Mont Blanc und Aiguille du Midi

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON R. ZELLWEGER, NEUCHÂTEL

Als im Jahre 1787 der Gelehrte H.B. de Saussure seine denkwürdige Mont Blanc-Besteigung ausführte, verwirklichte er, 47jährig, einen Wunschtraum seiner Jugend:

« ein Vorhaben », schreibt er nach seiner Tat, « das ich so oft aufgegeben und wieder aufgenommen hatte und das für meine Familie eine Quelle fortwährender Besorgnis war. Es war für mich zu einer Art Krankheit geworden: meine Augen konnten dem Mont Blanc, den man in unserer Gegend von so vielen Orten aus sieht, nie begegnen, ohne dass ich eine schmerzliche Ergriffenheit empfand. » Das Geständnis des grossen Wissenschafters und Alpenkenners berührt durch seine Menschlichkeit. Im Stil seiner Zeit drückt er mit Noblesse und Einfachheit - vielleicht zum erstenmal -ein Gefühl aus, das auch uns Bergsteigern eines weniger empfindsamen Jahrhunderts vertraut geblieben ist.

Das Verlangen, « auf den Mont Blanc zu gehen », oder der Wunsch, « ihn gemacht zu haben », wie man heute sagt, quälte mich seit Jahren, ohne dass er verwirklicht werden konnte. Das Problem bestand für mich nicht mehr, wie bei Saussure, in der Wahl der Route, sondern im Schul-kalender, im Zustand der Hütte, des Himmels - und des Schnees; denn es sollte eine Skifahrt werden. So kam nur Pfingsten in Betracht ( 20.22. Mai 1961 ), da wir nur dann drei volle Tage frei hatten.

So langweilig bei Touren ins Wallis der Rückweg sein kann, so erregend ist der Aufbruch. Auf die Minute genau treffen sich die acht Teilnehmer und werden samt Rucksäcken in den Wagen verstaut. Im frühen Morgen verlassen wir die Neuenburger Gegend im 100 km-Tempo. Der Halt, den wir zwei Stunden später unserem Chauffeur zuliebe im Café de la Place in Martigny einschalten, ist nicht ohne Reiz; aber der schönste Augenblick der Hinfahrt ist das Picknick auf dem Col des Montets, auf dem von Blöcken umgebenen grauen Rasen. Das Wetter scheint aufzuhellen, das Mont Blanc-Massiv ist von Sonnenstrahlen umschmeichelt; eine köstliche, sorglos genossene Stunde!

Weniger zuversichtlich verbringen wir die Stunde in Chamonix, wo wir auf die Kabine der Seilbahn zum Plan-des-Aiguilles warten: unsere Laune hängt von der Laune der Sonne ab, die sich eifcn wieder versteckt hat.

Wenn man im Dorf am klassischen Denkmal vorbeigeht, folgt man vergeblich dem Bronze-zeiger von Jacques Balmat, der zum Mont Blanc hinaufweist; man entdeckt keine Spur der Gipfelkuppe.

Auf Plan-des-Aiguilles, auf 2200 m, vollzieht sich die Rassentrennung: reine Skifahrer und Ski-fahrer-Bergsteiger. Die Grosszahl der Passagiere wechselt nur die Kabine und fährt trotz verhängtem Himmel zur Aiguille du Midi weiter. « Die vom Mont Blanc » sind von da an auf ihre eigenen Beförderungsmittel angewiesen.

Beim Aufbruch hat die Landschaft wenig Reiz: der Weg vom Bahnhof führt über rostige Kabel, Schrotthaufen und anderen Zivilisationsabfall. Es ist die Grenze zwischen zwei Welten, zwischen Höhe und Tiefland. Der Gegensatz ist heute um so sichtbarer, da jene mit der Schneegrenze und, leider, auch mit der Nebelgrenze zusammenfällt. Der Nebel beunruhigt uns aber nicht zu sehr; denn wir sind nicht allein. Viele Partien sind uns schon vorangegangen, und ihre Spuren weisen uns die Richtung.

