Pass-Strapazen Anno 1843

VON LOUISE VON KAUFFBERG

GRINDELWALD-SCHEIDEGG-MEIRINGEN-ORIMSEL-FURKA-GOTTHARD-BELLINZONA Mit 1 Bild ( 62 ) Nur noch die ältesten der heutigen Generation - oder ist es besser gesagt, die letzten der früheren Generationwerden sich beim Lesen der nachstehenden Schilderung an selbsterlebte oder selbst-geschaute ähnliche Reisebilder erinnern können. Welch ein Wandel innerhalb eines kurzen Jahrhunderts!

Die Verfasserin des Berichtes, Louise von Kauffberg, war Gesellschafterin der Prinzessinnen Karl Güntherine, Luise und Charlotte von Schwarzburg-Sondershausen, der Witwe und der Töchter eines Prinzen aus dem deutschen Fürstengeschlecht von Schwarzburg-Sondershausen. Die verwitwete Prinzessin liess sich im Frühjahr 1843 in Grindelwald ein Chalet bauen, das von den Talleuten « Gräfihus » ( das Haus der Gräfin ) benannt wurde. Sie weilte in jenem Jahre vom 24. Mai-24. September im Gletscherdorf und verliess die Schweiz in Begleitung ihrer Töchter, des Hoffräuleins, des Grindelwaldner Führers Roth und mehrerer Bedienter über Grosse Scheidegg-Grimsel-Furka-Gotthard, auf einem Wege, der bei sehr schlechtem Wetter aussergewöhnliche Strapazen mit sich brachte. Diese kommen durch den empfindsamen Stil des Fräuleins von Kauffberg trefflich zum Ausdruck.

Zum besseren Verständnis sei beigefügt, dass die 52 Jahre alte Prinzessin- Witwe von der Verfasserin meist kurz « die Prinzess » oder « Prinzess Karl » ( nach ihrem verstorbenen Gatten ), die 30jährige Tochter Luise « die ältere Prinzess » und die 27jährige Tochter Charlotte « Prinzess OH » genannt wird.

Rud. Rubi den 25. September. Diesen Morgen 6 Uhr war schon alles im Hause in grosser Bewegung, ein jedes rüstete sich zur Reise. Dann wurden sämtliche Läden des Hauses geschlossen, und um 8 Uhr stiegen wir zu Pferd und sagten Grindelwald Lebewohl! Die Prinzessinnen vergossen viele Tränen, und auch mir tat es doch recht leid, einen Ort auf Nimmerwiedersehen zu verlassen, wo ich so viel Gutes genossen und manche Bekanntschaft von guten, braven Menschen gemacht habe! Aber weinen konnte ich doch nicht. Ich freue mich ja zu sehr auf die schöne Reise, die wir noch machen...

Halb 12 Uhr kamen wir auf der Scheidegg an, wo wir uns etwas erwärmten und ein kleines Frühstück einnahmen. Es kamen auch viele Fremde an, während wir da waren, die ebenso erfroren waren wie wir. Die Morgenluft war aber auch fürchterlich kalt, vorzüglich beim Gletscher, wo noch uns zu Ehren Kanonen abgefeuert wurden. Oben auf der Scheidegg sahen wir zum letzten Mal das Grindelwaldner Tal, und noch einmal sandten wir unserm Schweizer Hüsli die letzten Grüsse.

Von der Scheidegg ging es nun in scharfem Ritte nach Meiringen hinunter, wo ich, sobald wir in der Krone abgestiegen waren, noch schnell einige kleine Einkäufe machte. Um 5 Uhr gingen wir an Tabledhote, wo wir zwei Engländer fanden. Wir assen alle mit gutem Appetit, da wir den ganzen Tag noch nichts Warmes genossen hatten, und es war fast immer recht kalt gewesen. Nach dem Souper gingen wir bald zu Bett, obgleich es noch nicht einmal 8 Uhr war.

