Ostalpine Bergsteiger-Leistungen 1956

VON HANS HANKE, SALZBURG

Wenn wir nachstehend einen kurz zusammengefassten Überblick über die Leistungen ostalpiner Bergsteiger im vergangenen Jahr geben wollen, wobei es sich selbstverständlich nur um Neufahrten und einzelne wichtige Wiederholungen bedeutender Art handeln kann, so erscheint es uns angebracht, zunächst mit den überseeischen Berggebieten zu beginnen.

Himalaya In Zentralasien gelang es einer Expedition der Österreichischen Himalayagesellschaft, an welcher Mitglieder verschiedener alpiner Vereinigungen teilnahmen, einen weiteren Achttausender, den dritten, der von Österreichern bestiegen wurde, zu erobern. Der 8035 m hohe Gasherbrum II wurde von Expeditionsleiter Ing. Morawec sowie den Teilnehmern Larch und Willenpart zum erstenmal erstiegen. ( Die übrigen von Österreichern erstmals erstiegenen Achttausender sind der Nanga Parbat [durch Hermann Buhl im Alleingang] und der Cho Oyu [durch Dr. Herbert Tichy, Sepp Jöchler und Pasang Dawa Lama] ).

Anlässlich der Österreichischen Himalaya-Expedition 1956 führten Hans T. Ratay und Dr. Georg Weiler, der Expeditionsarzt, auf neuer Route die zweite Besteigung des Sia Kangri durch, der 1934 von G. O. Dyhrenfurth erstmals bestiegen worden ist.

Anden Auch auf dem südamerikanischen Kontinent gab es einen österreichischen Bergerfolg. Der bekannte Tiroler Himalayamann Matthias Rebitsch konnte während der österreichisch-schwedischen Andenexpedition 1956 allein den zweithöchsten Berg Amerikas, den 6880 m hohen Ojos del Salado zum zweitenmal ersteigen, nachdem die erste Ersteigung durch eine polnische Expedition bereits 20 Jahre zurücklag. Eines der Ziele dieser Expedition war gewesen, festzustellen, ob der Ojos del Salado oder der Aconcagua der höchste Berg Gesamt-Amerikas sei - eine Frage, die die Wissenschaftler seit langem beschäftigte. Rebitsch hatte das Pech, auf dem Gipfel in rasendem Eissturm das Höhenbarometer zu zerbrechen, so dass die Frage ungeklärt blieb ( sie wurde inzwischen zugunsten des Aconcagua entschieden ). Rebitsch konnte ausserdem auf einem über 5000 m hohen Berggipfel eine vorzeitliche Kultstätte entdecken.

Bergland Kleinasien Im vergangenen Jahr unternahm die Hochtouristische Gruppe « Bergland » der Sektion Wien des Österreichischen Alpenvereins eine Kundfahrt in das Ostpontische Gebirge nahe der türkisch-russischen Grenze. Nach Überwindung grosser durch Unwetter hervorgerufener Schwierigkeiten beim Anmarsch wurde in 3000 m Höhe ein Hauptlager errichtet und von dort « mit verteilten Rollen » ins unbekannte Bergland vorgestossen. Unter Expeditionsleiter H. Knafl wurden insgesamt 13 Gipfel erstiegen, von denen zwölf zum erstenmal betreten und fast durchwegs gleichzeitig überschritten wurden. Der höchste Gipfel, der Kackardag, war 3960 m hoch.

10 Die Alpen - 1956 - Les Alpes145 Westalpen Als bedeutende Leistung ostalpiner Bergsteiger im Jahre 1956 muss die 5. und 6. Durchsteigung der Dru-Westwand genannt werden. Die erstere gelang Hermann Buhl, dem Sieger am Nanga Parbat, zusammen mit dem Salzburger Markus Schmuck in der ausserordentlich kurzen Zeit von nur eineinhalb Tagen. Hierbei überholten sie eine zweite Seilschaft, bestehend aus dem Salzburger Siegfried Löw mit einem Traunsteiner Tourenkameraden, die als sechste Seilschaft erfolgreich durchkamen.

Nördliche Ostalpen Für absolute Vollständigkeit der durchgeführten Erstbesteigungen kann naturgemäss nicht garantiert werden. Ferner wurden nur wirkliche Neufahrten von Bedeutung aufgenommen, auf eine Verzeichnung von « Varianten » wurde bewusst verzichtet, da es sich doch dabei um eine Art alpiner Spielereien handelt. Soweit bekannt, werden Datum und nähere Angaben über die Bergfahrt angegeben.

