Pflanzen- und Tiernamen aus den südlichen Monte-Rosa-Tälern

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

F. Gysling, Zürich

Dass die Walser, heute sesshaft zwischen Aosta, über Tessin, Graubünden, Vorarlberg, bis an den Lech und den Bodensee, ein einziger Volksschlag sind, der im Frühmittelalter aus dem Oberwallis ausgewandert ist, wird heute dank der verfeinerten Mundartforschung von keinem Sachkundigen mehr angezweifelt. Die zeitlichen Daten dieser einzigartigen Bewegung im Alpenraum ( genaue Belege darüber sind leider wenig zahlreich ) deuten auf die Wende vom 13. zum 14.Jahrhundert hin. Besonders Paul Zinsli weist in seinem massgeblichen Werk [t] nachdrücklich darauf hin, dass es fast ausschliesslich sprachliche Fakten sind, mit deren Hilfe wir sämtliche Walsergruppen in den deutschsprechenden Teil des Oberwallis heimweisen können.

Erfreulicherweise ist neuerdings das Interesse für die Walsersache merklich gestiegen, und zwar im In- wie im Ausland. Namhafte Univer- 1419 Walser im Piémont Rhone Ticino erste Ziffer: Höhenlage, zweite: Einwohnerzahl sitäten bekunden ihre Aufmerksamkeit u.a. durch wertvolle Einzelstudien. In Erwartung weiterer solcher Veröffentlichungen soll hier in Proben ein Teilgebiet, nämlich das der Flora und Fauna von Walsermundarten des piemontesischen Bereichs, beleuchtet werden. Dabei steht dem Verfasser ( neben der fast unübersehbaren Fachliteratur ) eigenes, in den letzten Jahrzehnten gesammeltes sprachliches Material zur Verfügung.

Jedem Oberwalliser treten in diesem ennetbirgischen Namenwald auf Schritt und Tritt die gleichen Bezeichnungen, die ihm aus dem Heimattal geläufig sind, mühelos erkennbar entgegen. Dazu ein paar Beispiele; von Pflanzen: tööni jTrollblumechessler,stengelloser Enzian griffe ,Preiselbeerengirgitsch ,Vogelbeerbaumbrück, bruuch ( Iss .: bröü ) ,Heidekrautchela ,Thymus serpyllumgermer ,Nieswurzhéi-mene ,Chenopodium Bonus Henricusnätsch ,Borstengras ', und von Tieren: ,Frosch'( hop-schalMolch'und ,Salamander'( wätter-guege ) -,Schmetterling'( fifoltru, pfüfoltro, pfifun-trilji Steinhuhn'( pdrnisu,Krähe'( hrooku,Rabe'( ram, Ria.,Zaunkönig'( chingli, chiqtschi,Wiesel' häälemli, Mur-meltier'( mûrmenda,Specht'( bóumpikker ) und viele andere.

Die Auswanderer hatten aus dem Wallis das Kostbarste mitgenommen, was sie besitzen konnten: einen Grundstock alemannischer Muttersprache. So verwundern wir uns nicht darüber, dass der Hauptteil ihres botanischen und zoologischen Wortschatzes - namentlich die Hauptarten erfassend, die im täglichen Leben des Alpenbewohners den Ausschlag geben - an allen Orten einheitlich deutsch geblieben sind: ,Buche'( bûuhu, büufu ), ,Erle'( érju ), ,Birke'( bircha ), ,Esche'( eisch ), ,Erdbeere'( égberri ), ,Farn'( fore ), ,Lärche'( leirch )...