Hoffentlich haben wir morgen gutes Wetter zu unserer ferneren Reise, denn so schön das Haslital auch ist, so finde ich den Aufenthalt in Meiringen immer etwas langweilig.

den 26. September. Leider sind wir in unserer Hoffnung bitter getäuscht worden. Es regnet gerade herunter, und der ganze Himmel hat sich umzogen! Das ist ein übler Anfang unserer Reise, und wir alle sind recht traurig darüber. Wir müssen heute in Meiringen bleiben und wollen abwarten, wie es morgen aussieht. Gottlob, dass wir ein Buch und Arbeit bei uns haben. Da geht die Zeit doch etwas schneller hin. Diesen Mittag assen wir Tabledhote mit vier jungen Herren, es waren Deutsche, die ebenso niedergeschlagen waren wie wir. Es schienen Studenten zu sein, aber nicht sehr interessante. Den Abend tranken wir auf dem Zimmer den Thee, und die Prinzess Karl machte mit Oli noch bis 10 Uhr unsere fernere Reiseroute mit Hilfe verschiedener Landkarten und Bücher, und die ältere Prinzess und ich, wir lachten oft über die etwas kühnen Pläne. Der Himmel hat sich seit nachmittag wieder etwas aufgehellt. Darum haben wir nun doch wieder etwas Mut und hoffen, morgen unsere Reise fortzusetzen.

den 27. September. Nach einer ziemlich schlechten Nacht - ich konnte vor Kälte und lautem Gespräch unserer Stubennachbarn lange gar nicht einschlafen - stand ich um halb 6 Uhr auf, um mich so schnell als möglich reisefertig zu machen, denn das Wetter war, Gott sei Dank, wieder recht schön. Um 7 Uhr ritten wir, sehr vergnügt, unsere Reise fortsetzen zu können, von Meiringen weg. Halb 1 Uhr kamen wir bei der Handeck an. Zwischen Guttannen und der Handeck, wo ich zu Fuss ging, begegnete mir ein langer Zug Reisender zu Fuss, die mich anredeten, ob ich so allein den Weg mache, es waren Deutsche. Dann die beiden Ziegenhirten: Jungfere, wo seind Ihr de-heimeWir kamen alle recht hungrig auf der Handeck an, deshalb assen wir erst zu Mittag. Dann gingen wir hinunter zum Handeckfall. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal dieses herrliche Schauspiel haben würde und war auch diesmal ganz entzückt davon. Er war zwar nicht so stark wie das erste Mal, aber doch ist es ein unendlich schöner Anblick und mir das Liebste und Erhabenste, was ich in der Schweiz gesehen habe. Um 2 Uhr begaben wir uns wieder auf den Weg, und bald kamen wir nun in immer kältere Regionen, und die düstere, rauhe und oft grausige Gegend sah heute, in Schnee und E s, noch weit öder und entsetzlicher aus Immer weiter hinauf zur Grimsel lag der Schnee schon so tief, dass die Pferde oft einbrachen, und wir kamen nur sehr langsam weiter.

Gegen 5 Uhr kamen wir auf der Grimsel an. Ganz steif und durchfroren stiegen wir von den Pferden. Papa Zybach, der uns sehr freundlich empfing, führte uns sogleich in den Salon, wo wir am hellen Kaminfeuer uns bald wieder etwas erwärmten. Wir fanden keine Fremden, als wir kamen, und es trafen auch später keine andern Gäste ein, was mir leid tat, denn gerade in dieser öden Welt finde ich es recht angenehm und amüsant, sehr viel Gesellschaft anzutreffen. Als wir zu Abend gegessen hatten, suchten wir uns noch so gut als möglich zu unterhalten. Die beiden Prinzessinnen und ich tanzten, und die Prinzess Karl spielte Gitarre, kurz wir waren trotz der heutigen Tour recht vergnügt und munter. Freilich wäre es noch hübscher gewesen, wenn wir beim Souper wieder so interessante Tischnachbarn wie Herrn Desor und Wild gehabt hätten \ Doch nun wollen wir uns in den schon bekannten kleinen Zimmerchen zur Ruhe begeben, wo es freilich recht kalt sein wird. Doch es hilft nichts, und wir werden auch auf dieser Reise noch oft arge Kälte aushalten müssen.

