgeiz ein schöner Ehrgeiz sein kann. Wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher Ehrgeiz, sie alle verwirklichen sich grösstenteils auf dem Rücken des andern, Schwächern, sie bedeuten die Schwächung eines Mitmenschen. Gesunder bergsteigerischer Ehrgeiz schadet niemandem. Unter gesund verstehe ich einen Ehrgeiz, der uns fragt: Was bist Du für ein Kerl? Kannst Du das? Hast Du Dich in der Gewalt? Bist Du so stark, um 2 Uhr aufzustehen statt um 8 Uhr, im Biwak zu schlafen statt im Bett, kurz: den schwereren Weg zu gehen statt den leichtesten? Es ist der Ehrgeiz zur Selbstüberwindung, zur Askese, ein Ehrgeiz, der sich nur in der eigenen Leistung und nie im Herabwürdigen und Herabdrücken der Leistungen anderer äussern soll.

Wir alle kennen diese Beweggründe. Sie haben schon die Alten, die Klassiker, beseelt. Tuckett etwa sagt bei der Erstbesteigung der Disgrazia: « Aber in meinen Augen ist die Befriedigung, die man aus all diesen Beschäftigungen zusammenschöpfen kann, belanglos, verglichen mit dem erhebenden Bewusstsein, dass Beharrlichkeit über alle Schwierigkeiten zum Sieg geführt hat. » Und sind wir nicht alle stolz über jede Leistung, die wir uns abgerungen haben, der Junge über einen gewonnenen Fussballmatch, über ein gutes Zeugnis, über eine einwandfrei durchgeführte Kletterei, der Ältere über einen geschäftlichen Erfolg, und noch der 60jährige wird mit Befriedigung im Familienkreis erzählen, er habe den Säntis in sechs Stunden erstiegen! Und wer von uns ist nicht befriedigt heimgekehrt nach Tagen, da er primitiv, aber eigenhändig gekocht hat, da er ganz klein der Natur gegenübergestanden ist, und alle Unannehmlichkeiten, alle dann und wann aufgetauchten Stimmen: « Du bist doch ein Esel, könntest es daheim so schön haben », sind verstummt vor der Befriedigung, dass man es nicht schön in diesem Sinn hat haben wollen, dass man noch in der Lage ist, sich für kurze Zeit von all dem zu befreien, das einem im Alltag so unerlässlich scheint. Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen, Schwierigkeiten zu suchen. Es ist uns ein Beweis der Freiheit unseres bessern Selbst gegen die Bedürfnisse des Alltags, des Körpers.

Darum gingen die Klassiker in die Berge: aus Freude an der Leistung, aus Abenteuerlust. Man lese die Schilderungen von Fischer, von Young, von Whymper, wie sie erfüllt wurden vom Erlebnis des Unbekannten, des Unerschlossenen, vom Abenteuer und damit auch vom Erlebnis der Gefahr. Das ist nicht identisch mit der Verherrlichung der Gefahr. Aber jedes Unbekannte birgt Gefahren in sich, und gerade in der Gefahr werden wir uns unseres eigenen Wesens, unserer Kraft, unserer ganzen Existenz besonders bewusst. Und wie gefahrvoll musste den Pionieren diese völlig fremde, nie betretene, weg- und steglose Alpenwelt ohne Schutzhütten, ohne Führer, ohne gute Karte, ohne die Erfahrung Hunderter von Vorgängern erscheinen. Wozu brauchte es wohl mehr Mut: zum Vordringen in die unbekannte Eiswüste des Mont Blanc, auch auf leichtesten Wegen, oder zum Einsteigen in eine Wand 6. Grades, die schon zehnmal begangen ist? Niemand wird sagen können, die Alten hätten die Gefahr gemieden.

