Nachlese in den Vignettes

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VON EDMOND PIDOUX

Mit S Bildern ( 101-105 ) Seit die Skifahrer das Hochgebirge erobert haben, ist die Hütte auf dem Col des Vignettes zu einer Etappenunterkunft geworden. Sie wird, wenn die vorgesehene Seilbahn verwirklicht wird, bald zur Karawanserei werden. Es gibt dort oben nichts Neues mehr zu entdecken. « Adieu paniers! Die Trauben sind geerntet. » Das ist der Refrain, der von einem Ende der Alpen bis zum andern gesungen wird. Glücklich, wer noch eine vergessene Traube findet, wenn ein im Gebüsch übersehener alter Weinstock es sich einfallen lässt, noch einmal Frucht zu tragen. Vielleicht, wenn ich ein wenig um die Vignettes herumspürte, böte sich mir eine Möglichkeit?

Das erste, was ich ausfindig machen wollte, war, woher der Ort seinen Namen hat. Lange hatte ich vergeblich darüber nachgedacht, bevor ich an die richtige Quelle gelangte: an den Hüttenwart mit dem für diese Auskunft prädestinierten Namen Vuignier, das heisst: Winzer. « Sehen Sie die Séracs, die vom Pigne bis in die Umgebung des Übergangs herabsteigen », sagte er, « sie sind in parallele Bänder gebrochen wie schiefe Staffeln: ganz wie unsere Weinberge. Je steiler der Hang, um so mehr Stufen braucht es, um ihn benutzbar zu machen, und wenn die Stufen immer schmäler werden, dann sind es eben des Vignettes, quoi! » Die Erklärung hat mir in ihrer Einfachheit gefallen. Mag sein, dass sie andern zu einfach ist... Da die Séracs der Pigne von weit her aus dem Tal sichtbar sind, kann ich mir vorstellen, dass sie bei den Bewohnern dieser Gegend den Namen hatten, lange bevor einem von ihnen der Gedanke gekommen wäre, den Ort aufzusuchen. Diese Art Wissbegierde musste erst von den Engländern eingeführt werden, die Arolla zu einem ihrer Stützpunkte in den Alpen machten. Überall, wo sie ein Stück Natur fanden, das ihrem Sinn für Romantik entsprach, da schlugen sie ihr Zelt auf, das heisst: da haben sie eine gotische Kapelle gebaut mit Harmonium und Psaltern, mit gemalten Bibelsprüchen und Gedenkplatten an den Wänden.

Auch Aroila besitzt seine englische Kapelle, taktvoll verborgen im Naturpark des Kurhauses. Die gleiche friedliche und oft grossmütige Kolonisation hat die Gegend mit einem der ersten « festen Biwaks » ausgestattet. Stuart Jenkins, dessen Name mit Aroila unlösbar verbunden ist, hat auf seine Kosten diesen Bretterverschlag auf der Höhe des Col des Vignettes errichten lassen. Zu wenig benützt, bevor das Skifahren in Mode kam, war das Biwak vor allem durch seinen Mangel an Bequemlichkeit und durch seine mit Heeren von Flöhen bevölkerten Schaffelle bekannt, die dort als Schlafdecken dienten.

Die nützlichen historischen Angaben des Klubführers durch die Walliser Alpen haben die schöne Pionierarbeit, welche die Briten mit ihrer Führerphalanx hier geleistet haben, vor dem Vergessenwerden bewahrt: eine kühne und systematische Erforschung der ganzen Region. In der Mitte thronte der Collon, « eine Zierde eigens für Arolla geschaffen », schreibt Marcel Kurz und fügt bei: « Man kann sich diese klassische Erscheinung nicht anders als durch diesen Talausschnitt vorstellen, mit einem Kreuz und Arven im Vordergrund. Wer diese Vision bestaunt hat, wird immer enttäuscht sein, wenn er sich in die Kulissen hineinwagt. » Ist es meine Neigung zum Theater, die mich anders urteilen lässt? Weit davon, eine Enttäuschung zu sein, ist für mich der Osthang des Berges, diese unermessliche, wilde Wand, deren man beim Aufstieg über den oberen Arollagletscher ansichtig wird, im Gegenteil eine Landschaft, die meine Einbildungskraft bei weitem übertrifft. Der Gipfel ist mit so vielen Nadeln gekrönt, dass es schwer fällt, die einzelnen unter ihnen zu identifizieren: Collon, Chancelier, Mitre, Evêque. Denn es ist die Kehrseite des Bühnenbildes. Aber welch ein zauberhaftes, gewaltiges Gefüge mit seinen Stützen, Flächen und Friesen! Am Abend, wenn die Sonne von Westen her die Schauseite der Wand voll beleuchtet, dringen hier über den verzerrten Couloirs der Rückseite die Strahlen durch alle Scharten zwischen den hohen reglosen Pfeilern, und das Schönste ist dann, was die Phantasie im Schatten dieser Kulissen erträumt.

Genau dieser Wand gegenüber, auf der anderen Seite des Aroliagletschers, antwortet die Kette der Bouquetins mit einer noch mächtigeren, noch wilderen Wand. Die beiden Berge bilden gleichsam die Wände eines hohen, schmalen Kirchenschiffs, dessen Chor vom Mont Brulé als Hochaltar, drapiert mit einem weissen Firntuch, abgeschlossen ist. Je nach der Tagesstunde lässt die Beleuchtung das Relief der einen oder andern Wand mehr hervortreten, ohne dass das Mysterium des Ganzen zerstört würde. Jedesmal, wenn ich diese Landschaft wiedersehe, ist mir, als ob ich eine andere Welt betrete in einer andern Zeit, die hier stillgestanden ist. Wohl haben Menschen ein ganzes Netz von Routen durch diese Mauern erzwungen, aber es ist nichts geblieben, nicht einmal ein Weg, der dazu verlocken könnte, dass man seinen Fuss auf ihre Spur setzte. Die Beschreibungen im Clubführer sagen immer dasselbe: « Abzuraten wegen Steinschlag! » Diese Welt hat sich über Vergangenem geschlossen wie das Meer über einem Schiffbruch.

