Neuere Forschungsergebnisse über das Höhenklima

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Josef Weber.

Es bildet für den Menschen des Tieflandes ein Erlebnis beglückendster Art, wenn es ihm vergönnt ist, an einem düstern Wintertage dem Nebel der Niederungen zu entfliehen, um die Sonne unserer Berge aufzusuchen. Denn die Unterschiede im Klima des schweizerischen Mittellandes und des Hochgebirges im Winter sind überwältigend. In der Ebene ist von Ende Oktober bis meist in den Monat Februar hinein der Hochnebel vorherrschend. Da liegt zwischen dem Voralpenwall im Süden und dem Kettenjura im Norden eine unbewegliche Masse kalter Luft, gleichsam ein Kältesee, den die tiefstehende Sonne auf ihrem kurzen Tageslauf nicht genügend zu erwärmen vermag. Dadurch bildet sich eine Hochnebeldecke aus, die bei einer untern Grenze von ca. 500—800 m und einer obern Grenze von 1000—2000 m das ganze Mittelland, die schweizerische Hochebene, mit einem undurchsichtigen Schleier zudeckt. Diese Verhältnisse hat uns gerade der abgelaufene Winter wieder mit aller Eindringlichkeit vor Augen geführt. Gemäss Mitteilung der Meteorologischen Zentralanstalt in Zürich war in den Monaten Dezember und Januar der Himmel über dem Mittellande zu 90—95 % bedeckt. Demgemäss konnten in Zürich nur 10—12 Stunden Sonnenschein pro Monat registriert werden. Das Hochgebirge aber lag in dieser Zeit über der Hochnebeldecke und erfreute sich eines fast beständig klaren Himmels mit einer Sonnenscheindauer, die mehr als das Zehnfache derjenigen des Tieflandes betrug. Dabei aber hatten wir im Mittellande nicht etwa schlechtes Wetter im landläufigen Sinne, d.h. Regen oder Schneefälle. Wir litten im Gegenteil unter einer extremen Trockenheit, so dass vielerorts die Wasserversorgungen erlahmten. Der Monat Dezember brachte nur wenige Millimeter Niederschlag, während es im Jahresdurchschnitte mindestens 100 Millimeter auf den Monat treffen sollte.

Es ist darum nicht erstaunlich, wenn sich diese Sonnenarmut im Tieflande auch gesundheitlich bei den Menschen auswirkt. Es hat etwas ungemein Deprimierendes, wochen- und monatelang unter Sonnenabschluss leben zu müssen, und auch im körperlichen Befinden können Krankheitserscheinungen auftreten, die man als Sonnenmangelkrankheiten bezeichnen muss ( z.B. Rachitis ). Diese Sonnenarmut ist wohl auch schuld daran, dass gegen Ende des Winters besonders die grippösen Erkrankungen der Atmungsorgane gehäuft auftreten. Die Erklärung dafür liegt vielleicht darin, dass durch das Fehlen der Sonnenstrahlen einerseits die Widerstandskraft des Menschen geschwächt wird, während andererseits die Virulenz der Bazillen zunimmt.

Das Klima des schweizerischen Mittellandes ist jedoch nicht an und für sich schlecht und ungesund. Im Gegenteil! Im Frühling, Sommer und Herbst können wir uns vorzüglicher klimatischer Verhältnisse rühmen, die denen des Hochgebirges in den meisten Faktoren ebenbürtig oder sogar überlegen sind. Im Winter aber ist das Hochgebirgsklima demjenigen der Ebene weit überlegen, da hat es seine grosse Zeit.

Wir sehen bei der Aufzählung seiner Vorzüge von der Verminderung des Luftdruckes ab, obwohl sie für die Blutbildung eine wesentliche Bedeutung hat. Sie ist jedoch eine Erscheinung im ganzen Jahresablauf, und wir beschränken uns auf jene Besonderheiten, welche dem Hochgebirgswinter eigentümlich sind.

Da haben wir als imponierendstes Merkmal die Schneedecke, welche dem winterlichen Hochgebirge seine eigenartige Schönheit verleiht. Sie bedeckt in Höhen über 1000 m den Boden 4—6—8 Monate lang ununterbrochen. Dadurch fällt die Staubbildung vollständig weg, und die Luft erscheint uns überaus klar und rein. Dies um so mehr, als auch die Nebelbildung im Hochgebirge im Winter zu den seltenen Ausnahmen gehört. Wir haben da Orte, die im ganzen Jahre nur 6—8 Nebeltage registrieren, die zudem nicht auf den Winter fallen, während wir im schweizerischen Mittellande, nach den einzelnen Gegenden verschieden, 40—60 Nebeltage zählen, die fast ausschliesslich in den Wintermonaten auftreten.

