Neue Kletterwege im Rotondogebiet

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Walter Fischer

( Ennetbaden AG ) Gibt es SAC-Mitglieder, die im Tourengebiet ihrer eigenen Sektions-Klubhütte nur wenig oder gar nicht « daheim » sind? Das fragte ich mich, als ich diesen Sommer erneut Gelegenheit hatte, eine Woche in der Rotondohütte, unserm « Lägern-Wigwam », zu weilen. Der Tourenleiterkurs des Zentralkomitees war hier oben angesagt, und da hatten mein Kamerad, der Küchenchef, und ich als Vertreter unseres Vorstandes verschiedene Vorbereitungsarbeiten zu besorgen. Meine Freude war jedenfalls gross, auf alten und neuen Pfaden die vertrauten Rotondoberge wieder besuchen zu können.

Bevor die Kursleute erschienen, hatten wir zwei gleichsam als Vorspeise den Pizzo Lucendro überschritten. Wir stellten dabei fest, dass der Kletterliebhaber den Westgrat vom Cavannapass aus mit Vorteil sofort direkt über die Kante angehen wird, ohne zuerst auf der Bedrettoseite zu traversieren. Die Gratkante bietet hübsche Kletterei und wird stets weiter verfolgt, bis sie in die losen, mehr blockartigen Gratpartien ausläuft.

Im Verlaufe der zwei ersten Touren des erwähnten Kurses ( SN-Traversierung der Leckihörner und Rotondo-Rovinograt ), bei denen ich als Gast mithalten durfte, schaute ich mich in der Umgebung nach Routen um, die anregende Felskletterei gewähren könnten. Schliesslich sollte ich für Touren, die ein Kletterfreund in der zweiten Hälfte der Woche zusammen mit mir da oben zu unternehmen gedachte, etwas « Feines » ins Auge fassen. Weil die beiden hernach miteinander ausgeführten Aufstiegsrouten im Führer Uri-West nicht angeführt sind, sei nachfolgend darüber berichtet. Es geschieht besonders auch darum, weil es sich um ausgesprochene Gratwege handelt, die fast durchwegs schöne Kletterei in gutem Fels bieten.

Witenwasserenstock, Westgrat ( WSW ) Am Vormittag des 7. August 1952 verliess niemand die Rotondohütte. Was wäre schon im Nebel und leichten Regen zu tun? Im Verlaufe des Nachmittags hingegen zeigte sich beim Hüttenfelsen reger Übungsbetrieb im Klettern und Abseilen. Obwohl vom Bedrettotal her dauernd Nebelmassen gegen Norden vorstiessen, wagten mein Kamerad Heinrich Kubli und ich einen Rekognoszierungsausflug auf die Westseite des Witenwasserenstocks.Der Firn war ordentlich regenfest, so dass wir in kürzester Zeit vom Witenwasserenpass aus südwärts den Steilfirn queren konnten. Sofort begaben wir uns nach dem Westgrat, wo wir von der Lücke unterhalb des grossen, fast senkrechten Grataufschwunges Ausschau hielten. Ob sich dieses erste Bollwerk wohl ohne Haken bezwingen liesse?

Zurück zum Firn und von der südlichsten der aufwärtsstrebenden Zungen hinauf in die Nordflanke der umgangenen Gratfelsen! Steile Plattenfluchten aus festem Granit weisen immer wieder Möglichkeiten auf, in der Fallirne und links oder rechts ausweichend an Höhe zu gewinnen. Bald ist der Grat selbst an der Stelle erreicht, wo seine Steilheit abnimmt. An Schärfe hat er dagegen noch nichts verloren, und so überklettern wir wie Seiltänzer die Kanten und Zacken in luftigem Auf und Ab. Nach dem flacheren Gratstück folgt nochmals ein Steilaufschwung, der sich wie eine Rippe an den Berg schmiegt und da in den Gipfelkamm einmündet, wo sich der NW-Grat gegen den Witenwasserenpass tüchtig zu senken beginnt. Ausweichmöglichkeiten gäbe es hier in dieser letzten Partie schon, aber schade wär 's um den Klettergenuss!

Unterdessen haben sich die Nebel etwas in die Tiefe verzogen. Aus stimmungsvoller Runde bieten bekannte Gipfel den Abendgruss. Ein paar Jauchzer gelten den Kameraden in der Rotondohütte, und schon turnen wir über den Gratkamm, auf den Gipfelblock und weiter auf dem üblichen Weg zur Hütte hinab. Die kleine, ansprechende Rundreise hat 4% Stunden gedauert.

