Mount Buffalo in den Alpen von Victoria

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VON GEORGE J. BERGMAN, SIDNEY

Mit einer Karte und 3 Bildern ( 51-53 ) Als am 25. November 1824 die beiden australischen Forschungsreisenden H. Hume'und W. H. Hove112 auf einer Reise durch die damals noch völlig unbekannten Täler südlich des Murray-flusses ein isoliertes Bergmassiv erblickten, nannten sie es Mount Buffalo. Die Silhouette des Berges mit seinen drei Hauptgipfeln, Horn ( 5645 Fuss ), Hump(5571 Fuss ) und Cathedral ( 5490 Fuss ) erschien ihnen wie die Gestalt eines schlafenden Büffels. Mit einiger Fantasie kann man ihnen wohl beistimmen3.

Das Buffaloplateau liegt im Nordosten des Staates Victoria, etwa 12 Meilen nördlich der südlichen Ausläufer der Australischen Alpen. Von Norden nach Süden hat es eine Ausdehnung von 7 Meilen, von Osten nach Westen in seinem breitesten Teil eine Breite von 4 Meilen. Nach Westen und Norden läuft es in zwei Seitenketten ( West- und Nord-Buffalo ) aus, die mit dem Hauptmassiv durch schmale Kämme verbunden sind. Ein tiefes Tal, durch welches der Buffalo Creek ins Tal hinunterfliesst, trennt Nord-Buffalo von dem Hauptplateau.

Der gewaltige Granitblock des Buffalomassivs erhebt sich mehr als 2000 Fuss über den es umgebenden Schiefer- und Sandsteinhügeln. Der Grund hierfür liegt in der grösseren Widerstandskraft des Granits gegen die zerstörenden Naturkräfte wie Wasser, Hitze, Kälte. Einst waren diese Granitmassen von Flözgebirge bedeckt. Das Erkalten des Granits erstreckte sich auf eine lange Zeitperiode und erfolgte unter starkem Druck infolge des Gewichtes der daraufliegenden Flözmassen. Diese Schichten sind nun, ebenso wie ein grosser Teil der zuoberst liegenden Granitfelsen völlig verschwunden. Es ist anzunehmen, dass die ursprüngliche Bergkette viele tausend Fuss höher war als das, was nun von ihr übriggeblieben ist. Die härtesten Granitteile haben den Witterungseinflüssen widerstanden, überragen das allgemeine Niveau des Plateaus und bilden Gipfel wie Horn, Hump, Cathedral u.a. Der Buffalogranit ist meist hellgrau, sehr hartkörnig und ist durchzogen von dunklem Quarz und rosa Feldspat mit eingeschichteten Flocken von schwarzem oder leicht braunem oder seltener weissem Glimmer4.

Eine besondere Merkwürdigkeit des Buffaloplateaus sind jedoch die Hunderte von herumliegenden Monolithen, Felsblöcken jeder Grosse, deren eigenartige Formen zu den kuriosesten Namen Anlass gegeben haben. An jeder Ecke bekommt die menschliche Fantasie neue Nahrung. Hier begegnen wir Namen wie der Klavierfelsen, der Elefant, der Leviathan, der Pilz, der Eierfelsen, Mohammeds Grab, des Teufels Bett, der Wollballen, das Schloss von Edinborough, der Torpedo, Og, Gog und Magog ( die biblischen Riesen ), die Henne mit den Kücken und anderen mehr. Ver- 1 Alexander Hamilton Hume, geb. 18. 6. 1797 Parramatta ( Austr. ), gest. 19. 4. 1873 Yass ( Austr. ).

2 William Hilton Hovell, geb. 26. 4. 1785 Yarmouth ( England ), gest. 9. 11. 1875 Sydney ( Austr. ).

3 W. Bland: Journey of discovery to port Phillip, 1831.

4 E. I. Dünn, F. G. S., The Buffalo Mountains. A Geological survey ( Victorian Railway Print. ), und R. S. Mitchell, Geology of Mount Buffalo ( Victorian Naturalist, Band LVI, No. 11, Seite 183 ).

