Natursicht

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Oskar Erich Meyer.

Sobald wir in die Welt gestellt sind, sind wir in die Einsamkeit gestellt. Aber aus dieser Einsamkeit öffnen sich dem Seher tausend Tore in die Einheit.

Siehe den Baum: Fühle ihn, steige mit dem Steigen seiner Säfte empor, wölbe seinen Wipfel über dem Schatten und unter dem Licht; mehr noch: Nimm seine Wurzeln aus dem Häuflein Erde, das ihm Nahrung gibt, und senke sie in deine Seele, verliere deine Kraft an ihm und nimm vom Wunder ergriffen wahr, dass ein Neues geworden ist —: Nicht jener Baum ist mehr, mit der narbigen Rinde, den krüppligen Ästen und der vom Weststurm gezausten Krone; nicht jener Baum dort am Hange, an den du dich verlorst — du und er: den Baum aller Bäume habt ihr erschaffen, den Traum des Waldes...

Siehe den Felsblock dort auf dem Hang, aus dem die Muscheln versunkener Meere bröckeln. Aus der Tiefe ist er gekommen, aus der Höhe ist er gestürzt in einer Gewitternacht. Nun liegt er Jahrtausende schon, lebt sein langsames Leben in den Schoss der Mutter zurück. Verströme dein schnelleres Leben in ihn, verströme es in die Zeitlosigkeit seiner Tage, schliesse die Jahrmillionen zum Ring seines Seins, das nicht Anfang im Ozean hat, noch auf des Gipfels Zinne, noch hier auf dem Hange endet, in ewigem Schweigen, das raunend webt von ihm zu dir, von dir zu ihm.

Siehe den Berg mit der zackigen Mauerkrone! Wie er seine steinernen Türme zum Lichte trieb, die nun im Schutt, der Schwere verfallen, zu Tale strömen. Bruder des Berges, der du dasselbe Leben lebst, wie er der lastenden Erde verbunden, wie er den Scheitel ins Licht erhoben, wie er dem Ringe der Schwere verfallen. Halte den Sinkenden auf mit deiner Kraft, die den Äonen verschwistert ist, wirf sie hinein in seinen Leib, bis du seine Felsen fühlst wie dein eigenes Gerüst, seine Wälder wie dein Haar, seine Runsen wie deines Antlitzes Runen, wirf sie hinein in ihn, in sein erlahmendes Auf, heb ihn, wölbe ihn neu, das Unverwirklichte wirkend, bis in der kreisenden Sterne Bahn...

Siehe den Dom aus weissem Schnee! Wie er gelassen ruht auf der breiten Erde, umraunt vom Geheimnis der Wälder, umrauscht von den Stimmen der Bäche, die er nährt aus schweigendem Schoss. Hör ', wie er schweigt in der Höhe nicht achtend der wechselnden Stimmen an seinem Fuss des Waldes des Wassers die in der Stille versiegen. Sieh, wie er die weissen Grate schwingt, wölbend den ewig dünkenden Dom.

Wölbe deine Seele in ihn, die Kirchen zu wölben vermochte, gib ihr sichtbar seine Gestalt, die, zwischen Leichte und Schwere ausgewogen, den Raum überwand, die Zeit vergass und schweigend besteht.

Gib ihm dein Herz, das pulsend vergeht, verweht in der Stimme des Windes, der rieselnd die Schneekörner treibt, Urlaut des Alls.

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