Osttiroler Berg- und Talfahrten

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Wilfried Neumann, D-LaaspheBilder 101 bis 106

Staller Tal und Schwarzachgrund Bei Hüben im Iseltal zweigt die Strasse in das ostwestlich verlaufende Defereggen ab, dessen Hauptort, St.Jakob, auf 1389 Meter Höhe liegt. In diesem hintersten Dorf des Tales teilen sich die Wege: Zunächst läuft die Strasse über Mariahilf und Erlsbach, die letzte Dauersiedlung - 1556 Meter hoch gelegen -, noch zur Patscher Hütte weiter und setzt sich von dort als Fahr- bzw. Güterweg bis zum Talhintergrund an der italienischen Grenze fort; eine neuerdings ausgebaute Seitenstrasse zum Staller Sattel schafft die Verbindung zu der auf Südtiroler Seite vom Antholzer See aufwärts führenden einspurigen Kriegsstrasse; und schliesslich zweigt in einer Schlucht oberhalb des Ortes das langgestreckte Trojeralmtal ab, das den Panargenkamm und damit den Südausläufer der Hohen Tauern von der Lasörling-gruppe trennt und zur Neuen Reichenberger Hütte hinauffuhrt.

BESTEIGUNG DER SEESPITZE Eines der leichten Tagesziele für Bergsteiger im Bereich von St.Jakob ist die den Panargen zugehörige 3021 Meter hohe Seespitze im Nordwesten, auf die ein bezeichneter Pfad führt und die einen Einblick in die Gebirgswelt des hinteren Tales der Schwarzach gewährt. Das letzte Haus an der Strasse, das hübsche Gästeheim Gasser, steht unmittelbar am Beginn des angenehmen Anstieges, der im Zickzack über die Verbindungswege der Hofe von Jesach hinaufleitet zum Bergwald. Unterwegs ergeben sich Ausblicke auf Bad Grünmoos und übers Tal zur rotbraunen Langschneid, die sich hier abweisender gebärdet als drüben bei der Brugger Alm.

Gegenüber führt ein Strässchen ins Ragötzltal, in dessen Hintergrund die leicht erreichbare, 2740 Meter hohe Hochkreuzspitze am Knotenpunkt der Gebirgskämme über dem Gsieser und Defereggental eine hervorragende Aussicht gewähren muss. Der sonnige Morgen enthüllt auch das vorgelagerte, spitze Kahorn ( 2692 m ) und weiter hinten das höhere, behäbige Defregger Pfannhorn.

Über Innerberg steigt der gute Weg durch Waldesschatten und kommt dann auf die freien Mähder des Oberberges hinaus, über die eine Reihe meist zerfallener Heuschupfen1 verstreut sind. Von hier aus erschliesst sich nun ein Prachtblick nicht nur auf den das Bild rahmenden seltsamen Bergkamm des Weitstrahls, sondern vor allem schräg hinüber aufs nahe Hochgebirge der Rieserfernergruppe. Dieses steigt rechts über der Senke, durch die die neue Strasse zum Staller Sattel hineinzieht, in bleichem Fels überm grünen Tannenwald zu den bis 2910 Meter hohen Almer Säulen auf und gipfelt über den Eisfeldern des Patscher und Rampleter Keeses in der Spitze des Hochgalls oder Riesers ( 3435 m ), wo immer noch hartnäckige Wolken lagern.

Über der zum Popeletzbach abfallenden Hangstufe liegt etwa 2300 Meter hoch die in der Karte als verfallen eingetragene Frölitzalm. Die alte, gemauerte Hütte rechter Hand - oberhalb auf den Weideböden ragt ein aus Steinen gefügtes, hohes Mal wie eine Stele — trägt zwar nur teilweise ein behelfsmässiges Blechdach, aber am Weg ist eine ordentlich eingerichtete Hirtenunterkunft vorhanden, in der man sicher zur Not ein Nachtlager findet.

Etwas weiter oben betritt der Fuss ebeneres, mit flachen Blöcken bedecktes Gelände, das schliesslich zu dem grossen Oberseitsee auf 2576 Meter leitet, dessen begraste Ufer einen herrlichen Rastplatz im Angesicht der nahen und fernen Bergwelt bieten. Die weiten Matten unter den Gipfeln sind geschmückt mit den reizenden Büscheln der blauen Glockenblümchen. Auf der 1 An deren Zustand dürften Lawinen nicht unschuldig gewesen sein!

windgekräuselten, kühlen Wasserfläche spielen die Glanzlichter der immer wieder durchbrechenden Sonne.

