Natur- und Kulturbilder aus den Abruzzen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Dr. Ernst Furrer, Affoltern bei Zürich ( Sektion Uto ).

Von Mit 7 Bildern im Text nach Zeichnungen des Verfassers und 12 Bildern auf 4 Tafeln nach photographischen Aufnahmen von Oberförster Oskar Bader und dem Verfasser.

Wer mit der Bahn der Adria entlang südwärts reist, gewahrt etwa 100 Kilometer nach Ancona ein gewaltiges Gebirge, das, so nah wie die Jungfrau vor Thun, mit kahlen Wänden schroff über die Olivenhaine und Felder des Vorlandes emporragt. Es ist der Gran Sasso d' Italia, der höchste und stolzeste Apenninengipfel, den auch Romreisende bei klarer Luft, freilich in weiter Ferne, über den Sabiner Bergen erblicken können. Er erhebt sein Felsenhaupt hoch über die abruzzesischen Nachbarn und beherrscht weithin das Bild. Kein Wunder, dass er von Bergfreunden viel Besuch bekommt. Meist begnügen sich aber diese mit der Besteigung des Hauptgipfels, und so kommt es, dass das Herz der Abruzzen heute noch ein wenig erschlossenes, schlecht bekanntes Land ist. Um so verlockender ist es für den Naturwissenschafter, in der Einsamkeit und Weltabgeschiedenheit eines solchen Gebirges die wenigen begangenen Pfade zu suchen und neue zu treten.

Meine Fahrten erstreckten sich über zweieinhalb Sommerwochen des Jahres 1922. Ich unternahm sie so ziemlich aufs Geratewohl; denn genaue Reisehandbücher nach Art unserer « Klubführer » oder eines « Bädeker » bestehen nicht, und der einzige Führer von Abbate, der hätte in Betracht kommen können, war nicht aufzutreiben gewesen. Ich beschränkte mich daher auf das Studium einiger naturwissenschaftlicher und geographischer Abhandlungen ( Hassert, Sacco, Crugnola u.a. ) und auf zwei klubistische Aufsätze in unsern Jahrbüchern ( Gabelentz, Calberla ) und verliess mich im übrigen auf Landkarte und Fahrplan. In Oberförster Oskar Bader in Andelfingen, meinem damaligen Nachbarn in Affoltern, hatte ich einen lieben Gefährten. Jeder von uns hatte sich sein besonderes Ziel gesteckt. Freund Bader gab sich forstlichen Studien hin, während ich selber pflanzengeographische Fragen verfolgte. Die Berührungspunkte waren aber so zahlreich, dass wir häufiger zusammen als getrennt arbeiteten.

Für die Reisebilder, die ich auf den folgenden Blättern über die Natur und Kultur der Abruzzen entwerfe, habe ich meine rein fachlichen Notizen selbstverständlich nicht verwertet, sondern sie für spätere Spezialstudien ruhig in der Schublade liegen lassen. Wenn trotzdem naturwissenschaftliche und geographische Ernst Furrer.

Betrachtungen in den Vordergrund gerückt sind, so hängt das mit meiner eigenen Auffassungs- und Empfindungsweise zusammen, und ich hoffe mit dieser Darstellung auch dem Klubisten gedient zu haben, gibt es doch für ihn nichts Erhebenderes, als auf seinen Bergfahrten im Buch der Natur, dem Buch der Bücher, zu lesen.

1« Geographischer Überblick.

Die Abruzzen sind der Rückgrat Italiens. In ihnen erlangt der Apennin seine bedeutendsten Höhen und zugleich die mächtigste Breitenentfaltung. Mit einem Blick auf die Karte Italiens erkennen wir, dass der Apennin von Ligurien her als einheitlicher Kettenzug die Halbinsel in südöstlicher Richtung quert. Wo er am nächsten an die Adria heranrückt, spaltet er sich in drei parallele Ketten, deren östlichste die höchste ist und in der Gran Sasso-Gruppe nahezu 3000 Meter erreicht. Weiter südlich vereinigen sich die Teilketten wieder und schwenken als mehr oder weniger zusammenhängende Hauptkette gegen die Tyrrhenis hin. Der Apennin zeigt demnach symmetrischen Bau: Er stellt einen Bogen dar, der sich gegen das Tyrrhenische Meer hin öffnet und von seinem zentralen Teil, den Abruzzen, nach beiden Seiten hin an Höhe und Breite abnimmt.

Der Gebirgscharakter des Apennin entfaltet sich daher in den Abruzzen am grossartigsten. Seine Bergformen sind schroff, wild und zerklüftet und erinnern in ihrem Verwitterungszustand an das Kalk- und Dolomitgebirge Südostgrau-bündens. Das Gestein ist ausschliesslich Kalk. In seinen zerrissenen Schichten versickert das Niederschlagswasser, oder es sucht seinen Weg unter Kegeln und Strömen von Schutt und tritt vielleicht erst nach vielen Kilometer rauschend oder gurgelnd wieder ans Tageslicht hervor. Das Tier- und Pflanzenleben dringt im allgemeinen weniger hoch als in den Alpen, und auch der Mensch bleibt mit seiner Kultur tiefer unten zurück. In Höhenlagen, wo in den Alpen sich der Wanderer noch an ausgedehnten, blumigen Matten erquickt, da empfängt ihn meist schon eine Öde. Das dürftige Grün, das zur Zeit meiner Fahrten arg unter der Sommerdürre gelitten hatte, war vielenorts vergilbt und welk. Was in dieser lebensfeindlichen Gegend Beine und Flügel hat, zieht sich scharenweise in tiefere Lagen oder auf bevorzugte Stellen zurück. Stundenweit rauscht kein Bach. Nirgends spiegelt sich die stille Welt in einem Seelein; nur weit, weit weg in verschleierter Ferne blaut das dunstige Meer. Pfadlos und menschenleer liegt ringsum die unverhüllte, steinerne Bergwelt. Neben dem eigenen Schritt hört der Wanderer während Stunden nur etwa das ferne Blöken dürstender Schafe. Tagsüber baden sich die Berge in blendendem Licht, und in seinen scharfen Kontrasten leuchten die Farben grell auf oder zerfliessen zu fahlen Tönen. Erst wenn der Abend auf die Erde sinkt, mildert das sterbende Licht des Tages die Härte der Farben, und es verschwimmen alle Töne in nachtendes Grau.

Wer die Berge nicht liebt, der flieht und sucht blaues, rauschendes Wasser, sprechende Menschen mit ihren Wohnstätten und frischgrüne Wiesen. Aber wer in seinem Fühlen mit der Bergnatur verwachsen ist, der sieht hier in Augenblicken des Sichvergessens die Bergwelt grossartiger und reiner offenbart als daheim, wo die Berge bis an die Stirn von lautem Leben beunruhigt sind und die Vegetation sie bis über die Schultern umklammert hält, und in ehrfurchtsvoller Bewunderung wird der Beschauer selbst still und stumm wie die Berge.

Mit schroffer Böschung fällt das Gebirge im Osten in ein tief zerschnittenes Hügelland ab, das ganz ähnlich wie unsere Molasse aus mergeligen und sandsteinartigen Gesteinen aufgebaut ist. Viel allmählicher dacht sich das Gebirge gegen Westen ab und taucht in ein Vorland unter, das zu einem grossen Teil aus vulkanischem Gestein besteht.

Um die Gesteinsverteilung zu verstehen, wollen wir für einige Augenblicke in die geologische Vergangenheit hinabsteigen. Zu Beginn der Tertiärzeit dehnte sich da, wo heute Italien liegt, ein weites Meer, das Nummulitenmeer. Damals bewegten sich, als Folge der Erdschrumpfung, zwei gewaltige Massive, das korsisch-sardische einerseits, das Balkanmassiv anderseits, gegeneinander und quetschten die dazwischenliegenden weichern Schichten heraus, nicht in einfachen Falten nach Art unseres Juragebirges, sondern in Form von Decken, die in nordöstlicher Richtung übergelegt wurden. Gegen Ende der Eozänzeit, also immer noch zu Anfang des Tertiärs, tauchte allmählich der Apennin über die Fläche des Meeres empor, noch nicht als zusammenhängende Kette, sondern in langgestreckte Inseln aufgelöst, wie sie uns heute etwa in der dalmatischen Inselwelt entgegentreten. Mit zunehmender Hebung vereinigten sich diese Inseln mehr und mehr zu einer geschlossenen Kette. Auch Dalmatien war zu jener Zeit ein hochragendes, zusammenhängendes Bergland, und seine äussersten Ketten reichten westlich bis zu einer Linie, die über Bologna, Ancona, den Sporn von Gargano und Apulien verläuft. So blieb denn für das Adriatische Meer im spätem Tertiär, dem Pliozän, nicht viel Raum. Es bildete in seinem mittleren und südlichen Teil einen schmalen Streifen, der westlich seines heutigen Beckens liegt; und nur im Norden bedeckte es die weiten Flächen Venetiens, der Lombardei und des Piémont.

In der Folgezeit füllten die vom Apennin herabströmenden Flüsse das Adriatische Meer allmählich aus, und daher zieht sich, ähnlich wie im Alpenvorland die Molasse, längs dem Apennin eine Zone pliozäner Ablagerungen hin.

Dann folgte eine Zeit gewaltiger Hebungen und Absenkungen. Der Apennin senkte sich auf der tyrrhenischen Seite in Staffelbrüchen, und durch die Spalten ergoss sich das Magma an zahlreichen Stellen an die Erdoberfläche, von Norditalien bis hinunter zu den noch rauchenden Kratern des Vesuv und des Ätna. Daher ist der Apennin an seinem Westfuss weithin von vulkanischem Gestein umsäumt.

Schroffer erfolgte die Absenkung auf der adriatischen Seite. Das Gebirgsland östlich der damaligen Adria versank bis auf wenige Reste unter dem Spiegel des Meeres, und heute ragen in Dalmatien von dem einstigen Gebirge nur noch die Grate als langgezogene, gleichgerichtete Eilande über das Wasser empor. Gleichzeitig muss sich der Apennin ganz gewaltig, in seinem zentralen Teil wohl um tausend Meter, gehoben haben, und damit war der Rückgrat Italiens geschaffen.

Noch sind die Bewegungen, die zur Aufstauung des Apennins geführt haben, nicht zum Abschluss gekommen, ist doch gerade das Bergland der Abruzzen eines der berüchtigtsten Schüttergebiete Europas. Alle paar Jahrzehnte ereignen sich zerstörende bis vernichtende Beben, und es sind heute erst neun Jahre her, dass im Städtchen Avezzano und in den benachbarten Gemeinden 30,000 Menschen einem Erdbeben zum Opfer gefallen sind.

Wie die Alpen, so haben auch die Apenninen ihre Eiszeit gehabt, nur wegen der südlicheren Lage in viel geringerem Umfang. Einst müssen die Gletscherzungen bis etwa 1500 Meter, ja vereinzelt bis unter 1000 Meter herabgereicht haben. In der geologischen Karte des Gran Sasso-Gebietes sind auf der Nordseite dieses Gebirges sogar bei 600 Meter Moränen eingetragen. Heute haben sich die Gletscher in den höchsten Gebirgsteil zurückgezogen, den Monte Corno, der zwischen seinen beiden Hauptgipfeln noch eine kleine Zunge ewigen Schnees trägt, die kaum die Bezeichnung eines Gletschers verdient. Es ist übrigens keine leichte Sache, die eiszeitlichen Moränen sicher festzustellen, da die Verkarstung des Gebirges ausserordentlich stark fortschreitet und dadurch die eiszeitlichen Ablagerungen überdeckt und verwischt.

Seit der Aufrichtung des Gebirges haben die Wasseradern tüchtig an seiner Zersägung gearbeitet. Naturgemäss übten die östlich abfliessenden Gewässer eine grössere Erosionskraft aus, da sie infolge der steilen Böschung ein stärkeres Gefälle haben. Bereits haben einige Flüsse die östliche Kette durch rückschreitende Erosion durchsägt, ja sogar die mittlere, während anderseits auch westlich abfliessende Gewässer bis an die östliche Kette hinübergreifen. Die Wasserscheide verläuft daher nicht streng auf der mittleren Kette, sondern springt bald auf die östliche, bald auf die westliche über, und ihr Verlauf erinnert in manchen Stücken an die alpine Hauptwasserscheide im Bergell und in den Bormieser Alpen, wo sie durch die nordwärts vorgreifenden Quellbäche der Maira und der Adda zu einer wunderlich verbogenen Linie geworden ist.

Der Verlauf der Flüsse hingegen gemahnt an den unseres Juragebirges. Der Oberlauf liegt bei den kräftigeren Flüssen in einem der zwei breiten Längstäler von Aquila und Avezzano oder ihren Verzweigungen. Dann durchbrechen sie nach ungefähr rechtwinkliger Knickung in schluchtartigen Quertälern den Kettenzug und wenden sich, oft in kleinen Mäandern, durch das hügelige Vorland dem Meere zu.