Und hier möchte ich ansetzen und behaupten: Die genau gleiche Sehnsucht beherrscht die Jungen. Auch sie wollen für kurze Zeit hinaus aus der Enge, aus dem materiellen Lebenskampf, aus der Schutzmauer, die der Staat, die Gesellschaft, die Familie um jeden baut, und um die er in der Regel herzlich froh ist. Dann und wann aber will sich der Mensch beweisen, dass er auch als Einzelwesen oder in kleinster Gemeinschaft etwas ist, dass er noch Kräfte in sich hat, die sonst nicht zur Auswirkung kommen, dass er eine Leistung vollbringen kann ohne Lohn, ohne Anerkennung, ja ohne fassbaren Sinn. Wo aber will der junge Bergsteiger von heute die Unberührtheit finden? Wo steht er allein der Natur gegenüber? Wo findet er das Abenteuer, die Freiheit? Er kann in der Hütte schlafen fast wie daheim. Die Wege sind markiert. Auf den einsamen Graten von 1900 stauen sich die Seilschaften. Ein Weg, den Güssfeldt mit bangem Erwarten und mit dem Einsatz aller Kräfte ging, ist zum Ziel von Sektionstouren geworden. Können wir es dem Jungen verargen, wenn er sein Erleben, auf das er so gut Anrecht hat wie seine Vorgänger um 1900, wenn er sein Abenteuer dort sucht, wo es noch zu finden ist: in schweren Wänden, wo er allein ist, wo ihm niemand hilft, wo er auf hartem Fels übernachten muss, wo trotz den besseren technischen Mitteln sein ganzer Einsatz nötig ist? Können wir ihm verargen, dass er nicht mit einem halben Erleben zufrieden ist, das ihm jene Routen noch bieten können, die die ganze Seele der Pioniere erfüllen konnten?

Auch eine andere Überlegung hindert uns, über die modernen Routen ein negatives Urteil zu fällen. Krone einer jeden Tour ist der Gipfel. Aber ist der Gipfel eigentliches Ziel eines Bergsteigers? Warum empört uns alle der Gedanke einer Matterhornbahn? Auch sie würde auf den Gipfel führen. Aber wir hätten den Gipfel nicht verdient. Und wir wollen ihn offenbar verdienen. Denn das Schwererrungene ist uns immer kostbarer als das Geschenkte. Der Gipfel soll uns also Belohnung für eine Anstrengung sein. Und diese Anstrengung ist unser eigentliches Ziel, der Weg ist das Ziel. Wir verzichten auf das Bähnli, weil wir die Anstrengung des Weges wünschen. Und so schätzen wir auch die Touren ein. Wen befriedigt der Bernina bei gleichen Verhältnissen nicht mehr als der Corvatsch? Und warum? Weil die grössere Anstrengung nötig war. Und dann wiederum: Wer ist nicht stolzer, erfüllter vom Biancograt als vom Südgrat? Aus demselben Grund. Wenn wir als Alpinisten aber im Weg das Ziel erblicken, wenn wir den Erlebniswert eines schwierigeren Weges höher einschätzen als den eines leichten, dann müssen wir konsequent sein, dann hat eben die schwere Tour, die moderne Tour, einen grösseren Erlebniswert, hat einen bergsteigerischen Sinn! Das Ganze ist nur noch eine Quantitätsfrage; prinzipiell haben wir dann ja gesagt zum modernen Alpinismus, wenn wir zugegeben haben, dass man einen Gipfel nicht nur auf dem leichtesten Weg besteigen soll, weil ein anderer Weg viel grössere Freuden, tiefere Erlebnisse bereit hat.

