Pizzo di Claro

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Erwin Roth, Winkel

Jedesmal, wenn ich auf einem Gipfel der Gotthardberge stehe, halte ich Ausschau nach dem langen, vielgipfligen Gebirgszug, der vom Rheinwaldhorn nach Süden streicht. Nur ganz langsam senkt sich diese Kette gedrungener, dunkler Felsgipfel, bis sie beim Pizzo di Claro unvermittelt in das Dunstmeer abbricht, das aus der Poebene in die Täler des Sopraceneri heraufdringt. Irgendwann erwachte in mir der Wunsch, jenen fernen Berg am Rande der Alpen zu besuchen.

Der Pizzo di Claro ist nur 2727 Meter hoch, aber ein gewaltiger Zweitausender; seine Flanken steigen ohne eine Unterbrechung 2400 Meter hoch aus den umliegenden Tälern zu seinem Gipfelkopf empor, von dessen Fuss gegen Süden ein 7 Kilometer langer, fast horizontaler Grat ausstrahlt. Es müsste ein herrliches Wandern sein über jenen hohen First, der das Calancatal und das Misox vom Tessintal trennt - der logische Abstieg von diesem südlichen Eckpfeiler des Adula-gebirges über seinen Hauptkamm bis dorthin, wo er in der Ebene untertaucht.

Als der Tag nahte, an dem der Wunsch in Erfüllung gehen sollte, war der Pizzo di Claro in meiner Vorstellung so gross, so schön, so unberührt und einsam, dass ich mich fast ein wenig fürchtete, enttäuscht zu werden. Die umfangreichen Vorbereitungen, die Mario und ich zu treffen hatten, lenkten meine Sinne aber bald wieder auf praktische Belange. Für das zu erwartende Biwak stopften wir neben dem Schlafsack und dem Kochtopf noch einige besonders dicke Zeitungen in den Rucksack. Schliesslich erreichte unser Gepäck ein solches Gewicht, dass uns beim Gedanken an die uns bevorstehenden Höhenmeter ungemütlich wurde.

Unser Zug war voll besetzt mit Bergsteigern. Die meisten stiegen in Erstfeld, Göschenen oder Airolo aus. Nur einige wenige fuhren bis Biasca weiter, wo wir beide als einzige auf den Personen- QH deutsch zug warteten, der eine geraume Weile später nach Osogna-Cresciano weiterfuhr. Hier, auf 264 Meter Schwellenhöhe, begann unsere Tour damit, dass wir auf der Gotthardstrasse 2 Kilometer weit gegen Bellinzona tippeln mussten. Unsere Gebirgsausrüstung erregte allenthalben Aufmerksamkeit, und wir kamen uns ein wenig vor wie Eisberge im Mittelmeer, so dass wir es als Erleichterung empfanden, als wir uns bei Cresciano den Blicken der Öffentlichkeit entziehen konnten. Ein mit grossen Quadern belegter Waldweg leitete uns im Schatten mächtiger Kastanienbäume höher, und nach einstündigem Marsch kündigte eine Lichtung die Maiensässe Cavri an. Trotz der geringen Entfernung vom Getriebe waren Verkehrslärm und Alltag für uns schon in weite Ferne gerückt. Cavri ist ein Tessiner « Monte », deren es viele gibt. Das Plätschern eines Brunnens und das Rauschen der Kastanien-zweige sind hier die einzigen Geräusche. Ein eigenartiger Zauber liegt über den zerfallenden, von Farnkräutern und Brombeerstauden umwucherten Steinhüttchen. Während sonst überall Zivilisation und Technik im Vormarsch begriffen sind, greift die Wildnis in den Tessiner Alpen sachte nach verlassenen Wegen und Wohnstätten.

Ein junger Tessiner überholte uns hier und bot uns nach kurzem Gespräch seine Begleitung an. Wir lehnten dankend ab, denn mit unsern Lasten hätten wir seinen schnellen Schritten wohl kaum folgen können; dafür nahmen wir gern seine Einladung an, ihn auf dem nächsten « Monte » zu besuchen, wo er bei seiner Tante wohne.