Im Hintergrund steigt eine Felsbank schräg links zu dem Grat hinauf, der vom Weitstrahl ausgeht und im Seespitz gipfelt. Über sie führt der Anstieg zu den auffallend hellgrünen Felsen, die nach rechts eine wild gezackte, dunklere Mauer zu dem von hier aus plump wirkenden Kauschka-horn2 entsenden, das aber oben in zwei breite Erhebungen ausläuft und 2903 Meter erreicht. Vom flachen Südgrat aus steigt man in den ziemlich steil sich aufschwingenden Gipfelschild ein, dessen hochgestellte, schiefrige Platten und rutschiger Grus die eigentliche Schwierigkeit bilden, aber mit einiger Vorsicht durchaus zu meistern sind.

Es ist halb 2 Uhr - fünf Stunden hat der Aufstieg beansprucht. Mit mir sind noch zwei Wanderer aus St.Jakob oben, deren Begleiter am See unten warten. Der Himmel hat sich getrübt und schenkt auch hier nur eine beschränkte Aussicht, die über die wilden Felsgebilde der Nachbarschaft vor allem den Blick auf den benachbarten Alplesboden mit seinen Seelein - in den man vom Grat aus über Geröll absteigen kann - und zur darüber thronenden höheren und unzugänglichen Alplesspitze ( 3149 m ) lenkt. Über die einsame Furche des Trojeralmbaches schaut man hinüber zur Hochfläche der Sentenböden mit der Neuen Reichenberger Hütte, hinter der die Tauerngipfel im Wolkendunst versinken.

Drüben im Nordosten hebt sich noch ein stolzes Doppelhaupt über das Berggewirr, vom Hauptkamm der Gruppe zurückgesetzt, der 3098 Meter hohe Lasörling. Auf der anderen Seite breitet sich die Rieserfernergruppe mit dem langgestreckten Fleischbachkees unverdeckt aus, deren Dreitausender, Ohrenspitzen mit Almerkees, Wild- und Hochgall, Schneebige Nock mit Tristenkees, Lenkstein und Fleischbachspitze, nicht gerade einladend in der Sonne glänzen. Und über dem 2 Nach dem Erschhesser des Gebietes benannt.

Einschnitt des Schwarzachgrundes, wie das unbewohnte hintere Defereggen heisst, wird zuweilen in der Ferne durch ein Loch in den Nebelschleiern jenseits der italienischen Grenze, die hier den weit hineinreichenden Zipfel des hinteren Ahrntales umschliesst, dunstig der Grosse Löffler mit dem Frankbachkees sichtbar.

Hinter der Senke des Staller Tales, das ebenfalls zur Grenze vorstösst, verblaut der Zug der Roten Wand, wo das Deferegger Gebirge im Nordwesten endet, und weit draussen steht der Rammelstein überm Antholzer Tal. Schliesslich umfasst der Blick das Gebirge Villgratens mit seinen hervorragendsten Vertretern über Rote und Weisse Spitze zum Degenhorn1. Am Auslauf des diesseitigen Bergkammes erhebt sich das Weisse Beil4 als Grasgipfel jäh aus der Talgabelung. Wie ich mich wende, huscht plötzlich - auf dieser Höheeine Maus zwischen die Steine.

DAS STALLER TAL Wieder ist ein schöner Tag angebrochen. Heute geht 's auf dem Wanderweg zum Staller See. Zunächst überschreiten wir etwas weiter unten die Schwarzach, wie man den hinteren Deferegger Bach nennt - ein noch ungeschmälertes Wildwasser —, um von der Strasse weg und zum südseitigen Waldrain zu gelangen. Wir streifen die paar Häuser von Bad Grünmoos ( 1411 m ) mit seinem Gasthof und treuen später, durch Auenwald schreitend, auf den Weiler mit dem seltsamen Namen Rinderschinken. Bei dem Kapellchen stösst man auf einen Fahrweg, den man aufwärts bis zu seinem Ende verfolgt. Man kann aber auch auf dem zweiten Steg über den Lappbach hinüber gehen und einen Wiesenpfad zwischen Bauern-anwesen benützen.

Nun beginnt ein bezeichneter Steilanstieg im Frattenwald, der schliesslich bei einer Lichtung die auf 1910 Meter gelegene Lappachalm er- 1 Sprich Deggenhorn.

4 « Beil » bedeutet Wildstelle.

reicht. Bei den Holzhäusern, von denen nur noch eines bewohnt wird — die anderen verfallen —, hat man einen schönen Ausblick auf das gegenüberliegende Kahorn mit seinen kiefernbewachsenen Schrofenhängen und ins hintere Lapptal mit dem flachen Gsieser Törl, der Grenzscheide gegen Südtirol, und darüber rechts auf den mächtigen Bau des Defregger Pfannhorns ( 2819 m ), auf dessen Gipfelschneide gerade ein früher Berggänger auftaucht.

