Musallah und El Tepe

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Von S. Walcher

Eine Fahrt zu den höchsten Gipfeln des Balkans Mit 3 Bildern ( 9—11Wien ) Lebe die Botschaft der Berge 1 Sie weisen dir die grossen Räume und die harten Wege, sie lehren dich das Fernste wollen und Fussbreit um Fussbreit vollenden.

H. Cysarz, Berge über uns. I. Musallah und Maljovitza Ferne Auf der kahlen Hügelkette, die Genua im Norden schützend umfängt, steht die alte Festung Begatto. In arger Bedrängnis habe ich vor vielen Jahren ( 1918 ) von ihr durch eine enge Schießscharte hinuntergeblickt auf die wunderschöne Stadt zu ihren Fussen. Aber nicht ihr, nicht « la superba » galt meine Sehnsucht. Da unten lag das Meer, das blaue, weite Meer. So weit mein Blick reichte, nichts als blaue, unendliche Weite. Aber nur eine kleine Wendung mit dem Kopfe nach rechts, und ein anderes Bild stand vor mir. Über dem letzten, blauen Streifen des Meeres erhob sich braungrünes Hügelland, hinter dem blendend weiss die Gipfel der Seealpen schimmerten. Wie traf da der Ruf der Ferne und Freiheit so mächtig das Herz des einsamen prigionere. Müde wurde der Blick und starr; Meer und Himmel verschmolzen zum unendlichen Raum, in dem nichts war als eine Kette silberweisser Berge.

Ruhig ziehen durch den weiten blauen Himmelsraum weisse Wolken; ich stehe am Gipfel des Matterhorns und blicke in die Ferne. In die Tiefe hinab gleitet erschauernd der Blick, in die Weite hinaus, von Gipfel zu Gipfel, wandern Wunsch und Wille, und in die unendliche Höhe hinauf jauchzt das Herz zur Sonne, zum Licht.

Wir kamen von der Pointe de Zinal; beim brausenden Fall des Zmutt-baches lagen wir im grünen Gras und schauten. Rastlos, ohne Ruh, Tag und Nacht, immerzu, brausen die stürzenden Wasser. Im Lichte der Abend-sonnenstrahlen funkeln die Tropfen, steigend, fallend, im bunten Spiel. Aber schon fasst sie der Gischt des Wellengetümmels, und rauschend stürzen sie fort, von Ort zu Ort, immerfort, der Ferne zu, der unbekannten, lockenden Ferne.

Ewiges Unendlichkeitsuerlangen, nimmermüde Sehnsucht, rast- und ruh- loses Drängen in die Ferne! Sind sie etwas anderes als der Ausdruck ewigen Werdens, triebhaft bestimmten Verlangens nach « mehr, immer mehr »? Heisst es nicht: « Immer höher muss ich steigen, immer weiter muss ich schaun! »Von Berg zu Berg ziehen wir, von Land zu Land. Tag und Nacht, in Freud und Leid kreisen die Gedanken um Gott und Welt. Nach immer neuen Abenteuern blicken wir aus, jedes Unbekannte macht uns ruhelos, reizt uns zur Tat, bis wir einmal, müde und matt, erkennen: Alles Drängen in die Ferne, alle ruhelose Sehnsucht, nichts anderes ist es als ewiges Werden und Wandeln, als ewiges Streben nach neuen Formen, als ewiges Verlangen nach Macht und Fülle, als ewiges Kommen und Gehen, dem Gesetze folgend, « wonach wir angetreten », bis wir eines Tages heimfinden in das endlose All, aus dem uns ein Schöpferwille rief und uns wandern hiess, bis wir uns selbst gefunden, bis wir im Spiegel unserer Seele sein gütiglächelndes Antlitz erblicken.

Ewiger Unendlichkeitsgedanke, ewiges Streben nach dem Unfassbaren! Seit Tausenden Jahren ziehen sie die Menschen hinauf zur Höhe, stürzen sie hinab in die Tiefe und treiben sie hinaus in die Ferne; seit Tausenden Jahren ringen die Dichter, Denker und Künstler aller Völker um die Ergründung dieser Urkräfte. Tiefe Erkenntnis klingt aus ihren Worten, spricht stumm aus Stein oder Metall und leuchtet aus der Dreiheit von Farbe, Licht und Schatten.

