Monte Disgrazia

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Marianne Zimmermann, Scharans

« Das det ännä isch Disgrazia oder Pizzo Bello !» so sprach der JO-Leiter zu uns, als wir damals mit den Ski zum Piz Turba aufstiegen.

Dies war meine erste Begegnung mit dem mächtigen Berg im Süden. Dann ziehen weitere Bilder des markanten Gipfels an meinem inneren Auge vorüber. Tauchte seine Silhouette nicht immer wieder anlässlich der verschiedensten Touren am nahen oder fernen Horizont auf, wobei stets alle OZwischenlager!camps intermédiairesExkursionen! Touren zu Fuss excursions et courses à pied den 250 mm Jahresniederschlag eine beträchtliche Menge abbekommen haben.

Die letzte Nacht - in einem Lagerschuppen verbracht - ersparte uns glücklicherweise ein feuchtes Biwak; ein Zigeunerlager hätte allerdings wohl kaum farbenfroher und unordentlicher aussehen können!

Ende gut, alles gut; glücklich und gesund durften wir heimkehren in unser schönes, warmes Land. Dieser Aufenthalt hat in uns tiefe und unvergessliche Eindrücke hinterlassen. Ist doch aus einem Kindheitstraum schliesslich Wirklichkeit geworden, eine Wirklichkeit, die sich auf Grund ihres intensiven Erlebens wieder zu diesem nächtlichen Traum verdichtet hat. Noch einmal ist mir damit das für mich einmalige Abenteuer in seinem ganzen Ablauf bildhaft in Erinnerung gerufen worden.

Dankbar und zufrieden werde ich nun mein Ressort meinem Nachfolger übergeben können.

mit einigem Respekt von der Disgrazia sprachen? So wuchs in mir allmählich der Wunsch, dem südlichen Nachbarn selber einen Besuch abzustatten. Die Sonne strahlt am tiefblauen Himmel. Bald sinken wir im Schneematsch ein. Hie und da klafft eine Gletscherspalte. Die Kehlen sind beinahe ausgetrocknet. Wir, Erich Vanis aus Wien, Heinz Bartsch aus Wolfratshausen und ich, stapfen den Ventinagletscher hoch. Dessen Traversierung in Richtung Bivacco Taveggia gestaltet sich abwechslungsreich, da er von zahlreichen Spalten durchzogen wird. Mit der bei diesen Verhältnissen nötigen Vorsicht betreten wir die Schneebrücken, die - trotz der Wärme - unser Gewicht tragen.

Über eine Kuppe kommend versperrt uns nun der von der Punta Kennedy herunterziehende Felsgrat den Weiterweg. Beinahe zuoberst, einem Adlerhorst gleich, thront das Bivacco Taveggia. Wir packen das Seil in den Rucksack. Jeder sucht sich selber den Weg durch das leichte Felsgelände, wobei herumliegende, verrostete Konservenbüchsen als Orientierungshilfen dienen.

Die hier verschiedenenorts über den warmen Granit rieselnden feinen Wasseradern fangen wir mit einem Wrack von Pfanne auf. Welch ein Genuss, wenn endlich das köstliche Nass durch unsere durstigen Kehlen rinnt!

Heutiges Ziel ist das Bivacco Oggioni, benannt nach dem italienischen Alpinisten Andrea Oggioni, welcher 1961 beim Drama am Frêneypfei-ler umkam.

Wir seilen uns jetzt wieder an und queren den Gletscher auf der Ostseite der Punta Kennedy. Nachdem bisherigen, uns gemütlich scheinenden ersten und längeren Teil des Anstieges empfinden wir den zweiten umso mehr als ermüdend und anstrengend. Erich spurt im Neuschnee. Da wir beide zu den Mittelgewichtlern gehören, hält sich für uns das Einsinken noch in erträglichem Rahmen. Schlimmer ergeht es unserem Kameraden, der als lebende Reklame für die bayerische Küche gelten darf. Immer wieder steckt er knietief im Schnee und mit seinen « urbayerischen » Kraftausdrücken hätte sich rasch ein kleines Büchlein füllen lassen.