Gerade auf Grund dieser Erlebnistiefe glaube ich auch, dass der Einwand, der moderne Alpinist habe kein Auge mehr für die Natur und keine Ehrfurcht vor dem Berg, unbegründet ist. Die Natur in sich aufnehmen ist etwas Passives. Es setzt ein Öffnen aller Sinnesorgane voraus, ein Abstreifen all der Rinden und Mäntel, die sich im Alltagsleben um uns gelegt haben, wo wir so viele Eindrücke einfach an uns abprallen lassen müssen, wo wir am Schönen, an der Not und Freude der Mitmenschen, an uns selbst einfach vorbeigehen müssen, weil wir zu tun haben, Aufgaben zu erfüllen haben, uns konzentrieren müssen. Nirgends werden diese Hüllen so zerschlagen wie auf schwerer Fahrt. Der Berg hat uns ganz in Besitz genommen, klein und ausgeliefert sind wir ihm, Alltagssorgen, Alltagsprobleme liegen weit zurück. Die Schwierigkeit schärft unsere Sinne, etwas Instinktives, lang Verschüttetes erwacht und warnt uns vor Gefahr, macht uns hell wach für alles Geschehen in der Natur. Wir stehen in schattiger Wand, in Schwierigkeit. Der Kontrast mit dem Grün unter uns, der Ruhe im Tal, der Sonne auf dem Gipfel prägt sich uns unvergesslich ein. Ich habe meine bleibendsten landschaftlichen Eindrücke auf schweren Touren gewonnen. Nie vergesse ich den unendlich friedlichen, blauen kühlen See, den ich aus der Gspaltenhornwand immer wieder angeschaut habe als Symbol der Rast und Ruhe. Nie hat man so Zeit wie auf schwerer Tour, wo man warten muss, schauen kann und diese Ruhepausen einem Bilder in die offenen Sinne prägen. Keine Gipfelstunde ist so schön und einprägsam wie jene, die langen Stunden in schattiger Wand folgt, wo sich dann plötzlich der Horizont weitet, die Sonne in den Gipfelfelsen leuchtet, die grosse Ruhe über einen kommt, und man all das Schöne als Geschenk, als schwer errungenes Geschenk aufnimmt. Sicher, es gibt moderne Alpinisten, die nur Hakenrisse sehen, nur in Schwierigkeitsgraden denken, nur Routen sehen, keine Berge. Aber es gibt auch den Passwanderer, der die Blumen nicht mehr sieht, sondern nur noch deren Staubfäden zählt, um sie bestimmen zu können, oder die Gesteinsformation, um sie geologisch klassieren zu können. Vor Engstirnigkeit und Fanatismus ist keine Menschengattung gefeit. Aber so wenig jeder Blumenfreund ein sturer Botaniker ist, so wenig ist jeder junge Bergsteiger ein Hakenrissfanatiker. Man darf keine Menschenklasse nach ihren Karikaturen beurteilen.

Wer mit der richtigen Einstellung an schwere Touren geht, der wird auch die Ehrfurcht vor den Bergen nicht verlieren, im Gegenteil. Natürlich darf uns Stolz erfüllen, wenn wir auf dem Gipfel stehen, gleich welchen Weg wir gewählt haben. Aber gerade der schwere Weg zeigt uns so deutlich, wie klein wir sind gegen die Natur, wie günstig und gütig uns das Schicksal gesinnt sein muss, bis wir den Gipfel erreichen, so dass das Gefühl der Dankbarkeit jenes des Stolzes weit übertrifft. Wir haben unser Bestes gegeben, aber der Berg hat uns den Erfolg gestattet, das ist wohl der erste Gedanke nach schwerer Tour.