Hiezu kommt, dass manche Spezies, der nun einmal im Unterland die Wachstumsbedingungen fehlen, mit ihrem alpinen Namen früh ins Hochdeutsche eingegangen ist: Gemse, Murmeltier, Enzian. Nur wenn Sonderbedeutungen dieser Allgemeinnamen unterschieden werden sollen ( ,stinkende Erle ', ,einjährige Gemse ', ,das junge männliche Murmeltier ', ,das erwachsene weibliche Schaf vor dem ersten Lamm'usw., treten am Ort selber neu gebildete Bezeichnungen auf. Von einheitlich deutsch gebliebenen sowie von den ,Alpenwörtern'( in erweitertem Sinn ) soll hier nur ausnahmsweise die Rede sein. Aber schon im Stammland, in der Zeitspanne zwischen 800 und 1300, hatten die künftigen Kolonisten manche Bestandteile an vorromanischen sowie französischen ( genauer: fran-koprovenzalischen ) Sprachelementen in ihre Rede aufgenommen. Einmal in den ennetbirgischen Orten angelangt, setzte dann eine sich immer schärfer auswirkende sprachliche Durchdringung aus der romanischen Umgebung ein, nachdem die Neugründungen mit wenigen Ausnahmen den Zusammenhang mit dem Mutterlande völlig verloren hatten.

Aber das Bedeutungsvollste bleibt: Die übrigen Talbewohner in den neuen Siedelungen reden eine fremdstämmige Sprache. Zur Beleuchtung der mannigfachen Verformungen, welche diese alemannischen Mundarten jenseits des Monte Rosa erfuhren, seien ein paar Sätze aus einer Ansprache vorgeführt, die ein Issimer Bürger 1967 vor uns Walserfreunden gehalten hat. Es handelt sich dabei um das Hauptanliegen der jungen Leute dieses Ortes: man möge doch die Anstrengungen zur Erhaltung ihrer Gemeinschaft nicht bloss auf die Mundartforschung beschränken, sondern allgemein die wirtschaftliche Lage durch Beschaffung von Arbeitsgelegenheiten am Ort verbessern: ( nach dem Tonband des Verfassers ) « ...höüt ts taksch dèi das géanan a ts wèrch ts hüütan an riechtnung ts landsch, wi ist üntsch oltu rét, mean nümi luugun ts hüüten d barru rét: muschi schich tuun ouch dnner: muscht schick tuun dlts-müidjich um dass d ( l)jöüt méahji leben béssur, um das djöüt hehji èllji wèrch im land. Oon das, d jöüt goon èllji awèkk ol phent ol schpoot un d rét warljièrt schich mi schterhji... » Wörtliche Übersetzung:

« heut zu Tag, die dass gehen ans Werk zu hüten einen Reichtum des Landes, wie ist unsere alte Sprache, mögen nicht nur lugen zu hüten die blosse ( ,bare ' ) Rede: ( es ) muss sich tun auch anderes: ( es ) muss sich tun alles mögliche, um dass die Leute mögen leben besser, um dass die Leute hätten alle Arbeit im Land. Ohne das, die Leute gehen alle weg, sei 's früh ( ,behende ' ) oder spät und die Sprache verliert sich rasch ( ,mit Stärke ' ). » Die oben erwähnten romanischen Einschiebsel stammen natürlich zur Hauptsache aus den nächstgelegenen oberitalienischen oder franko- provenzalischen Mundarten. Gelegentlich allerdings strömten sie auf weitverschlungenen, geheimen Pfaden von fernher hinzu. So etwa im Falle von dmbiaz ,Harz ', *ABIETEU in Ria .vgl. AIS 568 und Legende von gora ,Korb-weide GORRA Ra., [dr gürrats ,Weidenbaum ', in Iss., AIS 600, 6011)jöütu ti tschémpara, Iss., ,Katzenmusik für einen sich wieder verheiratenden Witwer ', CYMBALU u.a.

Meine Beispiele endlich sind nicht etwa einer rein naturwissenschaftlichen Speziai Sammlung entnommen. Es hält bekanntlich schwer, von nicht besonders botanisch und zoologisch interessierten bäuerlichen Auskunftgebern ausgesuchte Spezies mundartlich benannt zu erhalten. Man kann in diesem Punkte grosse Enttäuschungen erleben, z.B. wenn die Leute bei der Befragung Heidelbeeren, Moorbeere und Alpenbärentraube oder Campanula-, Enzian-oder Primelsorten sauber auseinanderhalten sollten.

