Para-Trekking im Himalaya

Vincent von Kaenel, La Chaux-de-Fonds

Die Landeplätze sind im allgemeinen günstig; hier z.B. auf der Ebene von Nimaling.

Im Himalaya zu fliegen, von diesen kahlen Bergen mit ihren im Laufe der Zeit weich gewordenen Formen, ein Eindruck, der durch das warme Abendlicht noch verstärkt wird, mit diesem Gefühl der Freiheit und der Einsamkeit, das sich beim Trekking einstellt, zu fliegen, das kann niemanden unberührt lassen.

Wir wollen Ladakh besuchen, jenes Gebiet im Norden von Indien zwischen den tibetischen Hochebenen und dem Karakorum in Pakistan. Dieses grosse Tal, durch das der Indus fliesst, liegt auf 3500 m. Es ist von Gipfeln umgeben, die bis zu ungefähr 6000 m aufragen. Das Klima ist wüstenartig, die Temperatur kann im Winter auf — 30 °C sinken, im Sommer bis zu +35 °C ansteigen. Die Ankunft mit dem Flugzeug in Leh, dem Hauptort von Ladakh, ist sehr eindrucksvoll. Nicht jeder Pilot kann mit einer Boeing 737 in diesem verhältnismässig engen Tal fliegen! Dazu kommt, dass die Maschinen auf dieser Strecke wegen des Zusammenwirkens der Lufttemperatur und der Höhe, um eine zu harte Landung oder Schwierigkeiten beim In dieser Landschaft hat der Mensch einen anderen Lebensrhythmus und eine andere Sicht der Dinge.

Start zu vermeiden, nicht mit voller Last fliegen können. Diese Bedingungen ermutigten uns nicht gerade zu unsern ersten Gleit-schirmversuchen.

Die Vorbereitung Die Vorbereitung soll schon vor dem Start für grösstmögliche Erfolgsaussichten sorgen. In diesen abgelegenen Regionen, in de- nen der nächste Arzt einen mehrtägigen Fussmarsch entfernt sein kann, darf nichts dem Zufall überlassen bleiben. Einerseits muss man fähig sein, an etwa zehn aufeinanderfolgenden Tagen sechs bis sieben Stunden täglich zu gehen ( und dabei die Lust zum Gleitschirmfliegen zu behaltenmit regelmässigem Training ist das nicht schwierig. Andererseits ist es von äusserster Wichtigkeit, die jeweiligen Luft- und Bodenverhältnisse beurteilen zu können. Ist der Startplatz gut gewählt? Sind die Bedingungen günstig? Wie wird sich die Situation entwickeln? Wie sind die Landemöglichkeiten? Beherrsche ich meinen Gleitschirm genügend, um jetzt zu fliegen?

Um auf alle diese Fragen antworten zu können, sind gute Kenntnisse des Gleitschirmfliegens unbedingt nötig. Man muss abseits von überlaufenen Gegenden fliegen, um allein vor der Entscheidung zu stehen, soll ich fliegen oder verzichten. Regelmässig zu fliegen ist auch eine Voraussetzung, um grössere Weiten, grössere Höhen zu erreichen.

Das Trekking Ehe wir zum Trekking aufbrachen, haben wir einige Flüge ausgeführt, um die örtlichen Verhältnisse zu erkunden. Nahe bei Leh, gerade hinter der Lamdon School, gab es einen guten Übungshang. Die Landefläche befand sich auf dem Schulplatz. Nachdem wir uns mit dem Direktor verständigt hatten, sind wir zum Startplatz aufgestiegen. Als wir starte- ten, bewegte der Wind die Gebetsfahnen, die von den Buddhisten überall aufgerichtet werden, damit der Wind so viele Gebete wie möglich verrichten kann. Für Gleitschirmflieger ist das sehr praktisch, denn diese Fahnen wehen nahezu auf allen Bergen der Umgebung und auch auf den meisten Häusern; die Windrichtung ist also immer klar ersichtlich. Nach eingehender Prüfung der Startbedingungen entschliessen wir uns zum Flug. Dieser erste Flug in Ladakh macht mich etwas nervös, ich merke, dass man mehr als ge- Der königliche Palast von Stock Gebetsfahnen oberhalb von Leh wohnt laufen muss. Der Flug ist kurz, aber ich habe dennoch Zeit, diese von den europäischen Gebirgen ganz verschiedene Landschaft zu betrachten. Trotz der frühen Stunde sind die Turbulenzen ziemlich stark. Bei der Landung umsteht mich eine grosse Gruppe von Schülern. Alle wollen das Segel anfassen und kommen so nahe, dass es für mich schwierig wird, es auszulegen, um es zusammenzufalten. Sie drängeln sich, um zu sehen, dank welchen Zaubers man mit einem solchen Stückchen Stoff fliegen kann.