Man quert zuerst den Glacier des Pèlerins und geht dann dem Fuss der Aiguille du Midi entlang bis zum Glacier des Bossons. Der Weg ist, besonders im letzten Teil, nicht sehr anstrengend. Die schroffen Hänge und Couloirs, die zu queren sind, können aber gefährlich werden. Von einem ersten Versuch am Mont Blanc her hatte ich sie in schlechter Erinnerung. Aber diesmal - sei es, dass wir uns viel höher oben befinden, oder nehmen wir im Nebel die Situation weniger wahr, oder ist der Schnee sicherer: jedenfalls gelangen wir in aller Ruhe zum Glacier des Bossons. Da, wo man ihn betritt, ist er ganz flach, jedoch gegen die « Jonction » ändern sich die Verhältnisse sehr rasch. Die Neigung bleibt schwach, aber man befindet sich plötzlich in einem Netz von Gletscherspalten. Vor vier Jahren hatten wir sie zur gleichen Jahreszeit bei strömendem Regen passiert. Diesmal schneit es, und man sieht nur ein paar Meter weit. Wir kreuzen mehrere andere Partien, und beim Anblick ihrer braunen Gesichter bedauern wir, dass wir die Fahrt nicht ein paar Tage früher machen konnten. Ihre frischen Spuren entheben uns wenigstens der Sorge um den Weg in einer Region, wo die Orientierung bei schlechtem Wetter ernste Probleme stellen würde.

In den Steilhängen unterhalb der Hütte schätzen wir den Komfort der Harscheisen, mit denen unsere Ski ausgerüstet sind. Mit ihrer Hilfe überholen wir nicht wenige andere Skifahrer. Knappe drei Stunden nach unserem Aufbruch stellen wir die Ski an den Fuss der Felsen, auf dem die Hütte steht. Wir streben dieser so rasch als möglich zu, denn ein Wind kommt auf, und plötzlich ist es sehr kalt. Eine letzte Anstrengung, und wir betreten die Cabane des Grands Mulets, auf 3020 m.

Es ist ein gewaltiger Kontrast zwischen der früheren, elenden Unterkunft und dem jetzigen Bau. Er dürfte die Pessimisten und « Propheten der Vergangenheit » nachdenklich stimmen Auch die Sentimentalsten konnten der alten schmutzigen und verfallenden Hütte keinen Reiz mehr abfinden. Sie starb keines schönen Todes: die Seele hatte die Hülle längst verlassen. Die neue Hütte dagegen ist prächtig. Die Kehrseite des Fortschritts - es gibt auch hier eineist, dass man das Vergnügen mit allzu vielen teilen muss. Für 80 Personen gebaut, war sie, als wir ankamen, erst halb besetzt. Wir hatten uns jedoch Plätze reservieren lassen und wurden vom Hüttenwart als Bevorzugte behandelt.

Während wir, sehr früh, unser Menu der « Table d' hote » verzehrten, kamen fortwährend Neue an. In immer kleineren Abständen, und bis die Nacht anbrach, sahen wir durch die Fensterluken aus Tiefe und Nebel, bei fallendem Schnee, immer wieder Partien auftauchen. Es gab bald keinen freien Platz mehr, so dass wir so schnell als möglich unsere Schlafstellen aufsuchten. Am andern Morgen vernahmen wir, dass gegen 220 Personen - wenn auch nicht alle liegend oder schlafend -die Nacht in der Hütte verbracht hatten. Was uns betraf, waren wir unser fünfundzwanzig in einem für 16 Personen vorgesehenen Schlafraum. Ich musste an die drei einsam verlebten Tage denken, die wir im Jahr vorher an Pfingsten in der Weissmieshütte verbracht hatten, und hoffte, dass uns der nächste Tag für die schlaflose Nacht entschädigen werde.

Es schneite die ganze Nacht, aber gegen 1 Uhr konnte man die Lichter im Tal wahrnehmen, und alles machte sich zum Aufbruch bereit. Es gab ein unbeschreibliches Durcheinander, wobei jeder fürchtete, in dem angehäuften Material etwas von seiner Ausrüstung liegen zu lassen oder zu verlieren. Der Hüttenwart brachte es fertig, uns ein Frühstück vorzusetzen. Nach anderthalb Stunden haben wir unsern Platz in der Reihe, die im Gänsemarsch sich vorsichtig zum Gletscher hinabbewegt, um in den Hang einzusteigen. Es ist noch ganz dunkel. Jeder trägt seine Laterne, und die Lichterprozession in dieser Winternacht ist einzigartig.

