Naturerlebnis Telemark

In den Bergen Norwegens Text: Felix Maurhofer, Steffisburg Photos: Thomas Ulrich, Unterseen Eisige Winde haben ihre Spuren an den Markie-rungspfosten im Femund-Nationalpark hinterlassen.

Wer nicht draussen übernachten will, muss die Fjellhiitten vor dem Eindunkeln erreichen.

Von der Zivilisation in die Kälte des Nordens Die Räder des Zuges trommeln in stetem Rhythmus, spulen dabei Kilometer um Kilometer ab, während wir in der Wärme sitzen und draussen die Winterlandschaft Norwegens wie ein rasanter Film vorbeizieht. Schneekristalle taumeln von den Bäumen nahe den Geleisen und ziehen weissen Windfähnchen gleich am Fenster vorbei.

Vor zwei Stunden haben wir uns noch auf den Perrons des Osloer Bahnhofs die Hände warmgerieben, dann, als der Zug einlief und mit lautem Kreischen anhielt, flüchteten wir mit unseren prall gefüllten Rucksäcken und den Telemarkskis in den Armen schnellstens in die Wärme des Waggons. Unser Ziel ist Röros im Femund-Gebiet, mit 600 Metern über Meer eines der höchstgelegenen Dörfer Norwegens. Die 300 Kilometer lange Zugfahrt scheint uns ebenso endlos wie eine skandinavische Winternacht. Da die Verbindungen nach Röros spärlich sind, hält der Zug bei jedem noch so kleinen Ort. Dann ziehen jeweils wieder riesige Wälder vorbei. Monotoner war nur die Zugfahrt von der Schweiz durch ganz Deutschland, das karg und ohne Schnee langweilig wirkte.

In Röros steigen wir mit wundgesessenen Hintern und voller Tatendrang in den Schul-bus, der uns in einer Stunde nach Langen am Femund-See bringt. Die Behaglichkeit der trotz allem noch bequemen Fahrerei hat jetzt ein Ende, von nun an sind wir auf die Telemarkskis und die Stöcke angewiesen, um voranzukommen. Rasch schleicht sich die Kälte durch die Kleidernähte an die Haut heran und beisst unerbittlich. Uns bleibt jetzt jedoch keine Zeit, über unberührte Schneehänge zu gleiten, denn bis zur nächsten Fjell-Hütte müssen wir noch zwei Stunden marschieren, und auf diesem Breitengrad dauert der Tag nur gerade sechs Stunden.

Unterwegs mit dem Pulka-Schlitten Neben uns glitzert die Eisfläche des gefrorenen Femund-Sees, vor uns öffnet sich eine weisse Wüste, und unter uns knirschen die Skis, als ob einer die Türangeln nicht geölt hätte. Sonst kein Laut. Wir blasen unsern Atem in die winterlich-klare Luft. Mit dem Pulka-Schlitten lässt es sich hier ange- Manchmal sieht sich der Wanderer von einer Rentierherde begleitet.

nehm gehen. Diese speziell für das Gehen mit Telemarkskis entwickelten Schlitten hat Gonzo, ein Kollege von uns, gebaut. Ohne sie Messen sich Proviant für zehn Tage, die Schlafsäcke, das Koch- und Biwakmaterial kaum mitschleppen, mit den Rucksäcken am Rücken würden wir ständig einsinken. Hingegen bereiten Abfahrten mit dem Schlitten etliche Probleme. Doch nach einigen harten Stürzen ziehen wir die Skis einfach ab und setzen uns auf den Schlitten. Tiefe Temperaturen bis minus 30 Grad und oft grosse Schneemengen erlauben allerdings das Tou-renlaufen nicht immer. Wichtigste Voraussetzung, um überhaupt voranzukommen, ist eine gut gesetzte Schneedecke, sonst wird man sofort zur Schneewühlmaus.

Lob des Telemark-Schwunges In den Bergen Norwegens bietet der Telemarkski gegenüber dem herkömmlichen Tourenski wesentliche Vorteile. Der markanteste dürfte die Gewichtseinsparung sein, denn die Ausrüstung ist sehr leicht. Die Bindung hat zudem den Vorzug, dass sie sowohl lauf- wie abfahrtstauglich ist. Ein Weite, Einsamkeit und Stille bilden die grosse Anziehungskraft der Natur in Norwegen.

Umstellen mit klammen Fingern erübrigt sich deshalb. Ein weiterer Faktor sind die Schuhe, die verglichen mit den heute gebräuchlichen Hartschalenschuhen mehr Bewegungsfreiheit gewähren. Der eigentliche Fahrstil wurde Ende des 19. Jahrhunderts von den Bergbewohnern der Region Telemark in Südnorwegen entwickelt. Wie es heisst, fuhren sie damals die Hänge hinunter und bremsten dann die Fahrt mit einer Kurve ab. Sondre Norheim griff diese Bremskurve auf und verfeinerte den Tele-mark-Stil zu einer echten Kunst. Über Jahrzehnte hinweg war damit der Telemark-Stil die einzige Methode, elegant und stilvoll Schneehänge hinabzugleiten. Erst als später ein Befestigungsmechanismus für die Schuhferse entwickelt wurde, verschwanden zumindest in den Alpenländern die Telemarkfahrer. Nur ein paar Individualisten behielten den Stil bis heute bei. Doch heute zeichnet sich in unseren Breitengraden wieder eine kleine Telemark-Renaissance ab.

Winterabend in einer norwegischen Hütte Durch lichte, tief verschneite Wälder erreichen wir die Fjell-Hütte. Auf diesen Typ von gedrungen hingekauerten Blockhütten trifft man überall in Norwegen. Das Dach besteht aus Birkenrinde und Moos, und mitten in ihrem einfachen Innenraum steht meist ein kleiner Ofen. Wir machen uns nun gleich daran, den verschneiten Eingang freizuschaufeln. Zunächst beherrscht uns noch der Eindruck grosser Verlassenheit, als wir jedoch eine halbe Stunde später vor dem prasselnden Feuer sitzen und unsere steifen Gelenke wärmen, fühlen wir uns fast ein bisschen zu Hause, und jeder hängt noch etwas seinen Gedanken nach. Nach dem Essen erzählt Thomas lustig-traurige Trollge-schichten aus seinem Erinnerungsschatz. Vernommen hat er sie von seiner Frau Aasta. Sie ist Norwegerin und hat in ihm auch die Liebe zum Telemark-Tourenfahren geweckt. Trolle sind übernatürliche Wesen, treiben ihren Spuk in den Wäldern Skandinaviens und spielen den Menschen fürs Leben gern üble Streiche. Es gibt aber auch hilfreiche Trolle, die alten Leuten Holz hacken oder ihnen andere Dienste erweisen. In den Zeltbiwak bei eisiger Kälte tiefen Waldseen hält sich der Nökk auf. In Bächen, Flüssen und Wasserfällen haust Fossegrimen, der Meister der Trollfidel. In den Bergen ist der mächtige Dovregubben zuhause. Er ist so gross, dass auf seinem Haupt ganze Bäume wachsen. Trolle bekommt man nur des Nachts oder in der Dämmerung zu Gesicht - das Sonnenlicht vertragen sie nicht. Oft enden die langen Abende in den kleinen Schutzhütten Norwegens mit dem Erzählen solcher Geschichten.

Skitouren in einer anderen Welt Kaum zeigt sich das erste Tageslicht, stehen wir bereits wieder in unseren Bindungen. Da wir vorhaben, in den nächsten Tagen nur kürzere Touren von der Hütte aus zu unternehmen, brauchen wir den Pulka-Schlitten nicht mitzuschleppen.