Während der Woche, die wir zur Akklimatisierung und Vorbereitung des Trekkings in Leh zubringen, können wir jeden Tag

Nach drei Tagen Marsch, zusammen mit unserm Führer Tachi und seinen beiden Ponys, erreichen wir den Koumarung La, einen 5300 m hohen Pass: im Norden die steilen Berge von Ladakh, im Süden die Ebene von Nimaling und der 6400 m hohe Yang Kang. Am Beginn dieses Morgens sind die Bedingungen noch gut. Der Führer hat seine Ponys angebunden, damit sie bei der Landung eines so grossen Vogels nicht durchgehen. Nach diesem langen Aufstieg macht mir der erste Flug viel Vergnügen, die Umgebung ist herrlich. Die Landung bei gleichmässigem Talwind ist sanft. Beim nächsten Pass, dem 5100 m hohen Zalung Karpo La, muss ich feststellen, dass zwar ein schöner Flug möglich wäre, dass aber an diesem Tag der Wind wirklich zu stark ist.

Allmählich ändert sich die Landschaft: einige kräftige Büsche, ein paar Bäume in der Tiefe eines Tals, etwas mehr Gras entlang der Bäche. Wir nähern uns den Hochebenen von Tibet, wo die Täler auf 4500 bis 4800 m liegen und breiter sind. Wir beschliessen, von der Landschaft zu profitieren und einen Tag in der Region von bat, einem Winterdorf der Nomaden, zu bleiben. Während dieses Ruhetags sind die Flugbedingungen ausserordentlich gut. Ich habe beschlossen, am Abend einen Flug zu machen, weil dann im allgemeinen die Verhältnisse günstiger sind. Alle uns umgebenden Berge bieten Start-möglichkeiten, und die Landung ist in diesen weiten Tälern kein Problem.

Am Ende des Nachmittags war ich, nach einem beschaulichen Tag, zu einer kleinen Anstrengung bereit: aufzusteigen, um hinab- Alles dreht sich um das lebenspendende Wasser.

zufliegen. Während des Marsches konnte ich einen Bartgeier beobachten, der sich in einer kräftigen Thermik weit in die Höhe schraubte. Ich beschleunigte meinen Schritt. Die Start-situation machte es möglich, in dieselbe Zone zu gelangen wie der Vogel. Der Aufwind war immer noch genügend stark, so dass ich seine Kraft nutzen konnte. Die Berge boten in dem warmen Licht dieses Vorabends einen zauberhaften Anblick. Bei jeder Runde in der aufsteigenden Strömung entdeckte ich einen neuen, etwas weiter entfernten Berg. Der Weg, den wir am Vortag zurückgelegt hatten, schien mir von dort oben gar nicht mehr so lang! Um die Etappe des nächsten Tages mit dem Gleitschirm zurückzulegen, wären noch mehr warme Aufwinde nötig gewesen. Die Thermik, in der ich mich jetzt bewegte, begann schwächer zu werden. Während des Landeanflugs dachte ich an den Geier, der wohl schon 50 km zurückgelegt hatte.

Der nächste Pass, der Yar La, war zu flach, um auch nur die geringste Möglichkeit für einen Flug zu bieten. In der Umgebung von Darcha waren die Verhältnisse in der Luft etwas ruhiger geworden, so dass während des ganzen Tages Flüge möglich wurden. Die Feuchtigkeit sorgte für etwas ausgegliche-nere Temperaturen. Weiter im Süden war der Monsun zu stark, als dass es möglich gewesen wäre zu fliegen, ohne nass zu werden.

Ratschläge für das Fliegen im Hochgebirge Das Gelingen eines Fluges im Hochgebirge hängt, ebenso wie in geringeren Höhen, selbstverständlich von den meteorologischen Bedingungen ab. Aber wegen der Eigenart dieser Flüge in Gebieten wie dem Himalaya ist die Bedeutung bestimmter Eigenschaften des Gleitschirms und des Piloten erheblich grösser.

Wie bekannt, nimmt der Luftdruck mit der Höhe ab. Auf 5500 m ist er noch ungefähr halb so hoch wie auf Meereshöhe. Für alle Flugapparate bedeutet das in diesen Höhen eine Steigerung ihrer Geschwindigkeit um Die Schönheit der landschaftlichen Kontraste bewegt uns, immer weiter zu gehen, um Neues zu sehen.

40%. Die notwendige Startgeschwindigkeit eines Gleitschirms erhöht sich in gleichem Mass, was zu einigen Überraschungen führen kann: Wenn die Startgeschwindigkeit eines Gleitschirms in Meereshöhe 20 km/h beträgt, so sollten es in 5500 m 28 km/h sein. Dasselbe gilt für die Fallgeschwindigkeit, die von 1,6 m/s auf 2,25 m/s in 5500 m steigen kann. Eine solche Erhöhung der Geschwindigkeit ist spürbar und beeinflusst die Flugstrecke ebenso wie die Wucht der Landung.