Pizzo Rotondo, Nordgrat ( NNW)1 Für den ersten Teil der Traversierung Pizzo Rotondo-Gerenhorn-Pizzo di Pesciora will uns der weite Weg nach dem Rotondopass zur üblichen Route über den Rovinograt 1 Entsprechend der Bergform und in Anlehnung an die neue Landeskarte wäre zuhanden genauer Routenbeschreibungen empfehlenswert, am Pizzo Rotondo einen West- ( WSW ) und einen Nordgrat ( NNW ) zu unterscheiden; diese treffen im Nordgipfel zusammen. Vom Nordgrat seinerseits zweigt der lange, mit Zacken bewehrte Westausläufer ab. Die andern, üblichen Bezeichnungen sind klar.

nicht passen. Wie viel gelegener wäre doch der Anstieg von Norden her! Mit dieser Überlegung verlassen wir am folgenden Tag gegen halb 6 Uhr die Rotondohütte.Vom Witenwasserenpass herkommend schwenken wir in der Mulde des Gerengletschers vor P. 2752 der Landeskarte südwestwärts, um über steilen Firn den Nordgrat des Pizzo Rotondo oberhalb des Schuttsporns zu erreichen. Unvermittelt schwingt sich von hier aus der Grat in die Höhe. Je mehr wir uns in den günstig gestuften Granitplatten im Bereich der Kante aufwärtsbewegen, um so solider ist das Gestein; allzu lose und brüchig ist die linke und abschüssig die rechte Flanke. Zwei steile Felsbollwerke laden zu schönster Kletterei ein. Bald erreichen wir die Stelle, wo der Westausläufer mit seinen markanten Zacken und Türmen von unserm Grat abzweigt. Noch zweimal türmt sich das etwas abgewinkelte, weniger steile Mittelstück des Grates scharfkantig auf und senkt sich dann zu einer Scharte. Obschon das erste, plattig aufstrebende Hindernis fast unwiderstehlich lockt, umgehen wir es der Zeit halber auf der Ostseite, denn noch wissen wir nicht, was der weitere Aufstieg alles bringen wird. Dafür vergnügen wir uns wieder am Gendarm vor der Scharte; in seinem obersten Teil schleichen wir rechts um die Felsflanke.

Nochmals bäumt sich der Grat bis zum Nordgipfel steil auf. Wir finden feste, gutgriffige Felsen, die uns auch hier verschiedene exponierte Stellen gar nicht als solche empfinden lassen. Für den ganzen Grat haben wir 1% Stunden benötigt, und in weitern 35 Minuten gelangen wir vom Nordgipfel über den NW-Kamm zum Hauptgipfel, wobei alle Türme nordostwärts umgangen werden; nur der letzte, ganz in Gipfelnähe, bleibt links liegen.

Wir sind beglückt, dass wir in 4% Stunden von der Hütte aus über diese interessante Route den Pizzo Rotondo erreicht haben. Jetzt dürfen wir füglich unser geplantes Vorhaben zu Ende führen. An diesem schönsten Tag der Woche gönnen wir uns gern eine ständige Gipfelrast. Voll Sonne liegen Bedrettotal, Bündner und Tessiner Berge vor uns ausgebreitet, während drei Tage vorher ständig aus der Tiefe emporbrandender Nebel jede Sicht von da aus nach Süden vereitelt hatte. Auch im Westen und Norden weichen die Nebel, so dass der ganze Kranz der Walliser, Berner, Urner und Glarner Alpen frei wird. Wir freuen uns der weiten Schau, gewährt doch die zentrale Lage des Gotthardgebietes eine besonders umfassende Sicht in verschiedene Gegenden unseres Schweizerlandes. Im Geiste durchfurchen wir auch schon mit Ski dieses vielgestaltige Gelände rings zu unsern Füssen, das immer wieder zu herrlichen Winterfahrten einlädt.

Der Übergang vom Pizzo Rotondo über den Nordostgrat ( vom Steinmann direkt nach NO ) über Gerenhorn ( P. 3078 ), Pizzo di Pesciora und Witenwasserenpunkt ( P. 3025 ) gerät uns gut, und nach 10% Stunden kehren wir froh wieder zur Rotondohütte zurück. Die ganze Rundreise darf entschieden als klassische Traversierung in diesem Gebiet gelten; es ist eine abwechslungsreiche Tour, bei der jeder Kletterliebhaber, soweit er ohne Haken auskommen will, voll auf seine Rechnung kommt, wenn er überall die ausgesprochenen Kletterstellen wählt.

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