Mt. Whitney, Mt. Agassiz

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Mt.Agassiz

Otto Rutishauser, Etzwilen

Bergerlebnis in der Sierra Nevada von Kalifornien 1 Die Wegstrecke beträgt hin und zurück 34 km. Ausserdem sind von 2550 m bis 4416 m fast 1900 Höhenmeter zu bewältigen - keine Kleinigkeit, wenn man bald 55 Jahre jung ist.

Ein weiter Weg Endliche befinde ich mich auf dem Trail, der zum 4416 m hohen Mt. Whitney, dem höchsten Gipfel der USA ( mit Ausnahme des Bundesstaates Alaska ), führt. Vor drei Jahren hatte ich auf der Fahrt ins Death Valley diese Gegend erkundet, und seither lässt mich der Gedanke an die Besteigung des Berges nicht mehr los.

Morgens um 3.30 Uhr bin ich vom Motel in Lone Pine zum Whitney Portal hinaufgefahren. Es ist kurz nach 4 Uhr und noch dunkel. Wenige Minuten später gibt meine Stirnlampe trotz neuer Batterie den Geist auf. Glücklicherweise scheint der Mond und hilft mir damit, den breiten Weg nicht zu verfehlen. Leise Bedenken steigen in mir auf. Ist der Gipfel wohl in einem Tag zu erreichen? Liegt weiter oben nicht zu viel Schnee? Ist die Tour von der Länge her nicht eine Nummer zu gross für mich? Ich kann es wenden wie ich willelf Meilen bis zum Summit ) steht auf der Holztafel am Anfang des Trails geschrieben. Der freundliche junge Mann vom Portal Store, der mir gratis ein Daily Permit aushändigte, sagte, so an die elf bis zwölf Stunden müsse man schon rechnen.1 Einige Bergsteiger seien zum Campieren hochgestiegen und wollten heute ebenfalls auf den Mt. Whitney - zumindest werde ich damit nicht allein am Berg sein.

Schon kündigt sich im Osten der junge Tag an. Obwohl sich der Weg in unendlich vielen Kehren und mit nur leichter bis massiger Steigung hochwindet, gewinne ich allmählich an Höhe. Bald vergoldet die Sonne die höchsten Bergspitzen. Einige Föhnwolken kleben scheinbar unbeweglich am Himmel, und schon bald beginnt ein stärker werdender Wind durch die arvenähnlichen Bergföhren zu rauschen, die auch hier, wie in den Höhenlagen unserer Alpen, dem rauhen Klima trotzen. Von den tiefer unten anzutreffenden mächtigen Ponderosakiefern ist hier nichts mehr zu sehen. Ich durchquere ein hübsches Feuchtgebiet mit Weidenbüschen, zwischen denen ein Bach in vielen Mäandern Photos Otto Rutishai durchfliesst. Zwei Camper schauen verschlafen aus ihrem Zelt. Sie wundern sich, dass jemand so früh unterwegs ist. Eine Stufe weiter oben blinkt das Seeauge des Mirror Lake in einem Kar. Nach zahlreichen weiteren Serpentinen lasse ich die Baumgrenze hinter mir, und das mit Granitblöcken und Gletscherschliffen durchzogene Gelände öffnet sich. Die aufstrebenden Granitwände erinnern an das Grimsel-, Furka- und Gösche-neralpgebiet.

Als ich im Trailcamp mit Toilettenhäus-chen anlange, sind einige Camper schon am Kaffee- oder Teekochen. Ewas tiefer hält unter einer immer noch dicken Eisdecke der Consultation Lake seine Winterruhe. Obwohl Mitte Mai, liegt ziemlich viel Schnee, und die Umgebung wirkt winterlich. In der steilen Nordflanke hinter dem Camp verschwindet der sonst bequeme Weg unter hartem und vereistem Schnee. Drahtseile liegen in Rollen bereit und werden wohl später von Rangern zur Sicherung angebracht werden. Quer über einen riesigen Schneehang steigt die Spur nun zum Trauerest Pass an. Dahinter ragen die gewaltigen Wände der Needles Auf der Fahrt zum Whitney Portal, im Hintergrund ( etwas rechts ) der Gipfel des Mt. Whitney Der noch zugefrorene Consultation Lake und anschliessend des Mt. Whitney in den blauen Himmel.

Das ersehnte Ziel - der Gipfel - scheint noch weit. Müdigkeit und Hitze machen mir im steilen Gelände zu schaffen. Doch nach über sechs Stunden und einer kleinen Verschnaufpause erreiche ich die Passhöhe ( 4270 m ), wo mich ein eisiger Wind empfängt.