Nach beschaulicher Rast - ein paar Rösser weiden auf der Alm - steige ich weiter durch den sich auflösenden Waldbestand, der auf dem Hirschbühel durch Zirben vertreten ist. Nun schiebt sich endlich das Ziel, das nahe, silbergraue Gebirge der Rieserferner mit den Almer Säulen, ins Blickfeld. Es stellt uns, im Gegensatz zu den Bergen der Deferegger Alpen, ausgesprochen massige Felswände entgegen. Man muss erst um den Ausläufer des Pfannhorns herum, zwischen Steinbrocken und kümmerlichem Baumwuchs, dann steigt man in einer Mulde und anschliessend über den heidekrautbewachsenen Geröll- und Weidehang hinab zum Stalleralmbach und kommt auf die Strasse.

Aber jenseits ist ein schöner Weg, zum Teil aus gelegten Blöcken und Platten gebaut, auf dem man, aus dem Wald tretend, weiter oben die Steinställe und Holzhütten der « Schmutzigen » Alm erreicht. Nach weiterem geringem Anstieg seitab der Strasse schliessen sich flache Höcker zu dem 2052 Meter hoch gelegenen Staller Sattel zusammen, schon von weitem an der Zollschranke kenntlich. Vor ihr sammelt sich der lebhafte Ausflugsverkehr eher deshalb, weil die Talfahrt zum Antholzer oder Untersee hinab in halbstündli-chem Wechsel mit der Bergfahrt geregelt ist.

Vor der kreuzgeschmückten Anhöhe des Riegel-berses liegt das stille Gewässer des Staller Sees, auch Obersee genannt, an dessen Ufer die Raststätte steht. In dem Haus, in dem starker Mittags-betrieb herrscht, werden, trotz geräumigen Platzes und gegenteiliger Angaben in Karten, Führern, auf Wegweisern und im Verkehrsamt, keine Zimmer oder Lager an Durchreisende abgege- ben. Im übrigen wird die Nordrampe von St.Ja-kob aus mit dem Postauto bedient. Mein Plan, dieses Haus als Stützpunkt für Bergbesuche zu wählen, fällt damit aus, und ich beschliesse, nach vergeblichen Überredungsversuchen beim Wirt, in der Staller Alm Unterkunft zu suchen.

AUF DIE ROTE WAND Zunächst jedoch, nach einem guten Mahl, heisst mein Ziel bei dem sonnigen Wetter Rote Wand. Diesen vorgeschobenen Eckpfeiler des Deferegger Gebirges habe ich zufällig auf der Karte, die mir als hauptsächliche Planungsgrundlage dient 5, auf italienischem Gebiet entdeckt; er weist einen bezeichneten Weg auf.

Über die Höhe bläst ein kühler Wind, und die Feriengäste, an die angeblich die Oberseehütte vermietet ist, dürften, soweit sie hier nicht dem Fischfang obliegen, ihr Kommen abgesagt haben.

Vom Sattel aus, der zur Rechten von den Felsfluchten der Grossen Ohrenspitze ( 3101 m ) gesäumt wird, hat man einen schönen Tiefblick über die hellen Strassenkehren in den Waldgrund, in dem blaugrün der grosse Untersee ruht, und ein Stück weiter hinaus auf die ersten Häuser des Antholzer Tales. Am Hochgall, der nach dieser Seite eine Felsflanke zeigt, hängt hartnäckig eine Gipfelwolke, die heute nur ein einziges Mal für eine Viertelstunde abzieht.

Der Anstieg zur Roten Wand ist günstig, denn er beginnt gleich am Pass und leitet ohne Höhenverlust halblinks in das jenseits gelegene und eben dort abfallende Tal des Ackstallbaches hinein, dessen Weideböden ebenfalls zur Staller Alm gehören 6. Oberhalb des Grenzsattels sind viele Spa- 5 Die italienische Tobacco-Wanderkarte Blatt 6 ist für Südtiroler Gebiet trotz ungenauerer Darstellung vorzuziehen, da sie nicht nur ein anschaulicheres Kartenbild, sondern auch die bezeichneten Wanderwege aufweist, während das österreichische Blatt die Darstellung des Auslandes nicht den jetzigen Verhältnissen angepasst hat.