Nach dreiviertel Stunden begleiteten uns Hüh-nergegacker und der Duft eines Herdfeuers zur einzigen zur Zeit bewohnten Hütte, aus der unser Bekannter von Cavri und eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters traten. Wir wurden wie Freunde begrüsst, und bald sassen wir mit einer Tasse Kaffee auf den flachen Steinen vor der Hütte. Begegnungen mit Menschen sind in den Tessiner Alpen zwar selten; wenn man aber jemanden antrifft, dann sind es fast immer Ein- heimische, und oft werden solche Begegnungen zu tiefen Erlebnissen, auch wenn manchmal nur wenig gesprochen wird. Die Tessiner Bergbauern sind ausserordentlich gastfreundlich, obwohl die Verhältnisse so kärglich sind wie kaum anderswo in unserm Land. Vielleicht hat diese Gastfreundschaft ihre Ursache gerade darin, dass der Tessiner Bergbauer, der noch zur Alp geht, mit seiner Heimat enger verbunden ist, denn materielle Vorteile bringt ihm sein Beruf nicht. Ein Fremder aber, der sich zu dieser seiner Bergheimat hingezogen fühlt, wird als ein Gleichgesinnter geschätzt und aufgenommen.

Unsere Gastgeber gaben uns noch ein paar Ratschläge, was die Orientierung betraf, und bald waren wir allein auf unserem Berg, der eine grössere Fläche bedeckt als der Kanton Basel-Stadt. Schon das schwer auszumachende Weglein nach Bàssera zeigte an, dass wir jetzt in jenen Teil des Tessins eindrangen, in dem das Bergsteigen zugleich ein Pfadfinderabenteuer ist. Auf den samtweichen Wiesenteppichen von Garetto verlor sich die Spur erneut, wurde aber bei zwei Hüttenruinen am Rande des Hochwaldes wieder erkennbar und führte steil durch den felsdurchsetzten Wald aufwärts. Eine halbe Stunde höher oben versuchten wir während einiger Zeit vergeblich, das Kartenbild mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Eine mühsame Kletterei über moosbewachsene Felsen brachte uns schliesslich auf die Terrasse von Scontrala.

Cavrì, Bàssera und Garetto sind kleine Paradiese. Hier oben in Scontrèla, der kleinen Alp, ist alles von Kraut und Stauden überwuchert. Auf ihrer Talseite fanden wir dafür eine flache Granitplatte, hoch über dem Felsabsturz, den wir soeben umgangen hatten. Wir setzten uns auf diese heissen, rauhen Felsen und schauten auf das tausend Meter tiefer gelegene Tal hinab, wo die langgezogenen Schleifen des Ticino aus dem Dunst heraufglitzerten. In der Ferne entdeckten wir die Häuser Bellinzonas. Ein verlorener Pfiff der Eisenbahn war alles, was vom Lärm des Tales bis hier heraufdrang. In erhabener, unberührter Einsamkeit thront Scontrèla auf seiner bescheidenen Terrasse.

Mit schmerzendem Rücken plagten wir uns über die letzten 450 Meter der vielen Geländestufen hinauf, die von Cresciano bis zur Alpe di Pèu führen. In einer weiten Schleife biegt der Weg in das Tal ein, das vom Lago di Canee am Fusse des Claro-Gipfelkopfes herunterkommt. In mehreren ununterbrochenen Reihen von Wasserfällen rauschen die Bäche in diesen viele hundert Meter tiefen Kessel hinab. Dieses Bild vermittelt einen ersten Eindruck von der wilden, weiträumigen Grosse unseres Berges.

Ganz plötzlich lagdieweiteSchulterder Alpedi Peu vor uns. Am Fusse des Torrone Rosso sonnte sich eine Gruppe Alphütten im milden, herbstlichen Abendlicht. Über rötliches, fast sumpfig weiches Gras machten wir die letzten Schritte zu unserm Obdach, der einzigen offenen Hütte, die uns ein Bauer in Cresciano beschrieben hatte. Wände und Dach unserer Behausung bestanden aus lose aufgeschichteten Steinen, zwischen denen man ins Freie gucken konnte. Heu gab es keins, aber es lagen ein paar Bretter umher, mit denen man eine Art Lager zimmern konnte. Aus weniger Material kann eine Hütte wohl kaum bestehen, und doch hatte diese hier jeder komfortablen Clubhütte eins voraus: In ihren russ-geschwärzten, zugigen Wänden hauste das Abenteuer, das wir gesucht hatten, jenes Abenteuer, das Lösung von jeder Zivilisation bedeutet.