Die Kargheit seiner Umwelt zwang den Bergbewohner ( und tut es zum Teil heute noch ), nach Nahrungsquellen zu greifen, die für uns zum mindesten ungewohnt oder nur aus alter Zeit und Kriegsläuften bekannt sind: Er verspeist héimene ,Chenopodium Bonus Henricus'als Spinat, répochto, Gress ., Sauerkraut, suura ,Sauerampfer ', zusammen mit Eiern in Butter gebacken Gress., Kastanien ( wo vorhanden: tschdchtenje, Gress .) als Mehlzusatz, Bienenhonig statt Zucker, fettarme Zwischenprodukte der Milchverwertung, Gerste und Roggen als Brotfrucht, Schnecken und Frösche und trinkt etwa als Weinersatz den Saft des Sauerdorns ( wiekke ).

Beginnen wir unsere Betrachtung, und wenden wir uns dem stolzesten, aber auch seltensten Grossvogel unseres Gebietes zu, dem ‚Adler ', adel-aar edler Aar. Wo immer er im Wallis und ennetbirgisch vorkommt, heisst er durchwegs mit seinem alten Namen: Aar ( hûori, Gress ., ts. óori Al., óoru Ria ., dare Mac ). Bedeutungslos ist, dass früher in der alten Kirche von Mac. ein Bild zu sehen gewesen sein soll, das zeigte, wie ein Adler mit einem geraubten Kleinkinde davonfliegt. Ein solches Ereignis, so verbreitet seine Kunde als Sage sein mag, ist sachlich ganz unwahrscheinlich. Wenn es also im Gedichte heisst: « Im Wallis liegt ein stiller Ort, geheissen Aroleid... », so sind bei der Bildung dieses Ortsnamens weder ‚Aar'noch ,Leid' beteiligt. Wohl aber haben wir auszugehen von der Bezeichnung eines Baumes, der Arve, frz. arolla, ( *ARAVO- ), Pinus cembra. der arie Graubündens, odrbu in Iss. und Gress, ( der begehrte Fruchtstand: odrbutsàffo, óortsapfa ) und der lateinischen Erweiterungssilbe -ETU zur Benennung eines Haines, einer Ansammlung der selben Pflanzenart am gleichen Ort, wie z.B. Ormea/ULM-ETA - Corleto, zu CORYLUS ,Haselstaude - Gressoney = Kres-senwiese ( vgl. Greeschmatto, unterhalb Gress.St-Jean ).

Aber nicht nur wir Unterländer, auch die Bergbewohner haben Mühe, den Steinadler vom Lämmergeier oder von grossen Falkenvögeln zu unterscheiden, wobei diesen meist die Bezeichnung ‚Adler'verbleibt: hénnunàari ist der ,Hühnerhabicht'in Sal. Hierin ist der Grund zu sehen, weshalb Ria. der Falke den Namen tar éwal trägt, eine romanische Lautform von AQUILA: vgl. im Ossolagebiet l éwla, üolja in Niel ( über Iss .), ülje im französischsprechenden Wallis. Für das Bauern- und Jägerleben sind andere Vögel als der Adler von grösserer Wichtigkeit, so der Hühnerhabicht, der Wannenweih ( wdnderli, Gress., Ria ., wdnnelje, Iss .) oder Eule und Uhu ( hüuo, Gress ., wdllfoogal, Mac, bréiler, Al., khóilnacht, Sai .) u.a.