6 Vermutlich hat diese Hochmulde früher den Quellgrund des Staller Almbaches gebildet und ist dann vom Antholzer ziergänger unterwegs. Auf einem mit « Nr. 7 » bezeichneten Kriegsweg kommt man in den weiten Kessel hinein, der von den gewaltigen Schutthängen des Hinterhergkojels und den düstren Felshäuptern des Kammes über die Käser- zur Regelspitze ( 2774 m ) gesäumt wird und durch den der Alpweg weiter über die Einsenkung der 2643 Meter hohen Regelscharte ( Forcella di Regola ), auch Hexenjoch genannt, ins Gsieser Tal führt.

Das Gelände ist aussergewöhnlich steinig, dennoch grasen hier Rinder, und tatsächlich wächst, wie mir erklärt wird, zwischen den Steinen das kräftigste Futter! Die Wanderer sind bereits alle auf dem Rückweg; immerhin liegt das Ziel noch in der Ferne, und es ist schon Nachmittag! Nach einem Rätselraten, welches wohl die höchste Erhebung sei und wie man da hinaufkomme, zweigt plötzlich die Markierung « Nr. 7 » im letzten Drittel des Weges rechts über die Wiesen gegen einen Hügel ab. Dort kommen gerade drei italienische Bergsteiger daher, die mir auf meine Frage nach dem Weg zur Roten Wand erklären, der Weg beanspruche etwa noch zwei Stunden und sei bis zum Gipfel bezeichnet. Letzterer taucht auch bald als unverkennbar rotbrauner, leicht zu gewinnender Schuttkegel im hinteren Winkel des dunklen Bergkranzes auf.

Die tiefstehende Sonne bescheint einen einsamen Gipfelstürmer, der über das flache Gestein des Südostgrates zur Spitze steigt. Er schaut nach Nordosten über den ziemlich harmlosen Bergzug, der im Auf und Ab namenlose Erhebungen bildet und schliesslich in den bedrückenden Fels- und Schrofenhängen, die mit ihren Umrissen das Bild am Sattel prägen, zum Ausgang des Tales abfällt. Die Croda Rossa, wie die Italiener die Rote Wand nennen, lugt dort eben noch herein und ist vom inneren Tal aus nicht mehr auszumachen.

Der Bergkamm weiter draussen gipfelt im 2836 Meter hohen Kerlskopf, der von hier aus das De- Bach, der sich rascher ins Steilgehänge der Westseite einschnitt, angezapft worden, wodurch der alte Zufluss abgelenkt wurde.

96 Sonnenuntergang am Pik Korshenevskaja 97 Die gewaltige Pyramide des Pik Korshenevskaja ( 7105 m ). Der Entdecker, der Pamirforscher Korshenev-ski, gab dem Berg den Namen seiner Frau 98 Das internationale Lager Achik- Tash mit dem Pik Lenin ( 7134 m ) im Hintergrund fregger Pfannhorn verdeckt. Drüben zeigen sich über den Talwäldern die Felswände der Rieserfernergruppe, die eine von anderen Gebirgen ganz abweichende, eigenartige Farbe zeigt. Der Nahblick enthüllt einen Steilabstieg nach Südwesten in ein Grasjoch vor der niedrigeren Höllensteinspitze, bei der schon wieder die Wiesenhänge überwiegen. Man schaut auf das Almgelände des Karbachtales, aus dem sich harmlosere Berggestalten erheben, und zu Fussen des Gipfels im Süden und vor allem im Westen fallen unglaublich dunkelrote Trümmerhalden auf.

In der Ferne lassen sich in leichtem Dunst die Umrisse der nördlichen Dolomitengruppen erahnen, von der Dreischusterspitze und den Drei Zinnen über Cristallo, Hohe Gaisl, Dürrenstein und Seekofel bis zu den Sarntaler Alpen; über dem Ei-sacktal steht ein Sonnenschimmer im trüben Gewölk.

In meiner Eile, rechtzeitig vor dem Eindämmern bei den Alphütten einzutreffen, benötige ich nur dreieinhalb Stunden für den gesamten Hin-und Rückweg.

AUF DER STALLER ALM Als ich ankomme, treffe ich gerade den jüngeren Hirten, der an den gegenüberliegenden Hängen das Galtvieh zusammengetrieben hat, um es hier gegen Abend mit Kraftfutter zu versorgen. Das Grossvieh hat schon den Alpabzug hinter sich, und es sind nur noch eine trächtige und eine Milchkuh zur Eigenversorgung da. Albert - so heisst mein neuer Freund-gewährt mir selbstverständlich Gastfreundschaft.

