Peter Rosegger und Gottfried Strasser

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„ Waldpoet " und „ Gletscherpfarrer ".

Eine alpine Freundschaft.Von Ernst Jenny.

« Die Sänger und Propheten hausen auf den Bergen! » — So rief Rosegger aus der Steiermark 1911 dem tirolischen Dichter der Tragödie eines Volkes, « Glaube und Heimat » — Karl Schönherr —, zu. Er selbst war so einer und freute sich, als ein schweizerischer Sänger und Prophet en miniature, der auch auf den Bergen wohnte, seine Freundschaft suchte und gewann: Gottfried Strasser, der « Gletscherpfarrer von Grindelwald ».

Was führte die beiden Männer zusammen?

Zunächst ihr Verhältnis zur alpinen Landschaft, in der sie lebten und wirkten, sodann ihre gemeinsame grosse Liebe zum Bergvolk, ihre innere religiöse Gemeinschaft, die im Glauben an die sieghafte Kraft der Religion der Nächstenliebe wurzelte, und nicht zuletzt die rein menschliche Art und Haltung des andern. Während Rosegger als der tiefere und sensiblere eine schwere, aber fruchtbare religiöse Krisis durchzukämpfen hatte, um auf freiere Warte zu gelangen, blieb Strasser ohne heftiges Ringen auf der geruhigen Linie. Gemeinsam war ihnen auch der Humor. Rosegger ist die witzigere, schärfere, auch kämpferischere Natur. Strassers Heiterkeit ist weniger reich an Einfällen und Schlagkraft, er « scheffelt » ein wenig. Rosegger ist ein naturhafter Dichter von früher Jugend bis zum Tode, Strasser ein Gelegenheitsdichter. Rosegger ist — abgesehen von seinen mundartlichen Gedichten aus der Jünglingszeit — ein unermüdlicher Erzähler, Ratgeber und Kritiker. Strasser verfasst nur Gedichte, unbeschwert und rasch hat er seine Verse zur Hand, er weiss aber, dass seine Kunst nicht ausreicht für einen Platz auf dem Parnass; darum fällt es ihm kaum ein, seine Gedichte zu sammeln und künstlerisch zu sichten; er lässt da und dort was erscheinen oder trägt bei ernsten und heitern Anlässen was vor und ist zufrieden damit.

Die innere Beziehung zur alpinen Landschaft kommt bei Rosegger viel stärker und reicher zum Ausdruck als bei Strasser. Er ist in den bewaldeten Voralpen der Nordsteiermark aufgewachsen, ganz hohe Berge und Gletscher fehlen dort. Als Bauernbub, dann als Schneiderbursche, der « auf die Stör » geht, und als Mann zog er wohl auf den steirischen Alpen herum. Es hat ihn öfters in die Höhe gelockt, aber man liest bei ihm kaum, dass er wie ein kühner Bergsteiger ausgezogen sei, wohl aber, dass er von Zeit zu Zeit auf einem schlichten Gipfel jene Entrückung suchte, die ein schaffensfroher und nachdenksamer Mensch braucht.