Witterung von Querspalten hat zur Absplitterung und Formung dieser Gebilde geführt und auch in letzter Linie den gewaltigen Granitwall der berühmten Buffalo Gorge ( Schlucht ) geschaffen, aus deren Mund der Crystal Brook ( Kristallbach ), ein feiner, klarer Bergbach, im munteren Buffalo-wasserfall herabstürzt.

Nachdem Hume und Ho vel 1824 den Berg als erste Weisse gesehen, aber nicht erstiegen hatten, sollten noch etwa 30 Jahre vergehen, bevor der erste Europäer seinen Fuss auf ihn setzen würde.

Das will jedoch nicht heissen, dass das Plateau nicht schon vorher menschliche Besucher gesehen hat. Im Gegenteil. Die Täler um den Buffalo, das Ovental und das Bucklandtal, waren stark von Eingeborenen besiedelt. Zahlreiche Fragmente von aus Stein gefertigten Waffen und Werkzeugen sind in den Höhlen und Felsschluchten in der Nähe des Horns gefunden worden.

Die Eingeborenen hielten im Sommer auf dem Berge ihre Weihezeremonien, in denen die jungen Burschen in die Geheimnisse des Stammes eingeweiht wurden, ab, und der Grund, weshalb sie sich gerade hier versammelten, war sehr eigenartig. Sie assen sich nämlich an den fetten Bogongmotten ( Agrotus suffusa ), die zu Tausenden auf dem Berg herumschwirrten und an den Oberflächen der Granitfelsen klebten, satt. Die Motten wurden gerupft, gebraten und zu einem Brei zerstampft. Sie sind sehr fetthaltig und schmecken wie süsse Nüsse. Obwohl den Wilden in den ersten Tagen infolge des ungewohnten Fettgenusses sehr übel wurde, gewöhnten sie sich jeweils sehr rasch an diese Kost und stiegen nach einigen Wochen wohlgenährt wieder ins Tal herab. Von weit und breit kamen die Stämme zu diesem « Mottenfest » herbei1.

Und dann kam der weisse Mann und verdrängte sie von ihren Jagdgründen.

Im Januar 1853 war der berühmte Botaniker Ferdinand von Mueller2 von der Regierung in Victoria als Botaniker angestellt worden, und bald darauf machte er sich mit dem Direktor des Botanischen Gartens in Melbourne, Mr. Dallachy, auf, um die Berge von Victoria zu durchforschen. Dallachy begleitete Mueller jedoch nur bis zu dem kleinen Flecken Beechworth am Fuss der Berge, wo sie wahrscheinlich den Plan für Muellers erste Entdeckungsreise ausarbeiteten. Während Dallachy nach Melbourne zurückkehrte, begab sich Mueller allein in das unbekannte Gebirge. Sein offizieller Bericht an das Parlament von Victoria über seine erste Reise, ein seltenes Dokument 3, zeigt ihn nicht nur als einen gründlichen Forscher und aufmerksamen Beobachter, sondern vor allem auch als einen überaus unerschrockenen und trotz seiner kränklichen Natur ausdauernden Bergsteiger. Um keine Pflanze zu übersehen - Tausende sind von ihm entdeckt und benannt worden -, ging er meist zu Fuss und hielt sein Packpferd am Zügel. Das Pferd trug ausser seinen Instrumenten meist nur einen Sack mit Mehl, aus dem er sich kärgliche Speisen bereitete. Im übrigen ernährte er sich von Beeren und Feldfrüchten, die er instinktiv als essbar beurteilte. Im Februar oder März 1853 erreichte er Mount Buffalo und erstieg als erster « Weisser » das Horn, das er Mount Aberdeen nannte, sowie einen anderen etwa 4000 Fuss hohen Gipfel. Er kam nicht von der abschüssigen Seite des Oventals, von dem heute der Aufstieg erfolgt, sondern muss offenbar durch die wilden Flanken der Südseite, vielleicht auf Pfaden, die die Eingeborenen ausgetreten hatten, heraufgeklettert sein, eine alpine Tat, die ihm als einem damals noch ungeübten Bergsteiger alle Ehre macht. Wenn man dazu noch bemerkt, dass die Eingeborenen in den Tälern das Eindringen der Weissen keineswegs mit freundlichen Augen sahen, kann man seine Kühnheit nur bewundern.

