Piz Bernina. Eine Chronik der Nordostflanke

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Eine Chronik der Nordostflanke.Von Walther Flaig.

Die Flanke ist durch den Nordgrat ( meist Biancograt genannt ) und durch den Ostgrat klar umgrenzt. Die Grenze wird vervollständigt durch den breiten Nordostrücken, welcher an der untersten Ostgratschulter zum P. 3208 hinabzieht. Dieser Felskopf heisst heute Sass del Pos, doch meinte man früher, als man noch regelmässig durchs Labyrinth anstieg, damit den SO-Fuss dieses Felsens oberhalb des Labyrinthes, weil man dort nach dem begreiflich aufregenden ( heute unbegreiflichen !) Durcheilen des Eisbruches rastete ( Sass del Pos = Ruhe- oder Rastfelsen ).

Der P. 3208 oder Sass del Pos ist auch der Gipfel des « Bollwerk », des schwarzen, 500 m hohen Felsklotzes, auf den die ganze Ost- und Nordostseite des Piz Bernina aufgesockelt ist und der von seinem Fusse aus als ein mächtiger Berg für sich wirkt, ein wahrhaft grossartiger Anblick. Er wird gefördert durch eine Eisschlucht, welche die schwarzen Felsen wie ein weisser Blitz durchzuckt: das an die 400 m hohe Klucker-Couloir.

Das « Bollwerk » fusst bei 2700 m in der Ebene des Morteratschgletschers, so dass der Anblick der 1350 m hohen Flanke von der Bovalhütte zweifellos die höchste und eindrucksvollste Ansicht des Piz Bernina darstellt, wobei das schwarze Bollwerk links, der blaugrüne Eisbruch in der Mitte und die silbrige Schneide des Biancogrates rechts oben das Bild zu den Glanzstücken der Alpen erheben.

Und doch wurden erst ein halbes Dutzend Anstiege durch die Flanke bekannt. Der Anblick erklärt das sofort: Zwischen dem Sass del Pos und den unteren Biancofelsen durchzieht ein 800 m breiter Eisgürtel die Flanke. Die Eiswand dieses Gürtels hängt fast durchgehend über und erlaubt nur zwei Durchstiege. Aber auch sie können unmöglich werden und sind in jedem Fall überaus schwierig und eisschlagbedroht.

9.Jf'PIZ BERNINA.

Anstiege durch die Nordostflanke des Piz Bernina ( 4055 m ). Die Anstiege 1 und 5 verlaufen von den Schlusspfeilen ab über den Ostgrat, wie er in die Luft schneidet. L = Labyrinth. B = Bollwerk. G = Gurgel.WWinkel.

1Dr. J. M. Ludwig ( Schweiz ) mit Hans Grass und Abraham Ardüser'am 5. Oktober 1879 durch die sogenannte « Gurgel » ( G ) und über den Ostgrat.

2 Mr. L. Normann-Neruda mit Christian Klucker am 18. Juli 1890 durch das « Klucker-Couloir » im « Bollwerk » und auf den Pizzo Bianco ( 3998 m ).

3Dr. J. Frohmann ( Deutschland ) mit Chr. Zippert, Niklaus Kohler und Caspar Grass am 26. Juli 1911 durchs Labyrinth auf Sass del Pos ( von Süden, bis Sass del Pos schon am B. August 1889 von G. Gruber mit J. und A.J.ann durchgeführt ) und über die östliche Gipfelwand zur Berninaspitze.

4. .Karl Schneider und Franz Singer ( beide aus München ) am 27. Juni 1931.

Gerader Anstieg durch den « Winkel » im Eisbruch des Nordostwand-gletschers und durch die Gipfelwand direkt zur Spitze. ( Der untere, auf den Vordergrund gezeichnete Teil des Gletscheraufstieges ist unsichtbar ).

5 = Walther Flaig ( Stuttgart-Klosters ), Konrad Hupfer ( Dresden ) und Franz Kühlken ( Nürnberg ) am 2. September 1931 durch das Klucker-Couloir und über den ganzen Ostgrat zur Berninaspitze.

