Neue Bergfahrten in den Schweizer Alpen in 1952

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Mit 1 Bild ( 30 ) und 1 SkizzeZusammengestellt von Max Oechslin

In der nachfolgenden Zusammenstellung geben wir diejenigen Neutouren für das Jahr 1952 - und einige Nachträge - bekannt, die uns mitgeteilt wurden. Um in Zukunft die neuen Bergfahrten rascher bekanntgeben zu können, publizieren wir die Meldungen nicht mehr in zusammengefasstem Bericht,sondern ab 1953 laufend in der « Alpinen Chronik » des Variatefles unserer Zeitschrift.

Nicht unbeachtet möchten wir ein Wort lassen, das E. T. in der « Basler Arbeiter-Zei-tung » am 7. August 1952 festgehalten hat, wo zu den « Erstbesteigungen » einige Gedanken geäussert werden. Wir lesen da unter anderm:

«... In Wahrheit ist eine Erfindung oder Entdeckung oder Erstbesteigung nie nur von einer Person gemacht worden. Jeder Pionier hatte seine vorbereitenden Vorläufer, und wenn die Historiker jede tatsächliche Neuerung auf den Namen einer bestimmten Person festlegen, so tun sie das nach dem Gesetz der kraftsparenden Bequemlichkeit oder um aus Interesse ein Recht oder ein Verdienst zu statuieren. Wenn die Bergsteiger einige hundert Meter unter der Spitze zurückgekehrt sind ( Hinweis auf die erste Himalaya-Expedition 1952 der Schweizerischen Stiftung für alpine Forschungen ), so haben sie damit Klugheit bewiesen, denn gar leicht hätte sich erfüllen können, was der Dichter Wilhelm Jordan in die Worte kleidete: ,Es muss die Menschheit ringen nach dem Ziele, bei welchem angelangt, die Welt zerfiele. '... Wer nur danach strebt, seinen Fuss als erster auf eine Bergspitze zu setzen, die niemand vor ihm betreten hat, der misst sich stets an der Natur und an andern, die ihre Kräfte an der Natur gemessen haben... » Der Alpinismus hat in den letzten Jahrzehnten eine starke Entwicklung zum « bergtechnischen Bergsteigen » genommen, das einst schwierigste Wände ins « leichter Erreichbare » gerückt hat, man denke nur daran, dass die Eigernordwand, die so viele Tote bei den Be-zwingungsversuchen gefordert hat und erst Anno 1938 erstmals durchstiegen wurde, im Sommer 1952 nicht weniger als sieben Seilpartien erlebte, welche die Wand bezwangen. Aber wir vertreten trotzdem die Auffassung, dass das « berggeistige Bergsteigen » weitaus wichtiger und für den einzelnen Menschen genussreicher und stärkender bleibt, namentlich dann, wenn er zum Bergwanderer wird und die Schönheit und Stille, die Erhabenheit und Grösse der Gebirgswelt erkennt und erlebt. Einen Berg erschlossern, scheint mir ab und zu leichter zu sein als zu besteigen und erleben!

1. Aiguilles Rouges d' Aroila.

Winterbegehung mit Überschreitung der Aiguilles Rouges d' Arolla ( bis 3646 m ), am 27. Februar 1952, durch Charles Troillet ( Hérémence ) und Michel Bovier ( Vex ).

Einstieg morgens 5 Uhr und über die Crête du Coq, die 15 Gendarmen aufweist, die am meisten zu schaffen gaben. Um 14 Uhr erreichte die Seilschaft den Col Sud ( Sattel zwischen Pointe Sud und Hauptgipfel ). Über den Südgrat zum Gipfel und Abstieg über den Nordgrat. Rückkehr 20 Uhr beim Staudamm der Dixence. Temperaturen zwischen — 25 und — 30° C. Nach verschiedenen Zeitungsberichten 2. Balmhorn.

Durchstieg der Nordwand, am 2. Juli 1950, durch R. Zeugin ( Bernstrasse Ila, Ostermundigen ), O. Meier und Hs. Jutzeler auf Route 32 des « Führers durch die Berner Alpen » bis über den NW-Sporn, dann nach rechts und auf die Route 33 durch die Wand zum Gipfel.

- Diese Kombination ist weit empfehlenswerter als die gefahrliche Traverse unter dem Eisbruch im untern Teil der Route 33. Eisschlagsicher.

Mitg. R. Zeugin ( Bernstrasse Ila, Ostermundigen ) 3. Doldenhorn.

Durchstieg der Doldenhorn-Nordwand ( wahrscheinlich erster Durchstieg ), am 28. Juli 1951, durch R. Zeugin, P. Lanz ( Zürich ) und P. G feller ( Zürich ). Das Felsband unter dem Gipfel ( lose, abwärts geschichtet, schwierig ), das zum Galletgrat führt, wurde nicht umgangen, sondern direkt durchklettert.

Mitg. R. Zeugin ( Bernstrasse 11 a, Ostermundigen ) 4. Feldschijen.

Begehung über den Westgrat. Zur Ergänzung der Mitteilung Nr. 9 im Bericht über die neuen Bergfahrten 1951 bringen wir heute eine Aufnahme dieses Granitgipfels des Gotthardmassivs.