1 S. R.M.itchell, Aborigines at Mount Buffalo ( Victorian Naturalist, Band LVI, No. 11, Seite 184 ).

2 Ferdinand Jakob Heinrich Mueller, geb. 30. 6. 1825 von dänischen Eltern in Rostock ( Mecklenburg-Schwerin ), Regierungsbotaniker und später Direktor des Botanischen Gartens in Melbourne, Dr. phil., wurde Baron und von Königin Victoria in den persönlichen Adelsstand erhoben. Er starb 10. 10. 1896 in Melbourne.

3 First General Report of the Government Botanist an the Vegetation of the Colony, dated September 1853, in « Votes and Proceedings of the Legislative Council of Victoria » 1853/54, Vol. 1, part 2, pages 895-907.

Bald nach Mueller kamen jedoch weitere Besucher. Der grosse « Goldrush » in Australien hatte begonnen. Auch in den Tälern am Fuss des Buffalo war Gold gefunden worden, und diese Täler wurden sogar unter die reichsten Goldfelder Australiens gezählt. Unter den Goldgräbern, die von Neusüdwales nach dem Bucklandtal gekommen waren, befanden sich zwei unternehmungslustige Brüder, Jakob Samuel und Johann Manfield. Im Goldgräberlager kam es zu einer Diskussion über die Formation des Berges und ob wohl Gold dort oben zu finden sei. Manche glaubten -von Muellers Ersteigung wussten sie natürlich nichts -, das sei gar kein Plateau, sondern nur ein scharfer Grat. Die Manfieldbrüder machten sich daher kurz entschlossen auf und erstiegen - wahrscheinlich 1854 - den Berg auf einem nach dem Bucklandtal herabziehenden, bewaldeten Grat. Am zweiten Tage ihres Besuches erkletterten sie das Hörn1. Sie fanden kein Gold, aber überraschende Naturschönheiten. 1856 sollen sie dann die ersten Touristen, Bergarbeiter vom Bucklandtal, auf das Horn geführt haben. Sie überquerten mit ihnen das Plateau bis zur Schlucht.

Jakob Manfields älteste Söhne fanden bald darauf in der Nähe der Schlucht durch die Flanke des Berges einen Weg ins Ovental, und ein Reitpfad ( Staker's track ) wurde ausgehauen, um die Ersteigung zu Pferde zu ermöglichen. Schliesslich bauten die Manfields am Fuss des Berges eine Herberge für ihre Touristen. Es dauerte nicht lange, da fanden die Landwirte im Tale heraus, dass die Hochmoore auf dem Plateau sich sehr gut zu Viehweiden eigneten und trieben im Sommer ihre Kühe hinauf.

So kam es, dass auch in Melbourne schliesslich interessierte Kreise von den Naturwundern am Mount Buffalo erfuhren und die mühsame Reise dorthin auf sich nahmen. Die Kuhhirten und die Manfields dienten ihnen als Führer.

In den achtziger Jahren bekam die Touristik einen grossen Aufschwung. Ein reich gewordener Goldgräber, G.V. Smith, der inzwischen Abgeordneter für das Ovental geworden war, und Dr. J. F. Wilkinson, ein Arzt, der sich im Ovental niedergelassen hatte, wurden die treibenden Kräfte für die Erschliessung des Berges. Dr. Wilkinson gründete einen - nun längst entschlafenen - « Alpen-Club » und machte für Mount Buffalo Propaganda2. Der Club bestellte die beiden Hirten William Weston und Edward Cariile als offizielle Führer. Anzeigen im Melbourner « Argus » priesen Mount Buffalo als « Die Schweiz von Victoria » an...