Als wir unsere vereisten Ski anschnallen, stellen wir fest, dass an die 30 cm Schnee gefallen ist. Aber er stört uns kaum, denn als die Reihe an uns ist, können wir der ausgezeichneten Spur folgen, die die andern für uns getreten haben. Die Equipe an der Spitze führt mit erstaunlicher Sicherheit. Nach der entnervenden Untätigkeit in der Nacht ist jedermann froh, sich Bewegung verschaffen zu können, und es geht ziemlich rasch vorwärts. Die Ungeduldigsten brechen aus der Kolonne aus und öffnen eine zweite Piste, die den Zickzack der ersten abschneidet. Trotz dem Marsch haben wir Musse, das Erwachen des Tages zu verfolgen. Das graue Dämmern und der tiefhängende Himmel versprechen keinen schönen Tag, aber es ist windstill und sehr kalt. Müheloser als vor vier Jahren überwinden wir die Spaltenzone unter dem Petit Plateau und fassen Fuss auf dieser ersten Stufe.

Beim Aufstieg zum Mont Blanc auf dem gewöhnlichen Weg wird das Terrain, wenigstens bis Vallot, immer gleichmässiger, je mehr Höhe man gewinnt. Jedenfalls konnten wir an diesem Tag einfach einen Fuss vor den andern schieben, wobei wir aber jedesmal einen kurzen Atemhalt einschalteten, denn der Hang vom Petit zum Grand Plateau, auf 4000 m, ist angetan, einen ausser Atem zu bringen. Wenn man diese Stufe erreicht hat, stellt man mit Genugtuung fest, dass es einige hundert Schritt eben weitergeht. Dazu treibt uns die Kälte vorwärts und der Anblick des Gipfels, der, während man über die horizontale Fläche gleitet, scheinbar so nah und doch so fern vor einem aufsteigt.

Wir gönnen uns also auf diesem « Frühstücksplatz » keine Atempause und steigen in den langen, mässig ansteigenden Hang ein, der zum Col du Dôme führt. Unsere « Gänsemarsch-Reihe » zieht sich immer mehr in die Länge, und weiter oben steigen wir in kleinen Gruppen Richtung Vallothütte. Im Verlauf dieses immer mühsameren Anstiegs überhole ich mit Genugtuung den Punkt, wo unser letzter Versuch im Schnee und Nebel steckenblieb. Diesmal ist die Sicht gut, aber der Wind wird lästig. Hundert Meter unter den beiden Hütten stecken wir unsere Ski ein und befestigen die Steigeisen. Ich selbst wollte möglichst schnell in den Schutz der Hütte gelangen, um mir ein Paar Socken als Überhandschuhe anzuziehen. Überdies war ich gespannt auf diesen legendären Ort und zweifelte nicht, dass mich die Kameraden dort zu einem wohlverdienten Halt einholen würden. Ich weiss nicht, welche Zeit es war; meine Uhr wie auch der Photoapparat waren blockiert. Als weitere Überraschung gab die Feldflasche, vor dem Aufbruch mit heissem Tee gefüllt, keinen Tropfen her, ebensowenig das Fläschchen mit Sonnenschutzöl. Alles war gefroren. Der kleine « Palast », in dem ich eine Viertelstunde lang auf einer der komischen Metallpritschen sass, die das einzige Mobiliar bilden, strahlte gar keine Wärme aus, so dass ich ohne Bedauern dem Ruf meiner Freunde folgte, die es vorzogen, sofort weiterzugehen. Wir bilden zwei Viererseilschaften. Ich führe die zweite. Während unsere Gruppe ihre Vorbereitungen beendet, beginnt die erste den ersten Buckel des Grates, der vor uns aufsteigt, zu erklettern. Aber kaum haben auch wir uns in die Sache eingelassen, kommen sie uns, von Wind und Kälte zurückgetrieben, von oben her schon wieder entgegen. Was machen? Die meisten Partien scheinen zwischen dem Col du Dôme und Vallot aufgegeben zu haben, aber auf dem Grat herrscht noch ein beträchtliches Kommen und Gehen. Wenn schon das Vorrücken mühsam ist, so ist das Stillstehen fast unerträglich. Um nun unser Verhalten zu verstehen, ist in Betracht zu ziehen, dass unser Urteil durch die Höhe und die entfesselten Elemente getrübt war. Jedenfalls stiegen wir, anstatt die Lage gegenseitig zu besprechen, weiter, um unsere Chance zu versuchen.