In seiner Schöpfung « Die Schriften des Waldschulmeisters », 1875, findet man einen Abschnitt « Auf der Himmelsleiter ». Da steigt an einem schönen Herbstmorgen der einsame Lehrer den Bergwald hinauf, schreitet über Weiden und Kar, dann stundenlang an gefährlicher Kante entlang, geht mit Steigeisen über glatte Schneelehnen und wilde Eisschründe und gewinnt zuletzt die Felsenspitze des Grauen Zahn. Hier verweilt er und betrachtet. « Auf meine Glieder legt sich die freundliche Wärme des Sonnensterns. Die Ruhe und die Himmelsnähe tut so wohl. Ich sinne, wie das wäre in der ewigen Ruh... Und selig seinewig im Glück, ewig zufrieden und schmerzlos leben; nichts wünschen, nichts verlangen und hoffen durch alle Zeiten hin... Ob das nicht doch ein wenig langweilig wirds ist ein Eigenes um irdisch Freud' und Schmerz!... Ich habe den Rundblick getan in die ungeheure Zackenkrone der Alpen. » Und welche Worte findet Rosegger in der gleichen Dichtung für das Alpenglühen am Morgen — leider oft so fade besungen —: « Es naht der junge König, auf Wolkenrossen vom Aufgang her geritten, und bohrt seine glutlodernden Lanzen in das Herz der Nacht, und diese stürzt nieder in dämmernde Schluchten, und von felsiger Zinne rieselt das Blut. » Rosegger kennt das Verlangen nach der Höhe: « In meiner Seele ist zuweilen eine so seltsame Empfindung; Sehnsucht nach dem Weiten, nach dem Unbegrenzten ist nicht ganz der rechte Name dafür; Durst nach dem Lichte möchte ich es heissen. » Tief und schön hat Rosegger den Bergwinter erfasst zu einer Zeit, wo kein einziger Skifahrer seine Spur durch den lichten Alpenwald zog. Man liest in dem packenden Roman « Der Gottsucher », 1883, zu dem man heute mehr als je greifen sollte —, die Bemerkung, nur gedankenlose Menschen könnten nicht empfinden, « wie erquickend, belebend, versöhnend und aufmunternd der Gang über eine Winterlandschaft ist... denn licht ist unsre Welt, wenn die Sonne strahlt auf das schneeumhüllte Land! » Auch in der ergreifenden Erzählung « Das ewige Licht », 1896, die Strasser so sehr liebte, zeigt Rosegger sein grosses Sehvermögen für alpine Landschaft. Wie er da Schönheit, Grösse und Eigenart eines abgelegenen Alpentales schildert, ist meisterhaft. Aber das Bild ist nicht einfach mit ästhetischem Behagen gezeichnet und gemalt, es ist gefühlt. Und wie erzählt er das Erlebnis eines HochgewittersEin Hieb fällt ab für die Bergsteigerei als Sport, es gebe Leute, « die jetzt umgehen in der Welt und gar keinen andern Lebenszweck haben, als dort hinaufzusteigen, wo es am allerunmöglichsten ist ». In dieser Erzählung, die man als Tragödie einer untergehenden Berg- und Menschenwelt bezeichnen kann, steht unendlich vieles, das für schweizerische Verhältnisse auch Geltung hat. Strasser fühlte nicht umsonst eine fast unmittelbare Parallele heraus. Auch er sah im Berner Oberlande das gute Alte wanken und stürzen, sah Neues hereindringen und mehr Schaden als Nutzen stiften.

In dem Buche « Abenddämmerung » schildert Rosegger eine Bergwanderung im Jahre 1904, betitelt « Nichts », ohne den Namen des Gipfels — « ein hohes, scharfes Dreieck » — zu nennen. Hier spürt man ganz deutlich, wie hoch seine Auffassung vom Bergwandern ist. Er will die Stelle, wo er im Tal unten wohnt, einmal durch ein wundervolles Medium sehen — durch den Raum. « Das Geheimnis des Raumes drängt sich dem modernen Menschen auf. Er steigt auf die Berge, um dieses Geheimnis der Ferne so weit als möglich mit dem Auge zu durchdringen. Aber die Ferne bleibt, und der Mensch geht in ihr auf. Sie verschlingt ihn. Er ist die Beute von Raum und Zeit, und das Innewerden dieses seines Verhältnisses zu den beiden unendlichen Geheimnissen ist auch mit ein Reiz, der uns auf hohe Berge hebt. » Mit diesen Worten gehört Rosegger zu den grossen Bergsteigern, denn die Grösse des Bergfahrers erweist sich nicht allein im mühsamen und gefahrvollen Kampf um einen überragenden Schneedom oder Felsturm, sondern im Erlebnis, in der durchfühlten Erkenntnis. Wen der Geist nicht begleitet, der wird weder die Welt um noch in sich erfassen. Und Rosegger betont abermals, dass die Welt unten im Arbeitsraum auch eine Welt sei, so gross wie die andere, denn in beiden, oben wie unten, sei nichts « als die Menschenseele ». Klingt das nicht wie eine weise Mahnung an die Gegenwart, in welcher Bergsteiger ihr Tun und Trachten im Gebirge überbetonen und überwerten?

Neben diesem alpinen Naturgefühl und der sinnreichen Deutung ergriff den Gletscherpfarrer die geistige und seelische Verbundenheit des Waldpoeten mit seinem Bergvolk in der Steiermark. Rosegger hat seine Leute nicht studiert — wie er selbst in den Erzählungen « Waldheimat » erklärt —, er hat « nur mit ihnen gelebt in guten und bösen Tagen. Und zwar nicht bloss in einer Hütte. Siebenundsechzig Bauernhöfe sind zu zählen, in denen ich als Handwerker gelebt, gearbeitet, gelitten und dem Himmel Löcher geschlagen habe vor lauter Freudigkeit. » Rosegger war ein alpines Volkskind. Aber was für eines! Der Dichter in ihm war stärker als der Schneider. Doch ohne das Verständnis und die Mithilfe von gebildeten Gönnern, die ihm zum Studium in Graz und zu Reisen verhalfen, und ohne das künstlerische Betreuen durch den feinsinnigen Dichter Robert Hamerling wäre sein Durchbruch und Aufstieg zum grossen alpinen Volksdichter und Volkserzieher wohl nicht so rasch gekommen.