Einem kurzen Abstieg auf der rückseitigen Bergflanke mit anschliessendem Wiederaufstieg folgt ein von Schneefeldern durchzogener, nach oben flacher werdender, mächtiger Block- und Schuttrücken. Dies wird wohl der Gipfel sein. Einige Male muss ich anhalten. Trotzdem überhole ich ein amerikanisches Paar, dem die Höhe ebenfalls zu schaffen macht. Der breite Hang legt sich jetzt weiter zurück. Einige Meter nach der Schutzhütte geht es nicht mehr weiter. Meine Uhr zeigt erst 20 Minuten nach 12 Uhr. Ich bin glücklich und froh, nach einem nur etwas mehr als achtstündigen Aufstieg endlich oben zu sein.

Ein überwältigender Rundblick Der Gipfel besteht aus einem Plateau, das sich gegen Osten zieht, wo es jäh in einer ca. 600 m hohen Wand abbricht. Drei Amerikaner haben sich bereits vor mir eingefunden. Wir gratulieren uns gegenseitig. Auch sie stehen das erste Mal auf . Da der heftige Wind nachgelassen hat, ist es sogar angenehm warm geworden. Zusammen geniessen wir die imposante Aussicht: im Osten, sozusagen zu unseren Fussen, das Whitney Portal mit der Strasse und Lone Pine mit seinen grünen Bäumen im sonst 2 89 m unter dem Meeresspiegel Eisgebilde in der Nähe des Consultation Lake braunen Owens Valley; südöstlich die weisse Fläche des ausgetrockneten Owens Lake und noch weiter weg der Teleskop Peak, hinter dem sich das bekannte und früher auch berüchtigte Death Valley mit dem tiefsten2 und heissesten Punkt der USA erstreckt; im Süden der ebenfalls 4000 m erreichende, flache Gipfel des Mt. Langley; südwestlich, tief unten, die noch teilweise zugefrorenen Hitch-cock-Seen; jenseits des bewaldeten Kern River Canyon der Bergzug Great Divide mit einigen ebenfalls die Viertausender-Grenze überschreitenden Western-Gipfeln, von denen der Mt. Midway der höchste ist, nach Norden reihen sich weitere Viertausender über die Palisadekette hin bis zum Yosemite Park. Ich versuche mir vorzustellen, wie es in dieser Bergwelt wohl zu jenen Zeiten ausge- sehen hat, als sich noch mächtige Gletscherströme in die Tiefe bewegten, von denen heute einzig riesige Moränenwälle und abgeschliffene Felsbuckel zeugen. Vermutlich war der Mt. Whitney, wie der Galenstock, von einer Gipfelhaube aus Eis und Schnee gekrönt. Vielleicht werden unsere Hochalpen einmal wie diese Berge aussehen, wenn in ferner Zukunft unsere Gletscher abgeschmolzen und verschwunden sein sollten. Unter den riesigen Granitplatten kommen jetzt sogar noch Murmeltiere hervor. Ich teile mit ihnen meinen US-Emmentaler. Im Sommer, wenn der Mt. Whitney von Tausenden von Touristen besucht wird, werden diese vermutlich reichlich gefüttert, so dass sie ihre Bauten bis tief in die Spalten Blick von Südwesten auf den flachen Gipfelrücken des Mt. Whitney auf dem Mt. Whitney .'-im m der Gipfelfelsen mit Abfällen auspolstern und zugleich auch genügend Vorräte anlegen können. Anders würden sie ihren Winterschlaf in dieser extremen Höhe kaum überstehen.

Gerne würde ich länger verweilen. Doch bereits ist über eine Stunde verstrichen. Den langen Abstieg vor Augen, verlasse ich nur ungern die hohe Plattform. Über den Trauerest Pass, den langen, steilen Schneehang sowie die unendlich vielen Wegschleifen erreiche ich schliesslich -weitere sechs Stunden später-zufrieden und glücklich, doch sehr müde, den Ausgangspunkt beim Whitney Portal.

Mt. Agassiz Nicht geplantes Gipfelglück Nur mit Mühe erhebe ich mich heute morgen im Motel in Bishop aus dem Bett. Vermutlich macht sich immer noch die Müdigkeit von der Whitney-Besteigung vor fünf Tagen und den langen Wanderungen von der Glacier Lodge zu den hochgelegenen Seen im Gebiet der Palisades bemerkbar. Aber nun geht es dem Trail, einem wichtigen Zubringer zum John Muir Pacificcrest Trail, vom South Lake dem Bishop Pass entgegen. Es ist schon 9 Uhr vorbei, und 8 km sollen es bis zur 3600 m hohen Passhöhe sein. Vor zwei Jahren unternahm ich eine Skitour zum Chocolate Peak und bin deshalb schon etwas mit der Gegend vertraut. Rasch ist der zum Teil schon eisfreie, aus der Winterstarre erwachende Long Lake erreicht. An weiteren zugefrorenen Seen vorbei nähere ich mich dem zum Pass emporleitenden Schneehang.