5. Fünffingerstöcke, Westgrat.

Über die Überschreitung des Westgrates der Fünffingerstöcke berichtet W. Preiswerk:

« Am 6. Juli 1952 wurde dieser Grat von der Partie R. Aubry, H. Stöcklin, H. Heuberger und W. Preiswerk überklettert. Irgendwelche Spuren einer früheren Begehung wurden

FùnffìngerS'fóc/ce t yonder ôusfertbffasse her ( jftse/te/7.

â bhlb óte keine getroffen, so dass wir annehmen müssen, unsere Begehung sei die erste gewesen. Es handelt sich um einen der längsten, aber sicher schönsten Kletterwege im Gebiet der Fünf-fingerstöcke.Von der Sustenstrasse, oberhalb Stein, erreicht man den westlichen Obertalgletscher und den Fuss des Grates. Die unterste Gratlücke dürfte nur schwer direkt erreichbar sein; viel einfacher ist der Anstieg links durch ein Couloir zur Höhe des Gratauslaufes in schöner Kletterei, und von hier hinab zur Scharte. Da steht man vor dem glatten, überhängenden Aufschwung des I. Turmes. Ein Band führt nach rechts in die Südflanke, über welche man über grasbesetzte Felsen den Gipfel erreicht. Es türmt sich der Grataufschwung des II. Turmes auf. Unmittelbar rechts von der Gratschneide führt ein anfangs guter, weiter oben aber immer luftiger werdender Riss in prächtiger Kletterei direkt zum Gipfel. Im leichten Abstieg zur nächsten Scharte. Der III. Turm zeigt sich äusserst abweisend. Glatte Wände, die kein Ausweichen ermöglichen. Sie müssen direkt überstiegen werden bei spärlichen Griffen. Ein abstehender Block kann längs eines Risses und einer Kante zu einem guten Stand überklettert werden, dann in der Fallirne einige Meter hinauf zu kleinem Standplätzchen. Mit hochangebrachtem Haken und Seilhilfe erreicht man nach rechts absteigend eine schmale Leiste, welche horizontal weiter nach rechts in eine Nische führt. Guter Stand. Weiter nach rechts sehr exponiert um eine senkrechte Kante herum auf eine steile Platte, welche aber gute Rauhigkeiten aufweist und zu einer Kanzel hinaufführt. Der Gipfel wird von hier in leichter Kletterei erreicht. Der IV. Turm ist im obern Teil eine riesige, hochgestellte Platte. Ein ebenes, horizontales Gratstück leitet aus der Scharte zum ersten Absatz, welcher am Ende des Grates über ein exponiertes Wändchen in der Nordflanke erreicht wird. Von da führt eine Leiste durch die glatte Plattenwand der Nordseite unter dem Gipfelzacken hindurch, dann leicht rechts wieder in die Südseite des Turmes und in die Lücke. Drohend steht der V. Turm vor einem, der aber direkt über die Gratkante erklettert werden kann, bis zum Gipfel, von wo ein kurzes, fast horizontales Gratstück ( mit kleiner Scharte ) zum Hauptgipfel der Fünffingerstöcke hinüberleitet, Stock IV. Einstieg bis Fünffingerstock IV 4 Vi Stunden. Die Kletterei ist durchwegs anspannend und das Gestein gut. Sie kann guten und geübten Kletterern empfohlen werden. Zwei bis drei Felshaken sind empfehlenswert. Die auf der Skizze vermerkte Route B, die direkt in die Scharte zwischen dem I. und II. Turm führt, wurde am l.Juni 1952 von der Seilschaft S. Tschanz, Dr. E. Hodel, H. Heuberger und W. Preiswerk zur Rekognoszierung der Gesamtüberschreitung begangen.

Nach Bericht W. Preiswerk ( Niederholzstrasse 75, Riehen-Basel ) 6. Kleines Gelmerhorn.

3. Begehung der Nordostwand, auf der Route Baumgartner/Wäffler, am 23. Juni 1952, durch H. Schluchter und Max Eiselin. 2Vi Stunden.

Nach Mitt. Max Eiselin jun. ( Kriens-Luzern ) 7. Gletschhorn Begehung der Südostrippe durch R. Zeugin mit einer Klasse des Gebirgskurses der 3. Division, am 17. Juli 1952, direkt bis zum Verbindungsgrat mit dem Südgrat, ohne Umgehung des letzten Stückes. Die steile Platte, die laut Urner Führer den Weiterweg versperrt, wurde links durch einen Riss überklettert. Weiter schräg rechts aufwärts bis zu einer langen Verschneidung, mit zwei Überhängen, die sich nach links zum Südgrat ( kurz nach dem Verbindungspunkt ) hinaufzieht. Durch die Verschneidung mit Schulterstand und Hakensicherung schwierig hinauf bis unter ein grosses Dach, dann rechts exponiert zum Grat. Sehr interessant und lohnend.Mitg. R. Zeugin ( Bernstrasse Ila, Ostermundigen ) 8. Gwächtenhorn.

