Österreichische Alaska-Kundfahrt 1955

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Hans Gsellmann

( Graz, Ost. ) Als Endglied einer 16 000 km langen Gebirgskette, die sich vom fernen Feuerland bis an die Gewässer des « Golf von Alaska » hinzieht, entragen die Alaskagipfel dem gewaltigen Urland. Es sind wahre Giganten aus Fels, Schnee und Eis, und ihre relativen Höhenunterschiede sind die gewaltigsten der Welt. So ragt zum Beispiel der Mt. McKinley mit seiner Höhe von 6200 m neuerer Messungen nahezu 6000 m über den wilden Busch und die von reissenden Flüssen durchfurchten Moränen empor!

In der Erschliessungsgeschichte der Alaskagebirge hat es an Dramatik nicht gefehlt. Als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts der über 5000 m hohe Mt. Logan, dicht an der Alaskagrenze und am Pazifik gelegen, durch den Herzog der Abruzzen erstiegen wurde, geschah dies durch eine Expedition von nahezu 40 Teilnehmern und erstreckte sich über den Zeitraum von einigen Monaten. Man hatte nicht vergessen, Brathühner und Weinfässer mitzunehmen! Der höchste Berg des nordamerikanischen Kontinents, der Mt. McKinley, wäre beinahe von Abenteurern erstiegen worden, die vorher und nachher nie einen Berg erstiegen. Es waren « Sauerteigs1 » aus der Gegend von Fairbanks, die sich die Ersteigung des Kinley zum Ziel setzten, nur um « einmal nachzusehen », was an den damals vielumstrittenen Behauptungen des Dr. Cook wahr sei, der angab, den Gipfel erreicht zu haben. Cooks Behauptung stellte sich später als Schwindel heraus. Von einer Gruppe von 30 « Sauerteigs » erreichten drei nach wochenlangem Kampf mit Busch, reissenden Flüssen, endlosen Moränen und mit steilen Schnee- und Eisflanken endlich die Schulter zwischen dem Doppelgipfel des « Heimes der Sonne », wie der Berg unter den Indianern heisst. Sie hatten den Sieg in den Händen, sie hatten die Wahl, welchen Gipfel sie ersteigen sollten - und wählten den falschen, den um wenige Meter niederem. Eine 5 m hohe Holzstange, die sie unverdrossen mitgeschleppt hatten, bewies späteren Expeditionen, dass die abenteuerlichen Erzählungen der « Sauerteigs », die in einer Kneipe in Fairbanks jeder hören konnte, der ihnen einen Trank zahlte, nicht übertrieben waren.

1 « Sauerteig » war der Spitzname für die Goldsucher, da sie auf ihren Streifzügen immer Sauerteig mit sich führten, um überall Brot backen zu können.

Heute sind die höchsten Gipfel Alaskas und des angrenzenden Kanada alle erstiegen, aber eine grosse Zahl herrlichster Gipfel in den Höhen bis 4000 m warten noch auf ihre Bezwinger. Die Hauptschwierigkeit, die sich Bergeroberungen in Alaska entgegenstellt, die Überwindung des weiten Vorlandes mit aller Unzugänglichkeit eines wilden Buschlandes, kann durch den Einsatz von Flugzeugen heute wesentlich erleichtert werden. Wo man früher Monate brauchte, kann man heute in wenigen Wochen hingelangen, eines aber ist gleich geblieben wie zum Anbeginn: die Schönheit dieser erhabenen Berggiganten!

Mit Unterstützung der österreichischen Bundesregierung, der steiermärkischen Landesregierung und der amerikanischen Bergsteigervereinigung « The Iowa Mountaineers » gelang es der « Hochalpinistischen Gruppe Bergland » des Österreichischen Alpen Vereins, eine Kundfahrt nach Alaska zu organisieren. Aufgabe der kleinen, dreiköpfigen Expedition, bestehend aus Hans und Hubert Schlapschi und dem Verfasser, war es, die Grundlagen einer grösseren Expedition mit bergsteigerischer Zielsetzung zu studieren.

Nach einer Anreise per Schiff von Rotterdam nach New York und per Auto von New York bis Fairbanks gelangte die Gruppe in das Verbindungstal zwischen Big Delta und Valdez am Stillen Ozean. Aus diesem Tal sind die Berge des Alaska-Range am besten zu erreichen. Herrschendes Schlechtwetter machte den Einsatz eines Mietflugzeuges und auch einer kleinen Maschine, die von den Militärbehörden auf Fort Greely freundlichst angeboten wurde, unmöglich. Infolgedessen musste das Hauptlager im Tal angelegt werden und nicht, wie vorgesehen, am Oberlauf des « Kastnergletschers ». In zäher Arbeit wurde in der Folge vom Tal aus ein Lebensmittellager am Gletscher, etwa 600 m über dem Meere und 15 km entfernt, errichtet. Später folgten Zelte und die nötige Ausrüstung für Gipfelangriffe. Ein schwerer Sturm vernichtete später das bezogene Lager, und unter erheblichen Verlusten an Ausrüstung und Lebensmitteln wurde der Abstieg angetreten. Die nächsten Tage brachten verheerende Stürme, Neuschnee und Regen. Als einmal der Sturm vom nur 300 km entfernten Pazifik landeinwärts wehte, schmolzen 40 cm Schnee innerhalb weniger Stunden ab!

Nach mehrmaligen Versuchen wurde ein ca. 3700 m hoher Berg, am « Black-Rabids-Gletscher » gelegen, erstmals erstiegen. Der Gipfel erhielt den Namen « Mt. Steiermark ». Diese Ersteigung erfolgte über einen Felsgrat mit der Höhe von 2000 m. Eine beträchtliche Neuschneemenge gestaltete das Unternehmen sehr schwierig. Ebenfalls am « Black-Rabids-Gletscher » wurde ein weiterer Gipfel mit der Höhe von ca. 3900 m erstmals erstiegen. Seine etwas abgesonderte Lage gibt diesem gewaltigen Einzelberg ein imposantes Aussehen. Der Aufstieg führte über eine breite Gletscherrampe auf eine Scharte, und von dort über einen steilen Schneegrat auf den Hauptgipfel, der den Namen « Mt. Austria » erhielt, konnte in das gesamte Gebiet um den bereits genannten Gletscher eingesehen werden. Es zeigte sich, dass gerade dieses Gebiet für künftige Expeditionen lohnende Ziele bietet. Abgesehen von den bisher unbegangenen Südabstürzen des ca. 5000 m hohen Mt. Hayes sind vom « Black-Rabids-Gletscher » aus noch eine Reihe von hervorragenden Gipfeln zu erreichen. Der Gletscher selbst bietet durch seinen gleichmässigen Verlauf, der nur sehr langsam ansteigend ist, einen relativ leichten Anmarsch. Mit Verwendung von Schlitten und Ski könnte in der Zeit vor der grossen Schneeschmelze ( Mai—Juni ) innerhalb 8-10 Tagen ein Lager im Zentrum des Gebietes errichtet werden.

Fernab vom Lichte des öffentlichen Interesses vollzieht sich heute in Alaska eine emsige Erschliessungstätigkeit. Vor allem sind es die Mitglieder des Bergsteigerklubs der Alaska-universität in Fairbanks, die Frühling für Frühling in die schweigende Bergwelt Alaskas eindringen und immer neue Entdeckungen machen.

dU Mont RosePar André Lévy

Avec 2 illustrations ( 108, 109 )

Feedback