Nachtwandler am Klein Schreckhorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Hugo Schweingruber.

« Es wird halt doch eine Gehirnerschütterung sein! » Diese Worte drangen wie aus weiter Ferne an mein Ohr. Freund Harry sprach sie, und es musste schon so stimmen. Zugleich wurde ein nasskaltes Taschentuch auf meine Stirne gelegt.

Was ist geschehen? Keine Ahnung! Wo bin ich? In den Bergen, tatsächlich auf irgendeiner Bergfahrt; es scheint im Schreck- oder Wetterhorngebiet zu sein! Aber warum denn liege ich auf diesem weichen Boden aus-gestrecktGras um mich, in der Nähe Schnee und Eis, neben mir sprudelndes Quellwasser — also muss ganz sicher etwas Aussergewöhnliches geschehen sein! Und sieh, ich vermag ja schon selbst mit der einen Hand das warmgewordene Tuch ins kühle Nass neben mir einzutauchen und neuerdings aufzulegen. Es muss also nicht so schlimm um mich stehen. « Weisst du jetzt, was passiert ist? » — « Wahrscheinlich gestürzt! » — « Nein, nein, gesprungen bist du über einen gewaltigen Bergschrund hinunter, wir alle drei — du als Letzter! Und nun sind wir seither schon stundenlang unterwegs. »... Pause.

Mein linkes Auge blutet noch ein wenig. Ich spüre keinen Schmerz. « Aber wo bin ich denn? Herrgottnocheinmal! Wo — bin — ich? Ich vermag mich ja an gar nichts mehr zu erinnern! » Beruhigend sprechen mir mein Bruder Edwin und Harry zu, wir seien nun im Abstieg vom Klein Schreckhorn zur Glecksteinhütte begriffen und würden bald dort sein. Ich kann dies nicht ganz erfassen. « Wo sind wir denn hergekommen ?» — « Von der Schwarzegghütte jenseits der Schreckhörner. » — « Und vorher? » — « Von Bern nach Grindelwald, dann hinauf zur Schwarzegghütte. Und erinnerst du dich nicht mehr an unsere mühsame Eisfahrt am Ochs, wo wir bei den ganz bösen Verhältnissen an der Fellenbergrippe oder besser gesagt am Schlussgrat kapitulieren mussten? » — Weggewischt ist alles in mir. « Auch nicht an unser Abseilmanöver am Schreckhorn, an meinen Rucksack, den du mir über die Eiswand hinuntergeschmissen hast? » « Halt einmal! Stimmt, stimmt... der dann weiter unten in einer Gletscherspalte verschwunden ist, ja, ja, die langen Gesichter nachher. Natürlich futsch, wie? » — « Nein, hier ist er, aber ganz zerrissen. Hatte Glück, ihn holen können », meinte Edwin. « Siehst du nun, es wird schon besser. Beruhige dich jetzt nur! Drunten in der Hütte werden wir dir weitererzählen. » Tatsächlich ist diese Rucksackgeschichte so ziemlich alles, was mein Gehirn im Moment richtig erfassen kann. Ganz knapp und verschwommen die Erinnerung, dass ich nun als Mittelmann meiner « Bergungsmannschaft » am Seil weitergehe, dass dann Harry eine Strecke weit vorauseilt, um den richtigen Übergang über eine kleine Schlucht zu erkunden, während ich die Zweierpartie « führe ». Ich erinnere mich deutlich, bisweilen im Fels zugegriffen und mich in der nähern Umgebung eigentlich selbst zurechtgefunden zu haben. Ganz genau weiss ich, dass Harry dort rechts gegangen ist, während ich links um den kleinen Block herum einen Durchgang finde. An Zurufe von hinten vermag ich mich nicht zu erinnern.

Kurz vor der Schlucht taucht eine Eisenstange oder ein Drahtseil am Fels auf, nachher plötzlich wieder Gras, wirkliches, schön leuchtendes Grün, auf dem es sich so mollig gehen lässt. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich keinen Rucksack trage. « Den trage ich, nur weiter », höre ich eine Stimme hinter mir.

Eine Hütte taucht ziemlich verschwommen vor meinen Augen auf; das Grüne vorhin hat mir viel, viel klarer geschienen. « Glecksteinhütte », haben meine Kameraden soeben erwähnt. Ich weiss nun, dass das die Wetter-hornhütte ist. Und morgen wollten wir ja über die Westseite und den Nordwestgrat aufs Wetterhorn! Aber daraus wird nichts werden.