Politisch verteilt sich das Bergland der Abruzzen über drei Provinzen: die grosse Provinz Aquila im Innern und die etwas kleinern Provinzen Teramo und Chieti am Nordostabfall gegen die Adria. Es umfasst somit das Gebiet zwischen der westlichen und östlichen Kette des Zentralapennin sowie das adriatische Vorland. Die Längenerstreckung der Abruzzenketten beträgt innerhalb dieser Umgrenzung rund 130 Kilometer. Im Norden nehmen sie ihren Ursprung in den sibyllischen Bergen, dem Südende des römischen oder markisch-umbrischen Apennin, und im Süden vereinigen sie sich wieder in den Bergen um Isernia zum neapolitanischen Apennin.

2. Streifzüge durch das adriatische Hügelland.

Zwischen dem Hochgebirge und dem Meer breitet sich in 25 bis 35 Kilometer Breite ein Hügelland aus, unserer schweizerischen Hochebene vergleichbar. Nahe am Meer betragen seine Höhen nur wenig über 300 Meter; am Fuss der Abruzzen erreichen sie häufig über 600, vereinzelt bis gegen 1000 Meter. Zahlreiche Bäche und Flüsse haben es tief zerfurcht, und in steilen Böschungen fallen die Hügelzüge zur Talsohle ab, die im Oberlauf neben dem Wasser für die Siedlungen keinen Raum gewährt. Erst gegen das Meer hin, wo die Flüsse ihre Serpentinen ziehen, ist die Sohle von grösserer Breite. Doch stehen die Dörfer auch da häufiger am Hang als unten im Tal, damit ihre Bewohner der Malaria weniger ausgesetzt sind.

Wie Treppenstufen schmiegen sich die Häuser übereinander dem Hang an, und in steilen Kehren winden sich die Gassen zwischen ihnen empor, oder dann krönen sie burgartig, gleich einem befestigten Platz, die Rücken und Grate.

Die Wasserführung der Flüsse ist grossen Schwankungen unterworfen. Im Sommer, der Zeit der Dürre, schleicht zwischen den Kiesbänken des Flussbettes das Wasser träge dahin, und der Fremde fragt sich beim Überschreiten eines Flusses, warum soviel Steine für die starken und hohen Brückenpfeiler verschwendet worden sind. Sobald er aber mit einiger Aufmerksamkeit dem Flussufer entlang-wandert, wird er unschwer die Spuren der reissenden Flut wahrnehmen können, die das Wasser aus der Zeit der Schneeschmelze und der Regenzeit hinterlassen hat. Die Erosionskraft muss dann aussergewöhnlich gross sein, und sie lässt uns verstehen, dass schon am Fuss des Hochgebirges die Flüsse sich tief in das umliegende Gelände eingegraben haben. So hat sich der Mavone, ein rechtsseitiges Zuflüsschen des Vomano, schon auf einem Sechstel des Weges vom Gran Sasso-Kamm zum Meer bis unter 400 Meter eingeschnitten, und ungefähr auf der Hälfte bis drei Viertel dieses Weges sind die adriatischen Flüsse auf einer Sohlenhöhe von unter 100 Meter angelangt.

Gerade wegen dieser tiefgreifenden, fächerförmigen Verästelung der Wasseradern ist der Verkehr von Dorf zu Dorf äusserst mühsam. Unbequeme Pfade führen steil auf und ab über die Höhen hinweg, und die Strassen winden sich in unzähligen Kehren und Schlängelungen von Tal zu Tal, so dass die Strassenkilometer von einem Dorf zum andern nicht selten das Doppelte der Luftlinie ausmachen. Eisenbahnen sind nur wenige angelegt und dringen vom Meer nicht weit ins Land ein. Einzig von Castellamare aus folgt dem Flusse Pescara entlang die Abruzzenquerbahn ins Gebirgsinnere nach den Städtchen Sulmona, Isernia und Aquila in den zentralabruzzesischen Längstälern und von da nach Rom oder nach Neapel.

Der Grund, warum so wenig Bahnen angelegt sind, liegt nicht in den Schwierigkeiten des Geländes allein, sondern vor allem in der Bedürfnislosigkeit der Bewohner und in ihrer verhältnismässigen Unabhängigkeit von der Aussenwelt. Denn was diese an Nahrung und Kleidung zum Leben brauchen, beschaffen sie sich in weitgehendem Masse durch ihrer eigenen Hände Arbeit. Das Brotgetreide, das wir in abgelegenen Gegenden noch mit der Sichel ernten sahen, bindet der Bauer oder die Bäuerin nach der Ernte in kleine Garben zusammen und beigt diese zu etwa zimmerhohen, kegelförmigen Haufen auf, damit die Körner ausreifen und erhärten. Die Drescharbeit wird auf ebenen, ungefähr rundlichen bis länglichen Dreschplätzen vorgenommen, die neben jedem grössern Bauernhaus oder bei einer Gruppe von Bauernhäusern zu treffen sind. Dabei wird das Getreide mit Ruten geschlagen, oder ein Esel wird, wie wir beobachten konnten, darin herumgetrieben, damit er durch den Tritt seiner Hufe die Körner herausstampft. Im Dörfchen Aquilano trafen wir die Leute eben an der Arbeit auf dem Dreschplatz. Sie zettelten das gedroschene Getreide wuchtig in die Luft hinaus, und der Wind, der dort häufig über das Land streicht, wehte Spreu und Stroh schief abseits, während die Körner vermöge ihrer grössern Schwere senkrecht zur Erde fielen. Dann wurde mit Besen zu Haufen gewischt, was zusammengehörte.

Die Feldwirtschaft wird allerdings mehr nur abseits der breiten Strassen in so primitiver Weise gehandhabt. Wo das Automobil hinkommt, da hat auch die Ernst Furrer.

Dreschmaschine bereits Eingang gefunden. Es wäre verfehlt, anzunehmen, die Abruzzesen würden sich den Neuerungen streng verschliessen und sich darin gefallen, hinter dem Mond daheim zu sein.

Das Brot backt sich der Bauer gewöhnlich selbst. Sein Backofen steht neben dem Wohnhaus oder ist daran angebaut und an den rauchgeschwärzten Mauersteinen leicht zu erkennen.

Auch die meisten übrigen pflanzlichen Nahrungsmittel beschafft sich der Bewohner zur Hauptsache selbst. Er pflanzt reichlich Kartoffeln, Bohnen, Linsen, Tomaten und Feigen neben der Rebe. Ebenso wird häufig Mais gebaut, aber weit mehr für die Tiere als für den menschlichen Haushalt verwendet.

Zu einem grossen Teil Heimarbeit ist ferner das, was der Bewohner abgelegener Gegenden auf dem Leibe trägt. Die Wolle der eigenen Schafe wird daheim gesponnen; der selbstgepflanzte Lein wird vor dem Wohnhaus geratscht; und beides wird bis zum fertigen Kleidungsstück zu Hause oder wenigstens im Dorfe weiter verarbeitet. Auf der Dorfstrasse wird einer geraden Mauer entlang der Hanf zu Seilen gedreht, und so werden noch eine Menge Bedarfsgegenstände, die wir im Laden kaufen, innerhalb des Dorfes erarbeitet. Ist es da zu verwundern, dass Ortschaften, die nach Tausenden von Einwohnern zählen, fernab von Eisenbahnlinien liegen und dass Dörfer mit Hunderten von Einwohnern sogar ohne Fahrstrasse sind? Ich nenne nur das Dorf Pietracamela, das zusammen mit einem kleinern nahen Dorf rund tausend Einwohner zählt, aber noch durch keine Fahrstrasse erreichbar ist, obwohl sie kaum über 8 Kilometer lang würde und ihre Anlage auf keine besondern Schwierigkeiten stiesse.

Mit dieser Absonderung des Dorflebens hängt auch zusammen, dass gewisse Dörfer bestimmte Hausindustrien pflegen. So werden in Castelli Tonwaren verfertigt. Es sind im ganzen etwa 20 Öfen im Betrieb, die sich im Besitz einzelner oder mehrerer Familien befinden. Die Industrie muss einmal eingeführt worden sein von jemandem, der die günstigen Mergellager, worauf das Dorf erbaut ist, auszubeuten gewusst hat, und mit der Zeit haben die Dorfbewohner einer nach dem andern auf eigene Faust ähnliche Betriebe eröffnet. Der Besucher wird aber, ohne von der Industrie viel zu verstehen, beim ersten Blick erkennen, dass ein ganz unge-schultes Personal arbeitet. Ein jeder krautert von ungefähr der Spur nach drauflos und guckt dem Nachbar ab, was ihm nützlich sein kann. Wir haben die Betriebe besucht in der Absicht, etwas Hübsches und womöglich Bodenständiges als Reise-krämlein mit heimzunehmen, aber wir haben unter den Tausenden von Tellern, Tassen, Schalen, Vasen usw. auch nicht ein Stück entdecken können, das fehlerfrei oder einigermassen geschmackvoll gewesen wäre. Wieder anders in Montorio. Dort wohnt in den Gassen, die wir durchstreiften, in mindestens jedem zweiten, dritten Haus ein Schuster. Tagsüber rückt er all sein Handwerkszeug auf die Gasse hinaus, und dann wird gassauf und -ab bis zum Feierabend drauflos geschustert. Das Berufsleben wickelt sich nach südländischer Art überhaupt zu einem grossen Teil im Freien ab. Daher sind die Gassen und besonders die öffentlichen Plätze von buntem Leben erfüllt. Zum Strassenbild gehören auch die Frauen und Mädchen mit den mancherlei kleinen und grossen Lasten, die sie mit viel Geschick auf dem Kopfe tragen. Wir haben Mädchen gesehen, die weit über kopfgrosse Steine so aus dem Flussgeschiebe die steile Böschung hinauftrugen zu einem Neubau. Ein andermal begegneten wir einem Mädchen, das barfuss einherschritt und mit der ernstesten und selbst-verständlichsten Miene der Welt die Schuhe auf dem Kopfe trug.

So ist es verständlich, dass der abruzzesische Dorfbewohner kein grosses Verlangen nach Verbesserung der Verkehrsmittel haben kann. Ein Bedürfnis nach Eisenbahnen besteht heute um so weniger, als der Automobilverkehr ausserordentlich entwickelt ist. Bis in entlegene Bergnester hinauf ist der Autoverkehr fahrplanmässig geregelt, und wo ein Dorf durch eine gute Fahrstrasse erschlossen ist, da fährt auch ziemlich sicher mindestens jeden Tag einmal das Auto hin. Diese Kraftwagen haben uns die Bereisung des Landes wesentlich erleichtert. Wir haben sie im ganzen auf unserer zweieinhalbwöchigen Reise auf annähernd 300 Kilometer benützt und für diese Fahrten nicht viel Geld ausgegeben. In Schweizerfranken gerechnet, ist uns der Kilometer nicht einmal so hoch zu stehen gekommen wie in der stadtzürcherischen Strassenbahn!

In diesen Autos wickelt sich ein gut Stück Volksleben ab; denn sie werden ja fast nur von Einheimischen benützt, und diese benehmen sich da drin so ungezwungen wie daheim. Am fröhlichsten ist 's an Markttagen. Da hat der Wagen bis auf das Doppelte an Menschen aufzunehmen, als er Plätze bietet. Auf vierplätzigen Bänken sitzen ihrer sechs und sieben, auf der Lehne und quer über die Knie der andern. Dazwischen stehen sie, qualmen sich gegenseitig an und trinken miteinander aus der Weinflasche. Unglaublich viel Gepäck wird hineingeschleppt: Körbe mit Hühnern, schlecht verschnürte Pakete, sperrige Köfferchen, und bald tropft da etwas herab, bald bröckelt dort etwas heraus. Der Chauffeur ist Mädchen für alles. Er hat nicht nur den Wagen zu lenken, Billette auszugeben und die Post in Empfang zu nehmen; er unterhält die Insassen, ist ihnen in einer Menge Kleinigkeiten behilflich, lässt sie ein- und aussteigen, wo es ihnen beliebt, und wartet geduldig auf sie, wenn sie unterwegs schnell irgendwo etwas einkaufen oder abholen oder abgeben wollen. Was macht das, wenn der Wagen auch mit einer Verspätung von einer Stunde und mehr am Bestimmungsort eintrifft! Das sind ja Ausnahmen, die nicht jedesmal vorkommen. Oder bei überfülltem Wagen stapelt der Chauffeur an Gepäck und Menschen neben seinem Sitz auf, was nur Platz hat, so dass ich mich wunderte, wie er alle seine Hebel noch handhaben konnte. Nicht genug! Neben ihm sitzt einer mit der Handorgel und zieht den gestreckten Balg dem Chauffeur über seine hantierenden Hände und seine Schultern hinweg. Aber der Führer raucht daneben noch behaglich seine Zigarette und zieht sie gerade dann mit Eleganz aus dem Mund, wo er seinen Wagen um eine scharfe Wegbiegung herumlenkt oder dem Karren eines ratlosen Mauleselführers auszuweichen hat. Sogar intimere häusliche Szenen lassen sich erleben. Da weiss sich eine Frau im Gedränge nicht recht zu helfen, weil ihr kleines Kind die Windeln bereichert hat. Aber wildfremde mitreisende Männer sind ihr mit der grössten Ernst Furrer.