Da sehe ich Hodlers Bild vor mir: Der Gedanke an das Unendliche. Weit dehnt sich das Nebelmeer; inselgleich entragen ihm wenige Gipfel. Am vordersten steht in seiner ganzen Nacktheit der Mensch; sein Blick ist nach innen gerichtet, als suche er in sich die Grenzen des Unendlichen. Und da steht: Böcklin, Das Schweigen im Walde. Gelassen lässt sich das Leben durch alles Dunkle und Mystische der Welt tragen, unberührt von der Qual des Zweifels einer unerlösten Seele, der schmerzvoll aus den Augen des Einhorns spricht. Ewiges Schweigen als Antwort auf ewiges Fragen und Suchen. Und hier: Max Klinger, Der Philosoph. Über das Leben hinweg, über die ganze Welt, greift der Mensch immer wieder in die Ferne, zögernd, entschlossen, herrisch, und ertastet doch immer wieder nur — sich selbst, erblickt im kalten Spiegel der Wahrheit immer wieder nur — sein eigenes, nacktes Sein.

Durch die ungarische Tiefebene fliesst ruhig der majestätische Strom. Im Dämmerlicht des sinkenden Tages, im Scheine des aufgehenden, vollen Mondes haben sich Höhe und Tiefe vermählt. Nichts stört das sanfte Dahingleiten des Blickes über die weite Ebene; keine Höhe reisst ihn empor, keine Tiefe lässt ihn erschrocken zurückbeben, nur geradeaus, nur in die Ferne ist er gerichtet, der Blick des ewigen Suchens und Hoffens.

Zum Musallah Im Donauhafen Lom verliess ich den Eildampfer der DDSG. Ein weisses, schlankes Minarett über grünen Laubbäumen und roten Dächern war der erste Gruss des Orients. Was dieses Zauberwort für einen Wandermenschen nicht alles umfasst. Von den Märchen aus « Tausend und eine Nacht », von den Abenteuern « In den Schluchten des Balkans » und « Im Lande der Skipetaren » bis zu den Fahrten der Auserwählten und Glücklichen im Kau- kasus und im Himmelsgebirge reiht sich ein Wunsch an dem anderen, bauten die Gedanken Brücken der Hoffnung von Jahr zu Jahr und sah sie die Wirklichkeit versinken im Schutt und in der Asche zweier Weltkriege.

Abends bestieg ich in Lom den Eilzug und war morgens in Sofia. Ein lichter Himmel, grüne Berge, eine saubere Stadt und freundliche Menschen begrüssten mich. Diese Freundlichkeit und Gastfreudigkeit begleiteten mich bis in den letzten Winkel des Rila- und Piringebirges. Überall wurde der Fremde herzlich aufgenommen, und überall konnte ich die gleiche naive Freude wahrnehmen, die alles Tun dieser Menschen kennzeichnet und doch nie in Überschwang ausartet. Ich glaube, dass Freundlichkeit und Freude, aus dem Innern der Menschen kommend, bei Arbeit und Vergnügen, nicht die letzten Zeichen einer wirklichen Kultur sind, mehr vielleicht als Bauten, Bilder und Bibliotheken.

In Sofia reichen sich der Orient und der Westen die Hände. Die bunte, kontrastreiche Mannigfaltigkeit der Bauten gestaltet ein Durchwandern der Stadt äusserst abwechslungsreich. Überall aber sah ich Ordnung und Reinlichkeit.

Am Morgen nach meiner Ankunft verliess ich, gekleidet und ausgerüstet wie zu einer grösseren Fahrt in die heimatlichen Berge, Sofia. Der Bulgarische Touristenklub hat mich freundlichst empfangen und mir einen Empfehlungsbrief an die Wächter seiner Hütten mitgegeben. Nun konnte meine Fahrt beginnen.