Um den Zugang zu dieser Kirchenruine zu hüten, hat der Gletscher auf seinem Rückzug einen Vorplatz voll enormer Steine hinterlassen. Vom Plan de Bertol aus sind fast eine Stunde lang diese beweglichen Trümmerhaufen zu überwinden. Daher sind es fast nur die Skifahrer im Frühling, die diese versunkene Welt betreten, und obendrein nur in der Höhe, gleichsam durch das Querschiff zwischen Col de FEvêque und Col du Brulé. Und sie bewegen sich auf den Fußspitzen vorbei, ohne einen Blick in das vergessene Längsschiff zu werfen. Wenn je ein Ort in den Alpen seine Unberührtheit zurückerlangt hat, so ist es hier, wo nur dann und wann im Steingewirr Lawinen liegen wie Reptilien an der Sonne.

Vom Evêque zum Collon, 18. August 1953. Ich habe mich in diesem Steingewirr nicht aufgehalten. Von den Vignettes her kommend, machte es mir Spass, einfach dem ganzen Grat zu folgen vom Col de l' Evêque bis zum Gipfel des Collon. Es war etwas gemogelt, war diebisch über die Mauer in die « englischen Gärten » geschaut, die den Briten in ihrer grossen Zeit so teuer waren.

Von der Hütte aus hat man kaum eine Stunde bis zum Col de l' Evêque oder - was noch besser ist, um einen ersten, uninteressanten Höcker zu vermeiden - zur Südschulter dieses Berges. Man quert zuerst das weite Plateau des Col de Chermontane. Nach rechts schweift der Blick über die ganze endlose Länge des Glacier d' Otemma - eines der grössten Gletscher in den Alpen. Der Blick nach links, über die Marmorstufen des Glacier du Mont Collon und de Vuibé hinab, die beide über dem noch nachtblauen Tal hängen, vermittelt ein prickelndes Schwindelgefühl. Man klettert nun dem Petit Collon entlang, diesem kompliziertesten aller Berge mit seinen fühler-artigen Ausläufern und seinen Scheingipfeln. Von Stufe zu Stufe gewinnt man mühelos die Schulter des Evêque, wobei einem das ganze Gefolge von Nadeln, die ihn mit dem Collon verbinden, am Auge vorüberzieht, und man kann sich ein Bild davon machen, was den erwartet, der sich anschickt, seine Hosen an dieser ganzen Palisade abzuwetzen.

6 Uhr morgens greifen wir, Henri Mercier und ich, den Evêque an. Man hat uns Wunder von ihm erzählt, von seinen Schwierigkeiten, seinem Fels. Was den ersten Punkt betrifft, sind wir fast enttäuscht: die Kletterei ist luftig, aber mehr unterhaltend als schwierig. Und doch gefällt sie uns an diesem strahlenden Morgen; denn sie spielt sich ganz zwischen Sonne und Schatten ab. Man spürt an der eigenen Haut den scharfen Gegensatz zwischen den beiden Abhängen; rechts ist das Gesicht von warmem Licht umschmeichelt, links der Bise ausgesetzt.

Nur zu bald stehen wir vor dem grossen Vorsprung ( welcher Grat hätte nicht den seinen ?). Man könnte ihn in ausgesetzter und schwieriger Kletterei überwinden. Lohnt es sich aber, wenn zwei oder drei Schritte rechts oder links davon der Berg kein Hindernis bietet? Ich habe einen natürlichen Widerwillen, mich in solchen Lagen unnötig auszugeben. Ist es Faulheit? Feigheit? Oder will ich vom Berg nicht überlistet werden? Nein! Ich stelle mich einer Schwierigkeit, da wo sie sich mir wirklich entgegenstellt, sonst umgehe ich sie und suche sie dort, wo sie echt ist.

Drei Schritte nach rechts, und ich stosse genau auf die Verschneidung, die ich brauche. Sie führt senkrecht bis unter ein Dach. Ein etwas heikler Schritt nach links, und man entschlüpft auf das Dach hinaus und steht über dem Überhang. Das Hindernis ist überwunden - oder überlistet: wie man die Sache auffasst. Der Rest ist nur noch angenehme und rasche Turnerei. Um 7 Uhr betreten wir den harten Schnee auf dem Gipfel.

Ein Halt? Nein, noch nicht. Die Luft ist so durchsichtig und frisch, der Berg so jung und klar, dass man sich weigert, ihn passiv schauend zu geniessen. Klettern und schauen, handeln und geniessen sind eines und selbes. Das Leben reduziert sich auf dieses elementare Verhalten. Der Sinn des Bergsteigens: vielleicht hat es nur das eine Ziel, zu dieser Vereinfachung hinzuführen.

Zwanzig Minuten « Hinabpurzeln », und wir sind am Fuss des Evêque-Nordhangs. Nun ist die Mitre an der Reihe.

Sie hat zwei Spitzen, wie es sich gehört für einen bischöflichen Kopfputz. Zuerst kommt die kleinere dran, die ohne grosse Formalitäten erstiegen wird. Auf dem höchsten Block sitzend betrachten wir die benachbarte Spitze. Sie bietet eine sehr schroffe Mauer, die nur dort begehbar scheint, wo sie einzustürzen droht. Genau die Art Wand, wo man nur noch mit den Händen « sehen » kann.

Dreiviertel Stunden später haben wir die Grande Mitre erstiegen. Es galt, mit Verschlagenheit einen Mittelweg zwischen Schwierigkeit und Gefahr zu suchen, wobei Schritt für Schritt das Problem neu zu lösen war, und es war ein geistiges Vergnügen, in dieser hässlichen Wand immer wieder eine gangbare Passage zu finden, die nie offenbar, aber immer vorhanden war. Es war wie das Vergnügen eines alten, kurzsichtigen Gelehrten, der mit der Lupe ein unleserliches Schriftstück entziffert.

Der Abstieg von der Grande Mitre ist anderer Art. Die polierten Platten ihres Abhangs bilden eine Rutschbahn, welche gewisse Nerven ums Schulterblatt kitzelt, die man für immer abgehärtet glaubte.