Um die Mittagszeit erreichen wir unser Nachtlager. Das « Bivacco » findet sich am Nordostgrat auf der Forcla Disgrazia. Seine Abgeschiedenheit wirkt beeindruckend: Schnee, Eis, Fels, nirgends ein Gebäude, nirgends andere Seilschaften oder wenigstens Spuren von ihnen. Dabei haben wir Hochsommer. Das Innere der Biwakschachtel überrascht uns aufs angenehmste. Alles wirkt sauber, viele dicke Wolldecken, Geschirr, ja sogar Kerzen sind vorhanden.

Wir teilen die Arbeit auf. Während Heinz die Küche übernimmt, erkunden Erich und ich den morgigen Weg.

Laut Beschreibung geht 's unweit der Biwakschachtel das Couloir hinunter. Gesichert steigen wir ungefähr drei Seillängen in tiefem, aufgeweichtem Neuschnee ab. Der weitere Routenverlauf liegt nun klar vor uns: vollständiger Abstieg auf den Vedretta del Disgrazia, dann zum Wandfuss hinauf, um zum Einstieg zu gelangen, der sich in der Fallinie über dem Schrund oder etwas rechts davon befindet. Paul Nigg schreibt in seinem Bergeller Führer, dass die Begehung der Dis-grazia-Nordwand von der Alpe di Zocca zehn bis zwölf Stunden beansprucht. Von unserem Ausgangspunkt dürfen wir mit zwei bis drei Stunden weniger rechnen. Wir fühlen uns für die lange Tour gut vorbereitet, gehören doch Roseg-Nord-ostwancl und Ortler-Nordwand beim einen oder andern von uns bereits zum Erinnerungsschatz dieses Sommers. Zufrieden über das Entdeckte, aber auch voller Spannung, wie die Verhältnisse in der Wand sein werden, kehren wir zum « Bivacco » zurück.

In der Morgendämmerung eilen wir über die vorbereitete « Treppe » durchs Couloir hinunter. Auf ungefähr 3000 Meter betreten wir den Vedretta del Disgrazia. Schon erstrahlen die Gipfel des Fornogebietes im ersten Sonnenlicht des Tages.

Nach Überwindung von 200 Höhenmetern stehen wir am Bergschrund. Ein Rauschen und eine Wolke feiner Schneekristalle weht uns ins Gesicht. Wir binden uns in unterschiedlichen Abständen ans Seil. Dabei ist mir etwas eigenartig zumute. Gleich werden wir einsteigen, und dies in eine Wand, von der es heisst, sie stelle eine der schwierigsten und längsten Eistouren der Alpen dar. Es soll selbst Jahre geben, wo sie keine einzige Begehung aufweist. Wir sind somit völlig auf uns allein angewiesen, aber gerade das wirkt auf mich be- sonders faszinierend. Ist es doch die Einsamkeit, die uns wieder auf das « Du » mit der Natur zurückführen kann. Welch ein Unterschied zu denjenigen Touren, wo sich die Seilschaften beinahe um eine « Platzkarte » streiten! Hier dagegen lässt sich weit und breit kein anderes menschliches Wesen blicken.

Erich packt die erste Seillänge direkt an. Nach einigen Metern werden seine Bewegungen immer langsamer und vorsichtiger. Dem Eis der Brücke ist überhaupt nicht zu trauen. Sorgfältig, Schritt für Schritt, steigt er zurück, um auf der Unterlippe des Bergschrundes nach rechts zu queren. Endlich findet er eine übersteigbarc Stelle und ver- schwindet. Langsam gleitet das Seil durch meine Hände. Diesmal scheint es zu klappen. « Nachkommen! » tönt 's hinter dem Eiswulst hervor. Gemeinsam folgen Heinz und ich in etwa dreimetri-gem Abstand.