Vor uns erhebt sich der Stöten, ein 1500 Meter hoher Berg. Sein Gipfel und der Bola-gen-See sind unser heutiges Ziel. Bald verliert sich die Spur hinter uns, die Hütte ist schon längst nicht mehr zu sehen. Der Gipfel scheint bereits nahe, doch täuscht man sich leicht in den Distanzen, die sich in einem Gelände, das kaum markante Anhalts- 189 punkte aufweist, nur schwer abschätzen lassen. Ein langgezogenes Tal, das wir durchqueren müssen, liegt nun vor uns. Bei den Norwegern gilt es als Reich der Moschusochsen. Diese Tiere wirken mit ihrer bulligen Gestalt wahrlich beeindruckend. Weil wir hinter jedem Stein eine Herde vermuten, bemühen wir uns dann auch, die Tal-schüssel so rasch wie möglich hinter uns zu bringen. Schliesslich erreichen wir den lang ersehnten Gipfel, und die schöne Abfahrt zum 600 Höhenmeter tiefer gelegenen See ist nur zu rasch vorbei. Am Ufer angekommen, testen wir mit den Skis an den Fussen die Festigkeit des Eises - es scheint unser Gewicht zu tragen! Im Rucksack befinden sich die Utensilien zum Eisfischen. Das Loch schlagen wir mit der Axt. Diese Eisangelei erfordert jedoch mehr Nerven, als man glauben könnte. Trotz der Isoliermatten und des Rucksacks kühlen sich unsere Sitzflächen bald einmal unangenehm ab, und lange beisst kein Fisch an. Zwar haben uns die Norweger einige Tricks verraten, doch Eis-angeln hat so seine Tücken, und uns fehlt eindeutig die Übung darin. Nachdem aber jeder etwas gelitten hat, ist die Beute doch gross genug, so dass wir in der Hütte ein köstliches Festmahl zubereiten können.

Ewige Anziehungskraft des Nordens So gehen die zehn Tage viel zu schnell vorbei, so wie die Nordlichter, die manchmal über dem nächtlichen Himmel geistern. Die Märsche in der Einsamkeit und die weiten Landschaften haben uns immer wieder von neuem in Bann geschlagen. Situationen, die eine gewisse Härte erforderten, hat es auch gegeben. So etwa, als wir arg durchfroren in einer Hütte im Vigilen-Massiv ankamen und kein Holz da war, was uns zwang, die Markierstangen zu zersägen. Infolge der Wärme wurden dann in der Nacht die Lemminge wach und raubten uns mit ihrem fürchterlichen Krach den Schlaf. Wer aber die Einsamkeit, die Stille, die vorbeiziehenden Rentierherden und die vom Wind gekrümmten Bäume liebt, wer gerne einmal so richtig bis in die Knochen friert und wer es liebt, mit dem eleganten Telemark-Schwung die sanften Hänge hinunterzugleiten, der wird die Berge Norwegens tief in sein Herz schliessen können. Nicht die Abenteuerlust lockt uns immer wieder in den Norden hinauf, sondern die unendliche Ruhe und die unberührte Natur.

der Schweizer Alpen im Jahr 1993/94

Mässig starker Gletscherschwund bei übermässig grosser Wärme Auszug aus dem 115. Bericht der Gletscherkommission der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften ( GK/SANW ) Markus Aellen, GK/SANW und Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ( VAW/ETHZ ) Einleitung Nach den Feiern des Jubiläumsjahrs 1993 hat für die Schweizerische Gletscherkommission und ihre Mitarbeiter der Alltag im zweiten Jahrhundert ihrer jährlichen Beobachtungen an den Gletschern der Schweizer Alpen begonnen. Mit beständiger Zuverlässigkeit haben die Gletscherbeobachter im ziemlich sonnigen und trockenen Herbst 1994 bei günstigen Verhältnissen erfreulich viele Daten zusammengetragen für den vorliegenden 115. Jahresbericht über die Veränderungen unserer Gletscher. Bei dieser Kampagne haben sie insgesamt 111 Zungenenden vermessen oder fotografisch erfasst, mit wenigen Ausnahmen auch jene, die im verregneten Herbst des Vorjahres ausgelassen werden mussten. Damit ergibt sich ein ansehnlicher Beitrag zum 100. Bericht über die weltweit erfassten Gletscherveränderungen, den die zuständige internationale Dienststelle, der World Glacier Monitoring Service ( WGMS ), im Rahmen ihrer fünfjährli-chen Berichterstattung unter dem Titel Fluctuations of glaciers 1990-1995 herausgeben wird. Der WGMS, hervorgegangen aus der vormaligen Internationalen Gletscherkommission, die 1894 am Internationalen Geolo-genkongress in Zürich gegründet worden war, hat sein hundertjähriges Wirken mit einer wissenschaftlichen Jubiläumstagung vom 16. bis 19.September 1994 in Innsbruck gefeiert.

Im Vergleich der Ergebnisse des Berichtsjahrs mit denen der Vorjahre zeigen sich bei den Gletschern keine umwälzenden Entwicklungen an, der Gletscherschwund hat eindeutig und unvermindert angedauert. Bei den Witterungsverhältnissen und klimatischen Gegebenheiten hingegen ist auf etliche Besonderheiten hinzuweisen, namentlich bei den für den Massenhaushalt der Gletscher massgebenden Grossen, wo sich sehr grosse Überschüsse an Winterniederschlag und Sommerwärme in ihrer gegensätzlichen Wirkung weitgehend ausglichen. Nach übernormalem Zuwachs im Winter und extrem starkem Abtrag im Sommer hat die Gletschermasse in den Schweizer Alpen gesamthaft weiter abgenommen, etwa doppelt soviel wie im langjährigen Durch- schnitt, jedoch weit weniger als in ähnlich warmen, aber viel trockeneren Jahren wie beispielsweise 1947 oder 1990.

Die Beobachtungen an den Gletscherzungen ergeben einen ähnlichen Befund hinsichtlich des allgemeinen Verhaltens der Schweizer Gletscher, soweit sich dies anhand ihrer Längenänderung beurteilen lässt. Die Stichprobe des Berichtsjahrs, die in der langjährigen Statistik mit den Ergebnissen der früheren Jahre verglichen ist, umfasst mit insgesamt 109 Fällen 9 wachsende, 8 stationäre und 92 schwindende Gletscherzungen. Die prozentualen Anteile dieser drei Gruppen haben sich gegenüber den Vorjahreswerten wenig verändert, ebensowenig wie der Durchschnittswert der Längenänderung, der aus 59 Messwerten ermittelt ist. Die aktuellen Werte liegen sowohl bei der Längenänderung wie beim Massenhaushalt auf der Schwundseite über dem langjährigen Durchschnitt im Bereich normaler bis starker Abweichungen. Gesamthaft gesehen, erweist sich das Berichtsjahr als ausgesprochenes Schwundjahr mit massigem bis starkem Gletscherschwund. Nach einem ungewöhnlich schneereichen Winter hat einer der wärmsten Sommer dieses Jahrhunderts dazu geführt, dass die verstärkte Schwundtendenz der neunziger Jahre sich unvermindert fortgesetzt hat, nachdem sie im Vorjahr etwas nachgelassen hatte.

Witterung und Klima Witterung Das Wettergeschehen im Berichtsjahr weist Besonderheiten auf, die den Meteorologen und Klimatologen, aber auch vielen anderen Leuten, vor allem jenen, die von schweren Unwetterschäden betroffen waren, dauernd in Erinnerung bleiben werden. Für die Entwicklung der Gletscher besonders bedeutsam waren vorerst die ergiebigen Niederschlagsperioden im Sep-tember/Oktober, Dezember/Januar, April und Mai, sodann die dauerhaft überdurchschnittliche Wärme im Sommer mit ausgeprägten Hitzeperioden im Juli und August, und schliesslich die Unterbrechung der Schmelze durch frühe und ergiebige Schneefälle im September.

Die Lufttemperaturen lagen im Berichtsjahr noch häufiger und oft weiter über dem Normalwert als im Vorjahr. In den Niederungen war es im Februar wärmer als in fast allen Jahren dieses Jahrhunderts, im Juli fast so warm wie 1983 im wärmsten Juli der Messreihen. Wärmer als je zuvor seit Beginn der längsten Messreihen - Genf und Basel vor 240 Jahren - war es im März und November wie auch im Durchschnitt des Kalenderjahrs 1994. Auch in den Berggebieten, wo die Wärmeüberschüsse etwas kleiner ausfielen, gehört der Sommer 1994 zu den wärmsten dieses Jahrhunderts. Auf dem Säntis ist das Sommermittel 1994 ( Mai—September: 5,0 °C ) seit 1887 in den Jahren 1992 und 1947 um 0,3 bzw. 0,4 Grad übertroffen worden. Auf dem Grossen Sankt Bernhard war es im Sommer seit 1818 nie mehr so warm wie 1994 und im gleich warmen Sommer 1950 ( 6,0 °C ), ausser in den beiden wärmsten Sommern der Messreihe, nämlich 1834 und 1947 ( 6,1 bzw. 7,1 °C ).