Selbstverständlichkeit behilflich. Der eine kehrt die Windel zum Fenster hinaus, der andere hält über die Banklehne das kleine Kind, während die Mutter aus ihrem Gepäck ein Tuch hervorsucht.

So ist von den drei konzentrischen Verkehrszonen — der Eisenbahn, des Automobils und des Maultiers oder Schuhmachers Rappen — die mittlere die weitaus am besten ausgebaute. Das Automobil passt sich der Geländeform trefflich an und ist dazu billig und rasch, so dass es in der Volkswirtschaft eine hervorragende Rolle zu spielen berufen ist.

3. Bei den Hirten im Gebirgsinnern.

Die Gran Sasso-Kette ist eine doppelte. In etwa 4 bis 6 Kilometer Abstand verlaufen ungefähr in West-Ostrichtung zwei wohlausgeprägte Ketten, von denen die nördliche die höhere ist. Die beiden Ostflügel umrahmen ein Hochtal, Campo Imperiale genannt, dessen Sohlenhöhe zwischen 1600 und 1800 Meter liegt und das sich nach dem adriatischen Meer hin entwässert. Dauernd besiedelte Wohnstätten hat es keine. In flüchtig errichteten Behausungen halten sich nur während der Sommermonate Schafhirten auf, die in den wilden Bergen ihre grossen Herden hüten.

In dieses etwa 20 Kilometer lange Hochtal wollten wir uns am 29. Juli begeben und wählten den Nordfuss der Gran Sasso-Kette als Ausgangspunkt. Drei Pässe führen von da nach dem Campo Imperiale hinüber: der Vado di Corno ( 1962 m ) von Isola aus in den obern Talteil, der Vado di Siella ( 1731 m ) Von Castelli aus in den untern Talteil, während der mittlere Talteil ebenfalls von Castelli aus über den 2273 Meter hohen Vado di Ferruccio erreichbar ist. Wir entschieden uns für diesen letztern Übergang, um möglichst unmittelbar in das weltabgeschiedene Hochland versetzt zu werden. In Castelli erkundigten wir uns am Vorabend wundershalber nach Weg, Begehbarkeit, Entfernung und Unterkunft auf der andern Seite. Aber wir konnten nicht die geringsten Auskünfte bekommen Man schaute uns nur unverständlich und kopfschüttelnd an oder belächelte uns als verschrobene Leute. Man wusste nichts von einem Vado di Ferruccio. Nur das erzählte man uns, dass auch schon einmal « Inglesi » — wie hierzulande fremde Bergsteiger allgemein genannt werden — dagewesen seien. Schliesslich wusste uns ein kriegsinvalider Oberst, mit dem ich mich während des Nachtessens unterhielt, wenigstens so viel mitzuteilen, was wir auch unserer Karte im 250,000stel entnehmen konnten.

Morgens früh machten wir uns auf den Weg, dem unbekannten Lande zu. In massiger Steilheit stiegen wir auf holprigen Pfaden, der grössten Neigung des Gehänges folgend, bergan. Bei 1000 Meter standen wir am eigentlichen Fuss des Gebirges. Die Berglehne wurde plötzlich viel steiler, und der Saumpfad fing an, sich im Zickzack emporzuschlängeln. Das offene Gelände machte einem struppigen Buchengehölz Platz, und mit unsern Füssen traten wir weissen Kalk. Während mein Freund dem Weg folgte, fing ich an, abseits davon zu botanisieren und im Natur- und Kulturbilder aus den Abruzzen.

Notizbuch die zahlreichen Bewohner des Buchenwaldes aufzuzeichnen und die Besiedler des Gerölls, das da und dort in kleinern Halden den Forst durchsetzte. Das Gehölz war ein zerzauster Niederwald, denn in Castelli ist das Holz ein begehrter Artikel, da die Tonwarenindustrie mit ihren 20 Öfen eine Riesenmenge Holz verschluckt. Bei 1800 Meter waren wir an der Waldgrenze angelangt. In ungefähr wagrechtem Saum hörte der Wald plötzlich auf. Die obersten Bäume waren alle kräftig und gesund, ein Zeichen dafür, dass die Buche noch über diese Höhenlage hinaus vorzukommen vermöchte. Wie bei unsern Legföhren, schmiegten sich die Stämmchen talabwärts dem Hange an. Zweifellos sind diese Krummholzformen unter der Wirkung des reichlich fallenden Winterschnees entstanden. An die Stelle des Waldes trat die Grasweide, da und dort noch von einzelnen verbissenen Buchenkrüppeln durchsetzt. Wir begegneten hier einem Kuhhirten, der sichtlich Freude empfand, ein wenig plaudern zu können. Er gab sich alle Mühe, eine seiner wenigen Kühe zu melken, um uns etwas Milch zu verabreichen; aber die Kuh schien dazu nicht aufgelegt zu sein. Der Weiderasen wurde immer unzusammenhängender, und schon um 2000 Meter war er häufig von Felsen, Geröll, Runsen und Schuttrinnen durchsetzt. Da gab ich mich von neuem dem Botanisieren hin, und ohne auf die Wegspur zu achten, rückten wir über blumengeschmückte Gesteins-und Rasenpartien immer näher an die schroffen Felswände des Monte Prena hinan. Erst um die Mittagsstunde bemerkten wir, dass der Ferrucciopass weiter östlich, näher am Monte Camicia liegen muss te. Wir spähten hinüber, konnten aber nirgends Wegspuren entdecken. Weder Hirten noch Herden schienen in weitem Umkreis zugegen zu sein. Auch das Grün, das wir traten, hatte wohl den ganzen Sommer noch kein Huf und keinen Zahn zu spüren bekommen. So querten wir, meist absteigend, aufs Geratewohl den Hang nach der vermutlichen Lücke hin über Felsen und wilde Runsen, deren Begehung wegen der Glattheit des Gesteins einige Vorsicht erforderte. Als wir etwas wie die Spur von Schafherden gefunden hatten, wanden wir uns, ihr folgend, zwischen abschüssigen Felsköpfen wieder empor bis um 2200 Meter. Da stand ganz unerwartet ein Schafhirt vor uns, breitschultrig und voll Jugendkraft, nach Blick und Haltung ein trotziger Sohn der Berge. Lange mass er uns mit halb verwunderten, halb misstrauischen Blicken; denn noch nie hatte er in all den Jahren, da er hier Schafe hütete, einen Bergsteiger getroffen, und dazu noch einen Fremden. Er sprach nicht viel, aber das Wenige freundlich, wenn auch zurückhaltend, und musterte uns immer wieder von oben bis unten, wie wir übrigens auch ihn. Um den Hals trug er seinen Proviantsack. Stock und Mantel schleppte er in lässigem Schritte nach und trieb die grasende Herde langsam vor sich her. Um seine Hosen trug er kurze Überhosen aus dicker Leinwand. Die Schuhe waren in lückenlosen Reihen benagelt, um die ledernen Sohlen auf dem scharfkantigen Kalkgestein zu schonen. Er erzählte uns, dass er etwa 200 Schafe zu weiden habe und mit diesen jetzt über die Passlücke nach dem Campo Imperiale hinunterziehe zur Nächtigung. Dort werde er mit vier weitem Hirten und etwa 700 Schafen zusammentreffen. Wir kamen überein, dass wir uns ihm anschlössen, obwohl er uns keine Unterkunft gewähren konnte, denn die fünf Hirten brachten die Nacht in einem Zelt zu, das gerade für sie knapp Raum bot. Auch waren sie mit Lebensmitteln schlecht versehen.

Wir hatten alle Musse, der Herde zu folgen, und auch ich « graste » reichlich. Auf der Passhöhe verweilten wir noch ein halbes Stündchen, um den seltsamen Fern- und Tiefblick in uns aufzunehmen. Im Norden lag die Hügellandschaft recht eigentlich zu unsern Füssen, so tief und unmittelbar wie etwa die Glarner Talsohle vom Rautispitz aus. Die vielen Olivenhaine und abgeernteten Äcker kleideten den Boden in ein engmaschiges Netzwerk von trübgrüner und gelbbrauner Farbe, durchbrochen von den feinen, gewundenen, weissen Linien staubiger Strassen und den breiten Bändern von Schotterfeldern, die sich in Mäandern dem Meer zuwendeten. Nach Südwesten reihte sich bis in weite Ferne Kette an Kette, alle in flimmernden Dunst getaucht, aus denen nur die von der Abendsonne bestrichenen Bergkanten schärfer hervortraten, während sich in der Nähe das Campo Imperiale öffnete, ein Hochtal von trostloser Öde und erfüllt von wilden Trümmerströmen, die die Vegetation nicht zu verhüllen wagte.

Auf vielfach verbogenem, gezickzacktem Pfad stiegen wir über unzählige Runsen und nacktes Gestein, nur selten über dürftige Rasenfetzen hinweg, in das wüste Tal hinab, in das die Nacht ihren Dämmer vorausgeschickt hatte, bis wir unten angelangt waren. Beim Abstieg gesellte sich Herde um Herde zu uns, und mit ihnen die Schäferhunde, die ein Heidengebell erhoben und sich über eine Stunde lang nicht erholen konnten. Sie stellten sich auf Felsvorsprünge oder sprangen auf Blöcke und munterten einander zu immer wütenderem Tun auf. Ich unterhielt mich mit einem etwa 70jährigen Hirten, der sich hinkend und mühsam davonschleppte. Er erzählte, ohne zu klagen und zu murren, von dem harten Schicksal, das über seine Familie weggeschritten ist: von seinen in Amerika verstorbenen und verschollenen Söhnen, von seinen kranken Füssen und manch anderem. Schlicht und lebenswahr wie ein Weiser, der tief aus dem Buch des Lebens geschöpft hat, sprach er von der Würde und dem Sinn des menschlichen Daseins, dessen Wendungen er gleichmütig und ergeben entgegensieht. Obwohl ihn seine eigenen Beine kaum trugen, schleppte er unter seinem Arm noch das knorrige Geäst von Zwergsträuchern mit, das er für sein abendliches Herdfeuer gesammelt hatte; denn stundenweit wächst kein Wald.

Ich war nicht übel erstaunt, als er anfing, englische Brocken in sein Gespräch hineinzuwerfen. Auch er hatte, wie viele Abruzzesen, eine Reihe Jahre in Amerika zugebracht. Schon im Altertum mussten Einheimische auswandern, denn der karge Boden vermag keine dichte Wohnbevölkerung zu ernähren.

Es nachtete zu, als wir im Hirtenlager ankamen. Ohne viel Worte zu machen, teilten sich die 5 Hirten in ihre abendlichen Arbeiten: Die einen machten Feuer an und brauten die Abendsuppe; die andern spannten an brusthohen Stöcken ein Schnurnetz aus und trieben die Schafe in gedrängter Herde in diese Einfriedigung hinein. Die Hunde, die sich mittlerweile beruhigt hatten, stellten sich an verschiedenen Eckpunkten ringsum auf und verbrachten so die Nacht. Sie trugen eine imponierende Halskrause: ein Metallband mit zollangen Eisenspitzen zur Abwehr gegen die Wölfe, die hier noch rudelweise umherstreifen und gelegentlich in Schafherden einbrechen. Gross ist die Gefahr zwar nicht, aber es wissen immerhin Natur- und Kulturbilder aus den Abruzzen.

viele Bewohner weit herum in den Abruzzen von solchen Überfällen zu berichten, und auch die Hunde schienen mir auffallend nervös zu sein. Sie haben gegen Mitternacht plötzlich verzweifelt zu bellen angefangen, haben sich aber langsam wieder beruhigt. Jedenfalls halten sich die Wölfe in entlegenen Gebirgswäldern auf. Im Winter wagen sie sich bisweilen nahe an die Dörfer hin. So hat sie der Hunger vorletzten Winter, wie die Zeitungen berichteten, bis « vor Rom » — wenigstens bis in die römische Campagna — hinuntergetrieben.