Die Felsen des Bollwerkes aber sind nur von SO ersteiglich, von oberhalb des Labyrinthes, und das ist nicht mehr die Nordostflanke, ist nicht mehr « ideal », denn mit Recht legen wir bei unsern Fahrten auch Wert auf eine gewisse Feinheit im Schwung der Linienführung, wobei das Ideal ( nach meiner Ansicht ) nicht in jedem Fall im « unmittelbaren » Aufstieg liegt, sondern darin, dass der Durchstieg neben schöner, schwunghafter Führung auch eine gewisse berechenbare Sicherheit gewährleistet, dass er zur Nachfolge lockt und Nachsteiger findet.

So bleibt von den Nordostanstiegen des Piz Bernina nur das Couloir im Bollwerk. Aber auch dieses ist wirklich bös anzuschauen und zu Zeiten nicht ohne sehr grosse Gefahr zu durchsteigen. Immerhin, bei günstigen Verhältnissen lässt sich die Gefahr ( Steinschlag ) ausschalten.

Verfolgen wir nun kurz die verschiedenen Seilschaften bei ihrem Durchstieg.

Der erste Aufstieg ( 1im Bild ) erfolgte am 5. Oktober 1879 durch Dr. J. M. Ludwig mit Hans Grass und Abraham Ardüser durch die sogenannte « Gurgel », ein schmales Eiscouloir in der Felsrampe unter dem östlichen Drittel der Eismauer, die dort geknickt ist. Der Aufstieg war zweifellos sehr schwierig und gefährlich. Man findet eine sehr humorvolle, feine Schilderung im Jahrbuch des S.A.C., Bd. XVI, S. 286. Es lohnt sich, sie nachzulesen! Sie stiegen dann mitten über den Gletscher empor und auf jene Ostgratscharte, auf die ( von S her ) der übliche Ostgratweg einmündet. Nach der Schilderung Ludwigs muss man allerdings meinen, er habe dann den meist üblichen Südgrat begangen, während dagegen seine Erklärung des dort beigegebenen Anstiegsbildes den Bildhorizont, d.h. den oberen Ostgrat, als Aufstiegslinie nennt.

Der zweite Aufstieg ( 2im Bild ) erfolgte am 18. Juli 1890 durch Ludwig Normann-Neruda mit Chr. Klucker. Klucker, der sich der Gefahr des Ludwigschen Aufstieges wohl bewusst war, weigerte sich, durch die Gurgel zu steigen, erklärte sich aber bereit, das Couloir im Bollwerk anzugehen, vorausgesetzt, dass man es rechtzeitig anpacke ( wegen der Steingefahr ), Sie durchstiegen die Eisschlucht in 3 Stunden und 10 Minuten und gelangten « nach schwerer Stufenarbeit » auf die Firnschneide am Oberende und in 1 Stunde auf P. 3208. Ihre Absicht war, über die Berninascharte den Piz Bernina zu gewinnen. Sie erreichten auch « die Scharte », aber ein furchtbares Hochgewitter überfiel sie und zwang sie zur Flucht über den Biancograt hinab, eine ganz grosse Führerleistung Kluckers.

Man findet eine fesselnde Schilderung in Kluckers Buch « Erinnerungen eines Bergführers », S. 88, und das interessante Gegenstück in Normann Nerudas « Bergfahrten », S. 76.

Der dritte Durchstieg ( 3im Bild ), ausgeführt von J. Frohmann mit Chr. Zippert, Nikiaus Kohler und Caspar Grass, ist nur in seinem obera Teil für uns wichtig. Sie stiegen nämlich durchs Labyrinth und von SO auf P. 3208, ein Aufstieg, den G. Gruber mit J. und A.J.ann am 8. August 1889 schon durchgeführt hatte. Aber nach dem Aufstieg über den NO-Rücken querten sie unterm Ostgrat in die Gipfelwand und durchstiegen sie schräg von links nach rechts ( unterm Ostgrat empor ) und zum Schluss durch die Felsen zur Spitze.