Wir machten noch einen kleinen Spaziergang, hauptsächlich, um Wasser zu holen, als uns plötzlich ein kalter Wind um die Ohren pfiff und gleich darauf eine Nebelschwade uns einhüllte. Das Wetter, das während des ganzen Tages schön und heiss gewesen war, gab nun plötzlich zu Bedenken Anlass. Ich erinnerte mich auch an jenen Abend vor fünf Jahren, als wir unter ganz ähnlichen Umständen am Monte di Biasca drüben genächtigt hatten und am andern Morgen in einem Schneesturm erwacht waren. Die Beschäftigung mit der Mahlzeit lenkte uns wieder von diesen Befürchtungen ab, und während draussen der Wind den Nebel vor sich hertrieb und langsam die Nacht herniedersank, entwickelte sich in unserer Hütte eine Atmosphäre urtümlichster Geborgenheit; ja unser von einem Kerzenstummel schwach erhelltes Gemäuer schien uns der Inbegriff der Gemütlichkeit zu sein.

Bevor wir uns schlafen legten, traten wir nochmals vor die Hütte, um nach dem Wetter zu schauen. Der Nebel war in die Täler zurückgesunken; in der Tiefe glitzerten die Lichter von Bellinzona, und hinter den zackigen Graten der Verzascaberge verglomm der letzte Schimmer Abendrot. Zuversichtlich bereiteten wir unser Nachtlager vor und hängten die Schuhe an den Firstbalken, um sie vor den Mäusen zu schützen, die im Gemäuer raschelten.

Durch die Dämmerung eines prachtvollen Morgens stiegen wir am nächsten Tag zum Lago di Canee hinauf. Eine niedrige Felsschwelle staut hier das Wasser der vom Pizzo di Claro herabrauschenden Bäche an einer Stelle, wo niemand einen See erwarten würde. Der von Alpe di Pèu her gleichmässig ansteigende Hang bricht hier unerwartet ab, und wir hatten das Gefühl, in einen neuen Raum einzutreten: Zu unseren Füssen lag dunkel und vollkommen glatt der Spiegel des Sees, aus dem auf der andern Seite finstere, hohe Wände zum Gipfelgrat des Pizzo di Claro ansteigen. Der Blick nach Westen bietet einen kaum zu übertreffenden Gegensatz zu diesem düstern Felskessel mit seinem geheimnisvollen See. Hinter der Verzascakette waren die Walliser Alpen aufgetaucht. In der Morgensonne leuchteten ihre Gipfel gross und nah über die kahlen Höhen der Tessiner Alpen herüber. Das Tal aber, aus dem wir aufgestiegen waren, lag noch in dunklen Schatten.

Wir umgingen die Wände über dem See auf der Südseite und gelangten in die Hochmulde westlich unter dem Gipfelgrat. Die letzten hundert Meter dieser Flanke bestehen aus festen Felsstufen, auf denen zur Zeit ziemlich viel Neuschnee lag. Langsam brachte ich dieses letzte Hindernis hinter mich, während Marios blonder Haarschopf bereits oben im Sonnenlicht aufgetaucht war. Dann standen wir auf dem Gipfelfirst in der Mitte zwischen Nord- und Südgipfel und schritten benommen zum höchsten Punkt. « Grossartige Rundsicht », schreibt der Clubführer in lapidarer Kürze. Mich liess dieses Panorama, das sich hier mit einem Schlage geöffnet hatte, vergessen, dass ich Hunger und Durst hatte. In einem gewaltigen Halbrund, das vom Gran Paradiso bis zu den Bergamasker Bergen reicht, umstehen die Alpengipfel den Pizzo di Claro, der als letzter, einsamer Vorposten des Hochgebirges frei in den Raum ragt. Der Besonderheit seiner Lage ist es zu verdanken, dass die Walliser, Urner und Berner Alpen gleich wirkungsvoll in Erscheinung treten wie Adula und Bernina. Ein wundervoller Herbstmorgen verlieh der Stunde einen feierlichen Glanz, und während die Bündner Berge im Gegenlicht Kamm an Kamm bis zur Bernina emporwogten, war die Sicht auf die in der prallen Sonne glänzenden Gletscher im Westen und Norden von unwahrscheinlicher Klarheit.

Als ausgewogener Gegensatz zu dieser Fülle an Fels und Eis lagen im Süden die Berge des Sottoceneri und die Comasker Alpen in ruhigen, sanften Formen unter uns. In ihre Täler drang das unermessliche Dunstmeer, das die Poebene bedeckt. Losgelöst von den andern Ketten, schwammen in der Ferne die Gipfel der Grigna und des Monte San Primo auf dieser silbrig glänzenden Fläche.