Durch das romantische Tal der Iskar ratterte das Auto; bei einer kleinen Schenke wurde gerastet und roter Wein getrunken. Bald danach war Samokow erreicht. Eine bunte Menge umgab den angekommenen Wagen; Zigeuner in zerlumpten Kleidern, bulgarische Bäuerinnen in ihrer farbenfreudigen, reinlichen Tracht und modern gekleidete Städter drängten durcheinander. Nur wenige Stadtmenschen waren es, die mit mir in einem leicht gebauten Wagen hinauffuhren nach Tcham-Koria, dem Ausgangspunkt für die Musallah-Hütte. Tcham-Koria x liegt im hochstämmigen Fichtenwald am Fusse des Musallah und besteht nur aus einzelnen, weitauseinander liegenden und leichtgebauten Sommerhäuschen, die vorwiegend von den Städtern über das Wochenende bewohnt werden.

Am höchsten Punkte der Strasse verliess ich das Auto und stand bald allein im dämmrigen Wald. Nun hatte ich mir den Weg zur Hütte selbst zu suchen. Die Richtung wiesen mir: eine Kartenskizze, der Kompass und die Erinnerung an Ratschläge und Weisungen der Herren vom Bulgarischen Touristenklub. Anfangs hatte ich noch einen breiten Waldweg unter den Fussen; als ich ihn aber bei einer kleinen Brücke verliess und der Steigspur neben dem Bache aufwärts folgte, war ich schon nach kurzer Zeit mitten im schönsten Urwald. Das war nun sehr romantisch, aber ebensosehr beschwerlich. Die Luft war feucht und warm, und bald floss der Schweiss reichlich. Obwohl ich wusste, weder in den Ost- noch in den Westalpen zu sein, wurde mir mit der Zeit dieses höchst mühsame Aufwärtswaten im brusthohen Farn- 1 Türkische Benennung für: Fichtenwald.

gestrüpp doch zu unsicher, und ich suchte nach einem Ausweg. Kurz entschlossen begann ich den steilen Hang westlich des kleinen Tales, in dem ich mich befand, hinaufzusteigen. Bei diesem Tun dachte ich oft an die Schwärmer für « unberührte Natur » und hätte sie gerne herbeigewünscht. Aber allmählich wurde der Wald, je höher ich kam, doch lichter, und dann stand ich auf einmal, als ich eben wieder eine grüne Mauer durchbrochen hatte, auf einem netten, freundlichen Steig. Ich wusste sofort: das ist der Hüttenweg. Weder Karte, Kompass noch Gedächtnis haben es mir gesagt: einzig aus einem bestimmten Gefühl kam mir dieses Wissen. Nach einer kurzen Rast, die mehr dem Ordnen meines Äusseren als einer Stärkung diente, folgte ich in froher Stimmung dem glücklich entdeckten Weg aufwärts. Und siehe da; je höher ich kam, um so alpiner wurde die ganze Umgebung. Langsam blieb der Wald zurück, Legföhren tauchten auf, klare Wasserläufe querten den Weg, frisch und kühl wurde die Luft und — echter, alpiner Nebel verhüllte die Sicht nach aufwärts. Und wie es meistens geschieht, so geschah es auch hier. Rasch wurden die Nebel dichter, schwarzes Gewölk ballte sich knapp über mir, Blitze flammten, der Donner rollte mächtig, und dann floss der Regen in Strömen. Da nicht die geringste Möglichkeit bestand, irgendwo oder irgendwie Schutz zu finden, blieb mir nichts anderes übrig, als langsam weiterzusteigen und auf das Ende des Gewitters zu warten. Dieses kam nun allerdings nicht so rasch, dafür aber, es ging ja schon gegen den Abend, das Ende meines Weges. Aus dem Regen- und Nebelgrau tauchte unverhofft ein Haus, die Hütte. Zögernd trat ich ein; zwei Soldaten und ein Zivilist sassen würfelspielend beim Tisch. Überrascht blickten sie auf den tropfnassen, sonderbaren Gast. Kühl aber höflich wurden meine Fragen wegen Unterkunft beantwortet und ich eingeladen, beim Tische Platz zu nehmen. Später, als sich im Gespräch Schwierigkeiten ergaben, fiel mir das Empfehlungsschreiben ein. Als ich es dem Hüttenwächter überreichte, wurden seine Gesichtszüge merklich heller; von nun an war ich tatsächlich in jeder Hinsicht der « Gast ».