Damit waren die Hauptteile der NO-Flanke durchstiegen: die untere Nordrampe ( Ludwig ), das Bollwerk ( Neruda ), die mittleren Gletscherhänge ( dieselben ) und die Schlusswand an zwei Stellen ( Neruda und Frohmann ). Aber der ideale Aufstieg, die Verbindung dieser Anstiege und der Grenzgrate oder der gerade Aufstieg zur Spitze durch die ganze Wand fehlten noch. Beide wurden 1931 gelöst:

Der vierte Durchstieg ( 4 ——.—. im Bild ) durch Karl Schneider und Franz Singer am 27. Juni 1931 stellt zweifellos die Lösung des idealen unmittelbaren Anstieges dar, ist wohl der schwierigste und — leider — auch der gefährlichste, so dass er — wenn ich so sagen darf — nur « theoretisch ideal » ist, denn die Wiederholung dieser kühnen Fahrt wird immer ein unberechenbares Wagnis sein, zu Zeiten auch ganz unmöglich. Zeiten: Bovalhütte ab gegen 1 Uhr, am Eisbruch im « Winkel » 4 Uhr. Der Eiswulst im Bruch machte die grössten Schwierigkeiten des Aufstieges. Eisschlag nebenanAm Bergschrund unter der Schlusswand: 11 Uhr. Überschreitung des Schrundes 1% Stunden = 1230 Uhr. Schlusswand: lockerer Schnee auf Eis und Fels! Am Gipfel um 2116 Uhr, d.h. also fast 9 Stunden für die Schlusswand, die etwas über 300 Meter hoch ist. Dabei war dies in der günstigen Zeit, im Juni. Man wird selten in der Schlusswand anderes als Eis finden.

Der fünfte Durchstieg ( 5 im Bild ) von Walter Flaig, Konrad Hupf er und Franz Kühlken fand am 2. September 1931 statt. Wir verbanden das Klucker-Couloir mit dem ganzen Ostgrat. Wir wollten eigentlich auf irgendeinem « Weg » durch diePalü-Nordwand. Aber das Wetter war miserabel. Es lag zu viel Neuschnee in der steilen Nordwand. Da hetzte uns Franz auf das Couloir, das mich — wie das Bollwerk — schon oft begeistert hatte. Jetzt waren die Verhältnisse günstig, wenn es kalt wurde. Schnell entschlossen stellten wir uns um, nicht ohne den Hintergedanken, durch die Verbindung des Couloirs ( mit seinem hinreissenden Schuss !) mit dem Ostgrat den idealen Anstieg direkt von Boval aus zu erproben. Der Schuss und Bogenschwung in dieser Anstiegslinie begeisterte uns, so wie ein schönes Gedicht uns plötzlich mitreisst durch seinen wogenden Aufschwung.

Die Schneelage im Couloir muss natürlich günstig sein, denn durch die herbstlich vereiste, 400 m hohe und sehr steile Eisschlucht empor zu hacken, ist natürlich Unsinn und gefährlich, weil dann der Durchstieg nicht so rasch geht, dass man dem Steinschlag rechtzeitig entrinnt. Wenn Klucker in seinem Buche « Erinnerungen eines Bergführers » ( S. 88 ff. ) schreibt, dass im Couloir keine Eisschlaggefahr bestehe, so will ich gerne zustimmen, sofern man sich beim Einstieg stets links ( östlich ) hält. Wenn er aber meint «... dass dieses Couloir keine Steingefahr aufweise, da nirgends Steine herumlägen, welche von oben heruntergefallen seien... », so muss ich das als einen Irrtum bezeichnen, dem eben auch ein Klucker einmal unterworfen ist. Wir sahen VIII2 ::1Ç im Anmarsch auch keine Steine liegen, aber oben herabschauend erblickten wir ( in den Firn eingetrieben und daher von unten nicht sichtbar ) einen ganzen schwarzen Kranz von Steinen! Aber wir hatten natürlich schon lange vorher alle Tage die Steinschlagrinne gesehen, die ( unten mehrere Meter breit und tief !) durch das Couloir herabzieht und die ja keinen Zweifel lässt.