Welcher Berg erhebt sich links der Passhöhe? Könnte man ihn noch besteigen? Handelt es sich sogar um den Mt. Agassiz oder aber nur um einen Vorgipfel? Es ist früh -erst Mittag, mein Ziel, der Bishop Pass, ist erreicht und der Tag noch lang. Was hindert mich also weiterzugehen? Auf einem Schneefeld gelange ich zu einer Rippe. Das Gelände sieht gangbar aus, und über grobblockigen Granit geht es in leichter Kletterei Temple Crag mit Second Lake Der sich eben von seiner winterlichen Eisschicht befreiende Long Lake aufwärts. Schon ist eine Stunde um, und noch immer führen Granitmassen in unsichtbare Höhen. Doch endlich stehe ich auf der vom Trail beim Saddlerock Lake aus sichtbaren Gipfelabdachung. Nun ist es nicht mehr allzu weit bis zum höchsten Punkt, wo auf dem hier befestigten Metallbehälter geschrieben steht: Mt. Agassiz - Sierra Club 1940-13891 ft ( 4230 m ). Mit Freude und einem guten Gefühl trage ich Namen, Adresse, Land und meine SAC-Sektion Winterthur ins Gipfelbuch ein.

Einige Wolkenschiffe beleben den zuvor noch vollständig blauen Himmel. In einer Felsnische, die mir etwas Schutz vor dem heftigen Wind gewährt, geniesse ich die eigentlich noch schönere Aussicht als vom Gipfel des Mt. Whitney. Meine Überraschung ist komplett. Östlich sehe ich die sieben Seen, zu denen ich vor drei Tagen auf dem North Fork Trail ( von Glacier Lodge aus ) eine ausgedehnte Wanderung unternommen hatte. Auch die kleinen Palisadegletscher am Fusse der gleichnamigen Gebirgsgruppe sind gut auszumachen. Südöstlich, in Richtung des Kammverlaufs, dominieren der noch höhere 4330 m hohe Nordpalisadegip-fel sowie die sich links anschliessenden Berge wie Mt. Sill, Mt. Gaylei, Temple Crag und weiter hinten der Disappointment Peak. Alles Traumberge für Kletter- und Hochtouren. Nach Nordosten reicht der Blick über die niedrigere Inconsolable Range bis zu den jenseits des Owens Valley sich erhebenden, noch schneebedeckten White Mountains. Nordöstlich sind die zahlreichen, zum Teil eisbedeckten Seen, an denen der Trail zum Bishop Pass vorbeiführt, sichtbar. Weiter nordwestlich recken sich noch einige die magische Viertausendmetergrenze überra- Der Mt. Agassiz von Norden, rechts der Bishop Pass Metallbehälter für das Gipfelbuch auf dem Mt. Agassiz gende Gipfel, so z.B. der schwierige, wie ein Turm aussehende Mt. Humphreys, in den Himmel. Westlich bis südlich über dem Taleinschnitt des Kings River Canyon begrenzen ebenfalls hohe Bergketten den Horizont.

Nur das Sausen des Windes in den Gipfelfelsen ist zu hören. Es wird Zeit, sich von diesem schönen Ort zu trennen. Durch ein Couloir mit guten Schneefeldern, gröberen Blöcken und nachgiebigem Schutt steige ich zum Bishop Pass ab. Über die mit Granitbuckeln, Schutt und kleinen Seen durchzogene weite Ebene des Übergangs fegt ein heftiger Westwind. Zum Glück trägt der hartgepresste Schnee noch gut, so dass ich nur wenige Male etwas einsinke. Beim Saddlerock Lake angelangt, gewahre ich erst, welch mächtiger Brocken der Mt. Whitney eigentlich ist. Im Vergleich zu seinem schweizerischen Namensvetter, dem Agassizhorn, einem eher bescheidenen, unter der Viertausendergrenze bleibenden Nebengipfel des Finsteraarhorns, kommt dem Mt. Agassiz der Sierra Nevada eine beherrschende Stellung zu: Als nördlicher Eckpfeiler der Palisadegruppe ist er nur gerade 40 m niedriger als der König der Berner Alpen.

Weniger müde als nach der Whitney-Be-steigung treffe ich abends erfreut und zufrieden über die gelungene Tour in dieser ebenfalls herrlichen Bergwelt von Kalifornien auf dem Parkplatz beim South Lake ein.

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