Als die Schafe eingefriedigt waren, wurde das Abendessen fertiggebraut. Auf der Südseite eines Felsblockes loderte das Feuer, an dem wir uns wärmten; denn es war empfindlich kühl. Wir waren ja 1700 Meter hoch oben. Wir bekamen ein Linsengericht mit etwas Speck und Schafleber, dazu frischwarme Ziegenmilch. Ich vermute, dass die Hirten unsertwegen zu kurz kamen. Sie gaben es zwar nicht zu. Aber mir schien, dass sie sehr wenig zu essen hatten, denn das Nachtessen ist ihre Hauptmahlzeit. Ein Morgenessen kennen sie nicht, und tagsüber zehren sie von den mitgenommenen Vorräten.

Während des Essens kam ein ungezwungenes Geplauder in Gang. Die Hirten verstanden sich gut untereinander, und uns gegenüber waren sie zuvorkommend und recht besorgt. Jedes Misstrauen war gewichen, und auch wir fühlten uns unter diesen treuherzigen Menschen wohlgeborgen. Dann schauten wir uns nach einem Nachtlager um. Es war nicht mehr zu früh; aber wir wussten ja, dass wir unter freiem Himmel zu nächtigen hatten. Es fragte sich nur, wie wir uns gegen den kalten Nachtwind am besten schützen konnten. Da fielen mir dicht gefüllte, mannshohe Säcke auf, und ich schlug vor, sie auf der einen Seite des Felsblockes aufrecht hinzustellen und dazwischen deren zwei auf den Boden zu legen, damit wir nicht auf der harten Erde liegen mussten. Ich erkundigte mich, was in diesen Säcken sei, verstand aber die offenbar mundartliche Bezeichnung des Inhaltes nicht. Ich bemerkte bloss, dass unser Vorhaben, auf diesen Säcken zu schlafen, ein ins Lächeln verzogenes Erstaunen auslöste. Am folgenden Morgen stellte sich dann heraus, dass die Säcke mit Schafmist gefüllt waren. Schon während der Nacht gesellten sich allerlei krabbelnde Gäste zu uns. Das Gröbste hatten wir am Morgen bald abgeschüttelt und abgelesen, aber noch nach Stunden krochen aus Kleiderfalten einige Nachzügler hervor.

Früh morgens brachen die Hirten auf und zogen mit ihren Herden den Bergen zu ,'jeder in einer andern Richtung. Der alte Hirt, der das Regiment zu führen schien, war zuletzt bereit. Als ich ihn entschädigen wollte, wies er jede Bezahlung energisch ab. Wir seien seine Gäste gewesen, sagte er, und entschuldigte sich mit aufrichtigem Bedauern, dass er uns nicht besser hatte bewirten können. Es war ihm leid, dass er uns kein Brot mitgeben konnte, weil er selber keines mehr hatte, und er drängte uns dafür Schafkäse auf, den ich — von meinen lombardischen Bergfahrten daran gewöhnt — gerne verzehrte. Dann eilte er, so schnell ihn die Ernst Furrer.

wackeligen Beine trugen, seinen Schafen nach, und ringsum ward es wieder wie ausgestorben. Nur etwas abseits, zwischen Brennesseln und Disteln, stöhnte zitternd ein krankes Schaf, das der Herde nicht mehr zu folgen vermochte und hier den Tod erwartete. Endlich brachen auch wir auf. Wege waren keine. Wir folgten einfach der Talsohle nach Westen am Fusse ihrer nördlichen Gebirgsumrahmung, dem Monte Prena und dem Monte Brancor stella entlang. Etwa jede Stunde trafen wir eine Hütte oder bemerkten eine in der Ferne. Soweit wir sie beobachteten, war keine wie die andere, denn die Hirten bauen ganz flüchtig von dem Material, das ihnen gerade zur Verfügung steht, und so klein wie möglich. Ein Hirt, den wir unterwegs trafen, erzählte uns, er baue sie so, wie er es in den Tessiner Bergen gesehen habe.Viele Abruzzesen sind in der Welt draussen gewesen, häufig in Nord- oder Südamerika, und für den Hüttenbau ist ihnen, wie für manch anderes im Hirtenleben, nicht massgebend, wie es der Grossvater gemacht hat, sondern sie richten sich nach ihrer eigenen Lebenserfahrung ein. Eine einfache Hüttenform ist in beigegebener Skizze zur Darstellung gebracht worden. Der Innenraum ist als Schlafstätte knapp für drei Hirten bemessen. Das kegelförmige Dach besteht aus starken Buchenästen, an denen das Laub nicht entfernt wurde, verflochten mit Reisig von Bergwacholder und zähen Stauden wie Alpenampfer und Königskerze. Das Hütteninventar ist höchst einfach. Eine wichtige Nummer ist das Wasserfäss-chen. Im obern, westlichen Talteil schienen mehr Hirten zu wohnen. Neben der Behausung fanden wir dort an der Sonne auf einer hohen, gegabelten Stange Schaffleisch aufgesteckt, noch am blutbesudelten Balg hängend; abruzzesisches Bündnerfleisch! Sonst war unterwegs nicht viel Lebendiges zu erblicken, aber immerhin doch dann und wann etwas. Ein kurzes Plauderstündchen hatten wir mit einem Hirten, der in einem wochenalten Tageblatt die neuesten Nachrichten las, und wir hatten zusammen eine anregende Unterhaltung über den italienischen Landes-streik, die Valuta und manch anderes. Nachdem ich ihn über das Hirtenleben allerlei ausgefragt hatte, bat er mich, ich möchte ihm das Wesen der Valuta und die Umrechnung der Liren in fremde Geldsorten erklären, und ich war erstaunt, mit welchem Verständnis er meine Erläuterungen auffasste. Auf unserem Weitermarsch begegneten wir alsdann einigen schwer beladenen Maultieren. Das eine trug vier riesige Mistsäcke, wie sie uns in der Nacht zuvor als Lager gedient hatten. Der andere war mit « Brennesselheu » über und über beladen. Die ausserordentliche Sommerdürre hatte der Heuernte, soweit überhaupt Wiesenbau gepflegt wird, so arg zugesetzt, dass die Bauern aus Verzweiflung anfingen, die Brennesselfluren der Viehläger zu mähen, um so den Ausfall an Heu zu decken. Von den armen Tieren sah man aus der Ferne nur die schreitenden Beine und darüber die mächtige Ladung.

Schafherden trafen wir im Talgrund keine. Sie waren fast alle auf den benachbarten Anhöhen und Gebirgen, wo wir sie dann und wann verfolgen konnten. Einer graulichen Amöbe gleich, bewegten sie sich langsam am Hange hin, von dessen Gestein sie sich nur schwach abhoben. Auf Rasenplätzen ballten sie sich zu Klumpen zusammen. Wenn es aber über Runsen hinwegging, zogen sie sich behende in dünne Fäden aus, die in leichter Beweglichkeit das ganze Gebilde hinüberzogen.

Im ganzen Tal und seiner unmittelbaren Nachbarschaft sollen etwa 50,000 Schafe weiden. Im Herbst ziehen die Hirten mit ihnen in die Tiefe, nach der römischen Campagna oder bis nach Apulien hinunter. Erst im Frühsommer, nachdem sie geschoren worden sind, kehren sie wieder in das Gebirge zurück. Sie benützen zu diesen Wanderungen die « Tratturi », eigene Schaf strassen von etwa 40 Schritt Breite, die schon seit uralten, vielleicht vorrömischen Zeiten bestehen und die auf den Landkarten eingetragen sind. Wer nicht weiss, was diese Doppellinien bedeuten, der kann sich darob den Kopf zerbrechen. Es können keine Strassen und keine Bahnlinien sein, weil sie, unbekümmert um die Neigung des Bodens, quer über Berg und Tal hinwegsetzen. Ich gehöre auch zu jenen, die lange nicht wussten, was das war. Schliesslich fiel mir ein, es seien Starkstromleitungen, konnte aber auch diese Vermutung je länger je weniger mit dem Kartenbild in Einklang bringen. Erst durch die Lektüre einer geographischen Abhandlung fand ich des Rätsels Lösung.

Landschaftlich bot das Tal, was wir tags zuvor von der Höhe des Ferruccio-passes vorausgeahnt hatten: unwirtliche Öde und unverhüllte Wildheit. An der Südflanke der Brancostella-Prena-Kette, deren Fuss wir folgten, ist die Erosion ausgiebig tätig. Unzählige Runsen durchziehen den Hang von oben her und vereinigen sich nach unten zu immer tiefer werdenden Tobein, bis sie am Fuss des Berges sich in canonartiger Schlucht verlieren, an deren Aussenmündung riesenhafte Schuttströme beginnen. Diese verbreiten sich nach ihrem Austritte rasch zu wüsten Schotterflächen, deren Breite nach meiner Schätzung 50 bis 200 Meter betragen kann. Wenn hier die Wolken ihr Nass ausschütten, müssen die Wasser grässlich hausen. Über meterhoch brausen sie ins Tal herein und reissen kubikmetergrosse Blöcke mit. In wildem, schlangenartigem Lauf brechen sie sich Bahn durch die Kiesbänke. Die spärliche Vegetation der Schotterfelder wird bei derartigen Überflutungen entweder überdeckt oder weggeschwemmt, und nur auf altern Kiesbänken bildet sich, solange diese nicht unterspült und weggeräumt werden, ein dürftiger Anflug. In ähnlicher Kampfstellung steht die Vegetation an den zerfurchten Hängen. Nur selten gelingt es ihr, an weniger bedrohten Stellen einen geschlossenen Rasen aufzubauen und ihn auf die Dauer zu behaupten. Überall ist sie zu Eroberungszügen bereit, aber fast überall unterliegt sie den lebensfeindlichen Naturgewalten. Nie habe ich in der Natur in so gewaltigem Ausmass die Kräfte der Erosion und der Aufschüttung tätig gesehen. Auch zur Sommerszeit, wo alles wasserlos und starr daliegt, glaubt der Beschauer, der in der Natur nur rastlose Bewegung und nirgends Stillstand sieht, vor einem grossartigen lebenden Bild zu stehen.

Die Zahl der zu querenden Flussbette, an deren Böschungen wir hinunter-und jenseits wieder hinaufzusteigen hatten, wollte nicht enden. Aus unserer Karte war nicht ersichtlich, wohin sich all diese Schuttströme ergossen. Erst auf dem Vado di Corno, der nahezu 2000 Meter hohen Passhöhe am westlichen Talende, die nach dem adriatischen Vorland hinüberführt, konnten wir ihren Verlauf überschauen. Sie wenden sich alle dem südlichen Talrand zu und vereinigen sich dort zu gemeinsamen Rinnen, in denen die Wasser zur Regenzeit auf grossem Umweg der Adria zufliessen.

Dieser Vado di Corno war der Ruhepunkt unserer Wanderung. Es ist eine Aussichtswarte sondergleichen, denn ihr Fernblick vereinigt drei seltene Gegensätze: Wüste, Hochgebirge und Meer. Die Wüste ist das steinerne Campo Imperiale, das wir eben in mehr als seiner halben Länge durchwandert hatten. Das Hochgebirge stellt seinen stolzesten Vertreter, den Monte Corno, der von keiner Seite so eindrucksvoll wirkt wie hier unmittelbar vor seiner Ostwand, die in einem Schuss aus dem Hügelland sich bis an die 3000 Meter erhebt. Und hinter dem tiefliegenden Hügelland, das wie ein Spielzeug dem Bergriesen zu Füssen liegt, blaut in weiter Ferne das dunstige Meer.

Es war schon zwischen drei und vier Uhr, als wir immer noch auf der Passhöhe verweilten; denn die Ruhe tat uns wohl. Der Tag zuvor war lang und streng gewesen, und nachts hatten wir trotz einigen Decken, die uns die Hirten abgetreten hatten, mehr gefroren als geruht oder gar geschlafen. Auch der Magen war nicht auf seine Rechnung gekommen. Nun aber drängte die Zeit, denn wir wollten noch vor dem Zunachten das 420 Meter hoch gelegene Dorf Isola del Gran Sasso erreichen. Wir schieden von der herrlichen Warte und stiegen über steile, schuttreiche Halden hinab. Bei 1800 Meter nahm uns wieder der Buchenwald auf, diesmal ein Hochwald. Er war vom Axthieb weit weniger mitgenommen als der Wald ob Castelli. Alte Stämme von Meterdicke, deren Holz zu faulen begann, waren nicht selten. An einem Stumpf massen wir sogar einen Durchmesser von 130 Zentimeter. In den Lichtungen stellte sich üppiger Nachwuchs ein, teilweise in schönen Ver-jüngungskegeln. Und wieder etwa um 1000 Meter lag die untere Grenze des Buchenwaldes, und wir traten auf das offene Acker- und Weidengelände hinaus. Im Dämmerschein hatten wir das stille Isola erreicht und ein gastliches Haus gefunden.

