Mont Pourri

TARENTAISE VON S. WALCHER, WIEN

Mit 1 Bild ( 73 ) Erste Liebe Das Leben der Menschen in seiner grundsätzlichen Gleichheit und zugleich unerschöpflichen Mannigfaltigkeit ist doch ein grosses Wunder an sich. Was da alles im Ablauf eines Menschenlebens geschehen kann und geschieht, wie da oft manches wichtig erscheint, was kurze Zeit später bedeutungslos ist, und wie sich dagegen ein unscheinbares Ereignis oft durch ein ganzes Menschenleben hinzieht, um dann nicht selten als unerfüllte Sehnsucht mit dem Träger selbst zu vergehen; manchmal aber ist es wohl auch so, dass zuletzt doch noch die Erfüllung kommt Und dann erst, wenn uns eine solche Sehnsucht ein ganzes Leben lang treu begleitet hat, zuerst vielleicht als wildes Drängen und Begehren in uns wohnend, dann als kritisches Betrachten, dann erst mag eine späte Erfüllung eine wirkliche Erfüllung sein, wenn unser Verlangen nach dem geliebten Gegenstand nicht mehr loderndes Feuer in uns ist, sondern im Lichte einer geläuterten Erkenntnis schon mehr als Symbol, denn als Mensch oder Berg vor uns steht.

Als Dr.Blodig und Purtscheller in der Zeitschrift des DuÖAV, Jahrgang 1895 und 1896, ihre Aufsätze « Aus den Bergen der Maurienne und der Tarentaise » schrieben, war ich ein Jahr alt. Als ich diese Aufsätze zum ersten Male las, zählte ich 16 Jahre. Ist das nicht die Zeit der aufkeimenden, ersten Liebe? Und ist es nicht seltsam, dass gerade der Name « Mont Pourri » den jungen Leser gefangennahm? O, ich erinnere mich noch lebhaft an jene schöne Zeit. Wie gross war damals noch die Welt, wie voll von Hoffnungen und Erwartungen und wie unerreichbar diese Berge der Landschaften mit dem geheimnisvollen Namen - Maurienne und TarentaiseUnd ist es nicht wieder seltsam, dass mich der Klang dieser Namen ein ganzes Leben lang nicht verliess? Dass er selbst im Kampfgetümmel des ersten Weltkrieges nicht erlosch und ihn auch nicht das Rauschen und Bersten der fallenden Bomben des zweiten Krieges zum verstummen brachten? Ja, es gibt doch seltsame Dinge im Leben der Menschen, vielleicht mehr, als sie selbst glauben oder als ihnen bewusst wird. Vielleicht ist aber dieses « Bewusstwerden » schon eine « Gnade », die heute, in einer Zeit mit so wenig « Seele » nicht mehr jedem Sterblichen zuteil wird.

Lange Werbung Wenn ich in einer ruhigen Stunde über die Erfolge der jungen Bergsteigergeneration in allen Teilen der Alpen und auch in Übersee nachdenke, ihre Leistungen bewundere und mich über den dadurch sieht- und merkbar werdenden Lebenswillen freue, so schleicht sich dabei doch auch wieder ab und zu ein bisschen Wehmut in das Herz. Werden sie, alle diese jungen « Sieger und Eroberer », auch noch in zehn oder gar zwanzig und mehr Jahren mit dem gleichen Einsatzwillen auf die Berge steigen? Werden dann noch « Trieb und Wille » genügen, um alle Mühen und Gefahren auf sich zu nehmen? Wird dann vielleicht nicht doch die Liebe fehlen? Werden sich die Leidenschaft, der Tatendrang, der Geltungstrieb, Mut und Kraft allmählich zur Abgeklärtheit eines Kugy oder Vögelin, um nur zwei von den « Alten » zu nennen, umwandeln? Was wäre das Bergsteigen mehr als eine sportliche Betätigung mit nicht mehr ganz verdecktem Wettbewerb, wenn es nicht ein ganzes Leben erfassen, ausfüllen, gestalten und ihm ein glückseliges Erlebnis vom ersten bis zum letzten Tag sein könnte? Da soll es junge Stürmer geben, die in ein bis zwei Jahren von den ersten Versuchen in einer Kletterschule bis zur Guglia und bis zum Grépon eilen, als Eingehtour die Pallavicini-Rinne durchsteigen und im gleichen Sommer den Peutereygrat überschreiten und die Jorasses über die Nordwand erklettern. Tüchtig, sicher, sehr tüchtig sogar, aber, was bleibt ihnen bei diesem Tempo in einigen Jahren noch an « grossen Fahrten » übrig? Werden sie dann nach diesen berühmten Touren noch auf den Normalwegen auf andere Berge steigen? Wie anders war da doch der Gang der Entwicklung der alten Generation! Wie wurde da gründlich vorbereitet, geübt und vom einfach-ungefährlichen zum schwierig-gefährlichen Unternehmen fortgeschritten. Und in wie vielen Bergsteigerleben stand da ein Berg oder Weg, den heute die Jugend im ersten Anlauf ersteigt oder begeht, als letztes Ziel einer nimmermüden Sehnsucht. Aber vorbei ist vorbei! Der Jugend hat zu allen Zeiten Gegenwart und Zukunft gehört, und sie hat sich zu allen Zeiten ihr Leben nach eigener Art und mit eigener Kraft gestaltet. Keine abfällige Kritik falle auf sie, Rat und Mahnung sei nur auf Wunsch gegeben. Auch die jungen Bergsteiger rücken mit jedem Tag von der Jugend ab und wachsen mit jeder Stunde hinein in das wartende Alter. Möge all den Jungen und Kühnen aber auch einmal die Gnade der Reife beschieden sein und mögen ihnen ihre Erlebnisse, geistig-seelisch verarbeitet, zur wahren Frucht ihres grossen und kühnen Einsatzes werden.