Bei den Niederschlagswerten des gesamthaft sehr nassen Berichtsjahrs sind grosse Überschüsse und neue Höchstwerte der Messreihen ebenfalls in mehreren Monaten und an manchen Orten aufgetreten. Im Westen und Süden des Landes brachten Starkniederschläge im September und Oktober 1993 das Drei- bis Fünffache der normalen Monatsmengen aus und verursachten verheerende Hochwasser im Wallis, wo sie am 24.September in Brig katastrophale Schäden anrichteten, und im Tessin, wo der Langensee am 17. Oktober den höchsten Wasserstand dieses Jahrhunderts erreichte und in Camedo der grösste Oktoberniederschlag seit 1901 gemessen wurde ( 1163 mm; dieser Wert entspricht in Luzern und andernorts der normalen Jahresmenge ). Den meisten Zuwachs erhielt die Winterschneedecke während der siebenwöchigen Niederschlagsperiode im Dezember und Januar, zu einem guten Teil mit dem Starkniederschlag, der am 6./7. Januar im südlichen Alpenraum gebietsweise eine 1-1,5 m mächtige Neuschneedecke hinterliess. Auf der Alpensüdseite ausser im Puschlav fiel auch im andernorts vorwie- Abb. 1-4 Brescianagletscher ( Adula ) Die Ansichtskarte aus dem Jahr 1939 zeigt das Zungenende rund 500 m hinter der Stirnmoräne ( am unteren Bildrand ), die der Gletscher mit einer Länge von 2,5 km bei seinem Hochstand um 1850 letztmals erreicht hat ( 1 ). Gegenwärtig endet er - halb so lang - am Hang im Talhintergrund ( 4 ) oberhalb der Felsstufe, die 1959 das Eis an mehreren Stellen durchstösst ( 2 ) und 1969 die Gletscherzunge durchgehend abtrennt ( 3 ). Der abgetrennte Zungenteil im Talgrund ist 1994 nahezu verschwunden ( 4 ). Auf ähnliche Weise hat sich der benachbarte Paradiesgletscher vom Tal- zum Hanggletscher zurückgebildet ( vgl. 113. Gletscherbericht ).

gend zu trockenen Februar viel Niederschlag. Im landesweit sehr trockenen März wurden in der Nord- und Ostschweiz gebietsweise normale Niederschlagsmengen gemessen. Im Gegensatz zum Februar war der April im Norden sehr nass, im Süden zu trocken. Ein durchwegs viel zu nasser Mai ergab rekordmässige Tages- und Monatsniederschlagsmengen in der Nord-und Ostschweiz. Die zweite Monatshälfte brachte nochmals namhaften Schneezuwachs im Hochgebirge, wo die Winterschneedecke nach Schneefällen bis 1500 m anfangs Juni ihre grösste Mächtigkeit erreichte, weit über dem normalen Wert. In der anschliessenden Wärmeperiode fielen die Niederschläge auch in den Gletscherregionen vorwiegend als Gewitterregen, die im Juni gebietsweise normale, im Juli örtlich oder regional normale bis überdurchschnittliche und im August im ganzen Alpengebiet übernormale Monatssummen ergaben. Der September, überall zu nass ausser in den Föhngebieten der Ostschweiz, brachte den Bergregionen in der zweiten Monatshälfte eine ziemlich mächtige erste Schneedecke, die den vorwiegend - ausser im Westen und am Monatsende - sonnigen und trockenen Oktober jedoch nur in den hochalpinen Regionen überdauerte. Die tiefergelegenen Regionen wurden bei weiteren Schneefällen am Oktoberende und im November jeweils nur vorübergehend eingeschneit, bevor sich die bleibende Winterschneedecke gegen Jahresende bis ins Talgebiet ausbreitete.

Der Witterungsverlauf des Berichtsjahrs vom September 1993 bis Oktober 1994 ist veranschaulicht in der Figur 1 auf Seite 204 anhand der folgenden Beispiele: a ) Tagesmittel der Lufttemperatur auf dem Jungfraujoch ( 3580 m ü.M. ), b ) Tagesmenge des Niederschlags auf dem Säntis ( 2490 m ü. M. ) und c ) Meereshöhe der Nullgradisotherme über Payerne ( gemäss täglicher Radiosondierung um 12 Uhr ). Grafisch dargestellt sind die aktuellen Werte, als Vergleichs-grösse bei den Temperaturreihen auch die langjährigen Mittelwerte. Die wesentlichen Besonderheiten des Wettergeschehens in der Berichtsperiode sind in den nachstehend wiedergegebenen Überschriften der monatlichen Witterungsberichte der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt ( SMA ) zusammengefasst:

1993 September:

Im Süden und Westen trüb und sehr nass Oktober:

Stabile Hochdrucklage nach Rekord- niederschlägen im Süden November:

Winterliche zweite Monatshälfte Dezember:

Stürmisch und mild, aber weisse Weihnacht Jahr:

Deutlicher Wärmeüberschuss, nass im Süden, sehr trüber Herbst im Westen 1994 Januar:

Viel zu mild mit kurzem winterli- chem Abschnitt Februar:

Wiederum sehr mild, im Süden zu nass und landesweit sonnenarm März:

Im Mittelland der wärmste seit über 240 Jahren April:

Rückfall in den Spätwinter mit früh- lingshaftem Monatsende Mai:

Sehr nass mit Rekordniederschlä- gen, zu trüb und trotzdem zu warm Juni:

Nach Schafskälte früher Sommerbe- ginn Juli:

Sonnig, trocken und ausserordent- lich warm August:

Weiterhin sehr warm, aber gewitter- haft September:

Regenreich und mit dem ersten Schnee in den Bergen Oktober:

Überwiegend sonniges und mildes Herbstwetter November:

Der wärmste in den Niederungen seit Messbeginn Dezember:

Deutlich zu mild und schneearm Jahr:

Hageljahr und wärmstes Jahr seit Messbeginn Mitte 18. Jahrhundert Einblick in den Ablauf des Massenhaus-haltsjahrs der Gletscher im Aletschgebiet, der bedeutendsten Gletscherregion des zentralen Alpenraums, geben modellmässig berechnete Tagesbilanzen über den Wasserhaushalt im Einzugsgebiet der Massa. Die Eigentümlichkeiten des Berichtsjahrs sind nachstehend verglichen mit denen des Nor-maljahrs, das den Durchschnittswerten der Periode 1931-1991 entspricht:

Der Jahreszyklus beginnt normalerweise am 6. Oktober und dauert 365 Tage ( 366 Tage in Schaltjahren ). Der Jahreszyklus vom 13. September 1993 bis 21. Oktober 1994 dauerte 404 Tage.

Die Zuwachsperiode beginnt im Normaljahr am 6. Oktober und endet nach 239 Tagen am I. Juni. Die Zuwachsperiode vom 13. September 1993 bis 4. Juni 1994 dauerte 265 Tage. Aus den ergiebigen Niederschlägen der ersten vier Wochen ergaben sich Mitte Oktober ausnehmend grosse Rücklagen, die in der vorwiegend trockenen und milden Periode bis Anfang Dezember nur wenig zunahmen und dabei auf normale Werte zurückgingen. Ständiger Zuwachs im Dezember und Januar brachte sie erneut auf einen hohen Stand, auf dem sie nach geringfügigem Zuwachs im Februar bis Anfang April nahezu unverändert verharrten. Nach weiteren bedeutenden Zunahmen in der ersten April- und in der zweiten Maihälfte erreichten sie Anfang Juni fast termingerecht den Höchstwert des Winters, rund 30 Prozent über dem normalen Wert des in der Winterschneedecke gespeicherten Wasservorrats.

Die Schwundperiode beginnt im Normaljahr am 2. Juni und endet nach 126 Tagen am 5. Oktober. Die Schwundperiode vom 5. Juni bis 21.Oktober 1994 dauerte 139 Tage. Juniwärme und Julihitze trugen die Winterschneedecke äusserst rasch ab. Mitte Juli waren die übermässigen Winter-reserven etwa um die Hälfte auf das Normalmass reduziert, Mitte August bereits restlos aufgezehrt. Die anschliessend einsetzende Zehrung an den Reserven aus früheren Jahren ging in der kühleren zweiten Monatshälfte etwas langsamer vonstatten und setzte sich nach der Kälteperiode im September, die vorübergehend erheblichen Zuwachs brachte, im Oktober deutlich gemässigt weiter fort. Die laufende Rechnung über die Gesamtperiode wies ab Mitte August einen defizitären Wasserhaushalt aus. Obwohl der Zuwachs im September das zunehmende Manko fast um die Hälfte verkleinert hatte, waren die gespeicherten Wasservorräte am Ende der Schwundperiode etwa doppelt so viel abge-mindert wie im Normaljahr. Die entsprechend kräftige Verminderung der Gletschermasse im Haushaltsjahr 1993/94 ist nachfolgend durch die Schneefälle von Ende Oktober bis zum Jahresende annähernd ausgeglichen worden.

