Pamir — auf dem <Dach der Welt>

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Beat Liniger, Niederbipp

Blick vom Bel-Kondou-Pass ( ca.3400 m ) ins Su-gran-Tal und auf den Sechstausender Burs mit seinem imposanten Gletscher ( West-Pamir ) Durchzogen und begrenzt von den gewaltigsten Gebirgszügen unserer Erde, dem Tienschan, dem Hindukusch und dem Pamir, scheint das asiatische Reich Turkestan für immer etwas vom ersten Atem der Menschheit bewahrt zu haben. Von seinen Wüsten, Steppen, Oasen und uralten Städten aufsteigend, erreicht der Reisende schliesslich die Hochflächen des Pamir, wo der Volksstamm der Tadschiken noch ein einfaches und einsames Nomaden-Dasein führt.

Der Mann im blauen Turban lacht laut und überschwemmt mich mit einem Wortschwall. Er ist Tadschike, Bauer in einem abgelegenen Bergdorf im Pamir, und fragt mich, ob wir Freunde werden wollen. Ich hatte genickt.

Wild und unberührt Die Episode mit dem tadschikischen Bauern spielte sich im West-Pamir ab, eine Tagesreise entfernt von Duschanbe, der Hauptstadt der Tadschikischen Sozialistischen Sowjetrepublik, die an Afghanistan und China grenzt. Am Anfang der Reise stand eine beschwerliche Fahrt im Jeep. 270 schüttelnde und rüttelnde Kilometer über löchrige, schmale Gebirgsstrassen hinauf zum sogenannten , von wo aus die Gebirgsketten des Hindukusch, Himalaya und Pamir in alle Himmelsrichtungen laufen. Der Pamir ist ein relativ junges Gebirge und praktisch unbewaldet; entsprechend stark ist die Erosion. Nach ausgiebigen Regenfällen sind die engen, unasphaltierten Strassen oft tagelang gesperrt, weil Erdrutsche, Rufen und angeschwollene Bäche die Fahrbahn unpassierbar machen. Trotz des mühseligen Weges lohnt das Ziel die Fahrt: Eine grandiose Berglandschaft, eingerahmt von mächtigen Gipfeln; die meisten sind über 6000 m hoch, einige namenlos, viele unbestiegen. Ein unberührtes und wildes Gebiet, und wer die letzten Dörfer hinter sich lässt, kann sich auf den weiten, kargen Hochebenen verlieren. Hier oben begegnet man nur wenigen nomadisierenden Tadschiken und Kirgisen, die Jaks, Schafe und Ziegen sommern. Zur heissen Jahreszeit schmilzt der Schnee bis auf 4000 m Höhe. Darüber ist der Pamir stark vergletschert. Imposante Eisströme, wie der Fedtschenkogletscher, liegen zwischen den Bergketten. Im relativ trockenen Klima der Täler wächst überraschend viel; Kartoffeln, Gemüse aller Art, vielerlei Nüsse und Beeren. Wer Nussbäume besitzt, gilt als wohlhabend. Die Bevölkerung in den Tälern lebt weitgehend autark, nur das Mehl für das Fladenbrot, welches genannt wird, muss aus Duschanbe eingeführt werden.

Im Pamir finden sich die höchsten Gipfel der Sowjetunion, so der Pik Kommunismus ( 7496 m ). Die imposante und noch weitgehend unberührte Bergwelt zieht immer wieder europäische Alpinisten an. Schon seit einiger Zeit werden kommerzielle Expeditionen von der Schweiz aus zu den Siebentausendern angeboten. Bis vor kurzem musste dazu allerdings eine Bewilligung des sowjetischen Sportkomitees eingeholt werden ( das dafür saftige Gebühren einstrich ).

Ausgangspunkt der meisten Touren ist Osh in der benachbarten Republik Kirgisien, weshalb die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oft kaum in Kontakt mit der tadschikischen Bevölkerung kamen. Dies soll sich nun ändern. Tadschikistan öffnet sich schrittweise dem Tourismus, und der verantwortliche Minister Abdumalik Abdullajewitsch hofft auf entsprechende Devisen. Die staatlichen Organisationen wie Intourist und Sportkomitee wurden ausgebootet, und so benötigen Alpinisten nun keine ( kostspielige ) Besteigungsbewilligung mehr.

Ein Reittier ist hier ein beliebtes Fortbewegungsmittel.