Mit ,Tier'( tier ) schlechthin bezeichnet man in den Südkolonien der Walser wie im Wallis und Teilen von Glarus, Luzern — besonders in Jägerkreisen — vorzugsweise das ,Gemstier ', die Gemse: gèmtscha. ,Tier ', in der uns geläufigen Bedeutung wird eher selten gebraucht; so heisst in Iss. ,das Tier machen,sich dumm benehmen '. Wir stehen somit vor dem nämlichen Sprachvorgang, den wir auch in andern Fällen feststellen: Für Pflanzen und Tiere des allgemeinen Umgangs verzichtet der Bergler oft auf eine Spezifizierung; der Begriff scheint ihm mit dem blossen Grundwort hinlänglich genau gefasst: Fragt man z.B. einen Bauern im Anzascatal, wie viele Kastanienbäume er besitze, so antwortet er: ,a góo désch ârbulho dieci alberiich habe io Bäume, gemeint sind ,Kastanien-bäume, denn gewöhnliche Bäume sind für ihn al pjdntdie ,Pflanzen ' ). So sind an unsern Orten schtüude in erster Linie ,Haselstauden'( in Iss. erklärt man: ,Haselnüsse sollten richtig ,Staudennüsse heissen ). Vgl. dazu V. Bertoldi, Rev. Ling. Rom. I 254 — beni, pani sind nur ,Heidelbeere'( bldawi panini, in Po .), in AL, Ra., Mac, Sai., Ag. der fógai ist in Mac. nur der ,Hühnerfalke ( kfégal, d.h. Ge-vogel, heisst die ,Nachteulewirtsa sind in Sal. nur ,Enzianwurzelndr wéesch, in Iss. nur = ,Forelle'( im Jauntal ebenfalls: Fisch = Forelle ).

Trotzdem verfügt der Südwalser, wenigstens in Iss. und Gress ., über einen Namen, wenn er generell vom ‚Tier'spricht, nämlich as tschämi ( besonders die Verkleinerungs- und Zärtlich-keitsform in der Mehrzahl: tschamaltini ), was im Berner Oberland ,ein Stück Rindvieh'be-nennt. Das Wort hat sich bis heute einer Her-kunftserklärung widersetzt ( Zinsli 483 ). Mangels eines einleuchtenderen Deutungsversuchs sei hier ein romanistischer gewagt: Danach wäre auszugehen von italienisch bestiame ,Ge-tier, Vieh ', das mundartlich unter Akzentdruck zu pstiâme dann unter Abfall des Anlautes und Umstellung von st- zu ts- zu tschämi geworden wäre. Die ganze Wortgruppe bestia hat in Italien sowieso sehr viele Bedeutungen angenommen, besagt sie doch u.a. ,Schaf ', ,Schwein ', ‚Vogel' .,Schlange ,Tausendfüssler ', ,Eidech-se ', ,Eingeweidewurm ', ,Laus '. Vgl. hiezu noch biesso, d.h. BESTIA, für ‚Otter ', in Ria.

Bewegt sich aber der Bauer in seinem ureigensten Sachgebiet, der Tierhaltung, so hat seine Sprache eine genaue Nomenklatur entfaltet: ,eine Kuh, die ein Jahr lang nicht aufgenommen hat'heisst in Gress. mdnsjera, in Iss. mdnsulu, in Al. mdnseiji, in Ra. mdnsaye, in Ria. mdnseye, lauter Formen, die zu italienisch manzo, aus MANDIU, ( mdntschu ,zwei-, dreijähriges Rind', Gress ., méntschu, Iss ., mdndza, AL, mdngschi, Mac, mdisrenn, Po .) gehören. Wird das Vieh auf der Weide bei gewitterhaftem Wetter von Bremsen ( bryäämo ) geplagt, so fängt es an wie toll herumzurennen, es biisat. Darum heisst das Insekt, das die Ursache dieses Treibens darstellt, in Al. wiischertier, büscher -.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das Pflanzengebiet, so ist die Benennung der Alpenrose beachtenswert. Nur noch ausnahmsweise trägt sie heute einen angestammten alemannischen Namen: Hühnermeien, Staudenmeien. An den meisten Erhebungsorten liegen diese im Wettkampf mit andern alpinen Worttypen, so mit RATTA ( AL: ratte, rdddbljemje; Ra .: tar ratta; Ria .: arrota; Mac: t rato; Ag.: ratér ), das im Tessin, dem Ossolatal und dem Westpiemont gut bezeugt ist ( AIS 551, vgl. Kartenskizze S. 79 ). Bertoldi deutete diese Form als ,fleur de la rate ', weil die Pflanze ehedem als Heilmittel gegen Beschwerden der Milz ( frz. la rate ) gegolten hat ( vielleicht unter Einmischung von rattat-te ' ?).