Rhätikon Mittlerer Drusenturm. Erste Durchsteigung der Nordwand durch R. Heinzel, Wien, und T. Hiebeier, Stuttgart ( 12. Juli ). Wandhöhe etwa 200 m. Kletterzeit 9½ Stunden, Schwierigkeitsgrad VI.

Wetterstein Wettersteingrat. Winterliche Überschreitung des gesamten Grates über 38 Gipfel bis zur Zugspitze durch Georg Maier und Hannes Niederberger ( Sektion Ulm bzw. Bayerland des DAV ). Reine Gehzeit bei Kälte und Sturm 58 Stunden, Gesamtzeit mit drei Biwaks auf dem Grat 82 Stunden. ( 27.30. Dezember 1955. ) Karwendel Lalidererspitze. Erster Alleingang der Route Auckenthaler in der Nordwand durch Hermann Buhl am 1. August. Gehzeit 3 Stunden.

Lalidererwand. Neunte Durchsteigung der Nordverschneidung durch Hermann Buhl und Markus Schmuck am 24. September. Gehzeit 8 Stunden. Nach dem Urteil von Buhl handelt es sich hier um die « reinste » ihm bekannte freie Kletterei.

Wilder Kaiser Christaturm-Ostwand. Erste Winterbegehung am 16. Dezember 1955 durch Georg Maier und Hannes Niederberger ( Sektion Ulm bzw. Bayerland des DAV ). Riss und Kamine stark vereist. Gehzeit 10 Stunden.

Tennengebirge Direkte Hochkogel-Westwand. Erste Winterbegehung durch W. Weixelbaumer und E. Braun ( Hallein/Salzburg ). Wandhöhe 800 m. Reine Kletterzeit 11 Stunden, 1 Biwak.

Dachsteingruppe Taubenkogel. Erste Durchsteigung der Nordverschneidung durch Willi und Hermi End am 27. September. Gesamthöhe 450 m, reine Kletterzeit 3 Stunden.

Grosse Bischofsmütze. Erste Winterbegehung der SO-Kante durch W. Madreiter und H. Scher-ribl ( Radstadt/Salzburg ) am 31. Dezember 1956. Die Hauptschwierigkeiten lagen in den beiden ersten Seillängen und in der Vereisung der Ausstiegsrisse. Gesamtgehzeit 10 Stunden.

Gesäuse Hochtor-Nordwand. Erste Winterbegehung der Jahn-Zimmer-Route Ende Dezember 1955 durch R. Ebner und Hans Stampfer ( Leoben bzw. Liezen/Steiermark ).

Mürzsteger Alpen Grosser Sonnleitstein. Erstersteigung der unmittelbaren Nordwand durch Willi und Hermi End und Karl Bieringer am 9. September. Felshöhe 250 m, Kletterzeit 2 Stunden.

Hochschwabgruppe Schartenspitzkante. Erste Winterbegehung im Alleingang durch René Simek, der die Fahrt über den Alleingang durch die Grosse Zinne-Nordwand stellt.

Zentrale Ostalpen Hohe Tauern Grossvenediger. Erste Winterbegehung der Nordostwand am 26. Februar 1956 durch Bergführer Walter Bock aus Neukirchen am Grossvenediger und S. Neumayr aus Niedernsill ( Land Salzburg ). Wandhöhe 360 m. Die beiden benötigten reine Kletterzeit vier Stunden. Sie brachen um 2.30 Uhr früh von der Kürsinger Hütte auf und erreichten zwei Stunden später den Einstieg. Sprödes schwarzes Eis erforderte zeitraubende Stufenarbeit. Nach Verlassen einer zuerst benutzten Rinne bildete auf deren Begrenzungspfeiler tiefer Pulverschnee ein neues Erschwernis, zu welchem noch einsetzender Sturm hinzukam.

Deferegger Alpen Gösleswand ( 2912 m ). Erstbegehung der Westwand des Vorgipfels durch Arthur und Herbert Preibisch der Sektion Reichenberg des ÖAV am 17. September 1956 Wandhöhe 350 m, Zeit der Erstersteiger 5¼ Std., Schwierigkeit IV - V.

Graue Wand ( 2816 m ). Mit der Erstbegehung der Südwand durch die Obigen am 18. September 1956. Wandhöhe 120 m, Zeit 2 Stunden, Schwierigkeit V.