Die gleichen Verhältnisse gelten für die winterliche Bewölkung. Vollständig nebel- und wolkenfreie Tage gehören im Mittelland vom November bis Februar zu den Ausnahmen, im Hochgebirge aber sind sie die Regel. Wir können im Tieflande nur bei grosser Kälte oder zu Beginn eines Wetterumschlages in der Föhnphase auf sonnige Tage rechnen. Während des Föhnes erfreuen wir uns meistens bis in den Nachmittag hinein eines prachtvoll blauen Himmels, während es in dieser Zeit im Tessin regnet oder schneit. Das Hochgebirge bleibt hell wie das Mittelland, erfährt aber gelegentlich unangenehme Schneeschmelze.

Ist somit im Winter das Hochgebirge ganz frei von Nebel und Staub und arm an Bewölkung, so kann die Sonne ungehindert ihre Strahlenwirkung entfalten. Diese Strahlung wirkt sich aus als Wärme im roten, langwelligen Teil des Sonnenspektrums, und als Violettstrahlung im kurzwelligen Anteil. Wie intensiv die Wärmebildung sein kann, hat schon jeder Skiläufer erfahren, wenn ihn die Hitze der Gebirgssonne verlockte, die Kleider von sich zu werfen und ein Sonnenbad zu nehmen, als ob es Hochsommer wäre. Physiologisch wichtiger ist aber der chemisch wirksame Anteil des Sonnenspektrums, die violette und ultraviolette Strahlung. Das gilt besonders für die für das menschliche Auge nicht mehr sichtbaren Ultraviolettstrahlen in der Länge von 360—330 μμ. Denn sie sind es, welche die Pigmentbildung in der Haut erzeugen, jenen berühmten braunen Teint, das Ideal und erstrebte Ziel so vieler Winterturisten. Darum ist die Haut des Gesichtes und der Hände der Bergbewohner so dunkel gefärbt, dass man gelegentlich an Tropenbewohner erinnert wird. Ein Reiseschriftsteller schrieb früher einmal, die schweizerischen Bergbewohner seien von der Kälte so schwarz wie die Neger von der Hitze. Das ist natürlich unrichtig, denn es ist die Ultraviolettstrahlung, welche diese überreiche Pig-mentierung erzeugt.

Diese so aggressive Strahlung bringt auch Gefahren, denen man sich nicht aussetzen sollte. Denn der Gletscherbrand und die Schneeblindheit sind auf ihr Konto zu schreiben. Der nicht für diese Strahlen Abgehärtete und Angewöhnte tut darum gut, bei intensiver Strahlung die Augen durch eine dunkle Brille und die unbedeckte Haut durch eine geeignete Salbe zu schützen.

Der Hauptgrund, warum man das winterliche Hochgebirge bis in die neueste Zeit hinein scheute, lag in der Kälte des Gebirgswinters. Bekanntlich nimmt im allgemeinen die Temperatur sowohl im Sommer wie im Winter mit zunehmender Erhebung über Meer ab. Tatsächlich zeigen unsere Höhenstationen ganz beträchtliche Kältegrade, 10—20° unter Null, während wir im Mittellande zu Zeiten des Hochnebels wesentlich geringere Kälte haben. Und trotzdem erscheint bei uns die Luft als sehr kalt, weil sie mit Wasser- dampf vollständig gesättigt ist. Feuchte, kalte Luft aber leitet die Wärme von unserm Körper ab, und wir erkälten uns darum sehr leicht. Es liegt nun ein unschätzbarer Vorzug des Hochgebirgswinters darin, dass hier die Luft im Winter sehr trocken, ja manchmal allzu trocken ist. Dadurch wird die Leitfähigkeit der Luft für die Wärme auf ein Minimum herabgesetzt, und es kann vorkommen, dass wir eine trockene Kälte von —10° als nicht kälter empfinden als eine neblige Kälte von 0°. Das prägt sich natürlich auch in der Kleidung aus. Ein Engadiner, der in seinen Mannesjahren in Mailand gewohnt hatte, erzählte mir einst, dass er dort den ganzen langen Winter hindurch beständig den Überzieher tragen musste, während er daheim im Engadin als alter Mann auch im kältesten Winter nie einen Mantel trage. Das ist sehr glaubhaft, da das Winterklima der Poebene meistens ebenso feucht und unfreundlich ist wie bei uns im schweizerischen Mittelland.