Über die Hüterjungen beklagt er sich: sie vergnügten sich lieber in der Nähe, als die trägen Tiere im Laufe des Tages weiter auszutreiben, damit sie neue Futterplätze aufsuchen. Er selbst führt seine Arbeit noch aus Liebe zum Beruf aus und haust hier mit zwei weiteren Hirten der Alpgenossenschaft aus Antholz. Die Staller Alm reicht von dort aus in das erwähnte Hochtal hinein und über die Grenze herüber, und die hiesigen Weideflächen gehören den Südtirolern. Als we- 99 Unser Lager III am Pik Korshenevskaja auf 6360 m. Im Hintergrund ist der Pik Kommunismus und die linke Hälfte des 10 km langen Eisplateaus zu sehen 100 In den Eisbrüchen, die zwischen Lager lund Lager II überwunden werden müssen Photos: Ruth Stcintnann, Zürich gen der politischen Unruhen die Grenze geschlossen und bewacht war, durften die Antholzer ihre Alpen weiter bewirtschaften; die Hirten erhielten Sonderausweise.

Während wir in der Hüttenstube beim Herdfeuer zusammensitzen und der Hirte seine Pfan-nenspeise löffelt - ich verpflege mich aus dem Rucksack und trinke dazu fleissig frische Milch-, erklärt mir Albert übrigens, dass man dem Weidevieh nicht nur deshalb Glocken umhängt, um es leichter zu finden, sondern weil es sich nach dem Ton der Schelle richtet und damit besser bei-sammenbleibt. Er hat seinen Wagen am Haus stehen, und so kann er sich im Laufe des Sommers seinen Bedarf in St. Jakob holen. Daher meine ich, er lebe also nicht so weltabgeschieden wie mancher andere auf einer Hochalm; doch er entgegnet, seit dem Bau der neuen Strasse sei das Tal vereinsamt - Wanderer seien selten geworden.

Dass das Heu diesen Sommer feucht eingebracht worden ist, bestätigt mir mein Nachtlager, wo reichlich von dieser Habe gespeichert ist. Gut, dass ich meinen weiten Lodenumhang dabei-habe, der mich gegen die Nässe abschirmt. Freilich entwickelt das dampfende Frischheu andrerseits Wärme, sonst wäre es ja nicht leicht entzünd-lich.

DAS ALMER HORN Das hintere Defereggental ist nahe der italienischösterreichischen Grenze zwischen den Ausläufern der Venedigergruppe ( Welitzkamm und Panargen ) im Norden und Osten und der Rieserfernergruppe im Westen gelegen. Letztere ist ein selbständiges, stark vergletschertes Gebirge, dessen Form einem riesigen Pferdehuf ähnelt: Seine Aussenränder bilden die felsigen Steilabfälle im Osten nach Defereggen und vor allem im Süden zum Antholzer Tal, und es umschliesst im Inneren die grossen Eisfelder des Rieserferners über der Senke des Bachertales mit der Hochgall-hütte.

Der geringe Osttiroler Anteil umfasst nur die Ostflanke und reicht nicht ganz bis zum Gipfel *—tei,102 103 101 Matrei im Osttirol, gegen den Kristallkopf Photo: Viktor Harrandt, Österreich-Information, Zürich 102 Die Seebachalm mit der Schwarzach, im Talausschnitt die Schneespitze über dem Klammljoch, im Hintergrund die Gabelspitze und die Arventalspitze Photo: Alfred Thenius, A-Lienz 103 Die Jagdhaus- ( richtig ) Jochhaus-Alm ( 200g m ) Photo: Rudolf Gritsch, Nikolsdorf ( Osttirol ) des Herrschers, des kühnen Hochgalls ( Col Alto, 3435 m ), der weithin das Landschaftsbild bestimmt und an dessen Fusse die nach einem Lawinenschaden neu aufgebaute, gut eingerichtete Neue Barmer Hütte liegt. Vom Obersee her ist ein reizvoller Übergang über die 2880 Meter hohe Jägerscharte und das nordseitig anliegende Almer-kees möglich. Da ich wegen der Neigung des Eisfeldes und etwaiger Spalten als Alleingänger nicht sicher bin, verzichte ich auf das letzte Wegstück.

Bei unbeständigem Wetter steige ich, den leichten Tagesrucksack geschultert - was die meisten Gipfeltouren sehr erleichtert -, zwischen Zirben und Steinbrocken zur « Fläche » hinauf. Der gut bezeichnete Pfad folgt bis hierher der jetzt gottlob harmlosen Grenze. Sehr reizvoll ist der unmittelbare Tiefblick aufs obere Antholzer Tal mit seinem Waldsee und auf die nahen Felsabstürze der Grossen Ohrenspitze. Gegenüber fällt der Blick auf die einsamen Berge am Staller Sattel, Innerro-delkunke ( 2729 m ) und Hinterbergkofel, mit ihren weglosen Hochtälchen.