Auch der Schlafraum, in den ich später geführt wurde, war rein und nett. Unwillkürlich murmelte ich in Abwandlung eines Zitates aus Faust I: « Nicht jeder Hüttenwirt hält so rein. » Aber noch waren die Überraschungen des Tages nicht zu Ende. Als ich mich eben auskleiden wollte, wurde leise an die Tür gepocht. Auf mein « Herein! » trat ein älterer Mann, gefolgt von einem Knaben, ins Zimmer. In einer Hand hielt er eine Flasche, in der anderen einen Becher. Lächelnd trat er, freundlich grüssend, näher. Soeben, sagte er mir, hätte er erfahren, dass ein Gast aus Wien angekommen wäre. Er selber sei der Maler Kriskarez und wohne seit Wochen mit seinem Enkel in einem Zelt neben der Hütte. Er kenne Wien und München recht gut, habe dort an den Kunstakademien studiert und sei nun gekommen, mir den Trunk der Freundschaft anzubieten. Drei Gläser musste ich seinem Wunsche folgend trinken; eines für das Herz, eines für den Geist und das dritte für die Kunst. Als sich Kriskarez nach wenigen Minuten mit Anstand entfernt hatte, war mir, als schiene plötzlich draussen hell die Sonne, obwohl nur der Regen floss und düstere Nebel um die Hütte zogen.

Deno, 2781 m, Iretschek, 2746 m, Kleiner Musallah, 2862 m, Musallah, 2925 m ( 23. Juli 1937 ) Noch hatte ich den Berg nicht gesehen, der dem hohen Olymp mit Erfolg den Rang streitig gemacht hat, der höchste Gipfel der Balkanhalbinsel zu sein, und dessen Name mir von einem begeisterten Bergsteiger in Sofia als der Name jenes Berges gedeutet wurde, der sich am nächsten bei Allah befände. « Allah il Allah und Mohammed ist sein Prophet. » Ob dieser Berg, der Allah am nächsten steht, aber auch während der Türkenherrschaft, die mehr als 400 Jahre währte, bestiegen wurde, davon berichtet weder eine Legende, Sage oder mündliche Überlieferung, und nichts konnte ich darüber von meinen Gewährsleuten in Erfahrung bringen. Nur eines bestätigte der Name wieder: Gott, der strenge, mächtige oder gütige, immer thront er hoch über den Menschen und Bergen, sei es im fernen Osten, im Himmelsgebirge, im hohen Norden, im Westen oder Süden. Immer wohnt Gott in der Höhe, und immer am nächsten bei ihm befinden sich all die, die am höchsten steigen, die weder Mühe noch Gefahr abhalten können, « aufzusteigen, immer wieder aufzusteigen... » Das Licht des frühen Tages hatte mich geweckt; rasch sprang ich aus dem Bette und eilte zum Fenster. Ein wolkenloser Himmel wölbt sich über ein stilles, ernstes Bergland. Braune Gipfel umstehen ein weites Kar, Schneezungen ziehen durch das Gewände hoch hinauf, Schutthalden säumen ihren Fuss und frisches Grün deckt den gewellten Boden des Talschlusses. Was ich so erblickte, glich auf ein Haar einem Landschaftsbilde aus den Niederen Tauern, aus den Vorbergen des Berner Oberlandes oder aus der Umgebung des Piz Languard.

In wenigen Minuten war ich reisefertig, und schon stieg ich langsam und gelassen auf den Halden und Hängen hinauf zum Gipfel des Deno, von dem ich über den Iretschek und Kleinen Musallah den Hauptgipfel selbst erreichen wollte. Dieser Bergzug bildet die östliche Umrahmung des Tales der Bistritza, in dessen Hintergrund, am Fusse des Musallah, die Hütte gleichen Namens steht. Die westliche Begrenzung bildet ein langer Gratzug, der von der Nördlichen Alekospitze über die Südliche hinaufzieht zum Musallahgipfel.