Klima Das Klima des Berichtsjahres ist in Figur 2 auf Seite 205 veranschaulicht durch die Grossen Jahresniederschlag und Sommertemperatur, die den Massenhaushalt der Gletscher massgebend bestimmen. Sie sind dargestellt durch ihre Abweichung vom Normalwert, die für 110 Stationen des Niederschlagsmessnetzes und für 56 Stationen des automatischen Temperaturmessnetzes der SMA als statistische Indexzahl berechnet und gemäss diesem Index den Klassen geringer, starker oder sehr starker Abweichung nach oben ( positiv ) oder nach unten ( negativ ) zugeteilt ist. Aufgrund der klassierten Werte sind die Zonen gleicher Abweichung abgegrenzt und in vereinfachender Weise wiedergegeben. Im Berichtsjahr ergaben sich mit einer einzigen Ausnahme beim Jahresniederschlag durchwegs positive und vielfach überaus grosse Abweichungen ( Indexwerte über 3, in einem Fall über 5 ), die beim Niederschlag durch besondere Signaturen angezeigt, bei der Temperatur als Zonen ausgeschieden sind. In einer normal verteilten Stichprobe mit 1000 Einzelwerten enthalten die Klassen -3 und +3 ( Indexzahlen zwischen 3 und 4 ) je 18, die Klassen -4 und +4 ( Indexzahlen zwischen 4 und 5 ) je 4 Einzelwerte. In einer Zeitreihe mit Jahreswerten sind demgemäss Werte der Klasse +4 im Durchschnitt etwa einmal in 250 Jahren zu erwarten und Werte der Klasse 5 als Jahrtausendereignis zu betrachten. Die Terminologie von Uttinger ( 1966 ) bezeichnet Werte der Klasse +3 als , solche der Klasse +4 als ( ausserordentlich ) gross.

Die Niederschlagssummen von Oktober 1993 bis September 1994 schwanken wie im Vorjahr ungemein stark von normalen bis zu extrem hohen Werten und oft sprunghaft von Ort zu Ort ( Fig. 2a ). Daraus ergibt sich ein vielfältig verschlungenes Verteilungsmuster, das an manchen Stellen ein extrem steiles Niederschlagsgefälle anzeigt ( z.B. zwischen Grindelwald und Interlaken ). Die Föhngebiete auf der Alpennordseite, das Goms, die Vispertäler, das Unterengadin und einige ausseralpine Regionen erhielten normale, zumeist deutlich überdurchschnittliche Jahresmengen, einzig in Guttannen wurde der Normalwert knapp unterschritten. Die grössten Überschüsse wurden in Frauenfeld und Santa Maria im Münstertal gemessen ( Indexwerte der Klassen 5 bzw. 4 ). Ungewöhnlich grosse Jahresmengen ( Indexwerte der Klasse 3 ) waren in den Westalpen ( Montblancgebiet, Waadtländer Alpen ) und Südalpen ( Centovalli-Adula, Puschlav-Münstertal ) regional weiter verbreitet als auf der Alpennordseite ( Säntisgebiet, Thurgau, zudem lokal in Grindelwald und Thun ). Zur Niederschlagsgra-fik im vorangehenden 114. Bericht ist zu bemerken, dass sie auf Werten beruht, die um einen Faktor 1,5 zu hoch berechnet waren. Die korrigierten Werte ergeben ein durchaus ähnliches, aber wesentlich weniger verworrenes Verteilungsmuster.

Die durchschnittlichen Lufttemperaturen von Mai bis September 1994 lagen aus- nahmslos sehr weit über den normalen Werten ( Fig. 2b ). Im Alpenraum war es im Westen ( Montblancgebiet, Chablais ) und Norden ( Glarner Alpen ) ausserordentlich warm, in den meisten übrigen Regionen ungewöhnlich warm. Etwas weniger warm - lediglich sehr warm - war der Sommer wiederum im Umfeld der höchsten und am stärksten vergletscherten Gebirgsmassive ( Monte Rosa, Finsteraarhorn, Bernina ).

Gletscherveränderungen Massenhaushalt Die Messungen oder Berechnungen, mit denen die Massenänderung einzelner Gletscher direkt oder indirekt bestimmt wird, haben im Berichtsjahr in allen Fällen mehr oder weniger grosse Schwundwerte ergeben. Wie im Vorjahr haben ergiebige Niederschläge im September das Defizit im Massenhaushalt der Gletscher erheblich vermindert. Aus der modellmässigen Berechnung des täglichen Wasserhaushalts im Einzugsgebiet der Massa ( Fläche 195 km2, zu rund % durch die Gletscher des Aletschgebiets bedeckt ) geht hervor, dass die im Winter zurückgelegten Reserven den langjährigen Durchschnitt bis Mitte Juni fast dauernd und etwa gleich viel wie im Vorjahr übertrafen, im wärmeren Sommer 1994 jedoch rascher abgebaut wurden und früher aufgezehrt waren. Der vorübergehende Zuwachs im September verminderte das Defizit in der Jahresbilanz auf ein nahezu normales Mass.

Im Rahmen der 94 Jahresbilanzen über den Wasser- und Massenhaushalt im Aletschgebiet erweist sich das Berichtsjahr in verschiedener Hinsicht als Extremjahr. Mit der drittgrössten Jahresmenge beim Niederschlag und der fünftgrössten beim Abfluss ist im hydrologischen Jahr 1993/94 zwar weniger Gletschersubstanz verbraucht worden als in 30 stärkeren Schwundjahren, hingegen mehr Masse umgelagert worden als in allen früheren Jahren. Den zweitgrössten Umsatzwert und Höchstwerte bei Abfluss und Massenschwund bewirkte im sehr trockenen Jahr 1946/47 die ausnehmend starke Schmelze im wärmsten Sommer dieses Jahrhunderts nach einem der schneeärmsten Winter. Der drittgrösste Umsatzwert ergab sich im Jahr 1944/45 aus der achtgrössten Nieder- Schlags- und der sechstgrössten Abflussmenge unter ähnlichen Umständen wie im Berichtsjahr und war auch mit ähnlich starkem Massenschwund verknüpft. Als Gegenstück zu diesen warm-nassen Jahren weisen die kalt-trockenen Jahre 1971/72 und 1908/09 mit den kleinsten Umsatzwerten sehr kleine Niederschlags- und Abflusswerte auf, wobei die Reservenänderung ebenfalls gering blieb. Mit der elft- bzw. zehntkleinsten Niederschlagsmenge und der fünft- bzw. siebentkleinsten Abflussmenge ergaben sich bei annähernd ausgeglichener Bilanz in beiden Jahren geringfügige Massenverluste.

Aus den Messungen am Pegelnetz auf dem Griesgletscher ist für die Messperiode von Ende Oktober 1993 bis Ende September 1994 eine Massenabnahme um 4,6 Millionen Tonnen ermittelt worden. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Absenkung der Gletscheroberfläche um 83 cm, fast doppelt so viel wie im langjährigen Durchschnitt oder gut dreimal soviel wie in der vorangehenden Messperiode, die auch den niederschlagsreichen Oktober 1993 umfasst. Die Bilanz über den Wasserhaushalt im Einzugsgebiet des Griessees wird jeweils für das hydrologische Jahr mit Beginn am I. Oktober aufgestellt. Umge-rechnet auf diesen Termin, ergibt sich im Vorjahr ein doppelt so grosser Massenschwund wie in der Messperiode, im Berichtsjahr dagegen ein nahezu ausgeglichener Massenhaushalt. Auf dem Silvrettagletscher, wo die Messungen am Pegelnetz in beiden Jahren geringeren Schwund anzeigten als auf dem Griesgletscher, ist die Gletscheroberfläche im Vorjahr durchschnittlich um wenige Zentimeter, im Berichtsjahr um rund einen halben Meter abgesunken.