4. Der Monte Corno.

Wir mochten unsere Schritte hinlenken, wo wir wollten, immer fesselte der Monte Corno, der Hauptgipfel der Gran Sasso-Gruppe, unsere Blicke. Schon auf der kurzen Bahnfahrt vom Meer nach dem Provinzstädtchen Teramo hefteten sich unsere Augen an die silbergraue Felsenstirn, die als breites Dreieck den waldigen Vorbergen entsteigt. Auf dem einsamen Streifzug durch das Hochtal des Campo Imperiale sahen wir ihn als steil aufgerichtete Schaufel sich über den Hintergrund des Talabschlusses erheben, und wir steuerten auf ihn zu als dem besten Wegweiser, bis wir, nahe an seiner Schulter, den Vado di Corno zum Übergang nach Isola erreicht hatten. Und erst auf diesem Passübergang, dem Vado di Corno 1 In einem Schwung schiesst die Wand 2000 Meter hoch bis zum Gipfel empor, umrahmt von wilden, tief eingerissenen Schluchten und grobblockigen Schuttkegeln, an ihren Rändern umkränzt von üppigen Buchenwäldern.

Weniger imposant nimmt er sich von Aquila aus, weil der Gipfel aus seiner Umgebung nicht frei genug hervortritt. Erst beim Aufstieg auf die Ketten im Westen von Aquila, den Monte d' Ocre oder den Monte Sirente, wird das Bild der Gran Sasso-Gruppe eindrucksvoller, da sich der Monte Corno in kühner Linie aus der gesamten Gruppe heraushebt.

Wieder anders von Norden. Über dem Dorfe Pietracamela, das sich in 1000 Meter Höhe an seinen Nordf uss anschmiegt, sitzt er mit seinen buckelig aussehenden Gipfeln breit und schroffwandig wie ein Backenzahn im Kiefer. Schärfer sind seine Gipfelformen, von Norden gesehen, erst in grösserer Ferne, etwa aus der Umgebung des Pizzo di Sevo südlich den sibillischen Bergen. Von da aus ist seine Silhouette der des Moléson ziemlich ähnlich: jäh nach links abstürzend, sachter nach rechts sich abdachend und mit einem buchtigen Gipfelgrat, das Bild eines ruhenden Löwen.

Diesen herrlichen Gipfel wollten wir nicht mehr lange nur von unten betrachten. Als am letzten Julitag der Himmel wieder in ungetrübtem Blau über uns strahlte, da machten wir uns zu dessen Besteigung bereit. Wir befanden uns in dem Dorfe Isola del Gran Sasso, wohin wir tags zuvor vom Campo Imperiale her bei hereinbrechender Nacht gelangt waren, also tief unten am Fuss der Ostwand. Ich hatte bis in den Nachmittag hinein über und über mit Einlegen und Anschreiben gesammelter Pflanzen zu tun, während mein Freund mit der Kamera das Dorf und seine Umgebung durchstreifte. Dann fuhren wir mit dem Auto in ungezählten Kehren nordwärts dem Tal des Vomano zu, wo wir in dem Dorfe Montorio unser vorübergehendes Standquartier hatten, und von hier führte uns ein weiteres Auto dem Vomano entlang aufwärts. Schon wenig ausserhalb des Dorfes machte das molasseartige Gestein, woraus das hügelige Vorland modelliert ist, dem Kalke Platz, und unvermittelt waren wir auch in das Gebirge versetzt. Vor uns öffnete sich ein tief eingeschnittenes Quertal, an dessen Ausgang sich der Fluss in enger Schlucht durch einen Felsriegel hindurchzwängt. Nie verläuft die Strasse geradeaus. Sie schlingt sich in scharfen Kehren um Felsnasen herum, biegt in tiefe, beschattete Tobel ein und schlängelt sich an ihren abschüssigen Hängen wieder an die nackten Lehnen heraus. Fortwährend verschieben sich die ins Tal vorspringenden Felssporne kulissenartig gegeneinander, und an ihnen zieht sich die kühn angelegte Strasse mit wechselnder Steigung dahin, bald auf den Schichtbänken, bald quer dazu in diese eingesprengt oder auf hohen Stützmauern und Brücken über diese hinwegsetzend. Die Gesteinsschichten liegen meist wagrecht oder schwach schief; da und dort sind sie auch geknickt, verbogen oder gar verwurstet. Steil stürzen die Talwände in das Flussbett hinab, wo im Sommer nur spärliches Wasser die Blöcke umschäumt. Von der Brüstung der Strasse hängen dann und wann üppige Brombeersträucher, handvollweise mit pechschwarzen Früchten behangen, in riesigen Guirlanden über die Felsen hinunter. Sonst klebt nur wenig Grün an den jähen Hängen, laubwerfendes Buschwerk und halbwüchsige Bäume, vereinzelt oder in armseligen Trüppchen oder in Reihen den Schichtfugen und den Kronen ausstreichender Felsbänke entlang. Zur Seltenheit trägt der Hang etwa kleine Terrassen, Überbleibsel früherer Talsohlen, die der sonst kräftig nagende Fluss noch nicht hinweggeräumt hat. Obwohl klein und oft nur mühsam zugänglich, hat sie der Anwohner für sich nutzbar gemacht und Äckerchen angelegt oder Olivenbäume gepflanzt.

Bei Bivio verliessen wir das Auto und bogen in das nach Süden sich öffnende Seitental des Bergbaches Arno ein. Eine Strasse ist im Bau, aber erst ein paar Steinwürfe weit vollendet, so dass sich der ganze Verkehr mit den über tausend Menschen, die in zwei Dörfern das Tal bewohnen, auf Maultierpfaden bewegt. Diese führten uns etwa anderthalb Stunden lang durch zerzauste Wälder, wo der Fuss häufiger das nackte Gestein als weiche Walderde betritt. Dann zeigte sich nach einer Wegbiegung, im Durchblick durch das weitausladende Geäst der letzten stämmigen Eichen, auf 1000 Meter Höhe das Dorf Pietracamela, wie an den Berghang hingepflastert und rings umgeben von flüchtig angelegten Äckerchen, die von struppigen Hecken umsäumt sind.

Hier brachten wir die Nacht zu bei einem freundlichen Wirt, der uns, wie überall im Abruzzenlande, sein Bestes bot, ohne uns zu überfordern. Was das Nachtlager anbelangt, so war es freilich gut, dass ich beide Augen zudrücken konnte; denn die brauchbaren Betten waren alle durch früher eingetroffene Gäste bereits beschlagnahmt worden, und ich musste froh sein, noch in einem Raum Unterschlupf gefunden zu haben, der gegen die Gasse offen stand und wo noch allerlei Leute hin- und hergingen, als ich schon am Einschlafen war. Wer, weiss ich nicht. Ich kümmerte mich auch nicht darum. Es war eine Art gepflasterter Hof, in dessen Ecke mein Schrägen, der auf drei Beinen hinkte, an die Wand geschoben wurde, damit er wenigstens leidlich stehen konnte.

Früh um drei Uhr krähten die Hähne und schrien die Esel. Einer schien den andern anzustecken. Da machten wir uns auf, und um vier Uhr waren wir bereits auf dem Marsch durch die Gassen, in deren Enge die Dämmerung nur langsam eindrang. Als wir das Dorf im Rücken hatten, da war auch schon das Schwierigste unseres Aufstieges überstanden, denn wir hatten den ganzen Tag nie so viel gymnastische und touristische Künste aufzubieten wie während der wenigen Minuten, da wir uns im Dunkeln mit unsern genagelten Schuhen über die kugeligen, schlüpfrigen Pflastersteine hinwegbewegten. Rote Dreiecke wiesen uns den Weg südwärts, wo Äcker und Weideland, beide von Gebüsch durchsetzt, miteinander das offene Gelände bekleiden. Zahlreiche Bächlein querten den Pfad und spiegelten uns — trügerisch genug — ein quellenreiches Gebirge vor. Nach einer schwachen Biegung nach links kam die tiefe Scharte zwischen Monte Corno und Monte d' Intermesole zum Vorschein. Dahin steuerten wir. Ein Buchenwald nahm uns auf, stämmiges Kopfholz mit steil aufstrebendem, dickem Astwerk, das über den knorrigen, häufig verkrüppelten Stämmen ein dichtes Laubdach breitete. Der Boden war, wie in unsern heimischen Bergwäldern, laubüberdeckt und von bemoosten Blöcken übersät. Zwischendurch schäumte der Bach, und im Hauch seiner stürzenden Wasser wiegten sich an den Blöcken die Rispen zierlich über-neigender Gräser.

Bei 1420 Meter beginnt eine neue Talstufe, über die der Bach in hohem Sturz in die Tiefe schäumt. Der Wald löst sich allmählich auf, und bei 1660 Meter stehen schon die letzten Posten des Baumlebens. Einzeln oder truppweise verteilen sich die sturmfesten Buchen über den Grobschutt des Talbodens. An den Hängen schmiegen sie sich wie die Legföhren eng dem Boden an. An offenen Stellen ducken sie sich hinter grossen Felsblöcken auf der talauswärts gerichteten Seite, weil sie offenbar Schutz suchen gegen die vom Gebirge herabsteigenden rauhen Winde. Wo es den wägsten Baumnaturen gelingt, sich über den schützenden Block zu erheben, da ist ihre Krone schirmartig plattgedrückt wie an den Föhren im föhngepeitschten Urner Reusstal.

Immer tiefer kleideten sich die beidseitigen Hänge in Trümmer, und wir langten schliesslich an der Stelle an, wo der Arno, der in weitem Gebirgskreis seine Wasser unter dem Schutte sammelt, als kräftiger Bach daraus hervortritt. Wir vermuteten, es könnte die letzte Quelle sein, und füllten unsere vier Feldflaschen. Wir hatten gut getan, denn bis zum Gipfel begegneten wir ausser dem Schnee keinem Wasser mehr. Wir folgten weiter den roten Dreiecken, die in verschwenderischer Fülle an die Felsen hingepinselt waren, und gelangten aus der Klus in den Grund eines geräumigen, schuttüberstreuten Kessels, das Campo-pericoli, wo das alte Rifugio liegen musste. Aber wo? Gerade in diesem unübersichtlichen Blockwirrwarr, inmitten unzähliger Buckel und Vertiefungen, Hess uns die Wegmarkierung im Stich. Dem Maler musste wohl die Farbe ausgegangen sein. Rings umgaben uns eine Menge Gipfel und Grate, alle etwa gleich hoch. Der sonst alles überragende Monte Corno trat nirgends hervor.

An Karten trugen wir nur die des Touring Club im Massstab 1: 250,000 mit uns. Es ist sicher ein Beweis für ihre Vorzüglichkeit, dass wir, von ihr und dem Kompass geleitet, die Richtung zum weitern Anstieg und bald auch das Rifugio fanden. Nach Nordosten umbiegend, erstiegen wir über Blockfelder und Geröll den Westgrat des Monte Corno, querten den steilen Hang nach dem Nordgrat hinüber und erreichten nahe am Corno piccolo vorbei um halb elf Uhr die hohe Warte. Schwierigkeiten waren keine zu überwinden. Ich hatte sogar, wie übrigens auf meiner ganzen Abruzzenfahrt, nicht einmal einen Stock bei mir, um die Hände zum Pflanzensammeln und für meine botanischen Aufzeichnungen freizuhaben. Wer zum Aufstieg sich an das grobe, weniger rutschige Geröll hält oder an Stellen, wo er den anstehenden Felsen unter den Füssen fühlt, der gewinnt den Gipfel trotz seiner Steilheit ohne besondere Mühe.

Wer den Monte Corno besteigt, tut gut, wenn er sich abends in eine Klubhütte begibt, anstatt dass er. wie wir, von einem der nächsten Dörfer ausgeht. Für die von Teramo Kommenden liegt das Rifugio Vecchio ( 2200 m ) ob Pietracamela am günstigsten. Dagegen ist das neue Rifugio del Duca degli Abruzzi ( etwa 2350 m ) zu empfehlen für eine Besteigung von Aquila aus über Assergi.

Der Monte Corno war einst ein Glied der nördlichen Gran Sasso-Kette, die ununterbrochen vom Monte Corvo über den Intermesole nach dem Monte Corno und von da nach dem Monte Prena und dem Camicia reichte. Aber die von diesem höchsten Gipfel abfliessenden Wasser haben um seinen Leib herum tiefe Scharten und Trichter ausgenagt: Zwischen ihm und dem Intermesole eine enge Klus vom Arnotal bei Pietracamela her, und zum Vado di Corno hinauf einen wilden Trichter, der sich nach Isola hinunter öffnet. So ist der Monte Corno vom ursprünglichen Kamm losgelöst und zu einer freistehenden Gipfelgruppe herausmodelliert worden, kühn und schön in ihren Formen wie keine im ganzen Apennin.