Die zweite, ebenfalls alpin verbreitete Bezeichnung der Alpenrose geht aus von einem Stamm JUPP-: Iss .: joüppi; Po .: jippubljeema; Ag.: jippumeja; Gur .: tschippa; Ornav .: jûpini. Mit ,Jüppe,Frauenrock'hat diese Benennung nichts zu tun. Sie gilt als gallisch und lebt auch in Binn, Mörel und Naters, VS.

Zu den sprachlich wie sachlich gleich reizvollen Blumen der Hochweiden zählt das Männertreu, Nigris nigritella. Sein feiner Duft ( darum ital. etwa vanillino ) und die aparte Form seines Blütenköpfchens erwerben ihm die Sympathie aller Berggänger. Nach der Farbtönung wie dem Geruch wird es alemannisch am häufigsten brandit, brdndschi u.a. geheissen. Ebenfalls nicht Typus eines Reliktwortes: *ratt, AI pen rose ' Wortinseln von ratt ohne Grund redet man in Bünden vom Chopf-wehmeiji. Andere wiederum fassen eher seine blutziehende Wirkung ins Auge: blüeterli. Eine neue Seite der Betrachtung eröffnet der Name chääslupjini, Mehrzahl der Verkleinerungsform von chdaslup ,Käselab ', also ,kleiner Käselab ', in Iss. und Gress. Dabei erinnern wir uns daran, dass im Bernbiet das Männertreu im Viehfutter gefürchtet ist. Wenn Kühe davon fressen, verdirbt ihre Milch, und der daraus bereitete Käse bläht sich. Die Tatsache, dass Pflanzenteile als Milchlab verwendet werden, verwundert an und für sich nicht: Zum gleichen Zweck wurden im Anzascatal von den Sennen gelegentlich der Enzian, anderwärts ( Welschwallis, Savoyen, Dauphiné, Provence, Piémont ) vor allem Gali-um-Arten ( Galium cruciatum, Galium verum ) eingesetzt. Vgl. für einen weitern ital. Geltungsbereich Penzig, s.v. galium [3].

Vielleicht sind auch chdasbliama ,Krokus'in Gur. ( käasale, im Südtirol ) und chääschi, Herbst-zeitlose'in Sal. hier einzugliedern. Dagegen gehört nicht in den engern Kreis der Labkräuter cheesla ,Käsepappel, Käslikraut ', im Lötschental Malve neglecta ( moalwi in Iss .malwo in Ria .) nach der Form des Samenstandes.

Man kann sich fragen, ob tatsächlich das Männertreu die Kraft hat, Milch zu brechen, ob es wirklich als Lab benutzt werden kann. Wenn ja, hätten wir ein weiteres Beispiel eines primitiven Verfahrens bei der Milchscheidung in der Käserei vor uns und vermöchten dann chronologisch drei Stufen der Labung zu unterscheiden: eine frühe, durch pflanzliche Stoffe verursachte, diejenige durch Tier-(Kälber-, Zie-gen- ) Magen und die heute übliche, durch chemisch erarbeitete, synthetische Wirkstoffe.