10 Uhr morgens haben wir uns in der Nordbresche zum ersten Halt auf dieser Fahrt eingerichtet. Für die ersten drei Gipfel haben wir drei Stunden gebraucht. Gut, dass bis jetzt alles nach Wunsch abgelaufen ist, denn die Fortsetzung wird problematisch. Sich darauf einlassen, heisst die Schiffe hinter sich abbrennen. Gehen wir weiter, so kommen wir nicht um den Gipfel des Collon herum, während unter unseren Fussen ein Couloir wie dazu gemacht scheint, uns tapfere Knaben wieder auf den Gletscher hinabzuführen. Aber zu dieser Tageszeit und bei diesem Wetter wäre es Unsinn, die lange Reihe von Gendarmen, die die Treppen des Collon hüten, links liegenzulassen.

Trotzdem! sie sehen nicht einladend aus: wie ausgediente alte Soldaten, gut genug fürs Inva-lidenheim. Ein einziger dort oben hat Schulterbreite: der Chancelier, dessen hoher roter Pfeiler den stumpfen Gipfel des Collon flankiert.

Zwei Stunden später steigen wir langsam gegen die SE-Ecke des Gletscherfirns auf, der auf dem Gipfel des Collon liegt wie ein weisses Taschentuch, das auf einem Stein trocknet. In dieser Ecke steigt aus dem Schnee ein Geröllhügel, wie gemacht, um das Gipfelzeichen aufzunehmen.

Ein eigenartiger Berg mit seinem Gipfelaltar aus Schnee, bereit, die Gaben des Himmels zu empfan-genWarum nicht ein Flugzeug? Wenn nun Gletscherpilot Geiger mit seinem roten Apparat angeschwirrt käme und ihn auf dem weissen Tisch absetzte! Unsere Fahrt ist zu Ende, das Interesse erschöpft, aber noch trennen uns drei Stunden Marsch über brüchigen Fels und aufgeweichten Schnee von der Hütte. Zu liebenswürdig, wenn uns einer hier wegholte! Denn wir haben uns eben mit den lausigsten Gerippen von Gendarmen, die sich gerade noch aufrechtzuhalten vermochten, abgegeben. Über eine Stunde lang haben wir alle Kniffe angewandt, ohne immer verhindern zu können, dass ganze Breitseiten von Steinen sich lösten. Die Couloirs, durch welche einst die Herren Briten aufstiegen, rauchten wie Pfeifen und rochen wie Feuerstein. Wir haben den romantischen Sinn dieser Vorgänger bewundert. Was lag ihnen auf der Seele, dass sie sich so kasteiten? In den ersten Stunden nach Mitternacht brachen sie auf, hissten sich einen ganzen Tag lang durch die höllischen Rinnen des Osthangs empor und stiegen, bevor die neue Nacht anbrach, ab mit der Langsamkeit und Geduld der Kletterer von dazumal.

Nein, ich verurteile sie nicht. Ich bewundere sie aufrichtig. Wir sind es, die verloren haben, indem wir uns von diesen abweisenden Orten abgewandt haben, von diesem Niemandsland, wo sich der Berg von seinem Abraum zu befreien scheint.

Solche Orte sind der Schrecken der Akrobaten. Aber vielleicht sind sie der letzte Ort, wo man zwischen den Trümmern jenes aus der Mode gekommene Etwas findet, das man einst die Seele des Berges nannte.

Aus den Gendarmen entlassen, haben wir rund um den Chancelier ein lächerliches Spiel aufgeführt. Es war endlich richtiger Fels und Senkrechte, und wir haben beides wie einen Nachtisch gekostet. Aber vom Gipfel aus schien uns die Scharte, die ihn vom Collon trennt, fast unüberwindlich. Ich glaubte mich zu erinnern, im Führer gelesen zu haben, dass der Chancelier auf der Höhe der Scharte zu umgehen sei. Wir stiegen also bis dahin ab, um einen Quergang zu suchen. Wir schlugen uns - besser gesagt: ich schlug Henri eine ganze Auswahl von Passagen vor, die sich alle als Sackgassen erwiesen an diesem von der Sonne überhitzten, scheusslich senkrechten Turm. Eine halbe Stunde später standen wir wieder auf dem Turm, so gescheit wie zuvor. Es blieb uns nur, den direkten Übergang zu versuchen - und dieser entpuppte sich als lächerlich leicht! Dieses eine Mal, wo ich die Regel des hl. Thomas: « Zupacken und sich überzeugen » - so weise in den Bergen - missachtete, bin ich hereingefallen wie ein Anfänger.

Der Abstieg vom Collon war eine Sache für sich. Ich verstehe nicht, wie SAC-Sektionen diesen Gipfel als Ziel für Kollektivtouren wählen können. Ich habe viele Sohlen an vielen « baufälligen » Bergen durchgescheuert beim Aufspüren von Unbegangenem oder Übriggebliebenem. Der Collon im Abstieg auf der gebräuchlich gewordenen Route am Westgrat ist ein gutes Beispiel für diese Sorte von Routen. Aber wenn es angeht, hier allein oder zu zweit ein düsteres Vergnügen zu suchen, so ist es für eine ganze Schar zum vornherein mit dem Vergnügen vorbei, und man muss dem Himmel danken, wenn kein Unglück passiert.

Zu unserem eigenen Erstaunen leisteten wir es uns, zwanzig Meter Abstieg mit Abseilen zu er-schwindeln mit Hilfe eines von irgendeinem erbitterten Alpinisten zurückgelassenen Hakens. Es waren immerhin zwanzig gewonnene Meter. Das Schneewaten zur Hütte erschien uns nachher als Gnade, trotz schweren Beinen, so schwer, als wären sie mit Steinen beschwert gewesen von diesem unwirtlichen und doch so schönen, abseits gebliebenen Berg.

205 La Singla, 19. August 1953, Traversierung S-N. Die Traversierung Evêque-Collon war nur als Vorspiel zur Singla gedacht, unserem Ziel Nummer eins in der Region der Vignettes. Aber dieses « Trainierungsrennen » hatte uns so durchrüttelt, dass wir, als wir die Hütte erreichten, für den nächsten Tag nichts Neues planten. Das beständige Wetter mochte uns einen Ruhetag erlauben.