Es war ein geruhsames Aufwärtssteigen in der frischen Morgenluft und Morgenstille. Immer weiter hinaus in das unbekannte Bergland eilt der Blick; nirgends stösst er hart an Hindernisse, nichts zwingt ihn jäh empor zur Höhe, und nichts zieht ihn widerstrebend hinab in die Tiefe. Schon nach einer Stunde stand ich am ersten Gipfel des Tages; obwohl ich langsam gegangen war, erzählte mir abends Kriskarez, der meine Wanderung durch ein Fernrohr verfolgte, ich sei gelaufen wie ein « Hase ». Nun blieb ich immer auf der Grathöhe, die nirgends ernstliche Schwierigkeiten bot, überschritt den schönen Gipfel des Iretschek und erreichte, drei Stunden nach meinem Aufbruch von der Hütte, den Gipfel des Kleinen Musallah. Nun stand ich vor der « Säge ». Diese sehr charakteristische Bezeichnung bezieht sich auf den Grat, der den Kleinen mit dem Grossen Musallah, den Vor- mit dem Hauptgipfel verbindet und der für die bergliebenden Sofianer die Modetour des Musallah ist. Im genussvollen Auf und Ab kletterte ich von Turm zu Turm. Nebel waren inzwischen aufgestiegen und hüllten von Zeit zu Zeit alles in ein lichtes, sonnenscheindurchflutetes Grau, aus dem aber immer wieder das Blau des Himmels leuchtete. Frohe Rufe schollen vom Gipfel des Musallah zu mir herüber, und wenn sich der Nebel etwas verzog, sah ich einen Mann unablässig zu mir herüberwinken, als wollte er mir die Richtung anzeigen, welcher ich zu folgen hätte. Als ich dann die letzten Gratfelsen hinanstieg, kam mir, freundlich grüssend, der Wächter des Gipfelobserva-toriums entgegengesprungen. Nichts half mein Sträuben, ich musste sein Gast sein. Stolz zeigte er mir die Einrichtung der kleinen Wetterwarte; dazwischen aber verwünschte er immer wieder den Nebel, der ihn um die Freude brachte, mir die Weite und Herrlichkeit seines Reiches zu zeigen. Er versprach mir aber für den späten Nachmittag eine klare Sicht und überbrückte die Zeit mit Kochen und Essen; ein Huhn wurde geschlachtet, Reis gedünstet und Melonen « kaltgestellt ». Als es langsam Abend wurde, sanken die Nebel in die Tiefe und enthüllten immer mehr das weite, stille Bergland des Rila-, Rodopen- und fernen Piringebirges.

Im kühlen Abendlicht ging ich dann den Weg hinunter zur Musallahhütte. Ein kleiner See liegt im obersten Kar, unterhalb des Gipfels; Eisschollen schwimmen in seinem dunklen Wasser, das ein Kranz hellblauer Vergissmeinnicht umgibt.

Abends, vor dem Schlafengehen, machte ich Kriskarez meinen Gegenbesuch. Ein mächtiges Feuer brannte vor seinem wohnlichen Zelt; Schaffleisch schmorte in der Pfanne und blutroter Wein leuchtete im Becher. Zwei Menschen sassen still nebeneinander; vor wenigen Stunden noch hatte keiner vom Sein des anderen gewusst, und keiner wusste jetzt mehr, als — dass sie beide ein Gleiches verband, ein Starkes, Mächtiges, das, aus ihrem Herzen kommend, emporzusteigen schien zu den dunklen Gipfeln und funkelnden Sternen, und — von dort wiederkehrend, ihre Seele ruhevoll durchdrang.