Deshalb muss das Couloir sehr früh am Morgen ( oder besser gesagt in der Nacht ) angepackt werden und ausserdem entweder im Frühjahr oder Vorsommer oder — wie wir es sahen und benützten — nach Neuschneefall, wobei der neue Schnee nass gefallen, durchgeregnet oder überföhnt und dann festgefroren sein muss. Wir rechneten mit diesen Umständen. Es lag Neuschnee von etwa 2700 m ab, über 3000 m in grossen Massen. Am Vortag war es warm, ja es regnete strichweise ziemlich hoch hinauf. Als es am Abend spät aufklarte, beschlossen wir einen Versuch. Wir brachen nicht so sehr früh auf, weil wir dem Nachtfrost Zeit lassen mussten und Steinschlag bei den völlig verschneiten Felsen nicht zu fürchten war.

Wir brachen daher erst um 446 Uhr auf Boval auf. Um 54S Uhr überschritten wir den Bergschrund, den wir ganz links unten durchsteigen mussten. Da wir alle drei erstklassige Original-Eckenstein-Eisen in jener herrlichen Ausführung trugen, wie sie nur ein Franz Hafner herstellt, so liefen wir nun auf dem Steilfirn einfach kerzengerade empor in einer kleinen Rinne, die zur untersten Ecke der ersten Couloirverengung hinaufzog ( die Steinschlagrinne, in der jetzt zwei kleine Steine fielen, blieb rechts ). Der obere Teil war sehr steil, so steil, dass wir die eine Hand auf den Firn stützten, mit der andern aber die Pickel um den Schaufelhals packten, die Spitzhauen ganz in Firn hieben und uns so Halt schufen, eine Methode, die wir jetzt fast 3y2 Stunden beibehielten und die sich in diesem Schnee wieder ganz hervorragend bewährte. Bis zur Ecke brauchten wir eine Stunde. Dann folgten wir dicht den Felsen entlang zur zweiten Ecke, wo das Couloir am engsten ist. Hier musste ich in der Steinschlagrinne kurz emporsteigen und sie überschreiten, wobei das fast senkrechte Ufer jenseits Stufenarbeit erforderte. Wir querten aber sofort zurück und konnten nun wieder am Unken Rand ganz steinschlagsicher ansteigen. Man kann hier auch — wie Klucker es tat — in die Felsen. Wir bUeben im Firn und landeten nach 3% Stunden ( vom Einstieg ) in der Sonne auf dem Firngrat, der das Couloir krönt. Klucker und Normann-Neruda benötigten 3 Stunden 10 Minuten.

Während nun Klucker — wenn ich seinen Bericht recht verstehe — gerade über die Felsen aufstieg, querten wir auf einem breiten Schneeband waagrecht nach S und erreichten durch eine Steilrinne die gratartigen leichten Felsen, über deren tiefverschneite Stufen wir in 50 Minuten emporstiegen auf den P. 3208 ( trigonometrisches Signal ).

Wir blieben von 1020 bis II20 Uhr auf diesem prächtigen Punkt. Dann wühlten wir uns durch unbegreiflich viel Neuschnee über den NO-Rücken auf die unterste Ostgratschulter ( etwa 3660 m ), auf deren Felskopf wir völlig ausgepumpt anlangten. Über Firn erklommen wir den waagrechten Felsgrat des Ostgrates, der nach 1 Stunde hinter uns lag. Hier mündet von S der übliche Ostgratanstieg, von NO der Anstieg von Ludwig ein.

Der tiefverschneite und bald beschattete Ostgrat kostete uns noch zwei Stunden. Um 1715 Uhr waren wir auf dem Gipfel.

Bei diesen Nordost-Anstiegen sind die kühnen geraden Aufstiege Zipperts und anderer von der Morteratschseite zum Beginn des firnigen Biancogrates absichtlich ausser acht gelassen. Sie berühren die Nordostflanke selbst nicht.

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