Auf dem Südgipfel aber ist es der Tiefblick in die Riviera, der den Beschauer in seinen Bann zieht. Über die schneebedeckte Gipfelwand fällt der Blick hier jäh zum Lago di Canee hinab, der auch jetzt noch, obwohl die Sonne seinen Spiegel erreicht hatte, dunkel und rätselhaft blieb. Als feine Linie durchzieht die Eisenbahn das Land und liess uns den Bahnhof von Claro ausfindig machen. Bis dorthin sollte nämlich unsere Wanderung führen, über den langen Grat zum Pizzo Molinera und nach Parusciana hinaus, dessen Wiesen weit vorne im Streiflicht glänzten.

Über Rasen und kleine Felsstufen stiegen wir gegen das Calancatal ab; tiefer unten gerieten wir in ein Couloir, das anfangs sehr harmlos aussah, dann aber zwischen seinen hohen, verwitterten Seitenwänden nur einen schmalen Streifen des Himmels sehen liess. Schwierigkeiten gab es zwar keine; aber da das Couloir wie eine Regentraufe schräg zur allgemeinen Hangrichtung verlief, konnten wir uns gut vorstellen, dass jeder Stein, der sich irgendwo im südlichen Teil der Ostflanke löst, seinen Weg durch diese Runse nehmen muss. Offensichtlich war dies nicht das vom Clubführer empfohlene, sondern das südlichste der drei grossen Couloirs. Die Einmündung eines ähnlich geformten Seitentobels spornte uns zu grösster Eile an, bis der schaurige Canalone endlich nach Osten umbog, und nach wenigen Schritten befanden wir uns ausserhalb seines Wirkungs-bereiches. Über eine grobblockige Halde querten wir zum Südgrat hinüber, den wir dicht am Fusse seines jähen Gipfelaufschwungs betraten.

Hier beginnt nun die 7 Kilometer lange Gratwanderung, die vielleicht das Schönste an der Besteigung dieses Berges ist. Ein Schafweglein führt über die stellenweise recht scharfe Kante zur Senke hinab, in der die Gegensteigung zum Pizzo Molinera beginnt. Von dieser Stelle führt ein Weg über Alpe di Motto und Maruso direkt nach Claro hinunter. Es war halb i Uhr, und eine vernünftige Zeitberechnung hätte uns nun gemahnen müssen, hier abzusteigen, denn vor uns lagen immerhin 2000 Höhenmeter in uns unbekanntem Gelände. Aber gegen die Erwägungen der Vernunft erhob sich gebieterisch die Vorstellung, dass wir wahrscheinlich sehr lange, vielleicht überhaupt nie mehr hieher zurückkommen würden, um den Rhythmus des langen Grates zu erleben. Als wir gegen den Pizzo Molinera weiterzogen, spürte ich keine Müdigkeit und keinen Rucksack. Ich erlebte diese Überschreitung wie ein Musikstück; der Weg über diesen Grat war wie ein Abgesang in grossangelegten Synkopen. Die Bilder im Osten und Westen standen sich in vollendeter Harmonie gegenüber; beidseitig überragten ferneEisgebirge die kahlen,zerrissenen Berge des Vordergrundes, von denen wir durch zweitausend Meter tiefe Täler getrennt waren.

Über dem Pizzo Molinera lastete eine flimmernde Hitze. Der Dunst über dem Tessintal hatte sich stellenweise zu kleinen Wölkchen verdichtet, die langsam den Berglehnen entlangse-gelten. Durch diese zarten Schleier glänzten die blauen Flanken des Monte Rosa. In braunen und grünen Wellen senkte sich unter uns der Grat in die Tiefe, bis er sich in blaugrünem Farbgemisch verlor.

Wir konnten nicht lange auf der Spitze dieser letzten Anhöhe verweilen, denn der Weg war noch weit, und unsere Flüssigkeitsvorräte gingen zur Neige; dabei plagte uns ein mächtiger Durst. Unter uns lag Alpe Brogoldone, wo eine rechteckige, glänzende Fläche einen sehr grossen Brunnen vermuten liess. Die Alp kuschelt sich in die Ausläufer eines winzigen, aber recht zerklüfteten Felsgebirges. Unser erstes Begehren galt natürlich dem Brunnen. Was wir aber vom Pizzo Molinera aus gesehen hatten, erwies sich als Bretterboden vor dem Viehstall. Die Enttäuschung währte allerdings nicht lange: Vor dem Hüttchen, in dem die UTOE eine Unterkunft eingerichtet hat, plätscherte es wohlklingend, und genussvoll liessen wir hier das kühle Nass über Kopf und Rücken rinnen.