Jedoch das Schicksal entschied anders. Gegen Abend erschien in der Hütte der Führer Gaudin mit einem Träger und einem englischen Touristenpaar in den Sechzigerjahren. Ihr Ziel war... die Traversierung der Singla. Eigenartiger Zufall! nachdem diese Fahrt seit mindestens drei Jahren nicht wiederholt worden war. Konnten wir Gaudin uns um einen Tag zuvorkommen lassen? Es wurmte uns, da wir etwas « fast Neues » gefunden hatten. Wie würde aber er sich dazustellen, wenn wir die Fahrt vor seiner Nasenspitze oder dicht auf seinen Fersen machten? Ich kannte ihn von einem alpinen Kurs her: am besten war es, ihn offen anzureden. Er zeigte sich erfreut über unsere Gesellschaft. Dieses Entgegenkommen - nach einem « Farniente » des Spätnachmittags - bewirkte, dass wir uns schon wieder ganz in Form fühlten.

Die Singla war allen Alpinisten, die ich darüber befragt hatte, unbekannt, obwohl der Berg zum Panorama der Vignettes gehört. Sie steht, fünf Kilometer entfernt, genau südlich von ihr, eine schöne, regelmässige Pyramide. Hinter ihrer Spitze errät man, etwas nach links, eine lange Reihe von Gipfeln. Das ist alles - und zu wenig, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich selbst musste sie auf der Karte und im Kurz-Führer entdecken, bevor ich sie in der Natur bemerkte. Die Ausgabe 1923, die einzige, in die ich Einblick nehmen konnte, gibt eine vielversprechende Skizze des italienischen Abhangs, aber die Beschreibungen sagen nichts über die vollständige Traversierung, die uns allein interessierte. Der Grat zwischen Süd- und Zentralgipfel war damals noch unbegangen. Dass er es jetzt nicht mehr war, war alles, was ich wusste. Was Gaudin betraf, kannte er nur den Anmarschweg bis zum Col de Blanchen, wo schlechtes Wetter seinem ersten Versuch ein Ende gesetzt hatte.

Der Skifahrer, der den Glacier d' Otemma hinaufsteigt, hat die Singla lange vor Augen. Ihr zerrissener Grat säumt den rechten Rand eines namenlosen Nebengletschers, der von Süden her ein-mündet1. Dieser Gletscher ist beachtenswert. Zwei Kilometer lang, steigt er in drei hohen, tiefen Stufen über 600 m zum Col de Blanchen auf, einer leichten Senke zwischen den Graten des Grand und des Petit Blanchen. Der Übergang sei ein sehr schönes Ziel für Skifahrer, bestätigte Gaudin, besonders wenn man ihn, von den Vignettes ausgehend, vorher mit der Abfahrt vom Pigne über den Glacier de Breney und den Col des Portons verbindet.

Aber noch beachtenswerter ist der Grat der Singla. Seine Spannweite beträgt 1500 m zwischen den beiden höchsten Gipfeln und über zwei Kilomter vom Col d' Oren bis zum Col Blanchen: ein gutes Drittel mehr als der Grat der Aiguilles Rouges von Aroila. Der Kamm trägt mehr als dreissig Gendarmen mit vier Hauptgipfeln. In dieser Zahl ist allerdings der Blanchen mitgerechnet, aber das ist ganz in Ordnung: es handelt sich in Wirklichkeit um ein und dieselbe Kette des ein und selben Berges, sonst müsste man gerechterweise vier Berge unterscheiden.

Wenn die Traversierung der Singla an Länge wie an Interessantheit diejenige der Rouges übertrifft, so reicht der Ausblick auf den hohen Berg der Pointe d' Otemma leider bei weitem nicht an die Erscheinung seines Rivalen vom Val d' Hérens heran. Die Flanke, die sie über den namenlosen Gletscher hinweg darbietet, ist von ziemlich kompliziertem, ungestaltem Aufbau, von Geröllflächen und Gletscherfirnen durchbrochen. Ebensoviel wie ihre Isolierung ist wohl ihr Mangel an Er- 1 Der GAV schlägt vor, ihn Glacier de Blanchen zu taufen. Ich würde de la Singla vorziehen, in Anbetracht der Wichtigkeit dieses Berges.

» 206 habenheit die Erklärung dafür, dass die fünfunddreissig Gendarmen unseres Grates unbeachtet geblieben sind. Unsere Traversierung werde erst die fünfte sein, versichert uns der Hüttenwart.

Die Singla hat ihren Reiz nur auf dem italienischen Hang wie ein anderer, trotzdem berühmt gewordener Berg: der Portjengrat. Auf dieser Seite ragt sie mit einer furchtbaren 600 m hohen und gute zwei Kilometer breiten, von Gräben durchfurchten Wand über den Combe d' Oren auf ( unter dem Col de Collon ). Ich wurde sie auf einer Skitour gewahr, und seit diesem Tag hat sie mich angezogen. Tatsächlich bildet diese Hangseite den Ausgleich für die andere, und immerhin muss man heute auch mit einem halben Berg zufrieden sein, wenn er... noch halb-jungfräulich ist.

2 Uhr 20 morgens. Ein klarer Himmel, die Luft so ruhig, dass man die Kälte nicht spürt, ausser an der Härte des Firns, welcher glänzt wie Salzkristalle. Henri bewegt sich mit langen Schritten südwärts, in grösser Distanz dem Laternenschein der Karawane Gaudins folgend. Ich passe mich seinem Schritt an, und der Anmarsch, den wir nach dem Augenschein von gestern abend als mühselige Fron beurteilt haben, empfinden wir nun als anregende Einleitung. Der Hang geht leicht abwärts, so dass man einen raschen Schritt einschlägt, der Lunge und Muskeln in Gang bringt.

Auf den oberen Firnen des Otemmagletschers hat sich der Naßschneemorast von gestern in Eisbretter verwandelt. Plötzlich kracht unter unsern Fussen ein Pistolenschuss. Wir stehen bockstill, aber dann lachen wir über unsern Schreck. Wir kennen das Knallen von plötzlichen Rissen, die unter unserem Gewicht im Eise entstehen, sie sind ungefährlich. Aber trotz besserem Wissen fahren wir bei jedem Knall von neuem zusammen.

Eine gute Stunde Marsch, und schon umgehen wir den Ausläufer, der vom Nordgipfel der Singla in den Otemma hinein vorstösst. Der schwere Gibraltarfels ragt kohlschwarz über uns in die Nacht. Hier ist der Anmarsch, den wir als so lang, so undankbar gefürchtet haben, zu Ende. Gerechterweise dürfen wir ihn nicht zu den Mühen zählen, sondern zu den positiven Seiten unserer Fahrt.