Auf den Bosses du Dromadaire, auf 4550 m, wünschte sich einer von uns loszuseilen, um abzusteigen. Zu dritt gingen wir ohne rechte Überzeugung weiter, bei einer Bise, die einem den Atem verschlug. « Die Erschöpfung, die die verdünnte Luft hervorruft, ist absolut unüberwindbar », schreibt Saussure im Bericht über seine Mont Blanc-Besteigung. Und so ist es tatsächlichSaussure fährt dann weiter: « Das einzige, was mir gut tat und meine Kräfte hob, war die frische Luft, die der Nordwind brachte. Wenn ich im Anstieg mein Gesicht nach dieser Seite wandte und die Luft in grossen Zügen einatmete, konnte ich ohne Zwischenhalt fünfundzwanzig bis sechsundzwanzig Schritte machen. » Das war nun bei uns anders: die fürchterlichen Windstösse zwangen uns, den Kopf abzuwenden und stillzustehen. Bei den Rochers de la Tournette hiess es übrigens warten, bis der Grat frei war von den Partien, die weiter oben aufgegeben hatten und absteigen wollten. « Es geht nicht », sagten sie. Aber gleichzeitig konnten wir feststellen, dass uns nur noch ein letzter Abhang vom Gipfelgrat trennte, auf dem trotz allem mehr als eine Seilschaft vorrückte. Rückblickend bedaure ich heute, dass wir nicht durchhielten. Aber als wir uns ansahen, um zu beraten, konstatierten wir, dass unsere Nasen und Wangen weiss waren und zu erfrieren begannen. Die Gegenwart anderer Seilschaften hätte uns ermutigen können, aber wir hatten auf einmal den Eindruck eines allgemeinen « Rette sich, wer kann! » und entschieden uns plötzlich zur Umkehr.

Auf halbem Weg zur Hütte trafen wir auf unsre andere Seilschaft, die, nachdem sie sich besser eingemummt hatte, sich ihrerseits wieder auf den Weg machte. Der Augenblick für den neuen Angriff war gut gewählt. Während unseres Abstiegs hatte der Wind den Himmel klargefegt; nur noch ein paar weisse Wolken zogen über den Gipfel hin. Als wir Vallot erreichten, stellten wir nicht ohne Ärger fest, dass die Aufhellung weiterging und sogar die Bise abzunehmen schien. Einer meiner Kameraden, der während des ganzen Aufstiegs der unternehmendste gewesen war, bestand darauf, mit mir zu zweit und ohne Sack einen letzten Versuch zu wagen. In rascher Gangart erstiegen wir den ersten Buckel - wo wir zu unserer Überraschung auf unsere Freunde stiessen, die, auf eine Höhe von etwa 4700 m vorgerückt, ein zweites Mal von der Kälte zurückgetrieben wurden. Sie überzeugten uns, dass nun des Hinundherjagens genug sei und wir besser taten, zusammen endgültig umzukehren, solange es Zeit war.

Um Mittag sind wir wieder bei der Hütte. Die Ski werden angeschnallt, und die Abfahrt beginnt. Am Anfang ist der Schnee verweht und hart, vom Col du Dôme an aber tief und pulvrig. Wir durchpflügen ihn in hundert kraftvollen Kurven. Auf dem Grand Plateau tauchen wir wieder endgültig in den Nebel. Glücklicherweise können wir, um die Grands Mulets zu finden, den zahlreichen Pisten unserer Vorgänger folgen, was wir zu schätzen wissen. Die Landschaft mit ihren gigantischen Proportionen beeindruckt uns auch auf der Abfahrt, und man begreift hier, am Ort, dass der Mont Blanc Schauplatz so vieler Tragödien gewesen ist. Die Spaltenzone passieren wir rasch und ohne Zwischenfall. ( Kuriositätshalber sei bemerkt, dass von den etwa zweihundert Personen, die mit uns den Aufstieg unternahmen, unterhalb Vallot kaum ein Dutzend angeseilt war. Die meisten sind von der Sicherheit der Strecke überzeugtDie vorsichtige Abfahrt im Nebel schien endlos, bis wir mit einem letzten schrägen Gleiten im dicken Pulverschnee der charakteristischen kleinen Mulde am Fuss der Hütte anhielten. Da

wir nicht eine zweite Nacht darin verbringen wollten, setzten wir die Abfahrt bald fort. Unsere Hoffnung, die Nebeldecke bald zu durchstossen, erfüllte sich noch nicht, und fast tastend folgten wir unserem Vordermann über Vertiefungen und Buckel des wilden Gletschers. Der Schnee war -erstaunlich in Anbetracht der Stunde und Jahreszeitpulvrig bis zum Plan des Aiguilles! So machte uns die kritische Passage unter der Aiguille du Midi wenig Sorge. Gegen Ende der Fahrt hellte das Wetter etwas auf, und wir konnten sie mit ein paar schönen Abfahrten beenden.