Nur selten führt bei den piemontesischen Waisern die Tanne ( tana ) einen altalpinen Namen: daza ( DASIA. So in Ra. ( daneben bedeutet daza meist ,Tannäste ' ), Anzascatal: dazbil: vgl. AIS 569, 573. Man beachte dazu, aus dem Haslital, es taasch ,Astbürde'und Hubschmid, Praeroma-nica 58—60. Es müsste denn sein, dass piischa ,Tanne ', AI .etwa einen Reflex von latein. PICEA ,Föhre'widerspiegle ( Mac. Ortsname Pecet(t)o, ,Tannenhain ' ), was ich aber mit Rücksicht auf die spezielle Bedeutungsnüance an andern Orten ( ,kleines Tännchen ', ,Verbiss-tännchen ' ) anzunehmen zögere. Das Harz der Tanne {tdnubääch, bèch, in Gress. auch hodrtsk - Import aus dem Schweizerdeutschen ?) hat gegenüber dem der Lärche ( léertschina ) wenig Bedeutung. Davon, dass das Lärchenharz, wie früher im Wallis, durch die Uertscher ( daher der Familienname Lörtscher ) ge-werbsmässig gewonnen wurde, konnte ich bei den Südwalsern keine Spur finden. Die Tannenzapfen, als Brennmaterial und auch als Kinderspielzeug verwendet, treten in vielen lautlichen Varianten auf: béacho in Gress. tdnubeebi oder lamji in Iss. béedje oder Idmjini in Al. schóofjini in Ria. Entgegen den Er- Wartungen trifft man dagegen das in Lingui-stenkreisen berühmte looba ,Kuh'und ,Kinder-spielzeug aus Tannenzapfen'nur in Ria. sporadisch an, wie es denn auch im AIS ( K. 571, 574, 1464-1467 ) vereinzelt aufgezeichnet ist. Immerhin gehört in diesen Bedeutungskreis chüotscha in Sal. und chütscha in Pom. = Tannenzapfen '.

Durch sein aromatisches Öl gilt der Wacholder ( jdkchetro, nach Kluge ,die sich am Boden reckende, d.h. flach hinziehende Pflanze ' ) als medizinal. Die Beeren werden überall als Magenmittel eingenommen. Sie, die Blätter und Stengel, mit Salz, Kleie ( grii,z, in Gress. auch bran < BRENNOS, unbekannter Abkunft ) und Heublumen ( bluoma ) in einem grossen Holztrog, dem schtampf, zu einem grob-mehligen Mischfutter ( klakch ) verarbeitet, frisst das Vieh begierig. Die Beeren des Wacholders heissen in Sai. beeraiBöhnchen, auch brii-schulbeenli ( ossolanisch brinschul = ,Wachol-derî ). Im Wallis führt die Pflanze oft die Bezeichnung Palme, ebenso ihre grünen Zweige, die am Palmsonntag geweiht nach Hause getragen werden. ,Palmzweige'sind Büsche des Wacholders, die als Weinfilter dienen. Ein beliebtes Jagdwild ist die Wacholderdrossel, de rdkketroofogal.

Den Frühlingssafran, Crocus vernus, und die Herbstzeitlose, Colchicum autumnale, rûetoreif in Gress ., rûtareif in Iss. hûetreif in Ria ., sachlich immer auseinanderzuhalten, bereitet dem Bergler einige Schwierigkeiten, und die Namen der beiden Spezies vermischen sich darum, wie auch anderwärts, leicht. Die Lebensgeschichte namentlich der Herbstzeitlose ist von dem leider zu früh verstorbenen hervorragenden Erforscher europäischen Pflanzenguts, Vittorio Bertoldi [4], spannend dargestellt worden. Er hat als erster auf die botanischen Nachkömmlinge eines lateinischen Wortes LUCUBRUM in der Bedeutung ,Abendarbeit ', ,Blume die zur Zeit des Beginns der Abendarbeit blüht ', hingewiesen ( zur Verbreitung dieses Benennungsmotivs vom Jura bis ins Vorarlbergische vgl. Verf. XXXI° Congresso Stör. Subalpin., Relazioni I, 109 ). Über das Berner Oberland, das Oberwallis sich ausbreitend, wo man eine frankoprovenzalische Lautung luvratte, LUCUBRITTU, leifrat, in vielen volksetymologischen Gestalten ( reifhat, réifhuet, Hutreif, Rütereif, die dort heute noch leben ) früh adoptierte, gelangte diese Benennung durch die Walserwanderung schliesslich bis in ihre entfernteste Kolonie, ins Kleine Walsertal: reifehütle ( Jutz II 697, Zinsli 174, 464 ).