In gemächlicherer Gangart steigen wir nun den Nebengletscher an der Westflanke der Singla empor. Aber wo hat sich Gaudin hingewendet mit seiner Laterne? Sicher ist er dort oben, wo ihn uns die erste Staffel verdeckt. Aber wo ist er aufgestiegen? Eine Ahnung treibt mich zum andern Gletscherrand, zu dem ich in langer Diagonale aufsteige - eine glückliche Eingebung, die uns ein fürchterliches Netz von Spalten erspart. Die, welche wir auch so noch überschreiten müssen, geben uns einen Begriff von diesen mit einer Schneekruste überbrückten senkrechten Einschnitten. Aber nochmals: wo ist Gaudin hingekommen?

Wie als Antwort erreicht uns von unten her mitten aus dem Labyrinth ein Ruf. Gaudin versucht, sich nach uns zu orientieren. Wir gehen zurück, ihm entgegen, um unsern Teil zur Entzifferung des Bilderrätsels im Dunkeln beizutragen. Nach einer Viertelstunde haben wir uns mit Hilfe von Signalen und Rufen gefunden. Gaudin hat der Route folgen wollen, die er kennt und die auch im Führer beschrieben ist. Aber in diesem Jahr ist der Gletscher am rechten Rand bis auf die Felsen von Spalten durchschnitten. Gaudin ist durch seine Erfahrung irregeführt worden, und mich hat meine Unerfahrenheit aus der Sache gezogen. Der Führer nimmt diese Ungerechtigkeit des Schicksals - vor uns und vor seinen Klienten - lächelnd an, und diese sportliche « Fairness » bricht den letzten Rest von Kälte, die zwischen uns als Rivalen geblieben sein könnte. Als Kameraden werden wir die Fahrt fortsetzen.

So benützen wir, als der Tag beginnt, unbefangen die Spuren, die Gaudin unter dem Col de Blanchen kraftvoll in den Hang schlägt. Dann machen wir gemeinsam halt zu einem reichlichen Frühstück auf dem schon angenehm warm beschienenen Grat. Es ist 5 Uhr 50. Ein ideal schöner und ruhiger Tag kündigt sich an. Wie wenn wir sie schon « im Sack » hätten, wissen wir, dass die Fahrt ein reines Vergnügen, ein voller Erfolg werden wird.

Die Gratkletterei der Blanchen erweist sich als Spiel für Arme und Beine. Der Grat ist aus aufstehenden Platten gebildet, Platte gegen Platte der Länge nach aneinandergereiht wie der Vorrat eines Steinhauers. Man steht auf die eine und greift nach der nächsten. Man hüpft von Gratstück zu Gratstück, hangelt an Felszacken wie an enormen Haifischzähnen entlang. Man braucht den Kopf wie die Glieder; denn das Spiel besteht in rhythmisch raschem Ablauf der Bewegungen. Wir zählen die Gendarmen nicht. Was zählt, ist der Gesamtverlauf des Berges, sein kunstvoller Aufbau, der Empfindungen aus der Kindheit wachruft: das Gefühl in der Welt der Erwachsenen spielen zu dürfen.

Gaudins Touristen sind trotz ihren Jahren gute Berggänger. Aber wir sind später als sie aufgebrochen und sind ihnen beim Abstieg in die Bresche der südlichen Singla dicht auf den Fersen. So besteht der Führer darauf, uns den Vortritt zu lassen, und wir wissen dieses neue Entgegenkommen zu schätzen, das uns das Vergnügen des Auskundschaftens vermittelt.

Die erste Schwierigkeit in der südlichen Singla bietet ein fünfzehn bis zwanzig Meter hoher isolierter Gendarm, unterhaltend zu erklettern. Sein grünlicher Fels ist waagrecht gestuft wie ein Papierlampion, und so hat er für uns schon seinen Namen. Dann folgt ein hoher Doppelturm. Wir haben ihn schon von weitem als ernstes Hindernis betrachtet, und tatsächlich kann er von dieser Seite her nicht ohne künstliche Hilfsmittel erzwungen werden. Aber seine Ostrippe ist der Ansatzpunkt eines mächtigen Ausläufers nach der italienischen Seite1, und hier ist sein schwacher Punkt: die Rippe weist ein seitliches Kamincouloir auf, durch welches wir mühsam den nach Norden geöffneten Einschnitt der Doppelnadel erreichen. Das Problem ist gelöst.

Nun stehen wir vor drei spitzen Gendarmen über senkrechten Mauern. Die Kletterei ist so luftig, wie es sich nur wünschen lässt. Der Abstieg über den zweiten, in Form einer Messerscheide, ist freie Kletterei an der Grenze des Verantwortbaren. Der erste Schritt ist überhängend nach der italienischen Seite. Dann zehn Meter fast senkrechter Grat. Ein Einschnitt wie von einem Säbelhieb empfängt uns, tief wie ein Burgverliess. Durch eine Drehbewegung entschlüpfen wir ihr in den Schweizer Hang hinein. Und wieder stehen wir auf dem Grat. Gezackt und luftig läuft er weiter bis zum Südgipfel. Zwei Stunden und zehn Minuten nachdem wir den Col de Blanchen verlassen haben, betreten wir die höchste Spitze, begeistert vom ersten Drittel unserer Traversierung.

Es ist noch so früh, dass wir uns einen Halt von dreiviertel Stunden erlauben dürfen, um auf die nachfolgenden Seilschaften zu warten. Sie sind begeistert wie wir. Aber schon geht unser Blick weiter zum Zentralgipfel. Wir wissen, dass uns die Hauptschwierigkeiten auf diesem Felsklotz erwarten, der in der Beschreibung des Führers von 1923 noch als unberührt gilt. Er ist aus vertikalen Massen aufgebaut mit zwei tiefen Einschnitten, und etwa zehn Gendarmen in allen Formen und Durchmessern schmücken den Kamm.