Eine Strasse wurde aus Club- und Distriktmitteln gebaut, und die Touristen begannen nach dem Ovental zu fluten. 1890 baute Cariile ein bescheidenes Gasthaus auf dem Plateau. Die Manfield-familie, die immer noch als Führer wirkte - ein weibliches Familienmitglied, Alice Manfield, war wohl eine der ersten Frauenführerinnen der Welt -, siedelte sich nun an dem schönsten Aussichtspunkt, direkt über der Schlucht, an.

Die Regierung von Victoria sah sich sehr bald genötigt, die Schönheiten des Gebietes, besonders die von der Bau- und Minenindustrie bedrohten Wälder zu schützen. Am 31.10.1898 wurden 2880 Morgen des Buffalomassivs als Nationalpark erklärt. Der Park wurde am 6.10.1908 mit weiteren 23000 Morgen vergrössert, zu denen am 20.11.1934 die restlichen 1300 Morgen kamen, so dass heute das Naturschutzgebiet des Mount Buffalo National Parks das ganze Bergmassiv mit 27280 Morgen umfasst.

Das Interesse der Regierung wuchs, und nachdem 1908 eine gute Fahrstrasse gebaut worden war, beschloss die Eisenbahnverwaltung von Victoria ein grosses « Chalet » zu bauen. Cariile musste in 1910 seine Herberge schliessen und auch Manfields Haus verschwand. In der Nähe, wo es gestanden hatte, am « Bent's Lockout », wurde am 17.4.1910 das grosse Chalet Mount Buffalo feierlich ein- 1 Alice Manfield, « Pioneering Days of Mount Buffalo ». In der Zeitung « The Age », Melbourne 18. 7. 1936.

2 Dr. J. F. Wilkinson, The Romane of Mount Buffalo ( Victorian Railways ).

geweiht. Das Chalet - alkoholfrei im übrigen - ist inzwischen verschiedentlich vergrössert worden und kann jetzt etwa 250 Personen aufnehmen.

Die Zeit, da man auf einer Kleinbahn von Albury, der Grenzstation zwischen Victoria und Neusüdwales, fast einen Tag durch das Ovental fuhr und dann noch einen weiteren Tag brauchte, um mit der Postkutsche - mit Pferdewechsel auf halbem Wege - zum Chalet hinaufzukommen, ist nun längst entschwunden. Damals war diese Bergwelt fast ausschliesslich von Melbourner Touristen besucht. Heute ist der Besuch auch leicht von Sydney aus möglich.

Abends um 8 Uhr fuhren wir im Schlafwagen von Sydney ab, und als wir um 7 Uhr früh in Albury, einer aufstrebenden Kleinstadt mit reicher landwirtschaftlicher Umgebung und grossem Geschäfts-zentrum, ankamen, erwartete uns schon ein komfortabler Autobus. Die Reise ging durch das lange Ovental. Die Goldgräber sind dort verschwunden, denn das Schwemmgold des Ovenflusses ist erschöpft. Es ist heute ein blühender Ackerbaubezirk, in dem besonders Hopfen, Tabak und Äpfel gezogen werden. Am Ende des Tales jedoch, hinter der « Ghosttown » Harrietville, wo einst Tausende von Goldgräbern ihr Glück versuchten, die aber heute fast verlassen ist, an den Hängen des « Bon Accord Hill », bestehen noch einige reiche Goldbergwerke, von denen eines noch Gold im Werte von 3000 £ per Woche zu Tage fördert. Vom Ende dieses Tales führen auch zwei Strassen zu den beliebten Skigebieten von Falls Creek und Mount Hotham, die wir während unseres Aufenthalts auf Mount Buffalo als Tagestouren mit dem Autobus besuchen konnten.