Nach dem Ausweis alter Rezeptbücher spielt der Zwergholunder, Attich, in der Volksmedizin keine kleine Rolle: Er wurde als Heilmittel gegen Krankheiten der Eingeweide, gegen Kopf-schorf, gegen Schlangenbisse und als Haarfärbe-mittel geschätzt. Im uns beschäftigenden Gebiet taucht sein Name an drei Punkten identisch auf: éebolebo in Gress ., éwolewo in Iss. und éwu-lebi in Al. Dass es bei der Klärung dieses Wortes um lateinisch EBULUM geht, ist zweifellos.

Weniger sicher ist das Verständnis der Wort-fügung durch die Erweiterungssilben. EBULUM ist kein landläufiger Begriff. Leider weist der ALF ( Halbkarte ,hièble ' ) gerade in den Westalpen, Savoyen und dem welschen Wallis erkleckliche Lücken auf, und auch aus dem AIS steht bloss die Legende einer Südkarte ( K. 607, ebenfalls mit vielen Ausfällen, zur Verfügung. Neuere Wortforscher ( A. Thomas, V. Bertoldi, J.U. Hubschmied ), die sich mit dem Namen des Zwergholunders befassten, kennen nur das Simplex, EBULUM, vereinzelt auch EBUCONE, und in botanischen Sammlungen von Pflanzennamen Oberitaliens erscheinen Zusammensetzungen nur ausnahmsweise. Dass ein Apothe-kerausdruck wie EBULUM ( ähnlich wie APIUM, Eppich, ein sellerieähnliches Suppen-kraut, odpju in Gress. und Iss .) in einer eher gelehrten Wortgestalt lebt, ist begreiflich. Ich schlage vor, éebolebo als eine Hybride, einen Übersetzungsversuch eines nicht verstandenen EBULUM durch ein bekanntes, geläufiges Dialektwort ébu id. ( so piemontesisch ) im Gegensatz zu éval, iégjel, gèvolo, négi u.a. oberitalienischen Entsprechungen anzusehen, wobei ein Wortele-ment das andere übersetzt, ähnlich wie z.B. in ritsdorna ,Alpendistel', Gress ., worin sich rits = ital. riccio ,Dorn'mit seiner alemannischen Bedeutung vereinigt - oder wie in dniswèbi, Spinne ', in Iss. ( ani = ,SpinneARANEA, in einzelnen piemontesischen Mundarten ), und alemannisch wébi,, Webende, d.h. ,Spinne'( vgl. der wäber ,Spinne'in Ria. ). Gewiss darf man hoffen, dass aus dem kommenden, grossangelegten Atlante Linguistico Italiano ( ALI ) ein stärkeres Licht auch auf EBULUM wie auf die übrigen hier nur gestreiften Wortprobleme falle.

Die Fülle des Stoffes erzwingt an dieser Stelle einen vorläufigen Abbruch meiner Zusammenschau. Der Leser möge aus dem notwendigerweise beschränkten Ausschnitt walserischer pflanzlicher und tierischer Namengebung den Eindruck davontragen, dass es sich lohnt, bei der Klärung ennetbirgischer Sprachverhältnisse mitzuhelfen!