Die luftfotogrammetrische Vermessung einzelner Querprofile im Zungengebiet des Grossen Aletschgletschers beruht auf den Aufnahmen vom 21.September 1993 und 13. August 1994. In dieser Zeitspanne ist der Gletscher am Ausfluss des Konkordiaplatzes durchschnittlich um 4,8 m, oberhalb Märjelen um 0,5 m und im Profil Aletschwald um 4,0 m dünner geworden. Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts ist die Gletscheroberfläche im Konkordiaprofil um rund 100 m, im Aletschwaldprofil um gut 300 m abgesunken. Im Frühjahr 1995 durch- geführte Tiefensondierungen mittels Radioecholot ( Radar ) orteten das Gletscherbett im Konkordiaprofil in Tiefen zwischen 600 und 700 Metern. Die Konkordiahütte, anfänglich etwa 50 m, heute bereits 150 m über der Gletscheroberfläche gelegen, befindet sich demnach rund 850 m über dem Talgrund.

Die nachstehenden Angaben über Volu-men- und Dickenänderungen im Zungengebiet der Aaregletscher stützen sich auf die Berichte des Vermessungsbüros Flotron über die luftfotogrammetrischen Vermessungen, die es in den Jahren 1993 und 1994 im Auftrag der Kraftwerke Oberhasli ausgeführt hat. In der Zeitspanne zwischen den Vermessungsflügen von Mitte September 1992 und Mitte August 1993 hat das Eisvolumen um 10 Millionen Kubikmeter, in der anschliessenden Zeitspanne bis Mitte August 1994 um weitere 29 Millionen Kubikmeter abgenommen. Die entsprechende Dickenabnahme um durchschnittlich 0,5 m im ersten Jahr ist etwa gleich gross wie der Mittelwert der Vergleichsperiode 1968/94. Die Dickenabnahme um 1,4 m im zweiten Jahr ist in den Extremjahren 1990 und 1992 um einen halben Meter übertroffen worden.

Abb. 5-6 Basodinogletscher Der steile Hanggletscher stösst erneut vor, nachdem er von 1965 bis 1986 um etwa 100 m vorgerückt, danach bis 1992 um etwa 20 m zurückgeschmolzen ist. Die Aufnahme von 1985 zeigt ihn am Ende der Wachstumsperiode ( 5 ). An der Eisüberdeckung des Felskopfs in der Mitte der Vergleichsaufnahme von 1994 ist erkennbar, dass der Gletscher letzthin auch in der Dicke stark abgenommen hat ( 6 ).

Gletscherbewegung Im Herbst 1994 sind die Pegelnetze, mit denen ausser der Massenänderung auch die Gletscherbewegung erfasst wird, auf allen Haushaltsgletschern wieder erneuert und vermessen worden. Nach dem letztjährigen Ausfall der Vermessungen ergab sich im Ablationsgebiet zumeist ein Unterbruch in den Beobachtungsreihen der Fliessgeschwindigkeit, da die Pegelstangen von 1992 ausgeschmolzen waren. In den Firngebieten, wo die Stangen grossenteils noch aufrecht standen, liessen sich Messlücken mit Zweijahreswerten überbrücken. Die Durchschnittsgeschwindigkeiten von 1992 bis 1994 unterscheiden sich zumeist wenig von den vorangehenden Jahreswerten, die sehr niedrige Geschwindigkeiten angezeigt hatten.

Ausführliche Angaben mit Jahreswerten für 1992/93 und 1993/94 im Ablationsgebiet sind in den Berichten über die Vermessung der Aaregletscher enthalten. Im ersten Jahr hat sich die Fliessgeschwindigkeit im Zungengebiet des Unteraargletschers in allen Profilen deutlich verlangsamt ( im Mittel um 20% ) auf minimale Werte der jeweiligen Messreihe, die in einzelnen Profilen bis 1924, in den übrigen bis 1968 zurückreicht. Im zweiten Jahr sind leicht erhöhte Geschwindigkeiten an den Messstellen auf beiden Seiten oberhalb des Zusammenflusses von Finsteraar- und Lauteraargletscher wie auch im vordersten Zungenbereich des Unteraargletschers festgestellt worden. In den übrigen Profilen hat sich die Bewegung geringfügig weiter verlangsamt.

Längenänderung Die günstigen Schnee- und Wetterverhältnisse im Herbst 1994 sind von den Gletscherbeobachtern gut genutzt worden. In der 115. Kampagne der jährlichen Erhebungen am Beobachtungsnetz der Gletscherkommission sind 111 Zungenenden vermes- Tabelle 1 Längenänderung der Gletscher - Zusammenfassung 1991/92 bis 1993/94 Messnetz, Stichprobe, Klassen Anzahl Gletscher und Prozentanteil der Klassen 1991/92 1992/93 Anzahl Prozent Anzahl Prozent 1993/94 Anzahl Prozent Beobachtungsnetz 121 121 121 nicht beobachtet 12 36 101 beobachtet 109 85 111 nicht klassiert 3 5 22 Stichproben 106 100,0 80 100,0 109 100,0 wachsend 7 6,6 6 7,7 93 8,3 stationär 5 4,7 84 7,3 schwindend 94 88,7 74 92,5 92 5 84,4 Mittlere Längenänderung Mittelwert -11,7 m -12,2 m -11,8 m Anzahl Werte 84 56 59 6 Klassierung 1993/94:

Den Klassen zugeordnet sind folgende durch ihre Ordnungsnummer ( s. Tabelle 2 ) bezeichnete Gletscher: 8 9 38 46 79 108 112 113 115 116. Ergebnis unsicher: 47 82. 28 29 32 35 45 87 104 105 118. 2 15 18 24 48 58 65 Cr.

1 3 4 5 6 7 10 11 12 13 14 16 17 19 20 21 22 23 25 26 27 30 31 33 34 36 37 39 40 41 42 43 44 49 50 51 52 53 54 55 56 57 59 60 61 62 63 64 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 80 81 83 84 85 86 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 106 107 109 110 111 114 117 119 120. 6 Im Durchschnittswert sind die Ergebnisse von 50 Gletschern nicht berücksichtigt:

- Zahlenwert für mehrere Jahre: 2 3 7 13 16 29 30 31 32 41 43 44 45 66 67 68 69 70 71 73 74 75 77 78 81 83 84 85 88 89 91 99 104 114 119 120Einwirkung eines künstlichen Sees: 50Zahlenangabe ungenau oder fehlend: 6 10 12 17 37 49 55 56 72 96 106 107 110.

sen oder fotografisch erfasst worden, erfreulicherweise mit wenig Ausnahmen auch jene, die im Vorjahr ausgelassen werden mussten. In 109 Fällen liess sich die Längenänderung seit der letzten Messung eindeutig bestimmen: 92 sind kürzer geworden, 8 stationär geblieben und 9 haben an Länge zugelegt. In zwei Fällen ergab sich kein schlüssiger Befund, weil der Gletscherrand soweit zurückgeschmolzen war, dass er ausserhalb des Messbereichs zu liegen kam. Der Durchschnittswert der Längenänderung im Berichtsjahr, der aus 59 Fällen mit einjährlichem Zahlenwert ermittelt ist, zeigt eine Verkürzung um rund 12 m an.

Die Ergebnisse des Berichtsjahrs sind in Tabelle 1 zusammengefasst und mit den Ergebnissen der beiden vorangehenden Jahre verglichen. In Tabelle 2 sind die Ergebnisse der 114. und 115. Messkampagne für jeden Netzgletscher einzeln aufgeführt. Figur 3 ergänzt Tabelle 2 mit einer Tabelle 2 Längenänderung der Gletscher in den Schweizer Alpen 1993/94 Nr.

Gletscher Längenänderung in Metern a ) b ) 1992/93 c ) 1993/94 c ) 1994 d ) 1992 1993 1994 Einzugsgebiet der Rhone ( II ):

1e Rhone VS 12 7,2 2180,2 22.08.

4.09.

6.09.

2e Mutt VS - X + 0,42 2577,2 23.08.

1.09.

15.10.

3e Gries VS X 16,82 2384,8 18.09.

1.09.

6.09.

4e Fiescher VS 16,4 - 20,8 1675,8 11.09.

31.07.

7.10.

5e Grosser Aletsch VS - 25,8 - 36,5 1553,2 18.09.

21.09.

15.08.

106e Mittelaletsch VS - X X 2283,592 18.09.

21.09.

15.08.

6 Oberaletsch VS n x "

2143,5 n n 15.08.