Bei der Seilbahnstation sahen wir, dass es fast bis ins Tal geschneit hatte. In der Kabine erklärten uns andere Skifahrer, dass sie des schlechten Wetters wegen auf die Abfahrt durchs Vallée Blanche verzichten mussten, weil sie fürchteten, den Weg zu verfehlen.

Chamonix bietet an einem regnerischen Sonntagabend keinen idealen Aufenthalt. Wir verbrachten dort ein paar langweilige Wartestunden, bis der Tag mit einer angenehmen Überraschung endete. Zur Nachtessenszeit führten uns unsere Automobilisten nach Montroc vor ein Chalet, das der Tourenleiter für uns öffnete. Nach der kurzen, schlaflosen Nacht auf Grands Mulets und einem über zwanzigstündigen Tag fanden wir die Betten, die auf uns warteten, köstlich.

Als wir am Pfingstmontagmorgen die Läden öffnen, segeln weisse Wolken am blauen Himmel, und wir beschliessen, uns für den gestrigen missratenen Tag mit einer Abfahrt durchs Vallée Blanche zu entschädigen. Bis das Frühstück und die Ausrüstung bereit sind und wir dann Chamonix erreichen ist der Himmel bedeckt!

Der Aufstieg zur Aiguille du Midi bleibt auch von der Seilbahnkabine aus ausserordentlich eindrücklich. Man gibt sich Rechenschaft über die Vertikalität der grossen Routen um Chamonix. Kaum oben angelangt, sagt uns der Stationsbeamte: « Dépêchez-vous de descendre, le temps se gâte! » Als wir die Passerelle zwischen den beiden Gipfeln passieren, stellen wir fest, dass der Montag nicht besser als der Sonntag sein wird.

Jedenfalls hatte der Berg eine neue Lektion für uns bereit. Beim Tunnelausgang, der zum Gletscher führt, empfängt uns ein Windstoss, dass uns Hören und Sehen vergeht. Kaum sind wir ein paar Schritte den Kamm hinab, begegnet uns ein junges Genfer Paar, das zur Station zurück will. « Es ist unhaltbar », sagen sie. Es ist nicht leicht, aneinander vorbeizukommen, weil das Handseil, das sonst die Passage erleichtert, fast unbrauchbar ist. Wie die Genfer sehen, dass wir zur Abfahrt entschlossen sind, wagen sie doch, sich uns anzuschliessen. Wir wissen, dass auf der andern Seite des Passes Windstille ist. Und wirklich ist das Ärgste bald hinter uns. Nach fünfzig Metern kann man die Ski anschnallen.

Bevor wir losfahren, zählen wir unsre Häupter und sehen, dass uns ausser dem Genfer Paar auch ein Führer aus Chamonix mit seinem Kunden, einem Herrn aus Lyon, gefolgt ist. Gleichzeitig stellen wir fest, dass wir nicht die einzigen sind, die sich über das Wetter, das hier oben herrschen werde, einige Illusionen gemacht haben: der Lyoner ist ohne Windjacke, nur im Pullover und ohne Mütze. Ich leihe ihm meine. Die Genferin hat kein Halstuch, und galant bietet ihr einer von uns seines an. So machen wir Bekanntschaft und kommen rasch überein, die Abfahrt gemeinsam zu unternehmen - genauer gesagt: der Führer, den wir fragen, ist gern einverstanden, dass wir ihm folgen. Übrigens kennt er seinen Kunden nicht, auf den er, wie er sagt, heute morgen « gestossen sei », ohne zu wissen, was er von ihm erwarten könne.