Die Walserwelt im Piémont ist eine rasch dahinschwindende Welt. Einige dieser Sprachinseln sind eben im Untergehen ( Rima, Saley ), andere sind schon versunken ( Niel, Ornavasso u.a. ). Allzu mächtige Kräfte arbeiten daran, Sprache und Brauch, Wesen und Eigenart auszuhöhlen. Davon seien nur die vordergründig-sten erwähnt: der Fremdenverkehr, die erleichterte Zugangsmöglichkeit, die Änderung des alpwirtschaftlichen Betriebswesens, das Fehlen örtlicher Industrien und Gewerbe, damit verbundene Flucht aus den Bergtälern in die Ebene hinaus u.a.m.

Nicht anders als am Beispiel von Bellwald /VS ( Goms ) [5], wo das Ergebnis solcher Zersetzung deutlich genug in Erscheinung tritt, wirken sich in den walserischen Südkolonien diese negativen Einflüsse geradezu verheerend aus. Nur gesellt sich als folgenschwerste Tatsache gegenüber Bellwald dazu, dass eben im Piémont der walserische Mensch in engem innerem und äusserem Kontakt mit seinen fremdsprachigen Landsleuten lebt. Und doch begrüssen wir es — in der richtigen Sicht Paul Zinslis -, dass diese einstigen alemannischen Auswanderer heute in erster Linie Italiener, und erst nachher Walser sind: Das Umgekehrte wäre unnatürlich und verhängnisvoll.

Die Wirksamkeit künstlicher Wiederbelebungsversuche solcher Kulturrelikte ( etwa durch Einführung von Schulunterricht in hoch-deutscher Sprache, durch Schaffung moderner Volkstrachten, durch Neudichtung und Neubelebung alemannischer Volkslieder u.a. ) muss sich erst noch erweisen.

Wir trauern dieser Vergangenheit nicht nach. Wer immer an die Walsermundarten herantritt, erlebt die Genugtuung und ist davon gefesselt, ein Stück Sprachbiologie aus der Nähe verfolgen zu dürfen, wie sie zwar ähnlich überall zu beobachten ist, hier aber in beschleunigter und besonders eindrücklicher Art und Weise. Was uns bleibt, was wir tun können, tun sollen, ist: die Sprachreste ( um diese geht es in erster Linie ) der südwalserischen Gemeinschaften sorgfältig sammeln und sichten - was auch hier versucht worden ist « pur remembrer des ancesturs les dits et les faits et les murs » ( « Zum Gedenken an der Väter Rede, Taten und Sitten » ) [6].

Abkürzungen:

AIS = Sprachatlas Italiens und der Südschweiz. Zofingen 1928 ff.

ALF = Atlas Linguistique de France. Paris 1903-1910.

ALI = Atlante Linguistico Italiano. Torino ( in Vorbereitung ).

Walserkolonien im Piémont:

Gress. ( GressoneyIss. ( IssimeAl. ( AlagnaRa. ( RimaRia. ( RimellaMac. ( MacugnagaSal. ( SalecchioAg. ( AgaroPo. ( PomatGur. ( Gurin ).

Literatur:

[1] Walser Volkstum. Huber, Frauenfeld 1969. [2] Arch. Roman. XI, 20. Anders: Vocabol. Dial. Svizz. ital., fase. 7, 287. Artik. artezit.

[3] Flora popolare italiana. Genova 1924. [4] Biblioteca Arch, roman. 4.

8!

C. Schmid, Sach- und Sprachwandel seit 1900, dargestellt am Gemeinschaftsleben u.a.n der Mundart von Bellwald. VS. Krebs, Basel 1969.

[6] Leitspruch der ROMANIA, franz. romanist. Zeitschrift.

Umschrift: im allgemeinen die der Quellen; sonstige:

äzürichdeutsch recht èdt. Bär aa, oo usw.Längung des Lauts jsehr mouilliert nital. campagna rjdt. eng seh i = Laut zwischen u und w = meist sehr stimmhaft; vgl. i = frz. rouge = abzuleiten von...

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