Schon vom Tal aus konnte man die gewaltige Schlucht bewundern, die die Ostflanke des Berges durchreisst. In mächtigen Serpentinen zieht die Strasse zum Plateau hinauf, und bevor wir die Höhe erreichen, machen wir am « Mackay's Lookout » halt, einem Aussichtspunkt, der den Blick über die ganze südliche Bergkette, vom Mount Bogong ( 6509 ft. ), dem höchsten Berg von Victoria, über Mount Nelse ( 6175 ft. ), Mount Mc Kay ( 6045 ft. ) und Mount Feathertop ( 6306 ft. ) zum Mount Hotham ( 6101 ft. ) freigibt. Tiefgrüne Fichtenpflanzungen wechseln mit den hellgrünen einheimischen Eukalyptuswäldern. Diese sind hier nicht wie in den Blauen Bergen von Neusüdwales ökonomisch nahezu wertloser « bush », sondern bestehen aus wertvollem Hartholz, wie z.B. der schlanken, hohen Bergesche ( Alpine Ash-Eucalyptus delegatensis ).

Noch ein paar Windungen, und das Plateau ist erreicht. Schon sehen wir einen der hervorstechendsten Felsen vor uns, den sogenannten « Monolith », ursprünglich « Carlile's Lookout » genannt1.

Um 12 Uhr kommen wir im Chalet an und können uns gleich zum Mittagsmahl im schöngedeck-ten Speisesaal begeben. Die Verpflegung im Chalet, dessen Direktor, Herr Feldscheer, übrigens einer Schweizer Familie entstammt, war ausgezeichnet.

Die 14 Tage, die wir dort verbrachten, vergingen nur zu schnell mit täglichen Wanderungen auf dem Plateau und anderen Ausflügen.

Die Pfade sind zwar nicht markiert wie in den Alpen, doch sind Wegtafeln mit Entfernungsangaben vorhanden. 75 % der Wege wurden von Cariile angelegt, der auch die einzigen zwei echten « Kletterberge » des Plateaus, den « Monolith » und die « Cathedral », erstmalig erstieg.

Die Alpen von Victoria bestehen im allgemeinen aus langen Bergkämmen, und die « Gipfel » sind nur Erhebungen auf diesen Kämmen. Es gibt kaum Klettertouren. Auf Mount Buffalo sind die meisten « Gipfel » auch nur Randerhebungen oder Hügel inmitten des Plateaus, und so sind Kletterberge hier etwas Seltenes.

1 « Monolith » ist eine schlechte Bezeichnung, da alle derartigen Felsen auf dem Plateau « Monolithen » sind. 136 Der Monolith, den wir natürlich gleich besuchten, ist ein fast viereckiger, grosser Felsblock, der auf einem breiteren Felsunterbau wie auf einem Piédestal steht und sich da balanciert.

Seine Ersteigungsgeschichte ist recht komisch. Eines Tages, in den neunziger Jahren, wurde Carliles Gasthaus von zwei geistlichen Herren, Pfarrer Dr. Beran von der Congregational Church in Melbourne, und seinem Diakon, Herrn Wilson, besucht. Als sie vor dem « Monolith » standen, sagte Wilson spassend zu seinem Vorgesetzten: « Ich möchte Sie ganz gern da oben auf der Spitze dieses Felsens sehen. » Gesagt, getan. Dr. Beran liess eine Drahtstrickleiter herbeischaffen. Cariile befestigte ein Seil an der Leiter, warf es über den Felsen, zog mit vieler Mühe die Leiter hinauf und machte das Seil an einem Baum auf der anderen Seite fest. Dann stieg er die Leiter hinauf und befestigte sie am Gipfel mit Eisenklammern. Und so konnte schliesslich der würdige Priester den « Monolith » besteigen. Heute ist dort eine Eisenleiter, und ein Gitter schützt die vielen Besucher, die von dort zum Lake Catani herabschauen, vor dem Herunterfallen.

Viele Felsen des Plateaus können als sehr gute Kletterschulen benützt werden. Der eisenharte, körnige Granit ist meistens grifflos, ermöglicht jedoch starke Reibung. Risse und Kamine besonders erinnerten mich an manche Tour auf die Aiguilles de Chamonix.