Ein Dreitausender im West-Pamir Auf den Spuren von Lorenz Saladin Wer sich mit der alpinistischen Geschichte des Pamir befasst, stösst auf den Namen eines Schweizers. Lorenz Saladin war ein alpinistischer Globetrotter, eine für die damalige Zeit reichlich ungewöhnliche Erscheinung. Nach Reisen durch die USA, Brasilien, Argentinien, Bolivien, Peru und Kolumbien (

Selbstbiographie schrieb ), reiste er gemeinsam mit vier anderen Schweizern 1933 in den Kaukasus. Hauptinitiant der Expedition war der Alpine Ski-Club Zürich, aber auch der SAC leistete finanzielle Unterstützung. Doch das Unternehmen war nicht vom Glück begünstigt: Ein junger Expeditionsteilnehmer stürzte beim Aufstieg zu einem Gipfel ab und verletzte sich tödlich, zwei weitere wurden krank. Das Resultat war bescheiden: ( Vier Monate, fast zehntausend Franken, und nur zwei Gipfel ), merkte ein Teilnehmer enttäuscht an.

1934 brach Saladin mit einer kleineren Gruppe von Schweizer Bergsteigern erneut in den Kaukasus auf. Die vierköpfige Expedition war diesmal recht erfolgreich; es gelang ihr, verschiedene Vier- und Fünftausender zu erklimmen. Dazu gehörte auch die Erstbesteigung des Mischirgi-Tau-Westgipfels.

Ein Jahr später war der damals 39jährige Lorenz Saladin schon wieder unterwegs, diesmal im Pamir, allein, ohne schweizeri- sehe Begleitung. Später Schloss er sich einer Gruppe von sowjetischen Wissenschaftlern an, die Gesteinsuntersuchungen durchführen wollte. Die Reise führte zunächst in den Serawschan, eine dem Pamir vorgelagerte Gebirgskette, nordöstlich von Duschanbe. Saladin erkletterte zusammen mit sowjetischen Partnern eine Reihe von Fünftausendern. Er gab den zum Teil noch namenlosen Gipfeln Schweizer Namen, frei nach Form und Farbe: Breithorn etwa oder Sattelhorn. Kurz darauf reiste Saladin weiter in den Ost-Pamir, eine Gegend, die selbst heute noch nahezu unberührt von westlichen Einflüssen ist. Dort gelang ihm zusammen mit seinem Begleiter Vitale Abolakow die Besteigung des Pik Trapez ( 6100 m ). Vor den beiden Alpinisten hatten erst drei Deutsche den Gipfel erreicht.

Saladin, der wagemutige und erfolgreiche Bergsteiger, starb 1936 an der Folge von Erfrierungen an Händen und Füssen, die er sich am Khan Tengri ( 6995 m oder 7010 m ) im Tienschan zugezogen hatte.

Alexander Cherputschenko und sein Kollege Vladimir Razjkow, ein Geschichtslehrer, sind Meister des Sports. Auf dem Boden sitzend, bei einer der zahlreichen Mahlzeiten, zu denen wir während unserer Reise eingeladen werden, erzählen sie von ihren Plänen. Im Sommer wollen sie sich am Pik Kommunismus versuchen. Ihr grösstes Problem ist das fehlende Material.

In der Sowjetunion fehlten Hersteller von Bergsportartikeln lange Zeit gänzlich, obwohl das Rohmaterial vorhanden wäre; zum Beispiel Titan, aus dem die sowjetischen Bergsteiger ihre Eigenkreationen ( Eisröhren, Felshaken ) fertigen. Ein Beweis, wie dürftig die Ausrüstung ist, liefert auch Alexander Cherputschenko auf einer Tour im Serawschan. Als es zu regnen anfängt, bedeckt er sich mit einem gewöhnlichen Stück Plastik.

Der sowjetische Alpinismus unterscheidet sich noch in weiteren Punkten von jenem in der Schweiz: Ein ausgeklügeltes Rettungswesen fehlt hier ebenso wie Hütten. Ab und zu dienen Jurten als Biwakersatz, ansonsten ist das Zelt die übliche Behausung. Die Anmarschzeiten zu den Lagern sind lang, in der Regel fünf bis sechs Tage. Und kräftezehrend dazu: ( Für einen Monat nehmen wir alles im Rucksack mit ), sagt Vladimir Razjkow. Unüblich ist auch die sowjetische Art der Akklimatisierung beim Höhenbergsteigen. Gilt unter westlichen Alpinisten die Regel, während des Tages hoch hinaufzusteigen, und das tiefer gelegene Biwak sukzessive nachzuziehen, glauben die Sowjets, dass die Akklimatisierung effektvoller ist, wenn man die Höhe der Lagerplätze nach und nach über die Grenze des persönlichen Wohlbefindens Auf dem Kala-Dubschek-Pla-teau ( ca. 3400 m ), am Fusse des Maida; ganz im Hintergrund der bekannte Pic Evgenin Kor-schenewski ( 7105 m ) hinausschiebt, dazwischen sollen Abstiege ins Basislager diesen sogenannten ( Höhen-spritzen ) Wirkung verleihen.