Die von der adriatischen Seite her so kräftig arbeitende Erosion tritt auf dem beigegebenen Textbild deutlich hervor: nach Osten bricht die Bergkante mauerartig ab, während die westliche Abdachung nur massig steil geböscht ist.

Der Bergstock bildet einen rechtwinkligen Kamm, dessen geschweifte Schenkel vom Westgipfel aus als dem Scheitelpunkt nach Norden und Osten verlaufen. Der Nordschenkel senkt sich steil zur Tiefe und schnellt nur einmal zu einem Felszahn empor, dem 2637 Meter hohen Corno piccolo. Der Ostschenkel schwingt sich über einen wilden Sattel zum gleichhohen Ostgipfel hinüber und bricht dort jäh zur Ernst Furrer.

( 2646 m ) und dahinter Monte Corvo ( 2626 m ). Bei R liegt das alte Rifugio ( etwa 2200 m ). Man beachte den Steilabsturz nach Osten. ( Nach einer Photographie von De Vincentiis. ) Ostwand ab. In dem nach Nordosten geöffenten Winkel selbst liegt das einzige Gletscherchen der Apenninenkette, der Ghiacciaio del Gran Sasso, der jedoch mehr nur den Namen eines Firnfeldes als den eines Gletschers verdient.

Und die Aussicht? Soll ich aufzählen, was alles zu sehen ist, die vielen Gipfel, die sich im Norden um den dunstblauen Pizzo di Sevo, im Süden um die dämmerige Majella gruppieren, die Rücken und Grate im Westen, aus denen besonders der Sirente und der Velino hervortreten, die unzähligen Städtchen und Dörfer von Aquila auf der tyrrhenischen Seite bis an den Strand der Adria, umgeben von gesprenkelten Olivenkulturen und gelben Stoppelfeldern, die Flüsslein alle, die durch weisse Schotter sich dem Meer zuschlängeln, die nahen Corni und Pizzi und Monti ringsum, die sich ausser dem benachbarten Ostgipfel unseres Monte Corno alle ducken wie Zwerge, die wild zerrissenen Scharten und Klüfte und endlich die wüsten, wasserlosen Becken zu unsern Füssen im Süden?

Tief taucht ringsum der Himmel zur Erde hinab, und beide verschwimmen wie Himmel und Meer in weitester Ferne zu flimmerndem Dunst. Keine Linie trennt sie mehr. Alles ist eins, und nur die vielen feinen, gezackten und geschweiften Linien verraten die Stelle, wo in noch weiterer Ferne der Horizont liegen mag.

Es müsste ein herrliches Schauspiel sein, die Stimmungen eines vollen Tages hier oben durchzukosten, vom Sonnenaufgang, wenn die Adria aufblitzt und die Sonne alle Höhen mit ihrem Streiflicht rötet, bis zum Abend, da das Tyrrhenische Meer dem Beschauer die letzten Strahlen zuwirft und die Dämmerung ihre Schatten um die Berge legt.

5. Nach dem Ruinenstädtchen Avezzano.

Die drei Hauptketten der Abruzzen schliessen zwei geräumige Längstäler ein. Im östlichen, dem Sammelbecken der Flüsse Aterno und Gizio, liegen die Städtchen Aquila und Sulmona; im westlichen ist Avezzano der bedeutendste Ort. Diese drei Städtchen und mit ihnen unzählige Dörfer sind schon wiederholt von Erdbeben ganz oder teilweise zerstört worden. Das jüngste Beben grössern Umfangs war das von Avezzano, das im Städtchen allein 11,000 Menschen den Tod gebracht hat, mit allen Nachbargebieten etwa 30,000. Der Notschrei der Unglücklichen wurde damals vom Kriegsgeheul übertönt. Täglich las man von Hunderten und Tausenden, die der wahnsinnige Krieg an den Fronten in den Tod getrieben hatte. Konnte da die Schreckensnachricht aus einem entlegenen Abruzzental auf die abgestumpften Gemüter noch Eindruck machen?

Es war am Morgen des 13. Januar 1915. « Wochenlange Regengüsse hatten in ganz Mittelitalien Überschwemmungen verursacht. Ein starker Wind wütete die ganze Nacht. Es war 5 Minuten vor 8 Uhr. Die meisten Leute mochten sich bereits erhoben haben. Manche waren am Ankleiden, manche hatten soeben ihr Haus verlassen, um in Geschäften der innern Stadt oder — die wenigen Glücklichen — um zu den Arbeiten auf das Land sich zu begeben; manche, schwächere Leute und Kinder vor allem, lagen noch in ihren Betten. Da plötzlich erhob und senkte sich die Erde in raschen Schwingungen nacheinander, sodann ein mehrfaches Schütteln nach rechts und nach links, 4 oder 5 Sekunden lang, und die Stille trat wieder ein; das Unheil war vollendet. Das Erdbeben verlief, wie die Gelehrten sagen, zuerst sukkussorisch, dann undulatorisch. Wie Augenzeugen berichteten, sollen die Hebungen und Senkungen mehr als einen halben Meter betragen haben. So war es in Avezzano, im Epizentrum selber. Je weiter wir der Peripherie uns nähern, desto länger hat das Erdbeben gedauert, in Rom und Aquila mehr als 50 Minuten » So berichtet P. Tuor, der einen Monat nach dem Beben die Unglücksstätte besucht hat, in seinem Büchlein « Unter Toten und Überlebenden in Avezzano » ( Zürich, Orell Füssli, 1915 ).

Auf unserm Heimweg, den wir über Rom nahmen, machten wir in dem verschütteten Abruzzenstädtchen einen kurzen Halt. Von Montorio al Vomano fuhren wir mit dem Kraftwagen zweimal hintereinander je zwischen 60 und 70 Kilometer weit, zuerst über die östliche Kette hinweg nach Aquila, dann über die mittlere nach Avezzano. Auf beiden Fahrten überschritten wir die Wasserscheiden bei rund 1300 Meter Höhe. Bei der ersten folgte der Wagen dem engen Tal des Vomano, das am Nordrand der Gran Sasso-Kette eine tiefe Querfurche bildet und dessen Eigenart ich schon im Abschnitt über die Besteigung des Monte Corno geschildert habe. Sanfter werden die Geländeformen erst gegen die Passhöhe hin. Wer von hier in der Richtung des abfliessenden Vomano nach Osten schaut, glaubt ein ost-westwärts verlaufendes Talstück vor sich zu haben, das sich gegen die Passhöhe hin senkt. Hierdurch muss sich einst eine Wasserader nach Westen ergossen haben, die der Vomano dank seiner kräftigen rückschreitenden Erosion in seinen eigenen Lauf hineingelenkt hat. Ich hatte leider nur wenige Minuten Zeit, diese Flussablenkung vor dem verschnaufenden Auto zu überschauen; dann fuhr es den jähen, trostlos kahlen Hängen entlang nach Aquila hinunter, in tiefe Tobel hinein und auf geschlängelter Strasse wieder aus ihnen heraus und um neue scharfkantige Felsnasen herum. In dieser Wildnis hat der Forstmann ein grosses Werk begonnen. Er hat die Tallehnen weithin aufgeforstet. Den Segen dieser Arbeit wird die Bevölkerung sicher schon in den nächsten Jahrzehnten verspüren.

Nach wenigen Stunden Aufenthalt in dem stolzen Herzogstädtchen Aquila begann die zweite Bergfahrt: dem Monte d' Ocre entlang aufwärts in hochgelegene Talkessel hinauf. Es mutet sonderbar an, dass sich dem Auge, wenn der Steilhang in den letzten Strassenkehren erstiegen ist, sich auf einmal eine fast kreisförmige Ebene, etwa 5 Kilometer im Durchmesser betragend, auftut, rings von Anhöhen umsäumt, unter denen der 2340 Meter hohe Monte Sirente, ein kahler, verscharteter Höhenzug, das Bild beherrscht. Die in diesem Kessel zusammenfliessenden Wasser versickern alle an seinem Ostrand und treten erst viel tiefer unten im Aternotale als starke Quelle wieder hervor. Auf diesen grossen Versickerungstrichter von Rocca di Cambio folgten noch zwei weitere kleinere, die von Rovere und Ovindoli, einem aufkommendem Wintersportplatz. Endlich steuerte der Wagen, teils wiederum in scharfen Kehren, dem Fuciner Becken zu, der traurigen Stätte der Erdbebenzerstörung.

Die hereinbrechende Nacht liess uns nicht mehr viel erkennen. Aber es sah so aus, wie wenn wir an den langen Baracken eines Interniertenlagers vorbeigefahren wären. Es waren die Notwohnungen der Überlebenden und derer, die sich seither angesiedelt hatten, um die Plätze der vielen Verschütteten auszufüllen. In Avezzano stehen sie in grosser Zahl Reihe an Reihe.Viele Menschen wohnen da in wenigen Räumen eng beisammen. Trostlos sieht noch alles aus. Ringsum, wo man hinblickt, Trümmer und Ruinen. Aber schon ist eine rege Bautätigkeit wieder erwacht. Der Mensch lässt sich nicht abschrecken. Überall in den Abruzzen, wo schon Städte und Dörfer durch Beben in Schutt versunken sind, hat der Mensch auf der Stätte des Todes sein Heim wieder aufgebaut. Er wird auch das einst blühende Avezzano wieder aufbauen, den Hauptort des Fuciner Beckens, das in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von seiner Wasserfläche befreit und in fruchtbares Kulturland umgewandelt worden ist.

Das Bergland der Abruzzen dürfte früher in grösserer Zahl ähnliche Seebecken gehabt haben. Aber in dem durchlässigen, zerklüfteten Grund haben die Wasser mit der Zeit einen unterirdischen Abfluss gefunden. Nur das Becken von Fucino war noch mit einem Wasserspiegel bedeckt. Schon Cäsar hatte, wie Tuor erzählt, den Plan gefasst, das Becken trockenzulegen; aber infolge seines frühen Todes blieb der Plan unausgeführt. Da nahm ihn Kaiser Claudius wieder auf und führte ihn durch, indem er durch den westlich vorgelagerten Bergzug einen 6 Kilometer langen Kanal bauen liess. 30,000 Sklaven sollen 11 Jahre lang an dem Werk gearbeitet haben. Aber das Becken war nur teilweise trockengelegt, und als später der Tunnel zerfiel, füllten die Bäche das Becken wieder aus. Erst in den Jahren 1854-1876 wurde durch den Fürsten Torlonia und unter Leitung zweier Schweizer Ingenieure das Werk von neuem und gründlich durchgeführt, und es wurden dadurch 14,000 Hektaren nutzbares Land gewonnen. Der Kostenaufwand des hochherzigen Fürsten betrug 30 Millionen Franken; aber er dürfte sich reichlich gelohnt haben.

So spiegelt das Fuciner Becken die bewegten Schicksale des Menschen. Auf der einen Seite steht er siegend da vor dem grünen, fruchtbaren Talboden, den er vom Wasser befreit hat und fortwährend durch unzählige Kanäle entwässert. Auf der andern Seite sieht er sich den Naturgewalten ohnmächtig ausgeliefert und muss zusehen, wie ein ganzes Geschlecht in den zusammenstürzenden Heimstätten in den Tod sinkt.

6. Bei den Köhlern im Bosco Martese.

Als wir auf unserer Hinreise in die Abruzzen durch die Strassen des Städtchens Teramo schlenderten, bemerkten wir einige Fuhrwerke, die von der Bergseite her in die Stadt einfuhren und schwer mit Holzkohle beladen waren. Ich erkundigte mich bei einem Männlein in abgetragener Uniform, das ich dort in der Nähe vor einem Hause sitzen sah, nach dem Woher und Wohin und erfuhr, dass in einem weitentfernten Walde, im Bosco Martese, diese Holzkohle hergestellt und nach Teramo und weiterhin verkauft wird. Man könne mit dem Automobil bis in den Bergweiler Fustagnano fahren; von dort seien es noch einige Stunden bis zum Beginn des Waldes, der sich wiederum mehrere Stunden weit gegen den Pizzo di Sevo hin ausdehne. Kohle werde auch noch in der Umgebung von Pietracamela gebrannt, aber nirgends in so grossem Massstabe wie im Bosco Martese, wo einige hundert Arbeiter mit dem Fällen der Bäume, der Köhlerei und dem Abtransport von Holz und Kohle beschäftigt seien. Das Männlein war früher Forstbeamter. Wegen Krankheit wurde es seines Amtes enthoben. Es sang ein bedenkliches Klagelied über die Zustände im Forstwesen und mochte, wie mein Freund glaubt, wohl in manchem nicht unrecht haben.