Der einzig wirkliche Kletterberg ist die Cathedral, die mit etwa 5490 ft. den dritthöchsten Berg des Plateaus darstellt. Dieser steile, ziemlich in der Mitte des Plateaus gelegene Felsen wurde im Februar 1897 zum ersten Male von Edward Cariile zusammen mit den Herren McLure-Smith und George Arnold erstiegen. Die zweite Ersteigung fand erst acht Jahre später, im Jahre 1905 durch Herrn und Frau H. R. Balfour, den Sohn von Lord Balfour, statt. Zwischen 1897 und 1936 gab es etwa 80 Besteigungen, und ab 1938 haben viele Personen den Berg erklettert.

Auch ich wollte mir diese Gelegenheit nicht nehmen lassen.

Eines Morgens fuhren wir vom Chalet die Strasse, welche jetzt, hauptsächlich um im Winter den Skitouristen zu dienen, bis unter das Horn verlängert wird, zur kleinen Unterstandshütte unter der « Cathedral » hinauf. Ein Steig führte zu dem Sattel zwischen ihr und dem Hump, der leicht zu ersteigen ist. Während ein Teil der Gruppe diesem Aussichtspunkt zupilgerte, wandten sich die « Kletterer » der « Cathedral » zu. Unser « Führer » war Bill Marriott, der « Mann für alles » von Mount Buffalo. Bill, ein Engländer, ursprünglich ein Musiker, war 1928 nach Australien ausgewandert und hatte in den 30er und 40er Jahren im Chalet zum Tanz aufgespielt. 1948 packte ihn das Bergfieber. Eines Tages erkletterte er allein die « Cathedral », die seit mehreren Jahren kaum Besucher gesehen hatte. Und da war es um ihn geschehen. Er blieb in der Gegend, und 1949 wurde er zum « Führer » und Zeremonienmeister im Chalet bestellt. Von da ab hat er zahlreiche Besucher zu den verschiedenen Aussichtspunkten und Bergen des Plateaus geführt. Ein ewig lustiger, anscheinend ewig junger, sehniger Sportsmann - im Winter ist er auch als Skilehrer tätig -, dem man den « Sechziger » nicht ansieht.

Die Besteigung der « Cathedral », die normalerweise kaum mehr als eine halbe Stunde dauern kann, zog sich bei uns gewaltig in die Länge. Kein Wunder, wir waren 18 und darunter 11 Damen. Bills Klettermethode schien mir reichlich unorthodox, um nicht zu sagen masslos leichtsinnig. Nachdem wir über grosse Blöcke und durch einen engen Kamin einen breiten Felssockel erreicht hatten, standen wir vor einer etwa 6 Meter hohen Wand, die man in Europa wahrscheinlich mittels Steigbaum bewältigt hätte. Nicht so hier... Bill befestigte einen Wurf haken an einem Seil und warf ihn über die Wand hinauf, wo er sich in einem Riss festklemmte. Dann hangelte er sich an dem Wurf seil zu einem schmalen Band hinauf, warf das Seil hinunter und zog uns einen nach dem anderen hinauf. Das An- und Abseilen von 18 Personen nahm natürlich erhebliche Zeit in Anspruch, und der Raum auf dem schmalen Band wurde mit jedem Neuankömmling kleiner und kleiner.

Dann kletterten wir unangeseilt um die Flanke des Berges ausgesetzt zu seiner Nordseite herum. Hier führte ein langer, offener Riss zum Gipfel. Wieder stieg Bill voran und wieder ging das An- und Abseilen vor sich. Endlich sassen wir alle auf dem schmalen Gipfel und winkten den Zuschauern am Hump zu. Ich hatte aber den Eindruck, dass manche der Damen ganz froh gewesen wären, schon wieder unten zu sein! Der Abstieg, bei dem Bill ein Seil den Riss herabspannte, an dem man sich stemmend herunterhangeln musste, ging jedoch ohne Fährnis und ziemlich rasch vonstatten, und so konnten wir stolz das Gipfelbuch, das man infolge Verlustgefahr jetzt im Chalet führt, unterzeichnen. Am Nachmittag wanderten wir dann der Strasse entlang zum Hörn.