Übersteigung des Südgrates, am 13. Juli 1952, durch Willi Wehrli, Karl Graf, Hans Wasem und Hans Trub.

Der türmereiche Südgrat ( SSW-Grat ) bietet eine anregende Kletterei. Die Hauptschwierigkeiten bieten sich am sehr steilen Einstieg und an einer ca. 20 m hohen, senkrechten Wand in halber Höhe des Grates, wo Sicherungshaken notwendig sind. Zugang von der Kehlenalphütte aus.Mitg. von Hans Trüb ( Gönhardweg 11, Aarau ) 9. Hinterruck.

Durchstieg der Südwand, am 15./16. August 1952, durch Hans Frommenwiler ( Flums ) und Seth Abderhalden ( Wattwil ).

Ein erster Versuch musste am 9. August infolge Wetterumsturzes in ca. 120 m Wandhöhe abgebrochen werden; aber auch der Durchstieg der rund 400 m hohen Wand am 15./16. August litt unter schlechter Witterung. Die beiden Kletterer mussten bei stürmischer und kalter Regennacht in der Wand biwakieren und konnten am 16. August den weitern Aufstieg erst um 9 Uhr beginnen. Zeit: inklusive Biwak 30V2 Stunden, reine Kletterzeit 18 Stunden.Mitg. H. Vogt ( SAC Toggenburg, Wattwil ) 10. Hühnertälihorn.

Durchstieg der Südwand am 26. Juli 1952 durch die Seilschaft W. Rübenstahl und M. Mai. Der Einstieg erfolgte in der Gipfelfallinie beim « schwarzen Wasserfall », dann etwas links die erste, plattige Steilstufe hinauf, wieder rechts in ein Couloir, das direkt zum Gipfel führt.

Einstieg bis Gipfel 2!/2-3 Stunden. Mitg. W. Rübenstahl ( Friedentalstrasse 8, Luzern ) 11. Juzfadstock.

Der Südgrat des Juzfadstockes wurde erstmals am 11. August 1943 durch Alfred und Otto Amstad, Zürich, begangen. Die Begehung H. Rein, L. Merk, J. Nadai und J. Rockett vom 11. Juni 1951 ( siehe Neue Bergfahrten, Nr. 32, « Die Alpen » 1952 ) rückt an den 2. Platz.

12. Pilatus.

Nordwand des Tomlihorns, 2. Begehung durch H. Schluchter und Max Eiselin jun., am 7. Oktober 1951. Zeitbedarf 3 Stunden. Mitg. Max Eiselin jun. ( Kriens-Luzern ) 13. Ruchen ( Fellital ).

Erste Winterbegehung über den Südwestgrat, am 2. März 1952, durch Max Friedrich ( Stäfa ) und Gottlieb Strässle.

Mit den Ski von der Treschhütte über Pörtlistafel zum Westfuss des Ruchens und auf ca. 2200 m das Skidepot. « Über Hartschnee und durch hüfttiefen Pulverschnee gelangen wir an den Felseinstieg des SW-Grates und folgen dem Grat bis zum Gipfel. Die Felsen waren besonders in den untern Gratpartien stärker vereist, während ab Gratmitte frisch gefallener Pulverschnee wiederum grösste Vorsicht erforderte. Kletterzeit 51/2 Stunden. Der Abstieg erfolgte durch die tiefverschneiten West- und Südwestcouloirs. » Treschhütte ab 05.30, Skidepot 07.30/07.45, SW-Grat-Felseinstieg 08.15, Gipfel 13.45/14.15, Skidepot 14.50. Mitg. Gottlieb Strässle ( Landschaustrasse 50, Luzern ) NB. Der Südwestgrat des Ruchen-Fellital ( 2812 m ) wurde erstmals am 3. August 1947 durch die Seilschaft Wörndle-Huss begangen. Siehe Nr. 34, Neufahrtenbericht « Die Alpen » 1948. Seither wird dieser Grat alljährlich begangen.

14. Schneestock.

Begehung der Nordwand, am 20. Juli 1952, durch Arnold und Richard Keller, Winterthur.

Von der Dammahütte längs der Route Amstad über die Ostkante, bis man vom grossen Aufschwung von der Kante abgedrängt wird. Ein schmales Schuttband führt rechts in die Nordwand; man folgt ihm bis zu dessen Ende, dann über griffarme Felsen hinauf zu einem schräg aufwärts weisenden Riss nach rechts, der schwierig zu erklettern ist. Sicherungshaken. Mit schwerem Spreizschritt weiter nach rechts in einen zweiten Riss, der bei einer abgebrochenen Platte endet. In der Fallirne aufwärts, griffarm, zu einem abwärtsgerichteten Felszacken. Unter diesem durch, dann über ihn hinweg und gerade hinauf. Sehr schwierig! Dann folgt leichter begehbarer Fels, rechts direkt hinauf, oder dann etwas links und über den Grat zum Gipfel. Schwierige, exponierte Kletterei. 5-6 Stunden vom Gletscher bis Gipfel.Mitg. Richard Keller ( SAC Winterthur ) ( Schluss folgt )

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