7e Kaltwasser VS - X 8,42 2660 92 17.09.

1.09.

4.10.

8 Tälliboden VS n n 2631,0 1.10.

n n 9 Ofental VS n n 2692,6 1.10.

n n 10e Schwarzberg VS X X 2651,7 92 18.09.

20.10.

6.10.

11e Allalin VS - 20 11 2311,8 18.09.

20.10.

6.10.

12e Kessjen VS n X2 2871,6 30.09.

n 6.10.

13e Fee ( Nord ) VS n 55,2 2 1920,3 28.09.

n 3.11.

14e Gorner VS 12 - 34 2140 24.09.

10.10.

6.10.

15e Zmutt VS + 2 + 0,3 2237,9 24.08.

3.09.

14.10.

16e Findelen VS n - 322 2483,9 18.09.

n 6.10.

107e Bis VS n X2 18.09.

n 10.10.

17e Ried VS - X - X 2058.692 24.09.

20.10.

18e Lang VS 7 0,5 2033 16.10.

9.11.

19.10.

19e Turtmann VS 11,7 11,1 2262 24.09.

18.09.

26.09.

20 e Brunegg ( Turtmann Ost ) VS 3,6 8,1 2452 2.10.

18.09.

26.09.

21e Bella Tola VS 5,4 9,0 9.10.

22.09.

27.09.

22 Zinal VS 7 4 2030 8.10.

19.10.

1.10.

23 Moming VS - 80,5 - 32 2410 8.10.

19.10.

1.10.

24 Moiry VS 2 0,8 2390 83 9.10.

25.09.

28.09.

25 Ferpècle VS 6,9 - 23,0 2095 83 17.10.

17.10.

14.10.

26 Mont Miné VS 6,6 58,4 196383 17.10.

17.10.

14.10.

27 Arolla ( Mont Collon ) VS 14,6 6,4 213583 17.10.

8.10.

8.10.

28 Tsidjiore Nouve VS 6,4 + 14,0 2205 83 17.10.

8.10.

8.10.

29 e Cheillon VS n + 11,02 2630 83 13.10.

n 19.10.

30 e En Darrey VS n - 652 2490 83 13.10.

n 19.10.

31e Grand Désert VS n 11,22 276092 20.09.

n 25.09.

32 e Mont Fort ( Tortin ) VS n + 5,22 278092 15.10.

n 2.10.

33 e Tsanfleuron VS 62 2 2417 69 n 2.09.

10.10.

34e Otemma VS 40,3 - 32,3 2460 89 30.09.

20.09.

2.10.

35e Mont Durand VS + 20 + 8 2340 1.10.

20.09.

2.10.

36 e Breney VS - 27,2 7,8 2575 82 30.09.

19.09.

1.10.

37 e Giétro VS - X X 2500 ca.

9.09.

20.10.

6.10.

38 Corbassière VS + 9 n 2169 93 5.11.

2.09.

n 39 e Valsorey VS 9,0 - 25,0 2395,4 9.10.

12.08.

20.10.

40 Tseudet VS + 15,5 10,4 2440,1 9.10.

12.08.

20.09.

41 Boveyre VS n 12,72 2611,7 8.10.

n 20.10.

42 Saleina VS 5,5 - 25,7 1705,1 6.11.

30.09.

14.11.

108 Orny VS n n n n n 43 e Trient VS X - 57,72 1760 7.11.

20.10.

16.10.

Höhe m ü. M.

Messdatum Tag, Monat Gletscher Kt.

44 e Paneyrosse VD n 3,82 14.10.

n 29.09.

45 e Grand Plan Névé VD n + 4,0 2 13.10.

n 29.09.

46 Martinets VD n n 25.09.

n n 47 e Sex Rouge VD - X ?st 16.08.

19.09.

4.09.

48 e Prapio VD - 5ca.

0 25.10.

24.10.

9.10.

49 e Pierredar VD - x - X 25.09.

18.08.

15.08.

Einzugsgebiet der Aare ( la ):

50e Oberaar BE - 3,2 - 20,4 2300,0 16.09.

17.08.

16.08.

51e Unteraar BE - 37,2 - 42,8 1931,0 16.09.

17.08.

16.08.

52 e Gauli BE - 9 30 2130 30.09.

19.10.

11.10.

53 e Stein BE - 6 15 1934 25.09.

15.10.

11.10.

54 e Steinlimmi BE - 10 18 2094 25.09.

15.10.

11.10.

55e Trift ( Gadmen ) BE n X2 167080 16.09.

n 6.09.

56 e Rosenlaui BE - X X 1860 ca.

18.09.

18.08.

16.08.

57 e Oberer Grindelwald BE - 60 62 14.10.

16.10.

15.10.

58 e Unterer Grindelwald BE - X St 14.10.

16.10.

15.10.

59 e Eiger BE - 17,3 - 12,8 2172 17.09.

24.09.

22.09.

60 e Tschingel BE - 2,0 - 5,4 2269 18.09.

23.09.

23.09.

61 Gamchi BE - 12,0 - 9,4 1990 15.09.

11.10.

1.10.

109e Alpetli BE - 6,4 - 3,2 2250 16.09.

20.09.

23.09.

110e Lötschberg BE - x - X 21.08.

12.08.

16.08.

62 e Schwarz VS - 10,5 - 43,3 2250 18.09.

17.09.

14.09.

63 e Lämmern VS - 6,0 - 5,8 252293 19.09.

18.09.

13.09.

64 e Blümlisalp BE - 17,4 - 7,1 2240 17.09.

17.09.

22.09.

111e Ammerten BE - 1,2 - 3,9 2350 ca.

27.10.

6.10.

30.09.

65 e Rätzli BE - 55,7 2 0 2460 18.09.

19.10.

12.10.

112 Dungel BE n n n n n 113 Gelten BE n n n n n Einzugsgebiet der Reuss ( Ib ):

66e Tiefen UR n 20,42 250088 18.09.

n 28.09.

67 e Sankt Anna UR n 7,22 258091 18.09.

n 28.09.

68 e Kehlen URx - 41,42 2078 89 9.10.

29.07.

30.09.

69 e Rotfirn ( Nord ) URx - 9,02 2031 89 9.10.

29.07.

30.09.

70e Damma URX - 8,9 2 204464 9.10.

2.09.

30.09.

71e Wallenbur URX - 12,82 2240 n 21.09.

11.10.

72e Brunni UR n X3 n n -.08.

73 e Hüfi UR n 32,62 1640 9.10.

n 29.09.

74e Griess UR n 17,92 2219 9.10.

n 27.09.

75e Firnalpeli ( Ost ) OW - X - 8,42 2165 17.09.

18.08.

29.08.

76e Griessen OW - 2,3 - 4,5 2500 ca.

20.08.

20.08.

22.10.

Einzugsgebiet der Linth/Limmat ( le ):

77 e Biferten GL n 38,63 1920,3 n n 15.10.

78 e ümmern GL n 5,82 2270 17.09.

n 1.10.

114e Plattalva GL n 8,02 2565 16.09.

n 1.10.

79 Sulz GL n n 178592 30.09.

n n 80 e Glärnisch GL - 21,52 - 9,2 2344,2 n 30.10.

1.10.

81e Pizol SG n 14,02 2600 ca.

26.09.

n 3.10.

Längenänderung in Metern Höhe m ü. M.

Messdatum Tag, Monat 1992/93 1993/94 1994 1992 1993 Nr.

Gletscher Einzugsgebiet des Rheins/Bodensee ( Id ):

82 e Lavaz GR - 386 "

?

2280 n 21.09.

17.10.

83 e Punteglias GR n 38,0 3 2357 n n 22.10.

84e Lenta GR n 11,22 2310 21.09.

n 28.09.

85e Vorab GR n 21,82 30.09.

n 6.09.

86 e Paradies GR 1,4 10,2 2682,8 7.09.

20.09.

6.09.

87 e Suretta GR - 38 + 70,0 2199,1 12.09.

16.09.

20.09.

115 Scaletta GR n n n n n 88 e Porchabella GR n - 15,02 2639,1 24.09.

n 30.09.

89 e Verstankla GR - X - 302 2395 27.08.

2.09.

30.08.

90 e Suvretta GR 14,3 6,2 2441,6 16.09.

2.09.

23.08.

91e Sardona SG n 15,72 2500 ca.

25.09.

n 28.09.

Einzugsgebiet des Inns ( V ):

92e Roseg GR 46,6 - 29,9 2159 25.09.