Auf dem Rückweg machten wir noch kurz an der Mac Kowan-Skihütte im Dingo Dell ( Dingo-schlucht ) halt. Um es gleich zu sagen, der Buffalo ist nur ein Skigebiet für Anfänger mit einem Skilift am Dingo Dell und einer einzigen längeren Abfahrt, dem sogenannten « Cresta Run » zwischen Hump und Horn. Es gibt kaum interessante Touren und keine Abfahrt ins Tal. Das Plateau kann als Skigebiet sich weder mit den Skizentren in den Australischen Hochalpen ( Mount Kosciusko und Thredbotal ) noch mit den Melbourner Skibergen von Mount Buller oder Mount Hotham messen. Darüber helfen auch die schönen Propagandafilme der Victorianischen Eisenbahnverwaltung nicht hinweg.

Im Sommer kann man sich jedoch auf dem australischen Festland kaum einen schöneren Ur-laubsaufenthalt wünschen. Besonders der Naturfreund kommt reichlich auf seine Kosten.

Wir wandern durch den dichten Wald von Roter Bergesche ( Eucalyptus Gigantea ), gemischt mit weissem Schnee-Eukalyptus ( Snow-Gum, Eue. Niphophila ) oder Weideneukalyptus ( Willow-Gum, Eue. Mitchelliana ), die wie Trauerweiden aussehen und eine Eigentümlichkeit des Plateaus darstellen. Ein anderer, fast rosafarbiger Eukalyptus ist der « Kindlingbark1 » ( Eue. Dalrympleana ), dessen Rinde sich dauernd schält und so Formen hervorruft, die den Photographen zu dauerndem Knipsen anregen.

Dem Botaniker bietet sich ein weites Feld. Während sich im Walde Mimosen ( Acacia ) aller Arten - man hat 10 verschiedene Sorten auf dem Plateau gefunden - in ihrer gelben Pracht darbieten, sind die Hänge von zahllosen Wildblumen bewachsen.

Hier steht die wunderbar duftende Alpine Boronia ( Boronia Alpina ), der seltene Affenpfeffer-minzbusch ( Prostanthera Walteri ) mit weissen orchideenartigen Blüten, das Australische Wintergrün ( Gaultheria appressa ), als ein wilder Rhododendronbusch das Gegenstück zur europäischen Alpenrose, und sogar ein richtiger blau-violetter Alpenenzian ( Gentiana diemensis ). Während in seltener besuchten Plätzen zahlreiche wilde Orchideenarten wie die Bergcaladenia ( Caladenia lyallii ) und die hellviolette Lauchorchidee ( Prasophyllum suttonii ) den botanischen Feinschmecker erfreuen, schmücken sich die offenen Plateauflächen mit zahlreichen Immortellenarten. Das ist die Goldene Immortelle ( Helichrysum bracteatum ), die zusammen mit der Alpinen Podelepis ( Pode-lepis acuminata ) die Wiesenhänge in einen goldenen Garten verwandelt. Weisse Immortellen ( Helichrysum adenophorum ) zusammen mit den Schneegänseblümchen ( Olearia tirata ) und ganze Felder der weissesten aller Wildblumen, des kurzblättrigen Heidekrauts ( Epacris breviflora ) formen im Januar in den Hochmooren einen wahrhaft weissen Teppich.

Gegen 360 verschiedene Pflanzenarten ( Grasarten, Farne und Wasserpflanzen eingeschlossen ) hat man auf dem Plateau festgestellt2.

1 So genannt, weil die Rinde als « Anfeuerholz » benützt wurde.

2 Für Botanik und Zoologie auf Mount Buffalo siehe H. C. E. Stewart, « Flower and Feather at Mount Buffalo National Park », Victorian Railway Print.

Die Tierwelt beschränkt sich, abgesehen von den üblichen australischen Beuteltieren, wie dem Wallaby, dem Possum und dem Wombat, auf die Vogelwelt.