Fahren wir los! Die Sicht ist schlecht, der Schnee nicht so tief, aber auch weniger gleichmässig als am Mont Blanc. Was uns aber mehr aufhält, ist der Herr aus Lyon. Die Ski, die er in einem Geschäft in Chamonix gemietet hat, gleiten schlecht, und wir wachsen sie. Irrtum! Nun gehen sie zu rasch für den Fahrer, der sie im tiefen Schnee nicht beherrscht. Er stürzt häufig und ermüdet bald. Da die oberen Hänge im Vallée Blanche nicht steil und ganz gefahrlos sind, wartet der Führer nur alle fünfhundert Meter auf ihn, während unser Leader sich um ihn kümmert und anhält. Als wir wieder einmal warten, beim Gros Rognon, bemerken wir, dass die Nachhut nicht folgt. Im Gegenteil, sie steht um den Lyoner herum, der am Boden liegt. Zum Teufel! Das sieht nach einem Unfall aus!... Der Führer erklärt mit einem wohltönenden Fluch: « Ich wäre gescheiter im Bett geblieben heute morgen! » Wir steigen zurück. Was fehlt dem Unglücklichen? Eine Verstauchung? Ein Bruch? Man weiss es nicht. Jedenfalls wird er nicht aus eigener Kraft hinabgelangen. Wir sind auf 3400 m, es ist nicht sehr kalt, aber das Wetter bleibt trüb. Und zu unserem Erstaunen fährt an diesem Pfingstmontag keine einzige Partie hinter uns durchs berühmte Vallée Blanche. Eine paradoxe Situation: Gestern waren wir zweihundert auf den Hängen des Mont Blanc, und jetzt sind wir absolut allein in dieser vielbesuchten Gegend. Wenn nur einer von allen einen Rettungsschlitten zur Verfügung hat; unserer ist im Chalet geblieben! Glücklicherweise führt der Führer seinen mit, Modell « Robinet ». Er gleicht, in robusterer Ausführung, unserem Gaillard-Dufour, und wir montieren ihn ohne grosse Mühe. Der Führer scheint mit uns zufrieden zu sein; denn er duzt uns von jetzt an.

Nach einer Stunde ist die Kolonne bereit: vorn zwei Pfadfinder, dann der Führer, der den Schlitten mit zwei gekreuzten Stöcken leitet, und zwei Stemmspezialisten, die mit Hilfe unseres Mannschaftsseils bremsen. Der Rest des Trupps bildet die Reserve und trägt die Säcke. Was die Hauptperson, den Verletzten, anbelangt, der mit der Lawinenschnur verschnürt ist wie eine Salami-wurst: der hat eine Spritze bekommen und verhält sich vorzüglich. Er scheint sein Missgeschick nicht tragisch zu nehmen und die « Skiabfahrt » durchs Vallée Blanche in Ruhe zu geniessen.

Die Umstände sind günstig. Die ersten beiden Abhänge, die vor uns liegen, indem wir den Gros Rognon umgehen, sind ein ideales Gelände, um die Technik einer solchen Rettungsübung auszukosten. Die Schneeschicht nimmt rasch ab, und wir bringen in schneller Fahrt ein gutes Stück Weg hinter uns. Der Schlitten, wie der Verletzte halten sich tapfer. Glücklicherweise verläuft auch die nächste Phase der Abfahrt, welche Gerät und Retter auf eine härtere Probe stellt, gut.