Vom Tage, da ich die Aufsätze Dr. Blodigs und Purtschellers las, bis zum Tage der Erfüllung, vergingen mehr als vierzig Jahre. Was sie der Menschheit brachten, weiss jeder, der sie erlebte. Mein Weg ging trotz all dem gewaltigen Geschehen, das mich materiell und seelisch arg getroffen hat, unbeirrt von Berg zu Berg, und nie war die Sehnsucht nach ihnen grösser als in den Tagen, da ich mit einem gebrochenen Arm mit vielen hundert anderen Verletzten im Luftschutzkeller eines Spitales lag, das unter direktem Artilleriebeschuss stand, von brennenden Gebäuden umgeben war und keinen Notausgang hatte. Wie lockend standen da die blumigen Bergwiesen vor meiner inneren Schau, wie gewaltig war das Verlangen nach den Bergen, nach der Sonne, dem blauen Himmel und der grossen Stille. Und merkwürdig, immer erinnerte ich mich in solchen Augenblicken auch der Stunden, da die Phantasie aus den schwarzen Buchstaben einer Buchseite eine Wunderwelt baute und das Herz in ihr die erste Liebe gebar. So wurde jeder Gang zu den Bergen und jede Stunde geistiger Beschäftigung mit ihnen auch zum langen Werben für ihn, den fernen Mont Pourri.

Späte Erfüllung « Gut Ding braucht Weil! » Manchmal ist es aber auch so, dass man die nahe Erfüllung eines alten Wunsches absichtlich noch etwas hinausschiebt, um die köstliche Vorfreude zu verlängern. So machte ich es auch im Jahre 1954. Wir waren wieder mit viel Freude in das Bergland von Savoyen gekommen, hatten zwei Tage, hart um die völlig winterliche Grande Casse gekämpft, auf der Aiguille de Polset einen herrlichen Sonnentag verlebt und im dichten Nebel auf dem Gipfel der Dent Parrachée gestanden, nachdem uns vorher im Aufstieg zum Col de la Parrachée eine Stunde lang heftiger Steinschlag zwang, unter einem Fels Schutz zu suchen. Dann aber wurde es mit dem Mont Pourri ernst. Von Lanslebourg fuhren wir mit einem Autobus hinein nach Bonneval und hinauf auf den Col d' Iseran ( 2770 m ). Einen kurzen Aufenthalt benützten wir, um ein Stück östlich des Passes den Hang hinaufzusteigen, um nach unserem Berg Ausschau zu halten. Und - da stand er auch schon! « Der Pourri ist mehr als ein Berg, er ist ein Gebirge für sich h>, sagt Blodig in seinem Aufsatz, und Purtscheller 2 spricht von dem « gewaltigen, mit allen Attributen des Herrscheramtes ausgerüsteten Mont Pourri ». Beide haben recht. Ich fand und finde auch heute noch keinen Vergleich, und wir beide, meine Begleiterin und ich, sprachen beim Anblick dieses Berges auch kein Wort. Der Berg hatte uns gefangengenommen, und der Weg zu ihm begann.

In Bourg-St-Maurice war die Autofahrt zu Ende. In wenigen Minuten brachte uns die Bahn nach Landry. In der Laube einer gemütlichen Schenke verzehrten wir unser Abendessen und fuhren dann mit einem Privatauto hinauf nach Peisey. Der nächste Tag, es war der 7. September, sah uns die Strasse hinaufschreiten nach Nancroit und weiter zum letzten Ort des Tales, nach Les Lanches. Auf einer alten Holzbrücke überschritten wir den schäumenden Ponturin und stiegen dann langsam steil hinauf zur Pourrihütte, dem Refuge F. Regaud. Ausser einem jungen, bärtigen Hirten waren nur zwei junge Franzosen und eine junge Französin anwesend. Das Wetter war leider nicht sehr günstig; es war sehr dunstig, und im Laufe des Nachmittages kam es zweimal zu einem Gewitterregen. Am Abend erhielten wir zahlreichen Besuch. Eine Schar Mädchen, zwischen 10 und 1 Zeitschrift des DuÖAV 1896, Seite 203.