Nördliche und Südliche Alekospitze, 2735 m und 2750 m, Musallah, 2925 m, Nördlicher und Südlicher Blisnacitjä, 2763 m und 2782 m, Uruschki Tschai, 2774 m, und Mantschu, 2707 m Am nächsten Tag, um 6 Uhr morgens, war ich schon unterwegs. Über den Nordgrat der Nördlichen Alekospitze ging es rasch aufwärts; es war die einzige Kletterei des Tages. Auf dem Gipfel der Südlichen Spitze hielt ich kurze Rast. Weit eilte der Blick in die Ferne; plötzlich hielt er an. Was war das dort im Süden? Was leuchtete dort unten über dem blauen Dunst der Tiefe wie der Gipfel eines hohen Eisberges, wenn ihn die ersten Strahlen der Morgensonne treffen? Wie kamen Firnberge an die mazedonische Grenze? Lange blickte ich nach Süden, bis das « grosse stille Leuchten » im aufsteigenden Dunst und Nebel allmählich verblasste. Erst Tage später löste sich das Rätsel. Was da unten im Süden so lieblich erglühte, war der Gipfel des El Tepe; sein schneeweisses Marmorgestein leuchtete im Lichte der Morgensonne wie der Firn heimatlicher Berge.

Vom Musallah zieht der gipfelreiche Kamm nach Osten. In einem Hochtal, gebildet vom Gratzug Deno-Musallah und einem Seitenast des nach Osten zum Mantschu ziehenden Kammes, liegen die kleinen, dunklen Maritza-seen, die Wiege der « schäumenden Maritza », Bulgariens Hauptfluss.

Um die Mittagszeit stand ich am breiten Rücken des Mantschu; im gleichmässigen Auf und Ab hatte ich die beiden Blisnacitjä ( Zwillinge ) und den Uruschki Tschai überschritten und hielt nun, zeitweise vom Nebel umwallt, Rast. Aber ruhelos ist der Mensch, der Wanderblut in seinen Adern trägt. Der alte Wunsch war kaum erfüllt, und schon wieder trieb es mich weiter, immer weiter; das geheimnisvolle Leuchten dort unten, weit im Süden, an der Grenze des Sagenreichen Mazedoniens, liess mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Unruhevoll sprang ich auf; mein Weg zum El Tepe begann.

Abends machte ich bei Kriskarez Abschiedsbesuch; für den langen Weg, den ich morgen gehen musste, hatte er mir eine gute Wegskizze angefertigt. Lange sassen wir noch beim Lagerfeuer. Um vieler Dinge Sinn ging die Rede, immer aber kehrte sie wieder zurück zum Menschen und zu den Bergen.

Maljovitza Die Maljovitzagruppe ist das Herz des Rilagebirges; in ihr erreicht die Schönheit der alpinen Landschaft ihren Höhepunkt. Die Bergfreunde in Sofia haben mir viel davon erzählt. Im langen Felsgrat, vom Popova Schapka ( Popenhut ) im Osten bis zur Maljovitza im Westen, stehen die kühnsten Gipfel des ganzen Gebietes. Weil ich diese Berge sehen und ersteigen wollte, musste mein Weg zum El Tepe durch die Maljovitzagruppe führen.

Nur zwölf Stunden brauchte ich für die Übersiedlung von der Musallah-zur Maljovitzahütte. Was sie mir brachten, war aber nicht immer angenehm. Freilich, heute, in der Erinnerung, leuchtet dieser Tag besonders schön. Mag darin, dass es so ist, wieder ein Beweis dafür erblickt werden, dass der Wunsch ( Trieb ) und Wille ( Tat ) zum Sieg doch die realsten Beweggründe alles Handelns sind, also auch des Bergsteigens.

Vor 6 Uhr morgens war ich schon unterwegs; der Himmel war wolkenlos. Rasch eilte ich den Hütten weg talwärts; neben mir rauschte munter die junge Bistritza. Lächelnd schritt ich an der dichten Hecke vorbei, durch die ich vor wenigen Tagen den Hüttenweg erreichte; was hatte sich inzwischen nicht schon wieder erfüllt!

Beim Jagdschloss Bistritza erreichte ich die Strasse, der ich nun bis zum Schloss Ovnarski viele Stunden treu bleiben musste. Je höher die Sonne stieg, um so mehr wurde sie zum Ereignis des Tages. Eine Stunde noch schützte mich der Wald, durch den die Strasse zog; dann aber gab es stundenlang nichts anderes als glühende Hitze. In Bel Iskr erfrischte mich köstliches Quellwasser; neu gestärkt schulterte ich meinen schweren Sack und zog, von den scheuen Blicken der Dorfbewohner verfolgt, weiter. Schwarze Büffel weideten in den Wiesen, Reiher und Störche stolzierten dazwischen herum, und junges Volk tummelte sich splitternackt in einem seichten Wasserlauf.