Beim Gletscherabsturz des Glacier du Géant am Fuss des Petit Rognon wird aus dem behaglichen Gleiten auf gleichmässiger Oberfläche nach und nach ein mühsamer Flankenabstieg. Der Führer, welcher weiss, was auf uns wartet, überlegt sich, ob es nicht besser wäre, den Verletzten in die Requinhütte zu bringen und die Rettungskolonne zu alarmieren. Da wir ihm versichern, unser Möglichstes zu tun, entschliesst er sich doch, das Abenteuer zu versuchen. Kaum wieder unterwegs, verstehen wir sein Zögern. Der Abstieg über die Séracs des fast 400 m hohen Abfalls beginnt mit dem Passieren eines schmalen, in einen ungeheuren Block geschnittenen Eisbandes. Es wird ein Seil gespannt, die vier Stärksten entledigen sich ihrer Ski und tragen den Schlitten mit grosser Mühe hinüber. Nach dieser bösen Stelle fahren wir langsam, aber gleichmässig, zwischen den Séracs hin- und herlavierend ab. Zum Glück ist die Piste gut markiert, und der weiche Schnee erlaubt, die Bewegungen unter Kontrolle zu halten. Dagegen ist das Terrain sehr ungleichmässig und überall von Spalten durchzogen. Um die aufhaltenden Manöver in den engen Kehren zu vermeiden, erfand der Führer ein speditiveres System. Indem er über die steilsten Stellen zu Fuss abstieg, zog er den aufgestellten Schlitten nach, während wir ihn von Stufe zu Stufe mit einer Seillänge sicherten. Weiter unten verlangten die vielen Spalten grosse Vorsicht und zwangen den Führer, seine Bretter wieder anzuschnallen. Ich erinnere mich genau an folgenden Zwischenfall: Um die Schneebrücken über den Spalten nicht zu stark zu belasten, vermieden wir es, wenn immer möglich, dass sie mehrere von uns gleichzeitig betraten. Aber an einer Stelle mitten in den Séracs war der Führer gezwungen, den Schlitten auf einer unsicheren kleinen Plattform abzustellen, bis wir nachkamen, um ihn für eine heikle Passage besser zu sichern. Als wir nun mit Unbehagen zu viert oder fünft auf der kleinen Fläche standen, tönte aus den Abgründen unter unseren Füssen ein unheimliches Knacken, gefolgt vom Getöse eines Blockes, der dort unten zermalmt wurde. Ein beunruhigender Lärm, der den Einsturz der Brücke befürchten liess. Vorsichtig und doch so schnell als möglich verliessen wir den unsicheren Platz... Das war zum Glück die letzte Aufregung.

Der « Speisesaal » auf etwa 2400 m, wo die Resten vieler Picknicks herumliegen, bedeutet das Ende der Schwierigkeiten. Die Genfer verlassen uns hier, um die Bergungskolonne aufzubieten. Als die letzten Spalten überwunden sind, bringen auch wir in schneller Fahrt die letzten sieben Kilometer des auslaufenden Gletschers, die uns noch von Montenvers trennen, hinter uns. Diese letzte Strecke unserer Fahrt ist nicht ohne Reiz. Die Handhabung des Rettungsschlittens stellt gar kein Problem mehr und lässt uns Musse, einen Blick auf die Berge mit ihren zauberhaften Namen zu werfen, die links und rechts an uns vorbeiziehen. Ihre Gipfel sind allerdings in der Wolkendecke versteckt. Ganz zuletzt aber verlangt der Gletscher nochmals unsere ganze Aufmerksamkeit: in der untersten Partie ist er vollständig schneefrei. Beim Passieren der letzten Spalten erwacht der Verletzte. Er scheint diese Abfahrt von 1500 m, die fast vier Stunden gedauert hat, nun so rasch als möglich zu Ende führen zu wollen. Während am Fuss der Leitern, die nach Montenvers hinaufführen, der Schlitten demontiert wird, klettert er, vor allem mit Hilfe seiner Hände, auf allen Vieren die Kehren des Fussweges hinauf. Da die Bergungsmannschaft noch nicht eingetroffen ist, nimmt ihn der Führer - ein richtiger Athletauf den Rücken, und so beladen ersteigt er die langen, fast senkrechten Leitern bis zum Fussweg nach Montenvers. Erst ein paar hundert Schritte vor der Seilbahnstation kann er den Verletzten den vier Rettern der Bergungskolonne übergeben.

So endete für uns der touristische Teil dieser Fahrt; aber mehr als je schien es uns unerlässlich, dass sie in einer kleinen Après-Ski-Sitzung mit dem Weinglas in der Hand gefeiert werde. So nahmen wir mit Vergnügen den Vorschlag des Führers, uns in einem Café in Chamonix zu treffen, an. Aus dem Spital kommend meldete er uns, dass das Bein gründlich gebrochen sei.

Die Tradition will, dass nach einer erfolgreichen Fahrt der « Herr » dem Führer einen Trunk offeriert. Wir hingegen haben das Vergnügen, vom Chamoniarden Bernard Devouassoud eingeladen zu sein, der seinen zufälligen Mitarbeitern auf diese Art seinen Dank abstattet. Diese haben sich, wie er sagt, « fast wie Professionelle » benommen. Aber bevor uns das Kompliment... und der Wein zu stark in den Kopf steigen, verabschieden wir uns von ihm mit einem Auf Wieder-sehnÜbers.: F. Oe.

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