Wenn wir nur morgen weiter können, denn eine Nacht ist es auf der Grimsel wohl zu ertragen, aber ein längerer Aufenthalt wäre entsetzlich!

den 28.September. Was war das heute für ein Tag! Gott sei Dank, dass er überstanden ist und wir wieder menschliche Wohnungen und vor allem einen Gasthof erreicht haben, wo es doch ganz erträglich und mir nach den heutigen Gefahren und Strapazen wie ein Paradies zu sein scheint. Wir wurden diesen Morgen mit der Schreckensnachricht geweckt, dass es die ganze Nacht geschneit habe und es noch fortwährend ganz dick heruntergehe. Wir waren ganz ausser uns darüber, denn auf der Grimsel eingeschneit zu sein, war wahrlich keine Kleinigkeit. Fort mussten wir - dies war unser aller fester Entschluss! Nur schwankte die Prinzess einen Augenblick, ob wir weiter oder wieder nach Grindelwald zurück sollten. Gottlob, sie wählte das erstere, und wir übrigen waren alle froh darüber. Denn die Mehrzahl von uns sehnte sich nicht wieder dahin zurück, wo wir wieder vieles hätten auspacken und, wer weiss wie lange, wieder da sitzen müssen.

1 Die gleiche Reisegesellschaft hatte im August einen ersten Besuch der Grimsel und des Hotel des Neuchâtelois auf dem Unteraargletscher unternommen und dabei die Bekanntschaft von Agassiz'Gehilfen Desor und Wild gemacht.

Um 7 Uhr verliessen wir die Grimsel, so gut es ging gegen die Kälte verwahrt. Die Prinzess nahm noch ein Pferd ( anstatt der Trage, auf der ich die Maienwand hinaufgetragen werden sollte ) und einen Knecht von der Grimsel mit. So zogen wir denn die Maienwand hinauf. Anfangs ging es ganz leidlich, aber je höher wir kamen, desto tiefer lag der Schnee, bald war keine Spur mehr vom Wege zu sehen. Der Knecht von der Grimsel musste mit einer Schaufel erst immer etwa zehn Schritte weit etwas Bahn machen. Er selbst fiel aber bis an den Kopf hinein, und bald fand auch er den Weg nicht mehr, denn es war ein so dicker Nebel auf den Bergen, dass man nicht zwei Schritte vor sich sehen konnte. Es war beim Himmel ein ängstlicher Zustand. Nicht allein mir wurde es ganz bange ums Herz, sondern der ganzen Gesellschaft. Unsere Führer machten ganz bedenkliche Gesichter, und der Knecht von der Grimsel, der auch den Winter über allein im Hospiz bleibt ( schauriger Gedanke !), sagte, er hätte noch nie diesen Weg in solchem tiefen Schnee und bei so grausigem Wetter gemacht. Die Prinzess, die ich bis dahin noch niemals mutlos gesehen hatte, empfand doch auch jetzt grosse Angst. Sie fühlte, dass sie grosse Verantwortung trug, und sie tat mir darum leid. Der Weg wurde immer gefährlicher. Es war nicht mehr möglich, auf den Pferden zu bleiben. Diese wurden nun vor uns her getrieben, um Bahn zu brechen, und wir folgten, eine jede von uns an der Hand eines Führers, und fielen dabei immer bis unter die Arme in den Schnee. Es kostete fürchterliche Anstrengung, und dabei froren und erstarrten mir die Hände so arg, dass ich sie nur durch immerwährendes Reiben mit Schnee vor dem Erfrieren schützen konnte, aber die Tränen traten mir vor Schmerz in die Augen. Auf so gefährliche und qualvolle Art kletterten wir die Maienwand hinunter und kamen, im dicken Nebel sämtlich ganz durchnässt und erstarrt, halb 1 Uhr in Gletsch, Gasthof zum Rhonegletscher, an. Hier trockneten wir uns etwas, nahmen Wein und Brot zu uns und begaben uns dann trotz des fürchterlichen Wetters wieder auf den Weg über die Furka. Grausig und gefährlich war auch dieser Bergpass. An den grässlichsten Abgründen führte der schmale Felsweg hin, zitternd sah ich hinab, und oft wurde es mir ganz schwindlig. Ein kleiner Fehltritt des Pferdes, und man ist verloren! Gott, wenn das meine guten Eltern gesehen hätten! Welche Angst würden sie ausgestanden haben! Unendlich lang schien mir dieser Weg, und wir alle dankten Gott, als wir endlich um 3 Uhr die Furka hinunter und nach Realp kamen. Ein Kapuziner hat hier eine Gastwirtschaft, und wir erwärmten uns da bei gutem Kaffee. Die Übrigen erholten sich an dem guten Wein, der hier berühmt ist. Der Kapuziner war selbst nicht zu Hause, er war zu einem Fest in Andermatt.