Orientalische und islamische Einflüsse 99 Prozent der Bevölkerung im Pamir sind Tadschiken, im restlichen Teil des Landes lebt ein buntes Gemisch von Ukrainern, Usbeken, Kirgisen und Tataren. grüssen die Leute, ansonsten verstehen wir das Tadschikische, einen iranischen Dialekt, wenig.

Während unserer Reise kommt es öfters vor, dass der Hausherr zur Feier des Tages einen Schafbock schlachtet; grosse Fleisch-platten werden aufgetragen, garniert mit Kartoffeln und Reis, Gemüse aller Art. Dazu gibt es Fladenbrote, Früchte und Nüsse. Und natürlich Wodka in nicht zu knapp bemessener Menge.

Lorenz Saladin beschrieb ein solches Mahl: ( Unterdessen gelangten wir in die Mitte des Gartens, wo ein offenes Gartenhaus stand, der Boden mit Orientteppichen belegt und darauf einige Schüsseln mit Früchten. Wir nahmen Platz, nachdem wir die Schuhe ausgezogen hatten, und begannen zu essen. Dazu wurde noch Tee serviert. Der Wirt verabschiedete sich für eine Stunde und kehrte mit Schüssel und Krug zurück; wir wuschen uns die Hände, und nun kam das echte, östliche Pilaw, Reis in Butter geröstet und mit Rubli gemischt (... ) Alle sitzen, die Beine verschränkt auf dem Teppiche, um die Schüssel, und das merkwürdige Essen beginnt: ohne Löffel, mit der Hand wird der Reis geballt und in den Mund gesteckt. ) Im Pamir verschmelzen orientalische und islamische Einflüsse. Anwar, Präsident eines kleinen Dorfes namens Lang Ar, im Tal des Flusses Obikinghou gelegen, verkörpert diesen Typus aufs eindrücklichste. Er ist ein Schwergerwicht, körperlich und politisch. Als gläubiger Muslim hat er drei Frauen im Alter von 20, 25 und 35 Jahren; er selber zählt 37 Jahre. Die Frauen wohnen in verschiedenen Häusern und Anwar pendelt von einer zur anderen.

Anwar ist zugleich eine Respektsperson. Überall wo wir hinkommen, wird er ehrfurchtsvoll gegrüsst. Wohl nicht zuletzt, weil er als Vorsitzender der Talbevölkerung dafür verantwortlich ist, dass die Bauern ihre Produkte absetzen können.2 In Meona De führt uns Anwar in die lokale Schule. Es ist ein einfaches, niedriges Gebäude. An den Wänden hängen Tafeln mit Leitsprüchen, etwa:

In den kleinen, wenig geheizten Zimmern besuchen sie gemeinsam den Unterricht von der ersten bis zur elften Klasse. Perestrojka hat auch hier, im äussersten Zipfel der Sowjetunion, Eingang gefunden. Vor kurzem erhielt die Schule neue Geschichtsbücher, in denen man alle Punkte betreffend Stalin korrigiert hat. Was früher glorifiziert wurde, wird jetzt zum Teil verdammt. Dazu gehört auch die im Zuge der Industrialisierung erfolgte Vertreibung der Bevölkerung aus ihren angestammten Gebieten in den dreissiger und vierziger Jahren. Die Bewohner von Meona De sind davon persönlich betroffen, denn sie wurden gegen ihren Willen ins Grenzgebiet zu Afghanistan verpflanzt.

Stalin ist in schlechter Erinnerung, dafür ist Lenin überall präsent. Auf Bildern und auf Ansteckknöpfen, welche die Lehrer am Revers tragen. Und natürlich Gorbatschow. Bilder von ihm hängen neben jenen von tadschikischen Dichtern an der Wand des Schulzimmers. ( Gorbatschow hat es möglich gemacht, dass wir hier zusammensitzen können ), meint Anwar. Darauf stossen wir mit Wodka an. Einmal, zweimal, mehrmals.

2 Anlässlich der jüngsten Landreform wurden z.B. von der tadschikischen Regierung 160000 ha Land aus der von Moskau dirigierten Planwirtschaft herausgelöst und an die Bauern verpachtet. Diese arbeiten deshalb nicht mehr im Verband der Kolchosen und müssen nun selber für die Vermarktung ihrer Erzeugnisse besorgt sein.

A,

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