Damit kommen wir schliesslich an ein Kernproblem. Man wird mir entgegenhalten: « Aber es gibt doch solche junge Bergsteiger, die sich über ihre Erfolge brüsten, sich erheben über ihren Berg, über ihre Kameraden. Es gibt doch solche, die nur den Erfolg suchen, die kein inneres Verhältnis zum Berg haben, die nur ihr fragwürdiges Selbstvertrauen in den Bergen wieder aufrichten, die, im Beruf erfolglos, sich in den Bergen schadlos halten wollen, und deren Ehrgeiz vor nichts zurückschreckt. » Es gibt solche. Und man wird sie vor allem unter den « modernen » Alpinisten finden. Zugegeben. Lagarde hat gesagt: « Man findet in den Bergen nur, was man selbst hineinträgt. » Aber ich glaube an all das Positive, das ich geschildert habe, an all die Werte, die das Bergsteigen schenken kann, an die Kameradschaft, die Willensschulung, die Selbstbeherrschung, das Naturerlebnis. Doch diese Werte ruhen nicht im Berg, sie ruhen im Menschen. Der Berg weckt sie nur, sofern sie da sind. Der Berg ist ein Symbol des Guten, Edlen, nicht mehr. Denn wir wollen ehrlich sein: den Bergen selbst kommt kein ethischer Wert zu. Ein guter Bergsteiger muss so wenig ein guter Mensch sein, wie ein Velorennfahrer. Ja, selbst die notwendigsten Eigenschaften eines guten Bergsteigers: Willenskraft, körperliche Ausdauer, Selbstbeherrschung haben nichts mit Moral zu tun. Auch ein schlechter Mensch kann sein Ziel mit letzter Willenskraft verfolgen, kann sich in jeder Situation beherrschen. Entscheidend ist immer das Motiv. Wir wissen, dass die Berge zum Schauplatz masslosen nationalen Ehrgeizes gemacht worden sind; wir wissen, dass Leute in die Berge gehen, nicht um sich zu finden, sondern um vor sich zu fliehen; wir wissen, dass beste Bergsteiger charakterliche Lumpen sein können. Daher ist der Dünkel des guten Alpinisten so lächerlich. Der Hüttenbummler auf dem Weg unten kann hundertmal der bessere Mensch sein. Ja, er kann auch mutiger sein: Bergsteigermut ist ein spezieller Mut und hat oft nichts zu tun mit Zivilcourage. Die Selbstbeherrschung des Kletterers in der Wand kann im Familienleben zerbrechen und jeder Versuchung erliegen. Das fromme Märchen, dass die Berge notwendig erzieherisch wirken, stimmt nicht. Etwas aber stimmt: dass sie früher oder später jeden Menschen entblössen, ihn auf sich zurückführen, dass sie im Guten alle guten, im Schlechten auch oft alle schlechten Eigenschaften zum Vorschein bringen. Die Konsequenzen daraus, im Hinblick auf unser Thema, sind folgende: Der moderne Alpinist wird oft verdächtigt, seine Motive werden als unlauter bezeichnet, sein menschlicher Wert wird in Frage gestellt. Er selbst neigt dazu, sich mit einem Glorienschein zu versehen, sich menschlich hoch zu schätzen, eben weil er gut bergsteigen kann. Beides ist falsch. Richtig ist nur eines: die schwere Tour ist der härtere Richter, sie bringt mehr an den Tag, Gutes wie Schlechtes, aber weil das Schlechte mehr in die Augen fällt, wird es der Gesamtheit der Jungen angekreidet. Jeder findet nur das in den Bergen, was er selbst hineinträgt. Es gibt daher nur eines: den Einzelnen ansehen, kein Urteil über die Gesamtheit fällen. Und die Mehrzahl der jungen Alpinisten müsste dieses Urteil nicht scheuen.