Der Abstieg vom Südgipfel führt zuerst über eine lange Reihe von Platten. Wie schiefgestellte Waschbretter, sind sie, obwohl leicht, von jener unbequemen Beschaffenheit, dass man weder mit dem Gesicht gegen den Berg noch talwärts über sie abklettern kann, so dass man sich entschliesst, sich wie umgekehrte Maikäfer auf dem Rücken zu bewegen, mit eingezogenem Kreuz, um die Hosenböden vom Fels möglichst wegzuhalten.

Dann nimmt man wieder menschliche Haltung an, um zwei schwindelerregend dünne und unter « den Schlägen hohl tönende Nadeln zu erklettern. Auf der Rückseite einer letzten Spitze wieder 1 Siehe NL. Es ist sicher dieser Ausläufer, der eine Unterscheidung zwischen Blanchen und Singla bewirkte, welche nur auf dieser Seite gerechtfertigt ist.

zwanzig bis dreissig Meter im Maikäfergang bis in die erste grosse Scharte hinein! Ein Drittel des Wegabschnitts liegt hinter uns.

Vor uns der zwölf Meter hoch senkrecht aus der Scharte aufsteigende Grat. Ein kitzliges Unternehmen, wenn man nicht sicher ist, den richtigen Griff im richtigen Augenblick immer zu finden. Dann stellt sich der Berg uns nicht mehr ernstlich entgegen. Die drei kleinen, Wache stehenden Gendarmen sind nur noch Parade. Einer Schikane begegnen wir später in Form eines dicken Felskopfs, höckrig wie der Schädel eines Pithecanthropus. Er ist fast überall etwas überhängend; aber es scheint, dass man ihn auf der italienischen Seite umgehen kann. Er trägt jedoch einen Steinmann auf der Kuppe: Grund genug, der Sache nachzugehen. Einige grosse Blöcke erlauben die Annäherung an den Überhang des « Hinterkopfs ». Von der Höhe des obersten aus gelingt mir der Übergang ohne zu viel Mühe, und der fossile Schädel ist bald erstiegen. Auf der andern Seite erlaubt ein Sicherungsmanöver, den « Augenbrauenbogen » ohne Aufregung zu erreichen. Darunter öffnet sich die zweite tiefe Scharte am Fuss einer neuen Plattenserie.

Offensichtlich sind wir im Begriffe, all diese Sägezähne der Singla von hinten anzugehen. Die Kletterei vollzieht sich immer in der Vertikalen und der Abstieg auf einer Dachschräge. Dieses Kennzeichen des Berges ist so allgemein, dass wir uns fragen, ob die Traversierung in umgekehrter Richtung nicht rationeller wäre. Die mörderischen « Maikäferplatten » könnten wie Leitern erstiegen werden, und das Doppelseil sicherte da und dort einen riskierten Abstieg.

Als Ausgang aus der Scharte ein neuer senkrechter Vorsprung! auf gute fünfzehn Meter ohne Griffe. Den werden wir nicht von vorn bewältigen. Wir müssen einen Weg unter der Gratlinie, auf der italienischen Hangseite, suchen. Ein paar Schritte in faulem Fels führen zum Fuss einer verwitterten Verschneidung. Wir haben keine Wahl und sind rasch entschlossen, rascher als hinaufgeklettert! Denn dies ist die Seillänge, auf der ich mich bis zum letzten ausgeben muss. Ist es die Verheissung weiterer Schwierigkeiten am Beginn des Zentralmassivs? Wieder auf der Gratlinie, im Anblick eines massiven Turmes von besorgniserregendem Aussehen fange ich es an zu glauben - und bin fast enttäuscht, als ich einen breiten Gehsteig gewahre, der links darum herumführt. Nach einigen weiteren Seillängen haben wir eine breite Geröllterrasse am Fuss des Gipfel-vorsprungs erreicht.

Wir bewundern diese ockerfarbige Felsburg, die wir schon seit einiger Zeit von weitem forschend betrachten. Massiv und vierkantig wie die Felsen am Mont Blanc, athletische Anstrengung erheischend. Die ersten fünfzehn Meter müssen relativ leicht sein, aber die fünfzehn letzten sind vertikal: eine grosse rote Mauer, durch die im Zickzack ein Riss läuft. Es ist das ernsteste Hindernis, das uns bis jetzt begegnet ist, und hat zweifellos nicht seinesgleichen auf der ganzen Fahrt, und wir besitzen nicht die geringste Routenangabe, haben nicht den kleinsten Nagel in der Tasche. Mit einigem Bedauern entschliesse ich mich, die Burg von der Otemmaseite her zu nehmen, die begehbarer aussieht. Die Lösung ist gut: ich finde einen Weg durch Verschneidungen und über massive Felsplatten, und in wenigen Minuten stehen wir auf dem Zentralgipfel, am Endpunkt dieser zweiten Gratstrecke, noch schöner als die erste: geraffter und intensiver. Eine Stunde und zwanzig Minuten Kletterei, aber so ausgefüllt, dass man jedes Mass für die Zeit verliert.

Wir rasten fast eine Stunde und sonnen uns auf den Gipfelplatten. Vorerst ist es unterhaltend, unsere Kletterei der letzten halben Stunde nochmals zu erleben, indem wir das Vorgehen der beiden Seilschaften Gaudins verfolgen. Dann beschäftigen wir uns damit, unsere Kenntnis der italienischen Bergwelt zu klären. Diese südliche Region der Penninischen Alpen erscheint uns -zu Recht oder zu Unrecht - als unwirtliches Niemandsland, einsam, namenlos. Gibt es in diesen Tälern und auf diesen Bergen Bauern, Wanderer, Alpinisten, denen sie etwas bedeuten? Von der 14 Die Alpen - 1961 - Les Alpes209 Höhe des Col de Blanchen aus haben wir das winzige Biwak-fix der Sassa in seiner Geröllwüste ausfindig gemacht. Zu unsern Füssen, unter dem Col de Collon, liegt das Rifugio Principessa di Piemonte in der seinen. Unmöglich, einen Weg zu erkennen, der zum einen oder andern führte. Wie herrenloses Strandgut, bei Ebbe auf dem Kies zurückgelassen, stehen sie verloren da. Auf den Hängen bei uns wimmelt es von Leuten, und es gibt keine Landschaft, deren Abbild nicht am Drehgestell der Ansichtskartenstände zu haben wäre. Es ist die schönste Welt - aber zu sehr zur Schau gestellt. Hier - ist es optische Täuschung oder unsere Unwissenheithier scheint alles weniger harmonisch, weniger entgegenkommend und bestechend - und gerade darum erregender.