Nach einem beinahe dreistündigen Ritt in immer grässlichem Schneewetter und eisigem Winde erreichten wir, Gott sei Dank, das heiss ersehnte Ziel, Andermatt.

Von all den schönen und interessanten Gegenden, die wir passierten, sah ich leider gar nichts, denn immer waren wir in dicken Nebel eingehüllt. So überschritten wir die Quellen der Rhone am Rhonegletscher, wo es so herrlich sein soll, ohne dass ich nur das Geringste davon sah. Und so sah ich auch nur die Umrisse der Ruine Hospental am Gotthard, als wir die Gotthardstrasse erreichten, auf der wir bis Andermatt dann gelangten. Mit unserer Reise nach Graubünden wird es nun aber wohl nichts werden. Alle haben den Mut dazu verloren, und so sehr ich mich darauf gefreut habe, so wollte ich doch, die Prinzess gäbe sie auf, denn niemals möchte ich wieder solche Angst und Gefahren wie heute erleben. Die Prinzessinnen gestehen doch nun auch ein, dass es die gefährlichste und angreifendste Tour in ihrem Leben gewesen ist. Nun, gottlob, dass es vorüber ist. Der Himmel hat uns gnädig bewahrt, und nun wollen wir schnell Thee trinken und dann uns bald niederlegen. Ach, wie freue ich mich, die erstarrten Glieder wieder erwärmen zu können! Unvergesslich wird mir der heutige Tag sein!

den 29. September. Es ist voller Winter hier. Es schneit noch immer ganz arg. Noch einmal sei Gott gedankt, dass wir hier in Andermatt sind, wo man doch noch einen andern Weg und zu Wagen einschlagen kann! Aus der Bergreise nach Graubünden wird nun nichts. Es ist unmöglich, über die Oberalp zu kommen Die Prinzess Karl und Prinzess Oli bedauern es am meisten, dass die Reise nun verändert werden muss. Doch wir andern sind froh darüber, und der Himmel scheint meine stillen Wünsche, die herrlichen Seen in der Schweiz zu sehen, begünstigen zu wollen, denn morgen geht es nun zu Wagen nach Flüelen am Vierwaldstättersee, und von da werden wir nun auf der Landstrasse bleiben. Ich freue mich von Herzen über diesen veränderten Reiseplan, nur tut es mir leid, dass meine liebe Prinzess Oli ein so trauriges Gesicht dazu macht. Sie hatte sich so sehr auf Graubünden gefreut, sie liebt die Gebirge so über alles.