Ein Mann steht vor der Türe. Mir will scheinen, es hülle sich alles in tiefes Schweigen ein. Ich werde eine Treppe hinauf in ein Zimmer geführt und besteige ein richtiges Bett. Schmerz und Geschwulst am Auge haben zugenommen, und dumpfen Sinnes möchte ich noch einmal mein Gehirn anstrengen, um mir darüber Gewissheit zu verschaffen, was heute geschehen ist. Aber das Denken macht so unruhig und nervös. So lass ich 's halt bleiben und trinke lieber den von Bruderhand dargebotenen heissen Tee. Dann ist es aus für heute. Auch das Wenige, das im Gedächtnis haften geblieben ist, ist auf einmal weg...

Schlaf oder Ohnmacht? Ich weiss es nicht. Ein Gepolter weckt mich, meine Uhr zeigt gegen 2 Uhr morgens. Tönt es nicht wie von Holzschuhen auf Hüttenboden? Richtig — ich bin ja in der Glecksteinhütte, die Wetter-hornpilger brechen auf. Ich habe Unfall gehabt, das merke ich am gänzlich geschlossenen Auge. Keine nervösen Gedanken — Schlaf, nur Schlaf — und schon bin ich eingeschlummert.

Der helle Morgen bringt mir ein wiedererstarktes Gedächtnis. Mein Bruder und Harry finden mich beinahe munter, Frage und Antwort beginnen von neuem. Der Hunger meldet sich, da ich gestern nichts gegessen habe. Das Kognakfläschchen allerdings ist leer, und meine Bergungsmannschaft will ziemlich unbestimmt wissen, dass ich von seinem Inhalt gestern bekommen hätte, wenigstens was den dritten Teil davon betrifft. Nun lockt uns die warme Sonne hinaus ins Freie, wo wir am aufgestellten Fernrohr die im Wetterhorncouloir absteigenden Menschen beobachten. Was gestern bis einige Augenblicke vor jenem Absprung geschehen, ist in meinem Gehirn wiederum klar eingereiht. Was ich nachher getan habe, liegt auch heute noch vollständig im geistigen Dunkel verborgen, und was von jener Quelle an bis zur abendlichen Ankunft in der Hütte noch folgte, besteht nur aus den geschilderten kurzen Gedächtnislichtblicken.

Von der Schwarzegghütte her waren wir also gestern aufs Klein Schreckhorn gestiegen und hatten in aller Ruhe die sonnüberflutete Gipfelrast genossen. Der Weg vom Lauteraarsattel zur Glecksteinhütte, die wir zu erreichen hatten, ist nicht sehr übersichtlich. Wir konnten ihn uns aber von hier oben aus genau einprägen, und heute noch könnte ich ihn anhand einer Skizze dartun. Schon hielten wir unsere Fahrt für gelungen. Allerdings erwähnte unser mitgenommener alter Dübi-Führer unterhalb des Nässijoches ( zwischen Klein Schreckhorn und Klein Nässihorn ) einen « sehr steilen Schneewall mit einem grossen Bergschrund an seinem Fusse, der auf den unbenannten Gletscher hinunterführt, welcher in die obern Firnfelder des Obern Grindelwaldgletschers hinabsteigt ». Leider fanden wir die kurze Steilwand unterhalb des Nässijoches vollständig vereist vor. Für einen Julitag war dies eigentlich sehr verwunderlich; es liess sich nur erklären durch die kurze Hitzeperiode im Vorsommer des vergangenen Jahres.

Unter der Eiswand klaffte in ganzer Hangesbreite der gewaltige Bergschrund. Ein Umgehungsversuch links oder rechts hätte wohl trotz unserer ordentlich greifenden Steigeisen einer sehr langen Stufenleiter bedurft. Zudem schien uns der Hang rechts und links eher noch steiler zu sein, und vom Stufenschlagen hatten wir übrigens von diesem vertrackten Ochs her noch genug. Wir beschlossen deshalb den direkten Abstieg in der Fallirne, in der Hoffnung auf eine nicht allzu grosse Höhe der Randkluft. Harry wurde von den letzten hervorstehenden Felschen aus um Seillänge hinuntergelassen, während Edwin und schliesslich ich den Hang mit Hilfe eines Hakens und des um eine lange Reepschnur verlängerten Seils durch Abseilen überwanden.