Ein langer Weg trennt uns vom Nordgipfel, dem höchsten Punkt der ganzen Singla. Der hohe Grat gleicht einer vom Grund des Otemma aufspringenden Steinwoge, mitten im Himmel stillgestanden als sie sich anschickte, über Italien hinwegzubranden. Ihr Kamm, da und dort mit einer Schaumkrone aus Schnee, hatte sich schon überhängend eingerollt. Eine einzige tiefe Scharte trennt uns davon, aber der Horizontalabstand ist merklich länger als vom Süd- zum Zentralgipfel. Er wird uns noch Arbeit geben.

Wir wissen, was für ein Abstieg uns erwartet: Platten, immer und ohne Ende. Aber im kompakten Fels dieser Zentralpartie sind die Linien einfacher und schöner. Dann und wann steigt der Grat wieder, aber in zwei Sprüngen hat man diese « Sägezähne » überwunden. Die einzige wirklich schwierige Nadel, vierkantig wie ein Festungsturm, lässt sich nach der italienischen Seite mühelos umgehen. Dann geht es abwärts. Von Zeit zu Zeit noch eine luftige Stufe; aber immer findet man an der abschüssigen Stelle die nötigen Griffe, um von einer Ziegelplatte zur andern abzusteigen. Die letzte, glatt und violett wie polierter Marmor, gibt bei einer kurzen Abseilung nach, und wir liegen auf dem Grund der grossen Scharte.

Noch einmal gilt es, über einen zehn Meter hohen senkrechten Ausstieg aus dem Grateinschnitt herauszukommen Dann gibt es keine groben Hindernisse mehr, dafür vervielfachen sich die kleinen, die in ihrer Anhäufung so mühsam werden, wie die grossen durch ihr Ausmass. Aber wir haben schon anderes erlebt, Henri und ich, ohne mitzurechnen, dass unsere Muskeln heute keine Ermüdung spüren. Die lange Kletterei von gestern - wie weit scheint sie schon zurückzuliegenhat nicht die geringste Müdigkeit zurückgelassen. Im Gegenteil, und das ist eine Bestätigung mehr für die oft beobachtete Tatsache: am Tag nach einer harten Bergfahrt verfügt man über einen verjüngten Körper. Welch Wunder von einer Maschine! die einzige, die sich im Gebrauch erneuert.

Wir haben unsere gute Verfassung nötig für die Entdeckung, die uns erwartet, als wir zum Gipfel kommen: es gibt zwei Nordgipfel, ungefähr von gleicher Höhe, aber 200 m auseinanderliegend. Wir stehen auf dem ersten, und es heisst von neuem den Tanz beginnen: von Turm zu Scharte und von Scharte zu Turm. Endlich, anderthalb Stunden nachdem wir den Zentralgipfel verlassen haben, erreichen wir den wirklichen Nordgipfel. Es ist 12 Uhr 40. Wir haben geglaubt, die Fahrt wolle kein Ende nehmen; nun ist das Ziel schon erreicht, obwohl wir uns so lange Ruhepausen gegönnt haben.

Die letzte soll diese ausgiebige Mittagsrast sein. Während der Körper sich wie ein rechtschaf-fenes Reittier an der Futterkrippe labt, kann der hinfort von jeder Sorge befreite Geist nach Herzenslust schweifen.

Nach dreiviertel Stunden holt uns Gaudin mit seinen Touristen ein. Weder der englische Herr noch seine Frau scheinen ermüdet, und wir gratulieren ihnen aufrichtig. Ihre ganze Leidenschaft seien die Berge, sagen sie. Ferien in den Alpen seien für sie jedes Jahr das grosse Ereignis. Möge ihnen diese Freude bis ins hohe Alter beschieden sein! Sie sind weder die ersten noch die letzten Vertreter ihrer Nation, die mit unseren vergessenen Bergen vertraut sind. Diese entsprechen ihrem aktiven und wissbegierigen - und auch nachdenklichen - Charakter; aber sie machen kein Wesens davon.

Der Abstieg vom WNW-Sporn der Singla bescherte uns für mehr als eine Stunde « Maikäferplatten », bevor er uns in die Wand entliess. Und diesmal bekamen wir übergenug von dieser grotesken, ermüdenden Kriecherei. Nachher erschienen uns all die Geröllfelder, Firne, die Bänder mit vom Wasser rundgewaschenen Felsen wie ein Vergnügen, obwohl wir in diesem von der Nachmittagssonne überhitzten Kessel rösteten wie Hühner am Bratspiess. In der letzten nackten Wand suchten wir in einem Lawinencouloir am Westpfeiler des Nordgipfels Zuflucht und gelangten von da bald auf den Glacier de Blanchen hinab Von unserem hohen Standort aus hatten wir vorher das Labyrinth festgestellt, in dem sich Gaudin verfing und konnten ihm nun leicht entrinnen.

Auf der Rückkehr zu den Vignettes über den Otemmagletscher waren die unter unserem Gewicht berstenden Eiskrusten vom Morgen zu einem Morast aufgeweicht, in den wir bis zu den Knöcheln versanken. Dieser Rückweg ist der schwache Punkt dieser im übrigen so schönen Fahrt. Man hat für gute zwei Stunden daran, genug, um sich zu verwünschen, dass man sein Glück so weit weg gesucht hat. Aber durften wir uns beklagen? An diesem Spätnachmittag war die Otemma von überirdischer Schönheit. In seiner ganzen Länge war der Gletscher von Westen her silberglänzend beleuchtet. Ein Himmel voll kleiner runder Wolken legte weisse Blütenflocken auf die Berge. Da und dort ruhte unbeweglich ihr Schatten. Es war ein Friede, so sieghaft, dass man glaubte, die Stunde müsse ewig dauern, eine Harmonie, dass wir uns fast schämten mit unserer armseligen Gegenwart ihre Vollkommenheit zu stören.