Heute haben wir nun Rasttag, der uns allen recht wohl tut, und die Prinzess liess mich vor 9 Uhr nicht aufstehen. Es ist entsetzlich kalt, und ich wäre am liebsten im Bett geblieben. Am Kaffee konnte man sich auch nicht erholen, denn er ist herzlich schlecht. Um 10 Uhr trat der Knecht von der Grimsel seinen Rückweg an, der arme Mann! Welchen schrecklichen Weg hat er zu machen, es gehört wahrlich viel Kurage dazu! Wenn er nur nicht verunglückt! Das fürchterliche Schneegestöber dauert nun noch fort. Wir sitzen im ziemlich kalten Zimmer und frieren, dass uns die Hände steif sind. Eben sind auch Reisende, eine Dame und zwei Herren, von Italien angekommen Sie wollen auch nach Flüelen und haben das gleiche Schicksal wie wir. Ihre Führer haben erzählt, welcher Kontrast es zwischen hier und jenseits des Gotthard sei, dort wäre der herrlichste Sommer! Diese Äusserung hat unserer Reise plötzlich wieder eine neue Wendung gegeben. Prinzess Oli, unser Reisemarschall, behauptet, es sei das beste, wir wendeten uns nach Süden, und so ist denn noch heute abend spät in aller Eile beschlossen worden, morgen über den Gotthard zu gehen! Gott, wer hätte mir dies gesagt, dass es noch so kommen würde! Ich wäre viel lieber nach dem Vierwaldstättersee gegangen, ich hatte mich so darauf gefreut! Doch ich darf ja nichts dazu sagen, und die Prinzessinnen behaupten, es würde mir in Italien unendlich gefallen, und ich würde gewiss den berühmten Vierwaldstättersee verschmerzen. Doch bei diesem fürchterlichen Schneewetter habe ich fast allen Mut verloren. Wird es nicht besser, so müssen wir morgen noch einen Rasttag hier machen. In dem Fremdenbuch stand heute von einem Franzosen aus Bordeaux, der über den Gotthard gekommen war, eingeschrieben: Bloqué dans cette autre Sibérie en plus de trois pieds de neige sur la route, qui croirait! Und eine andere Familie aus Dänemark, von Luzern kommend, hat geschrieben, sie wollte auch nach Italien: Que Dieu veuille nous ouvrir le chemin!

den 30. September. Halb 6 Uhr wurden wir heute mit der Nachricht geweckt, dass es aufgehört habe zu schneien, aber dass der Schnee über drei Fuss hoch liege. Wir machten uns trotzdem fertig auf den Weg und ritten über Hospental die Gotthardstrasse hinauf. Welch Riesenwerk ist diese Strasse! Gewiss ist dies das Interessanteste mit, was ich sah. Aber wie entsetzlich kalt war es. Bis zum Hospiz liess es sich noch ertragen, von da ab wurden Kälte und Sturm fürchterlich, oft glaubte ich, meine Füsse erfroren zu haben, obgleich Roth sie mir in Tücher einwickelte. Der Schnee lag entsetzlich hoch, doch war durch die starke Passage einigermassen Bahn gemacht. Schon öfters ist aber hier Unglück geschehen. Noch voriges Jahr sind der Gesandte, der zur Tagsatzung ging, und drei Fremde von einer Lawine verschüttet worden.

Halb 1 Uhr kamen wir, Gott sei Dank, nach Airolo, wo wir etwas frühstückten und uns etwas erwärmten. Selbst unsere Führer und auch der Führer, den wir mit einem Pferd für die Heinzen von Andermatt mitgenommen hatten, sagten alle, sie hätten noch nie eine Kälte ausgehalten wie heute über den Gotthard. In Airolo war es schon ganz italienisch, wir fanden im Salon mehrere Herren, die aber nur italienisch sprachen. Sie waren sehr höflich und machten uns gleich Platz am Kamin, dann frühstückten sie mit uns. Nach einer guten Stunde machten wir uns wieder auf den Weg, das Pferd aus Andermatt und sein Führer wurden wieder zurück geschickt. Hinter Airolo wurde die Luft immer milder, das südliche Klima immer merklicher, und die Natur war hier oft schon so lieblich, dass ich immer mehr die letzte Schreckensszene auf dem Gotthard vergass. Wir ritten immer am Ufer des Tessins hin, dessen Wasser das schönste Blau hat. Bald erschienen schon echte Kastanienbäume, Weingeländer zogen sich rechts und links am Wege hin, und Italiens reizende Gegenden nahmen hier schon ihren Anfang. Herrliche Felsenpartien am Tessin, die der Viamala sehr ähnlich sein sollen, setzten uns alle in Erstaunen und Entzücken. Abends 6 Uhr erreichten wir Faido, unser heutiges Nachtquartier. Der Gasthof, Angelo, scheint ziemlich gut zu sein, eben haben wir Thee getrunken und dabei die ersten Weintrauben gegessen. Es ist nur gut, dass die Leute im Gasthof französisch sprechen, und der Wirt spricht auch etwas deutsch. Unser Nachtlager wird sehr amüsant werden: fünf Personen in zwei Betten! Aber was für welche! Sie nehmen den ganzen Schlafsaal ein. Ja, ja, man erlebt manches Komische und Sonderbare auf Reisen!