Auch dieser fast einzigartige Werdegang des mutigen Steiermärkers zog Strasser an. Doch mehr noch dessen Fürsorge um sein bedrängtes Bergvolk. Rosegger schrieb nicht nur vom und zum Volke, sondern half ihm auch mit der Tat. Es sei hier nur erwähnt, wie er den Bauern von Alpi für ein Waldschulhaus sorgte, oder wie seine rufende Stimme die Millionenspende der deutschen Schutzstiftung zusammenbrachte, oder wie sein Christentum bei Kirchenbauten über alle Bekenntnisse ging.

Im Gegensatz zu Rosegger war Gottfried Strasser von aussen her ins Bergland gekommen. Er hatte den Grossteil seiner Jugend im stattlichen Emmentalerdorf Langnau, wo sein Vater Geistlicher war, zugebracht, hatte sich in Bern zum Theologen ausgebildet, wurde 1879 Pfarrer in Grindelwald und wirkte hier bis zu seinem Tode 1912. Er war eine Frohnatur, offen und gütig und voll Liebe zur Bergwelt. Damit gewann er rasch den Weg ins neue Milieu.

« Das Pfarrhaus am Wetterhorn » war längst bekannt als Absteigequartier für vornehme Gäste, mancher englische, deutsche und schweizerische Bergsteiger hatte dort freundliche Aufnahme gefunden, und frühere Pfarrherren hatten zu Gewehr und Eisaxt gegriffen. Strasser war bald heimisch in den hohen Bergen und Gletschern Grindelwalds. Keine Pose, wenn er sich später mit Seil und Pickel abbilden liess. Zu oft griff der weisse Tod da oben nach einem Opfer, der Kirchhof von Grindelwald bezeugt es. Und so sehen wir Strasser etwa mit einer Rettungsmannschaft hinaufziehen oder hören ihn an Gräbern ergreifende, nachdenksame und tröstliche Worte sprechen. Überall ratet er, lehrt, mahnt, ermuntert, trauert mit, scherzt, zürnt und — singt. Seelsorger, Schulpfleger, Armenhelfer, Sammler für die Hinterlassenen verunglückter Führer, Förderer des Fremdenverkehrs, Feuerwehrmann, Feldprediger, Verfassungsrat, Gründer der Erziehungsanstalt « Sunneschyn », Schriftsteller 1 ): das alles war Strasser und überall gütig. Wir finden ihn auch tätig bei Bergführerkursen. Als Mitglied des Zentralvorstandes des S.A.C., 1892—1895, betreute er das Führerwesen und befasste sich lebhaft und gründlich mit der Führerversicherung 2 ). Als geselliger und sangesfroher Mensch sah er in der Pflege der Kameradschaft ein besonderes Bindemittel für die Mitglieder des Alpenclubs und gab in diesem Sinne « Das fröhliche Murmeltier » 3 ) heraus. Es enthält schöne alte Volkslieder und allerlei leichter geschürzten Sing-Sang. Auch von ihm ist etliches drin, Scherzhaftes, Neckisches und Ernstes. Man beherzige daraus:

Tiefe, liebende Kraft und Reichtum machen den Dichter aus. Diese fand Strasser bei Rosegger in besonderm Ausmass. Er spürte aus dessen Schöpfungen das heraus, was ihn selbst oft bewegte, wofür er aber den dichterischen Ausdruck nicht zu gestalten vermochte.

« Bin auch ein Bruder vom ewigen Licht, mit Dir verbunden durch Herzunion », schrieb er ihm im Mai 1910 in einer Versepistel. Roseggers Dichtergaben hatte Strasser schon vor 1880 kennengelernt. Wie eifrig er von da an sein Werk verfolgte, geht aus einem Vortrag hervor, den er vor Clubkameraden 1893 gehalten hat. Darin pries er ihn als Dichter der Natur und als natürlichen Dichter, dem die naturalistische Richtung in der damals modernen Kunst und Poesie fremd sei. « Du flichst mit deiner Dichtung den Menschen nicht eine Strickleiter in den Abgrund, sondern du spinnst ihnen einen Ariadnefaden aus dem Labyrinth der Leidenschaften, du baust ihnen eine Jakobsleiter 1 ) zu lichten, trostreichen Höhen. » Er nennt ihn eine treue Seele und « ergriffen von dem Zuge unsres Meisters zu den Armen und Bekümmerten, zu den Verfolgten und Verirrten », das sei sein grosser Ruhm.