Andererseits wirkt die Temperatur der Luft auch auf deren Dichte ein und damit auf die Geschwindigkeit des Gleitschirms. In sehr grossen Höhen ist die Luft hier nicht immer so kühl wie in den Alpen. Dieses Phänomen verstärkt noch die bereits von der Höhe bewirkte Steigerung der Geschwindigkeit.

In diesem Teil des Himalaya sind entsprechend dem Wüstenklima die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sehr gross und verursachen schon früh am Tag starke Aufwinde. Wir haben bereits um 9 Uhr, erst zwei Stunden nach Sonnenaufgang,

Die Talwinde im Himalaya folgen nicht denselben Regeln wie in den Alpen, wo die Täler verhältnismässig kurz sind. In jenen Gebieten des Himalaya sind die Täler sehr lang ( das von Ladakh erstreckt sich über 500 km ), und es gibt keinen einheitlichen, durchgehenden Wind. Es herrschen lokale Winde, die je nach der gerade bestehenden Thermik talaufwärts oder -abwärts wehen können.

Vorsicht vor den Wirkungen der Höhe Die Höhe wirkt nicht nur auf das Verhalten des Gleitschirms ein, sondern auch auf den Piloten. Kommt man ohne Übergang in die Höhe, so wird der Sauerstoffmangel selbst im Ruhezustand spürbar ( Kurzatmigkeit, Schwindel, Brechreiz ). Für jeden, der weitere Anstrengungen auf sich nehmen oder noch höher steigen will, sind einige Tage zur Akklimatisierung unbedingt nötig. Zu viele Trekker akklimatisieren sich nicht vor dem Aufbruch und haben dann unter den negativen Auswirkungen ihrer Eile zu leiden. Wir haben uns für die Akklimatisierung in Leh ( 3500 m ) eine Woche Zeit genommen. Bei der Überquerung eines 5300 m hohen Passes am dritten Marschtag hat uns die Höhe keinerlei Probleme bereitet.

Alle diese Auswirkungen der Höhe sollten auch die Auswahl des zu verwendenden Gleitschirms bestimmen. Nicht alle Gleitschirme sind für Flüge in grösseren Höhen geeignet. Indem man einen Gleitschirm wählt, der sich mit einer kurzen Anlaufstrecke und bei niederer Geschwindigkeit starten lässt, kann man bereits die meisten der durch die Höhe bedingten Probleme vermeiden. Weiter ist, um sicher zu fliegen, ein tadellos reagierender Gleitschirm zu empfehlen. Wenn der Geschwindigkeitsbereich gross ist, so wird das von Vorteil sein, um gegen die Talwinde anzukommen; allerdings ist in diesem Fall Vorsicht geboten, denn ein schneller Gleitschirm darf nicht als Vorwand dienen, um bei gefährlichen Verhältnissen zu fliegen. Ein nicht zu schwerer und zu sperriger Gleitschirm ist am Boden angenehmer. Der Pilot muss in der Lage sein, die Luft- und Strömungsverhältnisse zu beurteilen, er muss bei ungeeigneten Bedingungen auf den Flug verzichten können, ausserdem sollte er seinen Gleitschirm wirklich ausgezeichnet kennen.

Alle diese Empfehlungen sind nur wirksam, wenn sie ständig befolgt werden. Ein gewissenhafter Gleitschirmflieger hat sehr viel mehr Aussicht, ein alter Gleitschirmflieger zu werden!

Wir haben für die Flüge, von denen oben die Rede ist, den Gleitschirm Alpha 23 von Advance gewählt. Unser Gewicht - 55 und 65 kg - liegt genau in der vom Konstrukteur angegebenen Spanne. Es ist auf jeden Fall besser, wenn das Gewicht im unteren Teil dieser Spanne liegt, damit man mit minimaler Geschwindigkeit starten kann. Dieser Gleitschirm hat alle für den Flug in grosser Höhe notwendigen Eigenschaften. Mit einem leichten Gurtzeug vom im Gebirge gebräuchlichen Typ kann 1 kg vom Gesamtgewicht des Gleitschirms eingespart werden.

Die Verbindung von Gleitschirmfliegen und Trekking ist sehr interessant. Trekking erfordert die Beherrschung des Körpers und die Kenntnis seiner Grenzen, Gleitschirmfliegen erfordert die Beherrschung der eigenen Leidenschaften und Sehnsüchte.

Der grosse Wandteppich ( Tanaka ) von Phiang wird nur alle sechs Jahre ausgehängt.

Empfehlenswerte Bücher Etienne, Jean-Louis: Médecine et sports de montagne, Editions Acla, Paris 1987 Aupetit, Hubert: Les visiteurs du ciel, Editions Rétine, Paris 1989 Aus dem Französischen übersetzt von Roswitha Beyer, Bern

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