Diese Gelegenheit, in einen so ausgedehnten Köhlereibetrieb hineinzusehen, wollten wir uns nicht entgehen lassen, und als wir vom Gran Sasso herunterkamen, fuhren wir von Teramo mit dem Fustagnaner Auto 28 Kilometer weit westwärts in die Berge hinauf, bis die Strasse aufhörte. Das war auf 1000 Meter Höhe. Der Chauffeur liess seinen Wagen am Strassenende stehen und verschwand. Die übrigen Fahrgäste waren alle schon vorher ausgestiegen. Wohin mit uns? Ein Gasthaus war keines da, und der Herr Soundso, dem ich von meinem Gastwirt aus Pietracamela eine heisse Empfehlung überbringen durfte, wohnte schon längst nicht mehr hier. Allein mir war nicht bange. Der Abruzzese, sagte ich mir, hat einen zu hohen gastfreundlichen Sinn, als dass er einen Fremden, auch wenn er ihn nichts angeht, vor der Tür seiner Hütte schlafen liesse. Wir kamen denn auch durch die Vermittlung eines Umbrers, der hier mit der Leitung des Holz- und Holzkohletransportes betraut war und der uns zum Nachtessen eingeladen hatte, in einem zweischläfigen Bett hoch oben im Estrich eines Bauernhauses unter. Wir wurden mit unverhülltem Misstrauen empfangen und erst nach einigem Aus-fragen über die Schwelle gelassen, was ich den guten Leuten durchaus nicht verargen konnte. Wer von uns wollte wildfremde Menschen, die man im Dunkel der Nacht kaum sieht, vor dem Schlafengehen noch schnell in sein Haus aufnehmen, wo alle Räume mit aller Habe offenstehen? Wir traten in eine Küche ein, die zugleich Stube zu sein schien und wo ich erst nach einer Weile in der Ecke den Grossvater erblickte, so finster war es. Von da führte man uns aufwärts durch den Schlafraum der Hausbewohner auf den Dachboden, wo wir in Gesellschaft vieler grosser Käse und anderer Vorräte die Nacht zubrachten.

Am nächsten Morgen folgten wir den Maultierspuren nach dem Bosco Martese. In der Luftlinie gemessen, ist er kaum mehr als 6 Kilometer entfernt. Aber unser Saumpfad hatte so viel tief eingerissene Täler zu umgehen, dass er bis zum Beginn des Waldes etwa das Doppelte dieser Entfernung ausmachte. Wir hatten nicht den Eindruck, dass mit dem weitern Eindringen in den Talhintergrund die Kultur nach und nach zurückblieb. Im Gegenteil: nach etwa dreistündiger Wanderung, als sich vor uns ein weithin ansteigendes, bewaldetes Tal auftat, standen wir vor einem kleinen Budendorf mit Kantinen, Ställen und der Station einer etwa 5 Kilometer langen Luftseilbahn, die das ausgebeutete Holz über tiefe Tobel hinweg nach der Landstrasse hinüberbefördert. Hart daneben war die Geleiseanlage der Waldbahn, die etwa 6 bis 8 Kilometer weit in das Waldinnere hineinführte, und ringsum waren riesige Holzmengen aufgeschichtet, die noch des Wegtransportes harrten. Nach längerem Fragen und Suchen landeten wir schliesslich, von aufdringlichen Nichtstuern beiderlei Geschlechts begafft und umstellt, vor einer Holz-bude, wo die Forstaufsichtsbeamten — die Guardia forestale — ihr « Bureau » hatten, und ich bat die beiden Grünröcke, uns in den Wald hinein zu den Köhlern zu führen. Aber die Beamten machten sich nicht viel aus uns. Sie versetzten misstrauisch und mit kaltem Lächeln, wir hätten ihnen nichts zu befehlen. Ich appellierte an ihre Gefälligkeit — vergeblich. Das Gesindel um uns herum fing an, uns auszuhöhnen; da setzte ich mich aufs hohe Ross und erreichte schliesslich, was ich wollte. Beide holten in der Baracke ihre Gewehre und Patronen und begleiteten uns in den Wald hinein. Sie waren jedoch ausserordentlich zurückhaltend, nahmen keine Stumpen an, liessen sich um keinen Preis photographieren und gaben auf viele harmlose Fragen ausweichenden Bescheid. Nur einer wurde zutraulicher und gab sich allmählich ganz ungezwungen. Der andere blieb verstockt. Wir waren ihm ein Rätsel. Sie führten uns aber willig zu den nächsten Meilern, die kaum eine halbe Stunde entfernt im Walde drin lagen, und zwar auf unsern Wunsch hin zu Meilern in verschiedenen Stadien des Aufbaues und des Brandes. Dann liessen wir uns von ihnen die Richtung anweisen, in der wir weitere Köhler an ihrer Arbeit treffen würden, und drangen tiefer in den Wald ein, während die zwei Führer zu ihrer Behausung zurückkehrten. Das Trinkgeld hatten sie kategorisch zurückgewiesen.

Der Bosco Martese umfasst, wie uns mitgeteilt wurde, 4-5000 Hektaren, ist also rund viermal so gross wie der Sihlwald. Es waren dort zur Zeit unseres Besuches etwa 30 Meiler, deren Bau und Bedienung etwa 50 Köhler benötigten. Daneben waren noch ungefähr weitere 200 Arbeiter mit dem Fällen und Transport des Holzes beschäftigt. Etwa vom April bis September wird hier gearbeitet. Über die Winterszeit liegen die Köhler und übrigen Holzarbeiter in den Maremmen der gleichen Arbeit ob. Die Meiler haben einen Inhalt von durchschnittlich 30 Kubikmeter oder 40-50 Ster. Fünf Arbeiter brauchen zu deren Errichtung etwa fünf Tage. Innen schichten sie grobe Holzstücke auf, nach aussen immer kleinere. Ist der Meiler soweit fertig erstellt, so überdecken sie ihn mit den Wedeln des Adlerfarns, der auf dem magern Boden gerodeter Waldstellen in grosser Menge auftritt. Erst dann decken sie ihn mit Erdschollen zu, lassen aber oben in der Mitte die Öffnung des darunterliegenden, senkrechten Kanals frei. Erst wenn darin mit Stroh und anderem Brennmaterial der Brand entfacht ist, wird der Meiler fertig zugedeckt. Hierauf werden ringsum Öffnungen zum Abzug der Rauchgase angebracht, die je nach Bedarf reguliert werden. Nach und nach wird der Meiler niedriger, und nach Verlauf von etwa fünf Tagen ist die Holzkohle fertig. Es wird jedoch nicht immer nach diesem System gearbeitet. Je nach den Erfahrungen, die der Köhler mitbringt, werden die Meiler bald so, bald anders gebaut. Die Bergamasker zum Beispiel bauen Meiler vom drei- bis vierfachen Inhalt und verwenden auch dickere Stammstücke; dementsprechend dauert dann die Verkohlung des Holzes 3-4 Wochen.

Die Meiler werden nicht immer an dem gleichen Ort errichtet. Wenn einmal eine Waldstelle ausgebeutet ist, so wird die Kohlstätte verlassen und weiter in den noch auszubeutenden Wald hinein verlegt. So entstehen viele nackte Köhlerplätze, wo der Wald sich lange Zeit nicht anzusiedeln vermag. Nur Gestäude des magern Bodens stellt sich ein, vor allem der Adlerfarn, der sonst nicht viel taugt, hier aber in der Köhlerei zum Überdecken der Meiler Verwendung findet.

Natur- und Kulturbilder aus den Abruzzen.

Der Bosco Martese war der schönste Wald, den wir in den Abruzzen trafen. Wohl ist er stark hergenommen infolge planloser Ausbeutung. Aber trotzdem traten uns auf unsern Streifzügen da und dort eigentliche Urwaldbilder entgegen. So begegneten wir dem morschen Stammstück einer Buche, das noch etwa fünf Meter hoch aus dem Boden aufragte, wo der Baum einst gewachsen und eines natürlichen Todes gestorben war. Er stand an einer massig steilen Halde, und der stürzende Riese muss unter sich im Laubdach eine gehörige Bresche geschlagen haben. In dieser Bresche, wo viel Licht hereinflutete, keimten junge Buchen in Menge auf und füllten die Lichtung in bürstendichtem Bestände auf. So hat Freund Bader noch an manchen Stellen die mannigfachen Schicksale erfasst, die über den Boden des stillen und doch kampfreichen Urwaldes hinwegschreiten.

7. Forstliches und Pflanzengeographisches.

Boden, Klima und Wirtschaft bieten der Pflanzenwelt die Lebensgrundlagen. Ihre Eigenart und ihr Zusammenwirken bestimmen das Bild von Vegetation und Flora. Ich will hier diese drei an und für sich komplexen Faktoren nicht näher unter die Lupe nehmen und auch nicht im einzelnen die Wirkung auf das Pflanzenkleid untersuchen. Es ist ja in frühern Abschnitten schon verschiedenes, namentlich über Boden und Wirtschaft, ausgeführt worden. Hingegen wollen wir zusammen nochmals eine Wanderung unternehmen vom Strand der Adria bis hinauf zu den Graten und Gipfeln der Gran Sasso-Gruppe und dabei forstlichen und pflanzengeographischen Gesichtspunkten unsere besondere Beachtung schenken.

Nach Höhenstufen lässt sich das Gebiet gliedern:

1. in die Kulturstufe, bis 1000 Meter, 2. in die Waldstufe, von 1000 bis 1800 Meter, 3. in die Stufe der Schaf weiden, von 1800 Meter an aufwärts.

Die Kulturstufe wird hauptsächlich von Olivenhainen und Getreideäckern eingenommen. Daneben herrscht auch Weinbau. Diesen Kulturen hat bis auf wenige Reste der ursprüngliche Wald weichen müssen. Was an Wäldchen oder Baumgruppen noch vorhanden ist, setzt sich zumeist aus laubwerfenden Eichen zusammen, die truppweise die Bauernhöfe umstehen oder in kleinern Horsten und lichten Hainen bis gegen 1000 Meter ansteigen, am Monte d' Ocre sogar, wie ich aus dem Auto beobachtete, bis um 1200 Meter. Wirtschaftlich stehen sie im Dienste der Schweinezucht. Entweder werden die Schweine im November und Dezember zur Eichelmast unter die Eichen getrieben, oder die Eicheln werden gesammelt und verfüttert oder auf den Markt gebracht. Eine bezeichnende Begleitflora weisen diese Eichenvorkommnisse nicht auf; denn entweder stehen die Eichen über Äcker verstreut, oder dann ist der Unterwuchs ein ärmliches Gebüsch, das noch als letztes Überbleibsel des einst vernichteten Eichenwaldes angesehen werden kann. Die führende Rolle spielen auch hier laubwerfende Eichen als gedrungenes, verbissenes und verhauenes Buschwerk. An immergrünem Gehölz habe ich keine Arten getroffen, die zu Bäumen auswachsen können, nur einige wenige echte Sträucher. Der mittelmeerische Einschlag ist somit nicht kräftig. Sich selbst überlassen, würde dieses Gebüsch mit der Zeit in einem Wald laubwerfender Eichen aufgehen, dem auch zahlreiche Ulmen und einzelne bis viele Ahorne und Eschen ( Acer Opalus, Fraxinus Ornus ) beigemengt wären.

So auf dem mergelig-schieferigen, sandsteinartigen Hügelgelände. Anders auf dem Kalkgestein. Hier würden sich sicher auch Eichen einstellen, daneben aber häufig bis vorherrschend eine nahe Verwandte unserer Hainbuche ( Carpinus orientalis ) und in untergeordneter Menge Hopfenbuche und Ahorn ( Ostrya carpinifolia, Acer Opalus ). In der Hügelregion sind also auf gleicher Höhenlage die wald-bildenden Arten wenigstens zum Teil verschieden und mit ihnen auch der krautige Unterwuchs. Zwar ist anzunehmen, dass sich mit der Zeit diese Unterschiede verwischen würden, da der Wald eine Humusschicht schafft, die gegen den Boden etwas isoliert und seine Eigenart um so abgeschwächter hervortreten lässt, je dicker sie ist, also zwischen verschiedenen Bodenarten einen Ausgleich herstellt.

Die Waldarmut innerhalb der Kulturstufe könnte leicht auf den Gedanken führen, das Gebiet sei waldfeindlich. Das stimmt durchaus nicht. Wie bedeutend die waldbildende Kraft ist, lässt sich leicht längs den Stützmauern zwischen den Äckern beobachten und auf Steinhaufen, die der Bauer bei der Säuberung des Kulturlandes aufschüttet. Hier schiessen Holzarten üppig empor; aber jedenfalls nicht, weil ihnen der steinige Boden besonders zusagt, vielmehr nur, weil sie dort weder vom Weidevieh noch von Sichel und Sense vorweg ausgetilgt werden. So fand ich über Aquilano in etwa 800 Meter Höhe einen Steinhaufen mitten zwischen Getreidefeldern dicht bewachsen mit Eichen, Ulmen, Feldahorn und allerlei Gebüsch ( Cornus, Crataegus, Euonymus ). Von diesen Verschanzungen aus machen die Holzgewächse ihre Ausfälle in das umliegende Kulturland und würden dieses rasch dem Walde ausliefern, wenn die Eindringlinge vom Menschen und den Mitteln seiner Kultur nicht fortwährend ferngehalten würden.