den i. Oktober, SONNTAG. Als wir diesen Morgen 7 Uhr Faido verliessen, war es sehr warmes, aber ganz trübes Wetter. Wir zogen unter grosser Begleitung aus der Stadt. Es fällt überhaupt sehr auf, dass wir zu Pferd die Landstrasse verfolgen, doch scheint sich die Prinzess nichts daraus zu machenGegen Mittag heiterte das Wetter auf, und nun fühlten wir bald Italiens heisses Klima. Der herrlichste blaue Himmel, wie er nur hier allein so schön ist, strahlte über uns. Immer war mir 's wie ein Traum, aus dem gestrigen Sibirien so plötzlich in dieses Feenreich versetzt zu sein. Nun sah ich ein, dass Prinzess Oli recht hatte, als sie mich über die vereitelte Reise trösten wollte und mir versicherte, dass ich über diesen raschen Wechsel der Gegenden und des Klimas entzückt sein würde. Ach, wie freue ich mich, dass nun nichts aus der Tour nach dem Vierwaldstättersee geworden ist, denn nun lerne ich ja auch das blühende, herrliche Italien kennen!

Um 12 Uhr gelangten wir nach Osogna, wo wir Mittag machen wollten. Auch hier waren wir bald von einer solchen Menschenmasse umringt, dass wir kaum durchkommen konnten. Die andern ärgerten sich darüber, doch mich amüsierte es. Wir sind ja nun einmal bei dieser freilich für Damen etwas kühnen Reise, was hilft es da, es muss durchgehalten werden. Alles sprach hier italienisch, es entstand eine komische Szene. Endlich kam ein anderer Reisender, der zugleich auch französisch verstand und so höflich war, den Leuten im Gasthof zu sagen, was wir begehrten. Bald darauf erschien auch der Geistliche des Ortes, der deutsch sprach und nun den Dolmetscher machte, persönlich von unbeschreiblicher Gutmütigkeit. Er besorgte uns sogleich ein Zimmer, auch Essen und blieb dann immer bei uns. Nach Tisch führte er uns in seine Wohnung, die eine ganz reizende Lage hat, vorzüglich der Garten ist ganz wunderschön. Wir pflückten uns hier selbstherrlich Weintrauben, dann traktierte er uns mit piemontesischem Wein, Backwerk und Kaffee. Als wir weggingen, bat die Prinzess um seinen Namen, den er dann auch aufschrieb.

Er begleitete uns zum Ort hinaus und besorgte auch noch die Bezahlung der Führer. Am Nachmittag wurden Hitze und Staub unerträglich, doch die blühende, unbeschreiblich schöne Gegend liess mich dies heute leichter ertragen. Bei wundervollstem Mondenschein kamen wir nach Bellinzona. Was war das für ein bezaubernder Abend! Nie, nie werde ich das vergessen. Unser Einzug in Bellinzona verlief abermals in einer Masse von Menschen. Alle Welt wollte die kühnen Reiterinnen sehen, sie hielten uns für Engländerinnen. Leider mussten wir durch die ganze Stadt bis zum Gasthof Adler, auch hier folgten uns die Herren, die wir in Airolo trafen und uns nun vom Tore ab begleiteten bis vor die Zimmer, in die uns der Wirt führte. Der Gasthof scheint recht gut zu sein, er hat eine schöne Lage.

Eben haben wir uns beim Thee etwas erholt, und mit welcher Nachricht überraschte mich da die Prinzess! Morgen soll es nach dem Lago Maggiore gehen! Ich werde die berühmten schönen Inseln sehen, Isola Bella und Isola Madre! Ach, ich bin ganz ausser mir vor Freude! Nie hätte ich ein solches Glück erwartet. Mein Traum auf der Grimsel mit den Lorbeer- und Granatenblüten geht ja nun auf das herrlichste in Erfüllung!

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