Es wäre nun freilich weit gefehlt, wollte man aus den bisherigen Ausführungen schliessen, das schweizerische Hochgebirgsklima sei schlechthin und überall ein idealer Aufenthaltsort für den Winter. Denn trockene Kälte, Sonnenstrahlung und Schnee allein machen noch kein mildes Klima für den Menschen aus. Wir haben bisher einen massgebenden klimatischen Faktor noch nicht erwähnt, die Luftbewegung, den Wind. Neben der Sonnenstrahlung bildet er den wichtigsten Faktor, der über die Zuträglichkeit eines Klimas entscheidet. Denn die Luftbewegung vermehrt die Wärmeverluste um ein Vielfaches und bringt uns dieselben überhaupt erst recht zum Bewusstsein. Bewegte Luft ist bei grosser Sonnenhitze sehr angenehm, da sie die Wärme-stauung verhütet, bei kalter Luft hingegen kann sie unerträglich werden. Wir müssen es darum als grössten Glücksfall bezeichnen, dass ein grosser Teil unserer schweizerischen Hochgebirgsstationen in ausgesuchter, windgeschützter Lage liegt. Die Gebirgsketten des schweizerischen Alpenmassivs ziehen nämlich in ihrer Hauptrichtung von Südwesten nach Nordosten. Dadurch riegeln gewaltige Gebirgsmauern unsere Alpentäler gegen die kalten Nordwinde ab. Es entstehen so geschützte Orte, die sich durch eine ausserordentliche Windstille auszeichnen. In solchen Gegenden sind unsere Kurstationen entstanden, sie finden sich hauptsächlich im Kanton Graubünden, in der Zentralschweiz, im Berner Oberland, Wallis und in den Waadtländer Alpen. Sie zeichnen sich durch ihre grosse landschaftliche Schönheit und ihre klimatische Vorzugsstellung aus und haben dadurch Weltruhm erworben.

Erst die klimatischen Forschungen des letzten Jahrzehntes, um welche sich das Schweizerische Forschungsinstitut in Davos ganz besondere Verdienste erworben hat, haben ergeben, dass für die Abkühlung des Menschen weniger die Lufttemperatur an sich als die Luftbewegung bestimmend ist. Man hat so den Begriff der Abkühlungsgrösse geprägt und versteht darunter jene Wärmemenge, welche unter dem Einfluss der verschiedenen Klimafaktoren abgegeben wird. Um diese Grösse physikalisch genau erfassen zu können, hat Dorno, der Begründer des Observatoriums Davos, ein wirklich geniales Instrument konstruiert. Es besteht aus einer geschwärzten Kupferkugel, welche durch elektrischen Strom beständig auf 36,5°, also auf die Temperatur des menschlichen Körpers, erwärmt wird. Diese Kugel steht Tag und Nacht im Freien, und Kälte, Wind, Regen und Schnee kühlen sie ab. Es wird nun der Stromverbrauch gemessen und fortlaufend mit der Zeit registriert, der nötig ist, um die Kugeltemperatur beständig auf 36,5° zu halten. Wir erhalten damit die Abkühlungsgrösse, den Anspruch, den ein Klima an die Wärmeregulation des menschlichen Körpers stellt.

Die Ergebnisse, welche mit diesem Apparat, Frigorimeter genannt, erzielt wurden, sind ausserordentlich interessant und überraschend. Sie zeigen uns, dass die Abkühlungsgrösse in erster Linie vom Winde abhängig ist. Wir haben z.B. eine Lufttemperatur von 15° Wärme und völlige Windstille. Jetzt erreicht die Wärmeabgabe des Frigorimeters einen gewissen, sehr geringen Wert. Steigt nun aber die Windstärke auf 2,8 m in der Sekunde, was wir als schwachen Wind empfinden, dann wächst die Wärmeabgabe des Frigorimeters ebenso stark, wie wenn die Lufttemperatur auf —6° fallen würde ( nach Mörikofer ). Ein leichter Wind stellt also an unsern Körper den gleichen Wärmeanspruch wie eine Temperatursenkung von 20°. Wir empfinden allerdings im Leben den Wind als nicht so aggressiv, weil unsere Haut das ganze Leben hindurch daran gewöhnt wurde und sich ihm physiologisch anpasst.