Die « Fläche » ist eine grosse, baumlose, teilweise schuttüberrollte Hangverebnung, auf der die Masten eines Aufzuges und die wüste Bahn einer Piste auftauchen. Hier haben Geldmenschen ein Wintersportgebiet aufbauen wollen; aber nach der Zerstörung einer Skihütte durch eine Lawine haben sie das Vorhaben fallen lassen und das Gelände an die Gemeinde St.Jakob verkauft. Vor uns zur Linken ragt das von oben ziemlich leicht ersteigbare Kleine Mandi empor, und zur Rechten erstreckt sich die Mauer der Almer Säulen.

Bald überschreiten wir neben einem kleinen Abfluss zwischen groben Trümmern die Schwelle zum Jägerkar. Das Gestein erweist sich als heller Granit mit dunkelgrauen Einsprengseln. Seitwärts droht das Grosse Mandi ( 2818 m ). Zunächst scheint es so, als ob der Zugang zur Scharte die endlosen, steilen Geröllhänge des Kessels bezwingen müsse, aber der Steig weicht diesen links aus und hält auf die Felsen zu, die hier in Form gutgestufter Blöcke einen bei einiger Vorsicht ge- 104 Kais am Grossglockner, Koednitztal gegen Grossglockner Photo: Alois Sedlacek, Österreich-Information, Zürich 105 Die Rötspitze über dem Ursprung der Schwarzach, links davon die Dreiherrnspitze. Die Aufnahme wurde von der Dreieckspitze aus ( Rieserfernergruppe ) gemacht Photo: Alfred Thenius. A-Lienz 106 Venediger und Schobergruppe, vorn der Grünsee Photo: Robert Lobi, Bad Tölz, Österreich-Information, Zürich fahrlosen und nicht mühsamen Anstieg vermitteln. Von beiden Richtungen aus sind verschiedene Leute unterwegs, sogar mit Kindern - die Nähe der Strasse macht sich doch bemerkbar!

Oben versperrt eine kleine Wächte den Ausstieg, aber man kann sie seitlich umgehen und steht nun auf der 2939 Meter hohen Jägerscharte, im Angesicht der schneebelegten Fläche des östlichen Almer Keeses. Die Pfadspur führt über die weiter unten graugestreift zutage tretende, mürbe Eisfläche unter der brüchigen Nordflanke der Ohrenspitzen zu der unter dem trüben Himmel düster wirkenden Geröllfläche des ehemaligen Gletscherbettes, wo die Barmer Hütte steht. Wollte man dorthin gelangen, müsste man sich gleich nördlich des Sattels leicht links halten, um nicht in den abschüssigeren unteren Teil des Eisfeldes zu geraten.

Nun bedaure ich es doch, meinen grossen Rucksack im Tale zurückgelassen zu haben, denn dieser Hochweg zum Schutzhaus hinüber wäre ein Erlebnis gewesen und hätte mich gleich in der Bergwelt verweilen lassen. Wir wenden uns nun rechts zur Besteigung des Almer Horns, dessen Spitze ( 2986 m ) über die Trümmer des Westhanges etwas mühsam zu erreichen ist. Man sollte nicht gleich am Joch in die Gratfelsen einsteigen, sondern den auf das Kees ausmündenden Weg suchen. Oben angekommen, ist es natürlich kühl, und allmählich ziehen sich die Wolken, die schon die nahen Gipfel eingehüllt hatten, zum Schneetreiben zusammen, das sich aber beim Abstieg wieder verliert. Im Schutz der Steine wird, gemeinsam mit zwei Berggängern von « drüben », eine kräftige Vesper eingenommen; dann geht es rasch hinab - frühnachmittags bin ich wieder drunten.

Das vielbesuchte Almer Horn bildet bei günstigem Wetter einen lohnenden Aussichtspunkt.

DER SCHWARZACHGRUND Auf der Staller Alm nehme ich bei freundlichem Wetter meinen Rucksack auf und verabschiede mich von meinem Gastgeber, von dem ich den Auftrag habe, seine Bekannte, die Wirtin der Patscher Hütte, zu grüssen. Freilich hat mir Albert erklärt, dort gebe es wohl keine Unterkunft, weil die alte Frau mit ihrer Enkelin die Tagesbe-wirtschaftung allein zu bewältigen habe. Aber « kommt Zeit, kommt Rat », denke ich und vertraue auf ein gutes Geschick, denn dieses Berghaus ist der letzte Stützpunkt im Schwarzachgrund und in den Quelltälern des jungen Deferegger Baches und für die geplante Überschreitung des Rotermanntörls unbedingt nötig.