Grossglockner. Erste Winterbegehung des Stüdlgrates durch Bergführer Thomas Huter mit H. Oberlohr, A. Amraser und R. Hanser ( sämtliche aus Kals/Osttirol ) am 9. Januar 1956. Die Ersteigung, die möglicherweise als erste Winterbegehung zu verzeichnen ist, erfolgte mit Ski am Rücken. Gehzeit ab Einstieg 4 Stunden bei 15 Grad Kälte und Windstärke 8-10.

Südliche Ostalpen Ortlergruppe Ortler. Zweite Durchsteigung der Nordwand durch den Cho Oyu-Ersteiger Sepp Jöchler und Kameraden ( sämtliche Innsbruck ) im Herbst, nachdem seit der ersten Durchsteigung durch Hans Erti 25 Jahre vergangen waren. Die 3. und 4. Durchsteigung erfolgte kurz darauf ebenfalls durch österreichische Bergsteiger.

Königsspitze. Dritte Durchsteigung der direkten Nordwand durch Kurt Diemberger ( Salzburg ) und Kameraden mit erster Übersteigung der « Schaumrolle », einer riesigen Gipfelwächte.

Karnische Alpen Ciadenis. Erste Begehung des Südgrates durch F. Wiegele, F. Fink, G. Pichler und B. Kaiser ( Austria-Bergsteigerschaft ). Gehzeit 1 ½ bis 2 Stunden, Schwierigkeitsgrad III.

Östlicher Bertiturm. Erste Begehung der Gipfel-Nordwand durch F. Wiegele und H. Hein-richer am 29. Juli. Gehzeit l½ bis 2 Stunden, Schwierigkeitsgrad IV.

Julische Alpen Wischberg. Erste Winterbegehung der NO-Kante durch U. Cobai und M. Giocomazzi ( Raibl ).

Lienzer Dolomiten ( Osttirol ) Hochstadl. Zweite Winterdurchsteigung der Nordwand durch Bergführer Toni Egger ( Lienz ) und Peter Pflauder ( Innsbruck ) im Januar 1956. Wandhöhe 1500 m, 1 Biwak, Schwierigkeiten mittelmässig.

Weittalschartenkopf. Erste Ersteigung des Nordpfeilers durch Willi End und Dr. F. Remenov-sky am 28. Juni. Pfeilerhöhe 300 m, Kletterzeit 2½ Stunden.

Roter Turm. Erste Winterbesteigung der Südwand durch T. Egger im Februar.

Dolomiten Peitlerkofel. Erste Winterdurchsteigung der Nordwand durch Hans Frisch und Sepp Gartner am 30. Januar.

Marmolata. Erstersteigung der SO-Kante der Punta Ombretta durch Toni Egger und Cesare Giudici am 26. und 27. August. Höhe der Kante 800 m, extreme Schwierigkeiten, Gehzeit 13 Stunden, 1 Biwak.

Piz de Ciavazzes. Erste Alleindurchsteigung der S-Wand ( Micheluzzi-Route ) durch Cesare Maestri in 7 Stunden.

Mittlere Grasleitenspitze. Erste Begehung des NW-Pfeilers durch F. Steirl und K. Diemer am 17. September. Pfeilerhöhe 400 m, Schwierigkeitsgrad IV, Gehzeit 3 Stunden.

Alpenplattenspitze. Erste Begehung der Nordwand durch F. Stein, Ada Paul und K. Diemer am 16. September. Wandhöhe 400 m. Schwierigkeitsgrad III ( eine Stelle IV ), Gehzeit 4 Stunden.

Fallwand. Erste Begehung des Nordpfeilers durch K. Diemer und F. Fichtinger am S.Sep-tember. Pfeilerhöhe 500 m, Schwierigkeitsgrad IV, Kletterzeit 4 Stunden.

Pìccolo Cront. Erste Begehung der Nordwand durch F. Stein und K. Diemer am 11. September. Wandhöhe 400 m, Schwierigkeitsgrad III—IV, Kletterzeit 3 Stunden.

Santnerspitze. Erste Begehung der direkten Westwand durch M. Koch, J. Oberrauch und E. Abram ( alle Bozen ). Wandhöhe zirka 500 m. Schwierigkeitsgrad IV—VI, Kletterzeit 12 Stunden.

Crozzon di Brenta. Erste Winterdurchsteigung der Nordkante durch Otturino Pianta ( Brescia ) im Alleingang am 23. Januar.

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