Um die Mittagszeit erreichte ich das Dorf Madjare. Der Ort schien ausgestorben; nur im Schatten der Dächer sassen einige alte Frauen in mehr dürftiger als malerischer Kleidung und liessen das Wasser des Dorfbaches Die Alpen - 1951 - Les Alpes3 über ihre braunen Füsse fliessen. In der kühlen Dorfschenke, die ich bald entdeckt hatte, liess ich meinen Sack seufzend vom Rücken gleiten. Nicht lange dauerte es, und ich war von einer Anzahl stattlicher Männer umringt, deren kleinster gut um zwei Kopflängen grösser war als ich, das heisst, die Zwei-Meter-Grenze weit überschritten hatte. Es waren prächtige, hagere Gestalten, braun gebrannt, mit hellen Augen, schmaler Hakennase und langen Schnurrbärten. Ihre malerische Nationaltracht erhöhte noch den Eindruck, den Ort und Menschen auf mich machten. Nun war ich unbestreitbar im « Lande der Skipetaren » und des « Schutt », fehlte nur noch der Effendi und Hadschi Olaf. Aber die Männer, die mich umgaben, waren alle geborene Kavaliere. Keiner wurde zudringlich; der Reihe nach wurden Pickel, Rucksack, Schuhe, Hose und Rock betrachtet, während der Wirt, der grösste von allen, einen kühlen Trunk auf den Tisch stellte. Als die Männer aber meinen Sack in der Hand wogen, wurde der Ausdruck ihres Gesichtes sichtlich respektvoll. Der Wirt aber war ein geborener Psychologe. Kaum hatte er den Sack gehoben und erfahren, dass ich damit heute noch zur Maljovitza wollte, verschwand er und kam wenig später mit einem netten Jungen wieder. Er deutete zuerst auf meinen Sack, dann auf den Jüngling, machte die Re-wegung des Tragens und lachte dabei mit dem ganzen Gesicht. Und so geschah es, dass ich Kristo zum Träger und Gefährten erhielt. Als wir uns über den Lohn geeinigt hatten, musste ich dem Jungen in sein Elternhaus, einen uralten Rauernhof, folgen und der Gastfreundschaft bei reichlich saurer Milch und Schafkäse Genüge tun.

Um 14.30 Uhr verliessen wir, von den Dorfinsassen bestaunt, Madjare. Die nächsten zwei Stunden waren aber wirklich kein Genuss. Weit und breit kein Raum, kein bisschen Schatten und die Hitze unbeschreiblich. Selbst mein junger Freund hielt es geraten, schon nach dreissig Minuten hinter einem grossen Heuhaufen etwas Schutz zu suchen. Langsam erreichten wir aber doch das Jagdschloss Ovinarski und damit nicht nur eine köstliche Quelle, sondern auch wieder schützenden Wald. Nun war das Ärgste hinter uns. Das kristallklare Wasser verhalf uns zu einer köstlichen Limonade, und neugestärkt zogen wir weiter.

Rei einer Wegteilung verliess mein Träger den Hauptweg und folgte einer Fußspur. Wäre ich allein gewesen, hätte ich den Hauptweg noch nicht verlassen; mein Regleiter aber behauptete, dass hier der Hüttenweg abzweige; also folgte ich. Leider wurde die Wegspur immer dürftiger, und zuletzt staken wir wieder einmal im dichten Unterholz. Fast wollte in mir schon ein leiser Verdacht aufsteigen, aber Kristos Augen waren vollkommen klar. Zögernd gestand er mir, nach einer kurzen Pause des Schweigens, dass er sich vergangen habe. Rasch entschlossen übernahm ich die Führung. Wir überschritten einen Waldrücken und fanden jenseits in einem kleinen Tal, bei einer Almhütte, den richtigen Hüttenweg.Fortsetzung folgt )

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