Ausserdem beabsichtige ich, vorher von dort aus der Barmer Hütte noch einen Besuch abzustatten, um die leichteren Gipfel in deren Nachbarschaft, Fennereck und Grosser Lenkstein, « abzugrasen ». Die geplante Überschreitung des Fleischbachkeeses zur Seebachalm — ein selten benutzter Weg ( und diese reizen mich immer beson-derswird wohl ausfallen, weil sie in Verbindung mit der oben erwähnten Fahrt zu lang ist.

Zunächst gehe ich auf dem Steinplattenweg bis zur Ausmündung auf die neue Strasse, die hier im Forst bald zu ausgedehnten Kehren ansetzt. Glücklicherweise nehmen mich Ausflügler aus St.Jakob im Wagen mit; denn der langgestreckte Abstieg auf der Teerstrasse bei dem regen Verkehr ist selbst bei dem Ausblick durch die Tannen auf das tiefliegende Haupttal kein Vergnügen und zeitraubend. Es muss aber wohl an anderer Stelle der alte Fussweg wieder seitlich abzweigen, da ich unten an der Katzleiterbrücke den Wegweiser nach oben entdecke.

Man kann, um die nordseitig unter den Wald-schrofen der Himmelwand talein führende Naturstrasse zu meiden, auf einem reizvollen Waldweg diesseits der sprudelnden Schwarzach zur Patscher Alm gelangen7. Schon auf einer Blösse davor wird man des stolzen, 2648 Meter hohen Rothorns ansichtig, das über die Ausmündung des Patscher Tales ragt. Vor den Käsern8 steht der erweiterte Steinbau des Gasthauses in 1667 Meter Meereshöhe. Hier lässt es sich gut sein!

7 Er ist aufder Karte noch nicht eingetragen.

8 Von lat. casa = Haus.

Auf meine Einführung hin erklärt sich die freundliche, gottesfürchtige Frau Schett ausnahmsweise bereit, mir - wenn ich mit bescheidener Ausstattung zufrieden sei — Herberge zu gewähren. Ein kurz darauf eintreffender junger Wanderer wird aber in das Heulager einer Almhütte verwiesen. An Speise und Trank fehlt es nicht, und zum Abend trifft noch eine Gesellschaft froher Bergfreunde aus Brück an der Mur ein, die in einer Urlaubswoche bei schönem Wetter von Krimml über die Tauerngletscher herübergekommen sind.

Am folgenden Vormittag fallen meine Pläne, die Rieserfernergruppe durchs Patscher Tal kennenzulernen, ins Wasser. Regen und Höhennebel lassen einen Aufstieg sinnlos erscheinen - oben gibt es ohnehin Neuschnee. Ausserdem könnte ich bei meiner Rückkehr hier nicht wieder übernachten, da die Wirtin am Montag in St.Jakob Ware einkauft. Man bedenke, dass es hier weder elektrisches Licht noch Telefon oder einen Kraftwagen gibt! Trotz mangelnder Wasserleitung ist das Heim sauber, und die Gastfreundschaft macht den fehlenden Komfort für den Einkehrenden wett.

Am Nachmittag erkunde ich den schmalen Schwarzachgrund. Wie ich, dem trockneren Fahrweg folgend, feststelle, kann er ebenfalls auf einem bezeichneten, ausgebauten Fusspfad diesseits des Baches begangen werden. Kurz vor der Oberhausalm ist rechts eine neue Ausflugswirt-schaft errichtet, die aber leider nicht als Stützpunkt dienen kann. In der Sennhütte gibt es Milch, und hier führt auch ein Steg über den Bach. Am ostseitigen Berghang erstreckt sich ein ausgedehnter, geschlossener Zirbenwald, der grösste der Ostalpen. In der Rückschau zeigt sich das Kahorn nebelumwallt im Talausschnitt.

Der Weg biegt ums Eck; drüben steht eine schwarze Ziege wie ein Denkmal gegen den Himmel, und vor uns liegt die Seebachalm unter der 3157 Meter hohen Fleischbachspitze, einem hohen, firnüberdeckten Stock. Die Berge der nördlichen Rieserfernergruppe bilden hier die unmittelbare Talbegrenzung zur Linken. In den unteren Häusern kann man zur Not ein Lager erhalten, just am Seebach, wo zwischen den Kuhwegen die Pfadspuren von den Steinbankungen der « Platten » herabkommen, die ehemals ein Lappen des Fleischbachkeeses bedeckt haben muss und die nun wasserüberronnen in der spärlichen Sonne glänzen. Einsames, wildes Gebirge! Ich versäume nicht, die Heu wendenden Almbauern nach dem jenseits des Brückleins beginnenden Anstieg zum Rotermanntörl zu fragen, dessen Richtung eine vorgeschobene Felsspitze anzeigt. Er sei nur dürftig markiert und wenig begangen, heisst es.