Man hat nun das Frigorimeter an verschiedenen Orten der Schweiz und des Auslandes aufgestellt und ist zu ungemein lehrreichen Resultaten gekommen. Sie sagen uns kurz folgendes: Unsere windgeschützten Hochalpen-stationen sind im Winter milder als alle übrigen Orte nördlich der Alpen. Ja, sie sind ebenso mild wie die geschütztesten Lagen des Tessin. Das Klima von Davos und Lugano ist in bezug auf Nebelfreiheit und Sonnenstrahlung im Winter annähernd gleich, nur fehlt im Tessin die permanente Schneedecke. Das Klima unserer geschützten Bergstationen ist aber im Winter sogar ebenso mild wie dasjenige der Riviera, weil eben dort andauernd ein mehr oder weniger heftiger Wind weht. So überraschend diese Ergebnisse sind, so sehr haben wir uns eigentlich bereits daran gewöhnt. Denn es würde keinem Menschen einfallen, im Winter an der Riviera Sonnenbäder zu nehmen, während es für uns bereits selbstverständlich geworden ist, dass z.B. die tuberkulösen Kinder der Kliniken RoUiers in Leysin im Badekostüm im Freien Schule halten und Wintersport treiben.

Diese Tatsache kann nicht genug betont werden, dass nicht die Lufttemperatur, sondern die Luftbewegung die grössten Anforderungen an die Wärmeregulation des Menschen stellt.

Haben wir so das winterliche Hochgebirgsklima als eigenartig, einzigartig und im ganzen als überaus wertvoll erkannt, wollen wir zum Schluss auf seine Bedeutung für die menschliche Gesundheit hinweisen. Da finden wir vorerst, dass es eine Kraftquelle für den gesunden Menschen vorstellt. Die heutige Generation hat das erkannt, indem sie über das Wochenende oder in den Ferien in unendlichen Scharen den Bergen zustrebt, um im herrlichen Wintersport, besonders im Skilauf, den Körper zu stählen. Nicht jede der heute so zahlreichen Sportarten findet die Sympathie des Arztes, aber wir alle freuen uns restlos über diesen Drang der Jugend nach unsern herrlichen Bergen im Winter, wobei wir freilich voraussetzen, dass ein jeder nur solche Turen unternimmt, denen er durch Kraft und Übung gewachsen ist. Denn dass auch da schwere Gefahren drohen, Schneestürme, Lawinen, Kälte, Überanstrengung, Unfälle mannigfaltigster Art, darauf muss im Interesse der Vollständigkeit hingewiesen werden.

Aber auch für viele Krankheiten stellt das Hochgebirgsklima einen eigentlichen Gesundbrunnen dar. Das gilt in erster Linie für die Erkrankungen der Atmungsorgane, besonders für das Asthma und die Tuberkulose. Es war das unauslöschliche Verdienst einiger Davoser Ärzte, darauf hingewiesen zu haben, dass im Hochgebirge die Tuberkulose viel seltener ist als im Flachlande und, wenn sie schon vorhanden ist, meist leichter verläuft. So hat sich die Hoch-gebirgsbehandlung der Tuberkulose für die meisten Formen bis heute als die beste Methode erwiesen. Ganz besonders günstig reagieren auf das Höhenklima die Kinder. Ihre Anpassungsfähigkeit ist fast unbegrenzt, und es ist tief bedauerlich, dass die Wirtschaftskrise der ganzen Welt heute so vielen kranken Kindern das Hochgebirge verschliesst.

Aber auch für alle Rekonvaleszenten, die irgendeine schwächende Krankheit hinter sich haben, kann der Hochgebirgswinter dringend empfohlen werden. Nichts ist so geeignet, nach einer schweren Krankheit den Körper wieder zu stählen und ihn wieder für die Alltagsarbeit vorzubereiten, wie die Erholung in der Wintersonne. Es ist zweifellos, dass dabei auch die psychische Seite eine wesentliche Rolle spielt. Möge darum das winterliche Hochgebirge nicht nur ein Zentrum für den Sport werden, sondern auch eine Stätte der Gesundung für die kranke Menschheit!

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