2 Zeitschrift des D u ÖAV 1896, Seite 197.

14 Jahren, unter der Führung einer energischen Nonne, beglückte uns. Schon fürchtete ich um die Nachtruhe. Aber: die Nonne führte ein ausgezeichnetes Regiment, und nach dem Abendessen herrschte Stille, die nur ab und zu von einem leisen Mädchengekicher unterbrochen wurde und leider auch vom Trommeln des Regens auf dem Hüttendach.

Trotzdem das Wetter am nächsten Tag völlig aussichtslos war, verliessen wir doch gegen 7 Uhr morgens die Hütte, um einen Versuch zu unternehmen. Sehr steil führt ein bescheidenes Steiglein auf die Moräne hinter der Hütte hinauf. Nach einer Stunde steilen Anstieges verliessen wir den Rücken der Moräne und betraten das graue Eis des Glacier de Geay. Es war nicht viel zu sehen. Ich stieg eine steile, graue Eiswand vorsichtig hinauf, doch als sich der Neuschnee immer mehr und öfter zwischen den Zacken der Steigeisen ballte und das Steigen höchst unsicher machte, kehrten wir um. Wir sassen dann unter einem Felsblock auf der Moräne, eingehüllt im Zeltsack, und warteten; leider umsonst. Da das Wetter nicht günstiger wurde, kehrten wir etwas kleinlaut zur Hütte zurück. Inzwischen war die Nonne mit ihren Schützlingen abgezogen, und auf den Strohsäcken lagen nur ein junger Franzose und der bärtige Hirte; abends waren wir dann mit dem Hirten allein. Im Laufe des Nachmittages hatte sich das Wetter beruhigt, und mit viel Hoffnung auf einen schönen Tag krochen wir unter die rauhen Decken.

Am nächsten Morgen, Donnerstag, den 9. September, war der Himmel wolkenlos, die Luft kalt und die Erde gefroren. Um 5 Uhr 40 verliessen wir zum zweiten Male die Hütte und stiegen wieder die steile Moräne hinauf. Heute sah die Welt ganz anders aus; schön war sie, aber wir hatten nur Augen für unseren Berg. Was wir sahen, war erhaben und - steil. Unterbrochen von drei Brüchen stieg der Gletscher wohl mehr als tausend Meter hinauf zu den verschneiten Felsen des Nordgrates und zur Schulter des Berges. Breite Klüfte durchzogen den Hang gerade dort, wo die Anstiegsroute verlief, und über ihnen bauten sich die geneigten Eistürme der Brüche auf. Ich wusste, da hiess es eilen, um den grössten Teil des Anstieges hinter uns zu bringen, ehe die Sonne kam. So knirschten bald die Zacken der Eisen im harten Eis und gefrorenen Schnee, und Seillänge um Seillänge stiegen wir höher. Kalt war es, sehr kalt! So überschritten wir die breiten Spalten mit dem Gefühl grosser Sicherheit und querten unter den geneigten Eistürmen, bis die Brüche unter uns lagen und der letzte Hang, vielleicht der steilste, hinaufleitete zur Schulter. Als wir sie erreichten, traten wir zugleich aus dem kalten Schatten in das helle Licht der Sonne. Immer aber war es noch kalt, und nicht weniger steil als bisher leiteten der letzte Hang und ein Firnrücken hinauf zum Gipfel. Drei und eine halbe Stunde nach dem Aufbruch von der Hütte standen wir auf dem höchsten Punkt des Berges, 3782 m hoch; nun war auch der Mont Pourri Wirklichkeit geworden! Ein Händedruck, ein frohes Leuchten in den Augen, ein wolkenloser Himmel und ein Blick auf den ganz nahen, wirklich « Weissen Berg » waren die Zeugen eines kurzen, glückseligen Augenblickes. Und so ist es im Leben wohl oft, dass eine jahrelange Sehnsucht zum Schlüsse in einem kurzen, flüchtigen Augenblick ihre Erfüllung findet. Wohl dem aber, der ein Herz hat, in dem das köstliche Glücksgefühl der Sekunde der Vollendung ungetrübt weiterlebt bis zum endgültigen Abschied von den Bergen und dieser Welt.