Die Singla in Richtung Nord—Süd, 27. Juli 1960. Unsere Traversierung der Singla hatte in mir den Gedanken geweckt, dass sie eigentlich in umgekehrter Richtung ausgeführt werden sollte, von Norden nach Süden ( im Gegensatz zu dem, was ich später im GAV von 1937 las ). Erstens würde man so die « Maikäferplatten » vermeiden, die, wenn man von Süden her kommt, den Hauptteil der Abstiegspassagen ausmachen. Im Aufstieg könnten diese geneigten Flächen eine angenehme und rasche Kletterei bieten. Von den Abstiegsstellen würden nur zwei die Anwendung des Doppelseils nötig machen: die Gipfelmauer der Zentralspitze und, etwas weiter unten, der Vorsprung über der ersten tiefen Scharte ( Scharte der Verschneidung ). Dazu würde sich der Anmarsch bis zur Wand um anderthalb Stunden reduzieren. Die Felsbänder mit dem runden Felsen und die Firne der Westflanke würden in der Morgendämmerung einen angenehmen Aufstieg bieten. Und auf dem Rückweg, wenn der Blanchen traversiert wäre, wären die Schneehänge des Passes und des Gletschers gleichen Namens ein günstiges Gelände für schöne Rutschpartien.

Sieben Jahre später, am 27. Juli 1960, konnte ich mein Vorhaben, diese Hypothese zu beweisen, durchführen. Meine Gefährten waren Henri Mercier wie beim erstenmal und Philipp Metzker. Wolkenlos beim Aufbruch, verschlechterte sich das Wetter unterwegs, so dass wir unsere Halte auf ein Minimum beschränkten ( 50 Minuten vom Aufbruch bei den Vignettes bis zur Wiederankunft auf den Otemma ). Auf dem Südgipfel begann es zu schneien. Nahe beim Gipfel des Blanchen mussten wir vor einem Gewitter fliehend den Grat verlassen und in die Westwand hineinqueren, von wo wir über glatten Fels und Bruchgestein in zwanzig Minuten abstiegen. Der Glacier de Blanchen war ein Morast von Faulschnee. Da wir vorher vom Südgipfel aus den Weg durch die oberen Séracs rekognoszieren konnten, fanden wir uns im Nebel mühelos zurecht. Weiter unten war der rechte Gletscherrand fast ohne Spalten, wie ihn auch Gaudin bei seinem ersten Versuch angetroffen hatte. Man kann also die Bedingungen, wie wir sie im August 1953 fanden, als Ausnahme betrachten. Für den Rückweg über den Otemmagletscher bei Nebel und zunehmenden Schneemassen mussten wir den Kompass zu Hilfe nehmen.

Es lässt sich der Schluss ziehen: Wie ich vermutet hatte, hat sich der Aufstieg zum Nordgipfel über den Westhang und Westsporn ( genauer WNW-Sporn ) als angenehm und interessant erwiesen. Er wäre für sich allein eine Fahrt, welche manche Seilschaft befriedigen könnte. Der Abstieg über den Col de Blanchen auf dem Rückweg ist mühelos. Auch die Gratkletterei in N-S-Richtung ist angenehmer: der Aufstieg über die Platten ist unterhaltend, die beiden vorausgesehenen Abseilungen sind leicht zu bewerkstelligen, beidemal sind es genau fünfzehn Meter. Auf dem Zentralgipfel befindet sich ein solider Haken, welcher 1953 noch nicht dort war '. Für das zweite Abseilmanöver bietet eine Felsnase eine gute Verankerung. Die benötigten Zeiten waren bei unserer Dreierseilschaft kürzer als sieben Jahre vorher als Zweierseilschaft. Natürlich ist einzurechnen, dass wir den Weg nicht mehr erkunden mussten.

Man umgeht, nach rechts oder links, nur eine kleine Zahl von Gendarmen. Es sind in der Reihenfolge N-S:

- Der breite, vierkantige Gendarm auf halbem Weg von der Nordscharte—Zentralgipfel: nach links ( Italien ).

- Der Gendarm, der unmittelbar auf das Abseilmanöver vom Zentralgipfel folgt: nach rechts.

- Der « Schädel » auf dem höchsten Punkt der Erhebung, die auf das zweite Abseilmanöver folgt ( Scharte der Verschneidung ): nach links ( kann auch überstiegen werden ).

- Der erste breite Gendarm südlich vom Südgipfel: nach rechts. ( Er kommt vor dem schwierigen Gendarm in Form einer Messerschneide, der zuoberst überhängend ist.Der isolierte Doppelturm südlich vom Südgipfel: nach links ( Italien ), wie auf unserer Querung von 1953, oder nach rechts ( schlechter Fels ) wie 1960, wo der italienische Hang durch eine Wächte gesperrt war.

Zeitplan Von S nach N ( 1953Von N nach S ( 1960 ) Vignettes-Col de Blanchen 3 Std. 30 Vignettes-Fuss der Westwand 1 Std. 40 Col de Blanchen-Südgipfel 2 » 10 Fuss-Schulter des W-NW-Ausläufers .1»10 Südgipfel-Zentralgipfel 1 » 20Schulter-Nordgipfel1 » Zentralgipfel Nordgipfel 1 » 30 Nordgipfel-Zentralgipfel1»15 Nordgipfel-Gletscher 2 » Zentralgipfel-Südgipfel1»25 Gletscher-Vignettes 2 »Südgipfel-Scharte des Blanchen ...1 » Scharte-Blanchen0»20 Blanchen-Otemmagletscher1»35 Otemma-Vignettes2 » Effektive Marschzeit12 Std. 30Effektive Marschzeit. 11 Std. 25 N.B. Aufbruch von den Vignettes 4 Uhr morgens, um bei Tagesanbruch den Westhang angehen zu können. Die Aufstiegsroute bis zum Gipfel ist im GAV 1937 unter Nr. 703 beschrieben mit einer Skizze auf S.335.Übers.: F.Oe.

1 Man liest im GAV, dass die Gipfelmauer ( mit 30 m angegeben, was auf 15 m zu korrigieren ist ) bei der ersten Traversierung der Singla durch Maurice Gilbert mit Antoine Georges und Jean Follonier 1926 bestiegen worden ist. Die Passage wird als « heikel » bezeichnet und wurde « mit Hilfe eines schwierigen Risses » überwunden.

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