Der Gletscher unterhalb des Schrundes schien uns ziemlich flach und mit Weichschnee bedeckt zu sein. « Versuchsweise » liess ich also den einen Rucksack mit Einverständnis des Eigentümers über das Eis hinuntergleiten. Der grausame Sack kam natürlich blitzschnell über den Schrund hinweg, geriet aber dann — trotz unserer Sprachlosigkeit — ins Kollern, holte ganz langsam und infolge der beiden Tragriemen zu weitem Bogen aus, mit mathematischer Genauigkeit auf das Ende einer von oben kaum bemerkbaren Spalte zu und verschwand unsern Blicken! Wir hatten somit einen ziemlich langen Bart eingefangen. Drüben am Berglistock lachte sich der Berggeist ins Fäustchen und liess bei dieser Gelegenheit eine Steinlawine hinunter. Was mich betrifft, so fiel mir gerade Wilhelm Busch ein: « Ist fatal, bemerkte Schlich, ha, ha, aber nicht für mich! » Dieser Spott musste den gewaltigen Zorn jenes Unsicht- baren gegen mich gerichtet haben; denn — der zweite Akt folgte sogleich. Harry hatte den obern Rand des Bergschrundes bereits erreicht und den Sprung gewagt. Es handelte sich, wie nachher festgestellt werden konnte, um annähernd 6 Meter. Der untere Rand der breiten Kluft wäre kaum durch weiteres Abseilen zu erreichen gewesen. Nun folgte Rucksack Nummer 2 nach. Beinahe hätte ihn dasselbe Schicksal erreicht wie seinen gleich-gearteten Bruder, hätte nicht Harry gleich einem Zamora in seinen Glanztagen durch Niedertauchen meinem enteilenden Eigentum das nötige Beharrungsvermögen verschafft. Nummer 3 war Harrys neuer, rassiger Attenhofer-Alpinasack und entsprechend geladen! Wir sahen uns also vor. Ganz knapp hat er den Spaltenrand erreicht, während Harry etwas bleicher geworden sein soll.

Aus der Tatsache, dass ich diesen Bericht abgeben kann, muss ich schliessen, dass nunmehr mein Bruder und gleich nachher ich den Sprung ebenfalls gewagt haben. Wie bereits erwähnt, vermag ich mich aber nicht zu erinnern, jemals oben abgesprungen oder unten angekommen zu sein. Beim Aufprall muss ich zu stark in die Knie gesunken sein und meinen Kopf am Knie aufgeschlagen haben, oder aber eine unebene Stelle im Schnee hat mich hingeworfen, es sei denn, dass eine gewisse Gehirnstörung bereits in der Luft eingetreten ist und meine körperliche Widerstandskraft plötzlich ausgeschaltet oder vermindert hat. Wie ein Nachtwandler soll ich den stundenlangen, mühsamen Abstieg durch den teilweise recht bös verschrundeten Gletscher als Mittelmann mitgemacht haben. Seil und Pickel hätte ich fachgemäss geführt, ja selbst die schmälsten Schneebrücken hätten mein Gleichgewicht nicht bedrohen können. Fortwährend soll ich jedoch gefragt haben, was denn geschehen sei, ohne die Antworten meiner Kameraden begreifen zu können. Um meinen Zustand gewissermassen zu überprüfen und zu beaufsichtigen, hätten sie mich von Zeit zu Zeit über die Namen der umliegenden Gipfel befragt, und meine Auskünfte hätten regelmässig das Richtige getroffen, ohne dass mir etwa die sonderbare Fragerei zuwider geworden wäre. Auch meine körperliche Leistungsfähigkeit hätte nicht stark gelitten, haben wir doch die Glecksteinhütte bei einigem Drängen meiner Begleiter in ziemlich normaler Zeit zur frühen Abendstunde erreicht. Für mich besteht diese Zeit nicht mehr; ich habe sie nicht erlebt!

Nun verbrachten wir also die Nacht glücklich in der Glecksteinhütte. Die Geschwulst an meinem Auge, die einen vorangegangenen Boxkampf vermuten liess, ging zurück. Ich fühlte mich vollständig wohl. Harry jedoch klagte über Schmerzen an der Brust, und später stellte denn auch der Arzt einen kleinen Muskelriss bei ihm fest. Hatten wir eigentlich Glück oder Unglück gehabt? Ich weiss es wirklich nicht. Offenbar beides.

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