Inzwischen war die Sonne höher gestiegen, und schon merkten wir, wie sich ihre Wärme auf die Gletscher rund um unseren Berg legte. Da sah ich auf einmal die breiten Spalten und drohenden Eistürme vor mir und drängte zum Abstieg. Noch einmal liessen wir unsere Augen all die Schönheit, die uns ringsum umgab, erfassen, und dann stiegen wir langsam und vorsichtig hinab in die blauweisse, flimmernde Tiefe. Mag sein, dass ich einen Augenblick zu wenig auf das Seil achtete oder dass Giovanna zu wenig vorsichtig abstieg, ihre Eisen verfingen sich in einer Seilschlinge, und sie stolperte .«Achtung! » rief ich, « Achtung! » und hielt das Seil straff. Und dann, wenige Meter später, just an der steilsten Stelle, verfingen sich ihre Eisen neuerdings, wieder ein Stolpern, und schon bohrte sich eine Zacke der Eckensteineisen neben dem Schienbein tief in die Wade des rechten Beines. Stark quoll das helle Blut aus der tiefen, 4 bis 5 cm langen Wunde und färbte den Schnee. Merkwürdig, hatten Blodig und Purtscheller bei ihrer Ersteigung dieses Berges nicht ähnliche Unfälle? Rasch wurde die klaffende Wunde mit einem ungebrauchten, weissen Taschentuch verbunden, und dann hiess es weiter, hinab. Giovanna war sehr tapfer und ging mit dem verletzten Bein nicht weniger schnell als vorher. Heiss schien jetzt die Sonne auf uns herab. Schnell war der Schnee weich geworden, unsicher hingen die Brücken über den tiefen, dunklen Spalten, und im Flimmern der heissen Luft schienen die Türme der Brüche zu wanken. Aber wir kamen überall gut durch und flott tiefer. Dann der letzte, steile Eishang; noch einige Stufen geschlagen, um beim Sichern einen guten Stand zu haben, und der ebene Gletscherboden war erreicht. Jetzt erst fand die Sehnsucht ihre letzte und volle Erfüllung. Hingestreckt auf warmen Felsplatten, umgeben von einer grandiosen Landschaft, losgelöst von allem Wünschen und Verlangen, befreit von Sorgen und Ängsten hielten wir eine lange und köstliche Rast. Weisse Wolken zogen über den blauen Himmel, duftige Nebelschleier schlangen sich zeitweise um den hohen Gipfel, die Schmelzwasser rauschten und machten die grosse Stille erst zur Wirklichkeit; von den schwarzen, wasserüberronnenen Felsen des steilen Westgrates knatterte fast pausenlos der Steinschlag, in den Brüchen dröhnte es, und dann gaukelte, als lieber Gruss aus der grünen Tiefe des Tales, ein bunter Falter durch die warme Luft.

Mittag war vorbei, als wir unseren Märchenplatz verliessen und langsam zur Hütte hinabstiegen. Noch eine kurze Rast, dann schlössen wir die eiserne Tür der Hütte und gingen langsam hinab nach Les Lanches. Langsam schritten wir dahin, langsam nicht nur wegen des verletzten Beines der Gefährtin, wir gingen langsam, weil wir mit jedem Schritt nochmals die Fülle des Tages erleben wollten, weil wir mit jedem Blick nochmals seine Schönheit festhielten, weil er ja mit jedem Augenblick schon wieder Vergangenheit wurde.

Unten, in Les Lanches, nach den letzten, alten Holzhäusern, überholte uns ein kleiner, schwarzer Wagen. Ein freundlicher Anruf, eine freundliche Antwort, und schon waren wir der ermüdenden Strassenwanderung hinab nach Peisey enthoben. Aber Madame Platroz war noch liebenswürdiger. Nach einer Stunde Rast holte sie uns von unserem Gasthof ab und fuhr uns hinaus bis nach Moutiers, wo wir von der freundlichen Dame mit herzlichem Dank Abschied nahmen.

Unsere Fahrt zum Mont Pourri war zu Ende. Am nächsten Tag fuhren wir hinaus nach Grenoble, besuchten die Königin der Chartreuse, die liebliche Chamechaude, und schlössen unsere Sommerfahrt mit der Ersteigung der selten besuchten Grande The de l' Obiou. Alles aber, was mir vor dem Mont Pourri aus den Bergen kam und was sie mir nachher noch schenkten, nichts kann den Glanz trüben, der diese « erste Liebe » umgibt. Und als wir ein Jahr später, am Ende der Sommerfahrt 1955, dieser regennassen und schneekalten, wieder nach Bourg-St-Maurice kamen und über den Kleinen Sankt Bernhard hinüberfuhren in das Aostatal, die Berge rundum im Nebel versunken waren, da löste sich plötzlich hoch über dem Tal aus dem düsteren Nebeigewoge eine feine, blendendweisse Spitze. Einen Augenblick huschte ein goldener Sonnenstrahl über sie hinweg und liess sie hell aufleuchten, dann verdeckte sie wieder die dunkle Wolkenwand: der Mont Pourri hatte gegrüsst.

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