Mit dieser menschlichen Bewertung des Bergsteigens drängt sich eine Einordnung des Alpinismus in eine Wertskala überhaupt auf. Der junge Alpinist neigt gern dazu, den Wert seines Tuns zu überschätzen. Bergsteigen ist schön, ist idealistisch, denn keine greifbaren Vorteile erwachsen für ihn daraus; ein wunderbares Gegengewicht zu unserer Welt der Zahl, des materiellen Erfolges. Es vermittelt grossartige Erlebnisse, kann uns Kraft geben und Freude. Aber nicht mehr. Es schafft keine Werte, die Leistung steht ganz für sich da; ist sie vollbracht, dann bleibt die persönliche Erinnerung, die im besten Fall durch unser Wesen auf andere ausstrahlen mag, sonst aber nichts. Es ist letzten Endes ein egoistisches Erlebnis. Die Tour gehört uns. Wir leisten nichts mit ihr für unsere Mitmenschen, wir lösen kein Problem der Gemeinschaft, helfen niemandem. Es gibt viel, das höher steht: Beruf, Familie, Gemeinschaft, Charakter. Ordnen wir das Bergsteigen dort ein, wohin es gehört: ein idealer Ausgleich zur Welt der Wirklichkeit, der effektiven Aufgaben und Probleme, eine Kraftquelle für den Menschen, eine Erholung für all das, womit ihn diese Wirklichkeit bedrängt. Aus dieser Einschätzung beantwortet sich auch die Frage danach, was man riskieren darf. Bergsteigen ist untrennbar mit Gefahr verbunden; in ihr gerade wachsen wir, sie fordert unsere Kraft heraus, wir können sie nicht missen. Maurice Herzog schreibt: « Es kann sich aber nicht darum handeln, den Bergsteiger mit dem Frontkämpfer am Vorabend einer Schlacht zu vergleichen. Ein Bergunfall ist nur ein Misserfolg, kein Märtyrertod und ohne einen zusätzlichen Wert. Der Bergtod ist kein Opfer für die Ewigkeit, und nicht einmal der höchste Berg der Welt ist die Knochen eines Sahibs oder des bescheidensten Sherpas wert. Man muss Besteigungen versuchen trotz des Risikos und nicht wegen ihm. Die Berge sind eine Quelle des Lebens. Und Gott selbst sieht den Selbstmord als grösste Beleidigung seiner Schöpfung an. » - Die Berge sind eine Quelle des Lebens. Man spürt diese Quelle schneller und voller fliessen, wenn man sich dieses Leben wieder errungen hat. Dieses Gefühl kennt jeder. Es entspringt der Gefährdung. Diese ist unausweichlich. Wie weit man in dieser Gefährdung aber gehen darf, ist eine Frage des Masses. Jeder muss sie selbst lösen. Diese Lösung wird bestimmt sein durch seine Bewertung des Bergsteigens, durch die Bewertung des eigenen Könnens und durch die Einschätzung der Gefahr. Das Resultat wird bei jedem anders sein. Wer etwas riskiert im klaren Bewusstsein, sein Leben damit leichtsinnig aufs Spiel zu setzen, ist zu einem falschen Resultat gekommen. Die schwere Tour aber ist nicht gleichbedeutend mit der grössten Gefahr. Statistisch kann man sogar feststellen, dass wenige Unfälle auf extremen Routen passieren. Das liegt zum Teil in der Technik, zum Teil im Können der Leute begründet. Es kommt nicht darauf an, ob einer schwere oder leichte Touren macht; die Hauptsache bleibt, dass er jene Touren macht, die er verantworten kann. Und immer wird eines oberster Grundsatz bleiben: Wir gehen in die Berge um zu leben, nicht um zu sterben.

Der moderne Alpinismus ist also nichts so Neuartiges. Er ist das Kind des klassischen, das zwangläufige Ergebnis derselben Sehnsucht und Wünsche der Menschen. Und sein Wert beurteilt sich letzten Endes nach dem Menschen, der ihn ausübt. Er schenkt alles Schöne wie der klassische Alpinismus, er hat dieselben Gebrechen. Alles vielleicht in noch deutlicherer Form. Wenn wir unsere jungen Alpinisten zu wirklichen Bergsteigern machen wollen, dann nicht dadurch, dass wir ihnen die Haken wegnehmen, sondern dadurch, dass wir sie lehren, ihre Touren im richtigen Geist zu unternehmen, dass wir an ihrem Charakter, nicht an ihrem Handwerkszeug ansetzen.

Feedback