Wir müssen bald feststellen, dass sich die Verhältnisse nicht von der allerbesten Seite zeigen. Obschon wir doch gestern soviel Neuschnee antrafen, liegt hier wo er uns nun willkommen wäre - bloss eine ganz dünne Schicht von wenigen Zentimetern, die zudem mit ihrer eisigen Unterlage noch kaum eine Verbindung eingegangen ist. Nur die Front- und Vorderzacken der Steigeisen verwendend, kommen wir bei Erich an. Sofort vergrössert Heinz den Standplatz, während ich die Sicherung des Seilersten übernehme. Erich müht sich weiter hoch, schlägt eine Zwischenschraube und geht das Seil aus. Jetzt ist die Reihe erneut an uns.

Leicht links haltend, gewinnen wir an Höhe, wobei von Zeit zu Zeit einer von uns sein Bein schüttelt, da die Waden solch einseitige Belastungen gar nicht zu schätzen pflegen.

Nurzu schnell verrinnen die Stunden. Wir konzentrieren uns derart intensiv auf jede Seillänge, dass erst ein Blick auf die Uhr uns merken lässt, wie lange wir uns schon in der Wand befinden. Standplatz vergrössern, sichern, Eisschrauben herausdrehen, Weitersteigen. Nur zwischendurch gelingt es, etwas von dieser urtümlichen Land- schaft in uns aufzunehmen. Wir nähern uns der steilsten Stelle. Ausgerechnet jetzt muss das Eis am schlechtesten sein! Dort wo die Pickelspitze hint ri f ît, springt es in spröd zersplitternde Platten weg. Jede Bewegung muss überlegt und mit Vorsicht ausgeführt werden. Die Neigung beträgt nun etwa 60 Grad. Öfters jagt ein Windstoss die Wand herunter und wirbelt den verbliebenen Schnee auf. Die Muskeln der Waden verkrampfen sich und schmerzen vom stundenlangen « Spitzentanz ». Wie froh sind wir um die Zwischenstufen, die Erich schlägt. Endlich, nach drei Seillängen, nimmt die Steilheit ab. Das Ziel, der oberste Teil des Schneegrates, liegt beinahe greifbar vor uns. Leicht rechts haltend legt Erich seine Spur. Da, er hat 's geschafft, verschwindet hinter dem Grat, so dass bloss noch sein Helm sichtbar bleibt. Heinz und ich nehmen die letzten Meter in Angriff.

Ein Blick nach Süden, dann auf den sichernden Kameraden und schliesslich hinunter in die bereits im Schatten liegende Nordwand, wo wir die letzten Minuten und Stunden durchlebt haben. Ich fühle mich plötzlich leicht und frei wie ein Vogel.

Auf dem Grat ist eine tiefe Spur im Neuschnee gegraben. In wenigen Minuten erreichen wir so mühelos den Gipfel. Welche Freude!

Verschwunden sind die schmerzenden Waden. Wir sitzen an der warmen Sonne, schauen, staunen. Hat der Berg an der Schlüsselstelle den Namen Disgrazia beinahe zu Recht getragen, so trägt er seinen andern Namen, nämlich Pizzo Bello, jetzt wohl ebenfalls zu Recht. Wir drei immerhin sind davon überzeugt. Der überwältigende Tiefblick bis ins Grüne hinunter beweist uns zugleich, dass alle Anmarschwege, selbst jener für die Normalroute, enorm lang sind.

Mir hat das Glück besonders gelacht. Bei meinen Träumen über eine Besteigung der Disgrazia habe ich stets an den Normalweg gedacht. Heute ist uns nun die selten begangene Nordwand gelungen, womit mir buchstäblich « Fünfer und Weggli » beschert wurde.

Wegen des vielen Neuschnees entscheiden wir uns, auf der Südseite abzusteigen. Wir folgen dabei dem WNW-Grat und erreichen über den Preda-Rossa-Gletscher das Rifugio Ponti.

Bald nehmen wir den Weiterweg unter die Füsse. Bei Preda Rossa, 1995 Meter, treffen wir auf eine breite, geteerte Strasse, doch nirgends zeigt sich ein Auto. Ein mächtiger Bergsturz hat auf etwa 1000 Meter über Meer einen Teil der Strasse verschüttet und sie damit unpassierbar gemacht. Zwischen Sasso Bisolo und Foppa bricht die Nacht herein. Wie Zigeuner legen wir uns in einer Strassenkurve unter den Sternenhimmel.

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