Die Erzählung aus den Schriften eines Waldpfarrers « Das ewige Licht », 1896, packte den Gletscherpfarrer ganz besonders. Und nun suchte er Roseggers Bekanntschaft erst recht. Er schrieb ihm in einer Versepistel vom Christmonat 1896:

« Bärgpfarrer bi-n-i, naach bir Jungfrau zueche.

Mys Volch u dys sy hundertmale glych, vom glyche Fleisch u Bluet im Guet u Böse...

O, wie isch d'Seel vom Alpevolch so rych! » Der Waldpoet in Krieglach antwortete ihm bald, dass er hoffe, dem Gletscherpfarrer wenn nicht schon auf Erden, so doch im Himmel zu begegnen.

Und nun entspann sich ein Briefwechsel 2 ) zwischen Steiermark und Oberland. Dabei ist Strasser der gesprächigere und kleidet seine offenherzigen Briefe mit Vorliebe in das Versgewand. Am Silvester 1896 lud ihn Rosegger herzlich zu einem Besuche ein, denn er war gerührt über die Art, wie Strasser ihm seine Liebe anbot: « Ihr stosset einem so süss ans Herz. Dass so ein eiskalter Gletscherpfarrer ein so warmes Herz haben kann! Ich küsse es. » — Als des Waldpoeten Pestalozzihand im einsamen und armen Alpl das Waldschulhaus gründete, gestand ihm Strasser, bei den kalten Gletschern wachse das Geld für ein Schulhaus nicht so geschwind.

Rosegger war alt und kränklich geworden und wünschte sehnlich einmal unser Land zu schauen: « Ach, diese Schweiz! Auf sie verzichten zu müssen, ist so schwer », seufzt er, er sei einmal nur zwei Nächte dort gewesen und einen Rigitag 3 ). Der Wunsch beider, sich persönlich ins Auge schauen zu können, wuchs von Jahr zu Jahr und erfüllte sich im Frühsommer 1910.

Die Begegnung zu Krieglach begann höchst originell. Strasser kam über den Semmering von Wien her, wo er seine Tochter besucht hatte, betrat, ohne sich vorzustellen — angekündigt war er —, Roseggers Haus und wünschte, darin die Nacht verbringen zu können. Niemand kannte ihn und Roseggers Jüngste fragte ihn, wer er sei. « Ja, mein Kind, guck mich nur an. Ich bin der Gletscherpfarrer, der schweizerische Berggeist. Komm nur mit in meine Eishöhle, wo noch etliche der Jungfräulein bewacht sind. Du wirst mich schon kennenlernenWir atmeten auf, wir lachten auf... Es war ein kostbarer Abend », schrieb Rosegger in sein Tagebuch. Strasser spendete « lebensvolle Berichte und markige Erzählungen aus seinem Berglande », teilte auch Poesien mit, die auf der Fahrt durch Österreich als Momentaufnahmen entstanden waren, « gar köstlich in ihrer unbefangenen Unmittelbarkeit, in ihrem hochgemuten Weitblick und Humor 1 ) ».

« Ich bin des Waldpoeten Gast, Ich wohn'in seinem Heim », notierte Strasser glückselig, als er im Bette lag, und bat Gott:

« Erhalt ihm seinen regen Geist, der freudig glüht und sprüht, erhalt ihm die Schalkhaftigkeit, das tiefe Herzgemüt! » Und doch, wie wohl ihm auch war in der Steiermark, im Tirol, « bei aller Pracht kam bald mich schon ein Sehnen an nach meinem Grindelwald. » Der Gletscherpfarrer reiste heim. Der Waldpoet erholte sich von seinem Leiden und meldete seinem Freunde: « Ich sitze wohl ziemlich genesen in meinem Garten und auf dem ältesten und zuverlässigsten Aeroplan des Gedankens fliegt meine Seele dem Gletscherpfarrer zu 2 ). » — Wieder daheim, geschah am « Bergli » in der Fiescherwand das furchtbare Lawinenunglück, dem der grosse Walliser Führer Alexander Burgener und Sohn Adolf, zwei Grindelwaldner Führer und zwei deutsche Turisten zum Opfer fielen. Und Strasser erfüllte einmal mehr die schöne Mission des Trösters und Helfers.

Auch er kränkelte nun. Rosegger tröstete ihn in einem prächtigen Briefe 3 ). Doch am 9. April 1912 starb der Gletscherpfarrer, betrauert von der ganzen Schweiz. « De toute son âme il l' a chantée et servie, ne laissant jamais échapper l' occasion de l' exalter, surtout en des poésies imprégnées d' humour et de gravité 4 ). » Und Rosegger notierte am Tage, als Grindelwald am Grabe seines Sängers stand: « Er war ein rührender, ein echter Mensch, ich habe ihn zu spät kennengelernt 5 ). »

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