13.10.

2.09.

93 e Tschierva GR - 21,1 44,7 2146 25.09.

13.10.

2.09.

94e Morteratsch GR - 24,1 12,0 2031 30.09.

4.10.

8.09.

95 e Calderas GR 7,8 3,6 2732 6.10.

26.08.

23.08.

96e Tiatscha GR 2 1,2 ca.

2500 ca.

15.10.

13.10.

24.10.

97 e Sesvenna GR 5,5 8,7 2760 24.08.

13.08.

16.10.

98 e Lischana GR 1,6 5,1 2750 27.09.

14.08.

3.10.

Einzugsgebiet der Adda ( IV ):

99e Cambrena GR — X 17,02 2520 16.09.

5.10.

12.09.

100e Palü GR 7,0 8,5 2330 27.10.

29.09.

25.08.

101e Paradisino ( Campo ) GR + 3,5 3,0 2825 12.09.

12.09.

23.09.

102e Forno GR 16,2 - 24 2225 30.09.

10.11.

13.10.

116 Albigna GR n n 216391 n n n Einzugsgebiet des Tessins ( III ):

120e Corno TI - X - 16,32 2570 18.09.

1.09.

5.10.

117e Valleggia TI 6,0 1,5 2425 16.09.

21.09.

29.09.

118e Val Torta TI 1,5 + 9,0 2540 15.10.

31.08.

30.08.

103e Bresciana TI 16,9 8,0 2740 26.10.

20.09.

6.10.

119e Cavagnoli TI - X 11,92 259092 17.09.

1.09.

6.09.

104e Basòdino TIX + 6,03 2520 15.10.

11.08.

28.09.

Cre Croslina TI 7,7 0 2670 26.10.

2.09.

30.09.

105e Rossboden VS + 2,4 + 3,2 1920 17.09.

18.11.

4.10.

Abkürzungen + wachsend st stationär schwindend Allgemeine Bemerkungen:

a> In Tabelle 1 sind die Gletscher mit ihrer Nummer aus dieser Tabelle bezeichnet.

bl Liegt ein Gletscher auf Gebiet mehr als eines Kantons, ist der Kanton angegeben, in dem sich das beobachtete Zungenende befindet.

cl Gilt die Angabe für eine mehrjährige Zeitspanne, ist die Zahl der Jahre angezeigt: -13,42 = Schwund um 13,4 m in 2 Jahren.

dl Ist die Höhenkote des Zungenendes oder des Gletschertors nicht im Berichtsjahr gemessen, ist das Jahr der Messung angezeigt: 225386 = Kote 2253 m ü.M., gemessen im Jahr 1986.

e)Eine besondere Bemerkung zu diesem Gletscher wird im vollständigen 115. Bericht der Gletscherkommission veröffentlicht.

Längenänderung in Metern Höhe m ü. M.

Messdatum Tag, Monat 1992/93 1993/94 1994 1992 1993 b ) c ) c ) d ) 1994 ca. ungefährer Wert x Betrag nicht bestimmt sn eingeschneit? unsichere Angabe n nicht beobachtet geografischen Übersicht für das Berichtsjahr. In Figur 4 sind die Hauptergebnisse aus Tabelle 1 eingefügt in die Reihe der 115 Jahresstatistiken seit 1880. Aus den Angaben über den jährlich wechselnden Umfang der Stichproben N ( Zahl der statistisch erfassten Beobachtungen ) und M ( Zahl der für die Mittelung berücksichtigten Messwerte ) in Figur 4a ist ersichtlich, dass die nachfolgenden Statistiken ( Fig.4b—d ) auf ungleichnamigen Bruchzahlen beruhen. Mit den Prozentangaben sind die Anteile der in Tabelle 1 definierten Klassen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht und in der Grafik so eingetragen, dass sie sich auf 100 Prozent ergänzen. Die mittlere jährliche Längenänderung, berechnet aus der Zahl M, die aus verschiedenen - in Tabelle 1, Fussnote 6 für das Berichtsjahr angezeigten - Gründen kleiner ist als die Zahl N, ist in Figur 4c als Zeitreihe aufgetragen, in Figur 4d als Summenkurve dargestellt und mit der summierten Längenänderung des Rhone- und des Trientgletschers verglichen. Die glatte Linie, die diese Vergleichskurven durchzieht, ist erzeugt durch gleitende Mittelung über 11 Jahre.

Mit 9 wachsenden, 8 stationären und 92 schwindenden von 109 klassierten Glet- scherzungen ergaben sich für das Berichtsjahr ähnliche Verhältniszahlen wie in den vorangehenden drei Jahren. Wie diese erscheint es in der langjährigen Statistik als starkes Schwundjahr mit geringem Anteil wachsender und entsprechend grossem Anteil schwindender Gletscher. Indessen gehört es nicht zu den extremen Schwundjahren, denn in der Vergleichsreihe seit 1880 sind 20 Jahre mit geringerem Anteil wachsender Gletscher, 26 Jahre mit grösserem Anteil schwindender Gletscher und 28 Jahre mit stärkerem durchschnittlichem Längenschwund auszumachen. Allerdings ist bei diesen Vergleichen zu beachten, dass auch das Durchschnittsjahr der Gesamtperiode mit einem Viertel wachsender und zwei Dritteln schwindender Gletscher, die jährlich um 7 m verkürzt werden, ein ausgesprochenes Schwundjahr ist.

Die wachsenden Gletscher des Berichtsjahrs liegen mit Ausnahme des Grand Plan Névé und des Suretta im südalpinen Bereich. Von diesen sind je ein grosser, mittelgrosser und kleiner Gletscher, nämlich der Mont Durand, der Rossboden und der Basodino, bereits seit mehreren Jahren vorgerückt. Nach ein- oder mehrjährigem Unterbruch wieder vorgerückt sind ein mittelgrosser und zwei kleine, nämlich der Tsidjiore Nouve, der Mont Fort und der Val Torta. Bei den beiden letztgenannten erfolgt der Längenzuwachs wie beim Grand Abb. 7-8 Cavagnoligletscher Die flache Gletscherzunge ist in den letzten 20 Jahren stets kürzer und dünner geworden. Das Absinken der Eisoberfläche ist ermessbar an der Höhe der Felshänge im Hintergrund der Aufnahmen mit Blick zur Bocchetta di Formazzora am 15.9.1982 ( 7 ) und am 6.9.1994 ( 8 ).

Plan Névé in der Regel durch Firnanlagerung. Beim Surettagletscher ist auffallend grosser Zuwachs, bewirkt durch mächtige Lawinenablagerungen am Zungenende, zu wiederholten Malen auch in früheren schneereichen Jahren aufgetreten, zumeist im Wechsel mit ebensogrossem Schwund, bedingt durch das Abschmelzen der Schneemassen in den folgenden Jahren. Besonders bemerkenswert ist der erstmalige Längenzuwachs am sehr flachen, in den letzten Jahrzehnten enorm stark verkürzten Glacier de Cheillon. Von den wachsenden Gletschern des Vorjahrs sind im Berichtsjahr zwei zurückgeschmolzen ( Tseudet und Paradisino ), und je einer ist stationär geblieben ( Zmutt ) oder nicht beobachtet worden ( Corbassière ).

Bei den schwindenden Gletschern ist vor allem hinzuweisen auf den starken Schwund etlicher Gletscher, die vorher jahrzehntelang sehr beständig und besonders weit vorgestossen sind, wie u.a. namentlich der Fee, der Trient, der Obere Grindelwald und der Tschierva. Der Unteraar ist seit dem Einstau des Zungenendes durch den Grimselsee, d.h. seit gut 60 Jahren, nie mehr so weit zurückgeschmolzen wie im Berichtsjahr.

203 Zusammenfassung Kennzeichnend für das Klima des Berichtsjahrs ist ein durchwegs sehr grosser, teilweise extrem grosser Wärmeüberschuss in fast allen Monaten und Jahreszeiten und ebenso ein ungewöhnlicher Niederschlagsreichtum in den meisten Landesteilen bei ungleicher zeitlicher und räumlicher Verteilung. In einzelnen Monaten waren die Niederschlagsverhältnisse nördlich und südlich der Alpen grossräumig extrem gegensätzlich, bei den jahreszeitlichen und jährlichen Niederschlagsmengen ergaben sich grosse Unterschiede vielfach innerhalb regional beschränkter Bereiche.