Für den Wiesenbau dagegen ist das Klima nicht feucht genug. Rindviehzucht und Milchwirtschaft liegen daher auf der adriatischen Seite, der Regenschatten-oder Leeseite, gänzlich darnieder. Um so mehr blüht hier, in einigem Gegensatz zur tyrrhenischen Seite, der Ackerbau; denn dieser leidet nicht unter der gestei- gerten Armut und Launenhaftigkeit des Niederschlags, die sich namentlich in tiefern Lagen bemerkbar machen. Um den Ausfall des Wiesenertrages wenigstens zu einem kleinen Teil einzubringen, greift der Bauer zum Schneitelbetrieb, dem namentlich die Ulmen unterliegen.

Die Waldstufe wird in der ganzen Höhe von 1000 bis 1800 Meter fast völlig von der Buche beherrscht. Ihre Grenzen sind meist scharf gekennzeichnet, sowohl nach unten wie nach oben, und mit dem Betreten des Buchenwaldes glaubt man sich mit einem Schlag in den heimischen Wald versetzt. Mit verschwindenden Ausnahmen bietet er die mitteleuropäische Buchenflora und so gut wie nichts Mittelmeerisches. Nur wo er dem Acker- und Weideland hat weichen müssen, dringen vereinzelte mittelmeerische Arten bis in seine Stufe empor. Doch hört der Ackerbau zur Hauptsache bei 1000 Meter auf, und ungefähr in dieser Höhe liegen auch die höchsten Dörfer. Die letzten Äcker sah ich auf der adriatischen Seite bei 1300 Meter, also 2—300 Meter über den höchsten Dörfern. Am Südabfall habe ich die Getreidegrenze nicht festgestellt; ich vermute, dass sie höher zu suchen ist; denn das höchste Dorf, Castel del Monte, liegt bei 1310 Meter.

Die Begleitflora des abruzzesischen Buchenwaldes erinnert, mit der schweizerischen verglichen, nicht etwa an die der tessinischen Buchenwälder, auch nicht an die voralpine oder diejenige der Molasse, sondern an die unseres Jura. Wie im Jura, so greifen auch in den Abruzzen Eichen- und Buchenwälder ineinander und haben daher ihre Begleitflora gegenseitig ziemlich weitgehend ausgetauscht. Auch ist hier wie dort die Gesteinsunterlage Kalk. Diese floristische Übereinstimmung braucht also nicht zu befremden; denn im Tessin, dessen Klima allerdings mit dem der Abruzzen näher verwandt ist als das jurassische, beherbergt der Buchenwald verschiedene kalkliebende Arten des Buchenwaldes nicht oder nur vereinzelt, dafür aber solche des Urgesteins, die den Abruzzen und unserem Jura abgehen.

Waldwirtschaftlich bieten die abruzzesischen Buchenwälder keinen erfreulichen Anblick dar. Meist sind sie licht und sehen hart hergenommen aus. Namentlich muss in frühern Zeiten arg gerodet worden sein, und die Verkahlung weiter Gebiete hat mit zur Verkarstung beigetragen. Der lockere Niederwald herrscht vor. Nirgends beobachteten wir im Niederwald, dass grössere Flächen völlig abgeholzt wurden. Es wird geplentert, indem die starken Stämme und Äste herausgehauen werden. Der Wald ergänzt sich dann von selbst durch Stockausschläge oder durch Aufrichten von Seitenästen. Daher erscheint der Wald aus der Ferne, genau wie der tessinische Niederwald, als ununterbrochener Mantel. Seltener ist Mittelwaldbetrieb. Im Bosco Martese, wo wir die Köhler besuchten, sollten vorschriftsgemäss Samenbäume in 6 bis 10 Meter Abstand stehen gelassen werden. Doch wird leider diese Vorschrift viel zu wenig beachtet, sahen wir doch wiederholt grössere Flächen, die nahezu oder vollständig kahlgeschlagen waren. Ausgespro-chenem Hochwaldbetrieb begegneten wir überhaupt nicht. Fast überall wird geplentert, aber nicht planmässig. Die vorherrschende Waldform ist daher der Plenter-Niederwald.

An einigen Stellen, so in der Provinz Teramo, bildet nicht die Buche, sondern die Weisstanne die obere Waldgrenze. Soviel ich beobachten konnte, besteht dort der Boden nicht aus den schwer verwitterbaren Kalken, wie sie die Gran Sasso-Camicia-Kette aufbauen, sondern aus leichter verwitterbarem Gestein, das zudem weniger durchlässig ist und sanftere Böschungen bildet.

Einen besondern Charakter tragen innerhalb des Waldgebietes die Flussauen. Auf frischen Kiesaufschüttungen nehmen zunächst Arten der nahen Getreideäcker und des Ödlandes den breitesten Raum ein ( Anagallis arvensis, Linaria minor, Galeopsis Ladanum, Verbena, Tussilago ). Eigene, charakteristische Arten wie bei uns scheinen dem Flusskies zu fehlen. Offenbar ist die unregelmässige Wasserführung daran schuld; denn zur Regenzeit wird das Flussbett von unbändigen Fluten angefüllt, während es zur Trockenzeit öde und fast wasserlos daliegt. Eine selbständige Flora der Schotterfelder vermöchte sich also wohl unter so wechselnden Umständen nicht dauernd zu behelfen, und die zeitweilige Flora ist daher auf fortwährenden Samennachschub aus der Nachbarschaft angewiesen. Von den Holzgewächsen sind einzig Pappeln und Weiden ( Populus canadense, Salix incana, S. purpurea ) imstande, auf höhergelegenen Kiesbänken und Uferstellen Wurzel zu fassen. Wo beide zusammen emporwachsen, siegt schliesslich die Pappel, wenn auch eine Zeitlang die Weiden vermöge ihrer Massenansiedlung und dank dem schnellen Wuchs im Vorrang sind. So sind denn die Flüsse oft weithin von Pappelwäldern umsäumt, die sich in dem waldarmen Hügelland wie Galeriewälder ausnehmen. Natürlicherweise würden diese Pappelwälder sicher mit der Zeit einem andern Eindringling zum Opfer fallen: der Eiche, die — wie wir erkannt haben — ohne Zutun des Menschen die Beherrscherin des Hügellandes wäre. Sie würde in den höhern Schotterbänken dank ihrem grössern Wuchs die lichtbedürftigen Pappeln nach und nach zum Absterben bringen und eigene Wälder bilden. Dieser Waldwechsel ist allerdings nur im Vorland und den Wasserrinnen entlang bis etwa 800 Meter hinauf denkbar. Denn längs den Wasserläufen steigt die Buche an die 200 Meter unter die Stufe hinab, die sie sonst bewohnt, und besiedelt selber den Bachkies, soweit dieser zur Ablagerung überhaupt Platz hat.

Die Stufe der Schafweiden hat wieder ihr eigenes Gepräge. Mit dem Wald ist nach oben auch die Waldflora wie abgeschnitten, und der Wanderer sieht sich mit einemmal in die alpine Flora hineinversetzt. Er findet eine Menge alte Bekannte aus den Alpen wieder. Doch muss ihm bei genauer Prüfung auffallen, dass die zentralalpine Flora mit ihren vielen kalkmeidenden Arten nur schwächlich vertreten ist. Reichlicher begegnet er den Bewohnern des nördlichen Kalkvoralpenzuges. Eine Reihe Arten kennt er indes nur, wenn er in der Flora der südlichen Kalkvoralpen bewandert ist, namentlich der Südostalpen, deren äusserste Vorposten bis nach Südost-Graubünden hinein ausstrahlen. Daneben bleibt noch eine kleine Zahl Arten, die wir ausserhalb des Apennins vergeblich suchen: die Endemismen. Schon unser erster Streifzug in die alpine Stufe hinauf führte uns am Nordhang des Monte Prena mit einer prächtigen endemischen Art, einem seidigblätterigen Fingerkraut ( Potentilla apennina ) zusammen, die also einzig dem Apennin eigen ist. Eine Anzahl Arten, deren Verbreitung sich über mehrere europäische Gebirge erstreckt, zeigt im Apennin eine besondere Ausbildung, tritt also in endemischen Varietäten und Formen auf. Meist lassen solch eigenartige Merkmale den Einfluss der Trockenheit erkennen, der diese Arten seit ihrem Aufenthalt im Zentralapennin ausgesetzt waren. So bekunden gewisse Pflanzen — etwa wie in dem klimatisch ähnlich gearteten Wallis — ausgesprochene Neigung zu Behaarung, derbem Laub, gedrungenem Wuchs bis zur Polsterbildung, Verholzung und weiteren Merkmalen, die wir an Pflanzen trockener Standorte scharf ausgeprägt finden und die wir daher als Anpassung an die grosse Trockenheit von Boden und Luft deuten dürfen.

Als arm kann die alpine Flora durchaus nicht bezeichnet werden, so kahl die Berge im allgemeinen erscheinen. Felswände und Schutthalden, die aus der Ferne pflanzenleer erscheinen, bergen bis in die Gipfelregion hinauf eine ziemlich reiche Flora. Sogar der Monte Corno weist in seiner obersten Gipfelpartie, also in der Schneestufe, rund 20 Arten auf, darunter ein Steinbrechpolster, an dessen Kissen von etwa 3 bis 4 dm2 Fläche ich um die 240 Blüten zählte.

Die gesellschaftlichen Verbände der Arten erinnern oft bis ins einzelne an die Vorkommnisse in unsern Kalkalpen, besonders den südlichen. So sind die Schutthalden am Vado di Ferruccio weithin von der Dryade ( Dryas octopetala ) besiedelt, einem eng dem Boden anliegenden Spalierstrauch mit achtstrahligen, milchweissen Blüten, und in dem Flechtwerk ihrer zahlreichen Ästchen nehmen allerlei humusliebende und Gesteinspflanzen Quartier, weil sie hier viel besser geschützt sind als im offenen Geröll. Vor allem nistet sich, genau wie in unsern Alpen, die Polstersegge ( Carex firma ) ein und macht sich schliesslich so breit, dass der Dryasrasen mit der Zeit zugrunde geht. Ich habe wundershalber ein grosses Seggenpolster auf der Passhöhe aufgerissen und habe darin noch vermoderte Reste der Dryade vorgefunden. In dieser Arbeit wird in den Schweizeralpen die Segge manchenorts unterstützt durch das Blaugras ( Sesleria coerulea ), eine Art, die in den Abruzzen gegenüber einer Schwesterart ( Sesleria tenuifolia ) zurücktritt, während diese durch ihr massenhaftes, ja bestandbildendes Auftreten und die ansehnliche Höhenverbreitung ganz die Rolle unseres Blaugrases spielt.

Im ganzen sind natürlich, dem Charakter des Gebirges entsprechend, die trockenliebenden Pflanzenverbände am besten ausgebildet und am weitesten verbreitet. Doch fehlen auch stark feuchtigkeitsliebende Pflanzengesellschaften nicht. So gedeiht die Schneetälchenflur in bezeichnender, wenn auch etwas ver-armter Ausbildung in den vielen kleinen Mulden des Campopericoli beim alten Rifugio. Ich bemerkte schon vom Gipfel des Monte Corno in dieser buckeligen Landschaft viele saftgrüne Tupfen in der Gesteinswildnis und verdächtigte sie als Schneetälchenrasen, wie es sich dann erwies also mit Recht. Auch üppige Hochstauden schliessen sich an geeigneten Standorten zu Verbänden zusammen, namentlich Königskerzen und Distelarten, erstere mehr in feuchten Rinnen und Mulden, wo sie dann malerische Gärtchen bilden, letztere vorwiegend in der Nähe der Lägerplätze, wo ihnen Schafdünger zugute kommt.

Pflanzengeographisch erinnern die Abruzzen somit in vielen grossen und kleinen Zügen an die Alpenkette. Sie weichen aber in einer Menge Einzelheiten von der Natur der Alpen ab. Diese Abweichungen durch die besondere Wirkung des örtlichen Klimas, des Bodens und des Wirtschaftslebens zu erklären, sowohl aus der Vergangenheit wie aus den jetzigen Verhältnissen heraus, ist für den Forscher eine überaus lohnende Aufgabe, die ihn sicher auf manche neue Gesichtspunkte führen wird.

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