Hier oben herrschen souverän die einheimischen Vögel. Nicht eine einzige der importierten Vogelarten, nicht einmal der sonst sich überall in Australien herumtreibende Sperling, ist hier zu finden. Von den 90 Vogelarten, die auf dem Plateau festgestellt wurden, kann man im Sommer etwa 30-40 ungestört beobachten.

Das Beobachten der Vögel war ein schöner Zeitvertreib, und ich hatte - mit Geduld - auch Glück dabei.

Die Hauptrolle spielen natürlich die vielen Papageienarten. Auffallend waren besonders die roten Rosellas ( Platycercus elegans ). Die Bezeichnung « elegant » kennzeichnet hier wirklich einen der feinsten australischen Papageien. Die ausgewachsenen Vögel sind hoch karminrot und blau, während die Jungen meist grüne, mit Rot untermischte Federn haben. Mit lustigem Geschnatter schiessen sie wie bunte Pfeile durch die Bäume. Oft sah ich auch die grösseren Gang-Gang-Kakadus ( Callocephalon fimbriatum ), eine graue Papageienart, von denen das Männchen einen scharlachroten Kopf und Kamm besitzt, auf einem Ast schnäbelt und, wenn aufgestört, böse schimpfend davonfliegt. Ein typisch australischer Vogel ist der eichelhäherartige Graue Currawong ( Stre-perà versicolor ), ein grosser grauer Vogel mit langem Schnabel und gelben Augen. Obwohl er ziemlich bedrohlich aussieht, kam er sehr zutraulich auf den Rasen vor dem Chalet, um sich dort füttern zu lassen. Natürlich waren da auch die schwarzrückige Elster ( Gymnorhina tibicen ) und unser Freund, der lachende Jackass oder Kookaburra ( Dacelo gigas ), und zahllose Mitglieder der kleinen Vogelwelt wie der Flame robin ( Petroica phoenicea ), eine Rotkelchenart, deren eitles Männchen immer wieder mit seiner scharlachflammenden Brust prunkte, oder die vielen kleinen Honigesser ( Meli threptus ), deren Nester hoch in den Bäumen aufgehängt waren, und die Zaunkönige ( Seri-cornis ), die im dichten Unterholz wohnten.

Und eines Tages, als wir zum Lake Catani, einem kleinen bei den Badelustigen sehr beliebten Stausee, hinüberwanderten, gelang es uns, auch ein Pärchen von Australiens berühmtesten Vögeln, den wundervollen Leierschwanz ( Süperb Lyrebird-Menura novae-hollandiae ), zu beobachten. Die Leierschwänze, grosse fasanenartige Vögel, bekannt als ausgezeichnete Sänger, Mimiker und Schauspieler, waren offenbar, obwohl es erst Spätsommer war, dabei, sich ihr Nest zu bauen, und liessen sich in dieser wichtigen Beschäftigung nicht stören.

Zwei Dinge waren es, die mir am Mount Buffalo besonders auffielen und mich immer wieder begeisterten, und beide hängen mit der besonderen Eigenheit des australischen Eukalyptuswaldes zusammen.

Die von den Eukalyptus ausgehenden Dämpfe sind die Ursache, dass hier wie in den Blauen Bergen von Neusüdwales die Landschaft immer « bläulich » erscheint. Ein leichter blauer Dunst hängt um die Berge wie ein schimmernder Wall.

Hier auf Mount Buffalo fand ich aber dazu etwas, was ich bisher noch nirgends in Australien beobachtet hatte. Die frische Bergluft war gemischt mit starkem Eukalyptusduft, der den Lungen ungemein wohltat. Am Morgen, wenn der Tau noch auf den Blättern lag, war dieser Duft so erfrischend, dass man sich wie aus einem parfümierten Bade steigend vorkam. « Champagnerluft » hat sie mein australischer Freund genannt. Und zu ihr werde ich gern wieder aus dem Rauch der Großstadt zurückkehren.

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