Charakteristisch für die Veränderungen der Gletscher in den Schweizer Alpen im Berichtsjahr ist ein extrem grosser Massenumsatz, bedingt durch sehr starken Zuwachs im schneereichen Winter 1993/94 und überaus intensive Schmelze im extrem warmen Sommer 1994. Daraus ergab sich je nach Region eine massige bis starke Verminderung der Gletschermasse bei normalem bis starkem Längenschwund.

Die 115. jährliche Erhebung über die Veränderungen der Gletscher in den Schweizer Alpen lieferte im Herbst 1994 statistisch verwertete Angaben über die Längenänderung von 109 Gletscherzungen: 92 sind kürzer geworden, 8 stationär geblieben und 9 haben an Länge zugelegt. Damit ergab das Berichtsjahr ähnliche Verhältniszahlen wie die drei letzten Jahre, die in der langjährigen Statistik als starke Schwundjahre mit geringem Anteil wachsender und entsprechend grossem Anteil schwindender Gletscher erscheinen. Seit 1880 war der Anteil der wachsenden Gletscher in 20 Jahren geringer, der Anteil der schwindenden in 26 Jahren grösser als im Berichtsjahr. Die mittlere Längenänderung, berechnet aus 59 Einzelwerten, zeigt für die Messperiode 1993/94 eine Verkürzung um rund 12 m an. Das ist fast doppelt soviel wie im langjährigen Durchschnitt, aber weniger als in 28 von 114 Vergleichsjahren.

Die Zahlenangaben über die Massenänderung in der Haushaltsperiode 1993/94, die in 3 Fällen für den ganzen Gletscher berechnet, in 6 Fällen für Teilgebiete Figur 1 Witterung 1993/94 an einigen automatischen Stationen der SMA ( ANETZ ) a ) Jungfraujoch ( SMA-ANETZ ) 3580 m ü.M. Lufttemperatur-Tagesmittel ( in °C )

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N 1993 c ) Payerne ( Radiosonde ) 490 m ü. M.

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A T s I O 50 19 9 4 5000 4000 3000 2000 1000 490 Abb. 9-10 Cornogletscher Der 0,3 km2 kleine Kargletscher ist von 1974 bis 1987 um 220 m vorgerückt, d.h. um einen Drittel seiner ganzen Länge. Seither ist er um 45 m zurückgeschmolzen. Die Ansicht von 1988 zeigt den steil aufgerichteten Gletscherrand am Ende der Vorstossphase ( 9 ), jene von 1994 den lappenförmig zerteilten abgeflachten Gletscherrand der gegenwärtigen Schwundphase ( 10 ).

bestimmt oder an einzelnen Messpunkten ermittelt sind, liegen durchwegs deutlich auf der Schwundseite, teils innerhalb, teils ausserhalb des normalen Bereichs. Wie im Vorjahr mit weitgehend ausgeglichenem Massenhaushalt waren die regionalen Unterschiede auch im Schwundjahr 1994 weniger ausgeprägt als in den Schwundjahren 1990-1992, die den Gletschern des südlichen Alpenraums besonders grosse Massenverluste eingebracht hatten. Die vormals auf kleinen Gletschern gänzlich verschwundenen, auf grossen Gletschern stark reduzierten Firngebiete dehnten sich in den beiden letzten Jahren am Sommerende wieder über ansehnliche Flächen aus, da die Septemberschneedecke in den höheren Lagen nur teilweise abschmolz.

Unter extrem gegensätzlichen, für ein Gletscherwachstum einesteils sehr günstigen, andernteils äusserst ungünstigen klimatischen Bedingungen hat sich die Glet- 205 schermasse in den Schweizer Alpen gesamthaft deutlich, aber nicht übermässig vermindert. Den ungünstigen Bedingungen am meisten ausgesetzt waren die Zungengebiete der grossen Gletscher und die kleinen Gletscher in niederer Höhenlage, vor allem in den weniger niederschlagsreichen Föhngebieten der Alpennordseite, wo die Schmelzperiode erst im Dezember zu Ende ging.

Schlussfolgerungen Kennzeichnend für die Veränderungen der Schweizer Gletscher im 115. Berichtsjahr ist unvermindert fortdauernder Mas-sen- und Längenschwund, der nach sehr grossem Zuwachs im Winter und extrem starkem Abtrag im Sommer das normale Ausmass der langfristigen Entwicklung Figur 2 Abweichung der Jahresniederschläge 1993/94 und der Sommertemperaturen 1994 von den Normalwerten 1901-1960 a ) Jahresniederschläge 1993/94 Summe der Niederschläge vom I. Oktober 1993 bis 30. September 1994 Wertung der Klassen:

KlasseJahresniederschlag 5äusserst gross 4ausserordentlich gross 3ungewöhnlich gross 2sehr gross 1gross 0normal Figur 3 Die Gletscher der Schweizer Alpen Lageänderung der Zungenenden 1994 Legende:

wachsend 5 ) stationär unsichern; nicht beobachtet schwindend b ) Sommertemperaturen 1994 Durchschnittliche Lufttemperatur vom I. Mai bis 30. September 1994 Wertung der Klassen:

KlasseSommertemperatur 4ausserordentlich warm 3ungewöhnlich warm 2sehr warm 1warm 0normal knapp übertrifft. Im Vergleich zum Vorjahr mit ähnlich grossem Winterniederschlag, aber niedrigeren Sommertemperaturen waren die jahreszeitlichen Gegensätze in den klimatischen Gegebenheiten im Berichtsjahr noch stärker ausgeprägt, was im Wasserhaushalt der Gletschergebiete durch erhöhte Schmelzwasserproduktion und extrem hohe Umsatzwerte zum Ausdruck kommt. In beiden Jahren hat sich erwiesen, dass hohe Sommertemperaturen keineswegs in jedem Fall übergrossen Massenschwund erzeugen, sofern die verstärkte Gletscherschmelze durch entsprechend erhöhte Niederschlagsmengen ausgeglichen wird. Gegenbeispiele zu diesen Abb.11-12 Croslinagletscher ( Campo Tencia ) Der 0,4 km2 kleine und 0,8 km lange Gletscher am Nordhang des Campo Tencia wird seit 1989 vermessen. Sein Zungenende ist von 1990 ( 11 ) bis 1994 ( 12 ) sichtlich zurückgegangen.

ausgesprochen warm-nassen Jahren sind einerseits warm-trockene Jahre wie etwa 1947 und 1964 mit sehr starkem Massenschwund der Gletscher nach grossem Schneemangel im Winter und grossem Wärmeüberschuss im Sommer, andererseits kalt-trockene Jahre wie 1972 und 1974 mit ausgeglichenem Massenhaushalt der Gletscher nach schneearmem Winter und Wärmemangel im Sommer.

Verdankungen Die Gletscherkommission ist in der 115. Messperiode wiederum tatkräftig unterstützt worden von vielen Helfern, auf deren regelmässigen pflichtgemässen oderfrei- Figur 4 Längenänderung der Gletscher in den Schweizer Alpen 1879/80 bis 1993/94 a ) Anzahl beobachteter Gletscher ( N ) und gemittelter Messwerte ( M ) rmfi m T N

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1880 1890 1900 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 b ) Prozentanteile der wachsenden, stationären und schwindenden Gletscher schwindend

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0 1880 1890 1900 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 c ) Mittlere jährliche Längenänderung ( in m )

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Quellen Annalen ( in Vorb. ), Quartalshefte und Monatsberichte der SMA 1992-1994 Berichte 1994 der VAW an Kraftwerke Ägina, Mattmark und Mauvoisin ( unveröffentlicht ) Flotron A.: Vermessung der Aaregletscher. Aufnahmen 1993 und 1994. Berichte an Kraftwerke Oberhasli ( unveröffentlicht ) Hydrologisches Jahrbuch der Landeshydrologie und Geologie 1992-1994 ( in Vorbereitung ) Jahresbericht der VAW 1994 Uttinger H. 1966: Die Veränderlichkeit der Niederschlagsmengen 1901-1960 Abb. 13 Trientgletscher Der Gletscher ist von 1958 bis 1986 fast 400 m weit vorgestossen und in den jungen ( nach 1940 gewachsenen ) Lärchenwald eingefahren. Inzwischen ist er um 120 m zurückgeschmolzen und hat rund um seine eingesunkene und abgeflachte Zunge einen kahlen Schuttgürtel hinterlassen.

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