Auch weiter drinnen ist der Alpweg gut ausgebaut; aber zu beiden Seiten dehnen sich baumlose Weidehänge aus, hinter denen der zurückliegende Gipfelkamm verschwindet, bis man an die Verzweigung kommt, wo die Schwarzach und der das Arvental9 durchfliessende Bach zusammentreffen. In der weiten Mulde liegen hier, auf 2000 Meter Höhe, die letzten menschlichen Behausungen vor den nördlichsten Gipfeln der Rieserfernergruppe, der Dreieckspitze ( 3031 m ) und dem Graunock, und dem Reinhard an der Verbindung von Welitz- und Dürreckgruppe, dem Westende der Hohen Tauern.

Die Jagdhausalm, da und dort als Jausenstation bezeichnet, besteht in Wirklichkeit nur aus einer Ansammlung schmutziger, kleiner, verfal-lender Steinhütten mit einem rührenden Kapellchen daneben, wo man, zwischen Morast und Misthaufen umherstapfend, nicht weiss, welche Räume — die alle gleichermassen kleine Fensterlöcher haben - nun Ställe und welche Aufenthaltsräume darstellen sollen. Immerhin handelt es sich um die aus dem 13.Jahrhundert stammende, älteste Alm ÖsterreichsI0!

9 Eine Namenserklärung ist nicht ersichtlich. Möglicherweise bezieht sich die Bezeichnung, wenn man sie auf den Schwarzachgrund ausdehnt, auf den dortigen Waldbestand. Eine weitere Benennung « Affental » dürfte eine Verballhornung sein.

10 Eigentlich Jochhausalm nach den 1212 hier bezeugten sechs bewohnten SchwaighöfenLehen mit der Auflage der Käselieferung ). Der Ausdruck « Alm » findet sich in den östli- Ein kalter Wind fegt vom nahen Klammljoch -dem Übergang ins oberste Südtiroler Raintal, bis zu welchem der Fuhrweg ausgebaut ist -, dass man denkt, der Winter stehe vor der Tür. Es lässt sich kaum ein einsameres Gebiet denken, und es ist schade, dass diese beiden hinteren Täler, von denen das der Schwarzach eng zwischen die hohen Berge eingezwängt ist und unter verfirnten Dreitausendern endet, keinen Stützpunkt aufweisen. In einer Tageswanderung kann man als « Normalgeher » höchstens bis zu ihren Wurzeln vorstossen. Die Natur ist hier so rauh, dass gegenüber der « Weissen », den auffallenden Kalkrinnen am Eingang ins innere Schwarzachtal, jetzt erst - Mitte August - die letzten Alpenrosen ver-blühen.

Noch ein Abschiedsblick auf die « Steinerne Stadt », wie man die von ferne fast südländisch anmutende Jagdhausalm benennt, und die über dem Ursprung der Schwarzach noch halb umwölkten, verschneiten Höhen - die Schneegrenze liegt augenblicklich bei etwa 2500 Meter. Dann geht es wieder hinaus, erst im Banne der über dem Einschnitt des Seebaches massig hingelagerten, 2916 Meter erreichenden Bretter- oder Stollspitze, die ihren Namen von der auffallenden, waagerechten Bänderung haben dürfte, und dann im Angesicht der 2886 Meter hohen Hutnerspitze über den Zirben und Schwarzachauen.

Damit ist das drinnen so stille Defereggental mit seiner Bergwelt, das vom freundlichen Talgrund über die Waldflanken und Hochweiden bis zu den Eisfeldern urweltlicher Höhen reicht, ausgemessen, das heisst, es wurden nur einige reizvolle Punkte der vielfältigen Landschaft herausgegriffen. Mit der Wanderung übers Rotermanntörl betreten wir die Scheide zwischen den Tälern der Schwarzach und der Isel und gelangen in den Bereich der Hohen Tauern.

chen Alpengebieten neben dem älteren Wort « Alp » = Berg ( -weide ), das wahrscheinlich von den Ligurern übernommen wurde, unserem Gebirge den Namen gab und heute noch in Frankreich, Italien und der Schweiz allein gebraucht wird.

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