Brogoldone liegt auf einer flachen, breiten Bergschulter. Aber das Schlendern über die sanften Alphänge nahm ein rasches Ende: Am Rande eines sehr steilen Waldhanges hörte der Weg zunächst einmal auf. Mit etwas Glück fanden wir seine unscheinbare Fortsetzung, die stellenweise mit verblichenen, rot-weissen Farbtupfen markiert ist. Nun begann die Stufenleiter der vielen hundert Höhenmeter, denn obwohl wir schon gegen tausend Meter abgestiegen waren, trennte uns infolge der verschiedenen Gegensteigungen immer noch eine Höhendifferenz von 1700 Metern vom Talboden. Mit allmählich brennenden Füssen und stechenden Knien brachten wir Kehre um Kehre, Stufe um Stufe hinter uns.

Schon erschien der Pizzo Molinera wieder gross und hoch, und nach meinem Gefühl hätte schon längst Parusciana auftauchen müssen; aber es war, wie wenn uns der Pizzo di Claro nochmals einen Begriff seiner Ausmasse geben wollte. Über die schattigen Hänge der Monti Saurù sahen wir auf die Talsohle des untersten Misox hinab. Weiter ging die Wanderung durch den Wald; dann traten die Tannen ganz zurück. Auf federnd weichem Boden schritten wir lautlos über die sanft abfallenden Matten von Parusciana. Ein grosser Felsblock markiert den Signalpunkt und lädt zur Rast ein. Das Grundmotiv der Claro-Überschrei-tung, das Wandern über den letzten grossen Berg vor den tiefen Tälern, erscheint hier in seiner letzten Verklärung. Die Talebene war durch den Dunst kaum mehr wahrzunehmen; einzig der Flusslauf des Ticino, der bei Bellinzona wie durch ein grosses Tor nach Westen umbiegt, glitzerte mattgolden in der Abendsonne. Die gegenüberliegenden Berge waren zur hohen Schattenwand geworden, in der sich alle Einzelheiten verloren. Dem Tal entrückt und fern von den Bergen, ist Parusciana eine kleine, wunderbar friedliche Welt für sich.

Gemächlich schritten wir über die sonnigen, herbstlich braunen Wiesen, denn der restliche Abstieg sollte nach der Karte keine besondern Überraschungen mehr bringen. Durch Gebüsch führte der Weg nach Pozzuolo hinunter und verschwand dort im Wald. Ein paar Schritte weit war er noch auszumachen, dann war er weg, wie von Zauberhand verwunschen. Ratlos standen wir im dornigen Dickicht eines Tessiner Buschwaldes. Ganz unerwartet hatte unsere Tour nochmals eine Wendung zum Abenteuerlichen genommen; kaum 800 Meter über dem Talboden wurde es auf einmal fraglich, ob wir denselben heute überhaupt noch erreichen würden. Mit Stecken bewehrt, kämpften wir uns durch das Gestrüpp. Wenn wir uns gerade hinab durchschlugen, mussten wir den Weg gemäss der Karte etwa hundert Meter tiefer unten wieder kreuzen. Wichtig war es allerdings, diese Stelle nicht zu verpassen, denn sonst könnte der Abstieg zu einem Unternehmen für sich werden, auf das wir im Moment nicht erpicht waren.

Schliesslich gelang es uns, die Fortsetzung des mysteriösen Pfades zu finden. Zerfallen und verwachsen, aber immer einigermassen deutlich führte er nun nordwärts hinab, bis wir auf die Wiese von Ai hinaustraten. Auch hier träumten wieder altersgraue Hüttchen unter weitausladenden Kastanien, als wüssten sie nichts davon, dass es wenige hundert Meter weiter unten Schnellzüge und Autoschlangen gibt. Dann trafen wir auf eine kleine Baustelle und vermuteten einen bessern Weg, denn wir waren zur Überzeugung gelangt, dass es noch eine andere Möglichkeit geben müsse, um nach Parusciana zu gelangen. Aber gefehlt! Unsere mit erlahmender Energie betriebene Suche blieb erfolglos, und so schritten wir weiter auf unserem altersmüden Weg bergab. Bei Cassinello tauchte plötzlich das Kloster Santa Maria jenseits des Valle del Molino auf, das in der Dämmerung des Abends und inmitten der unberührten Umgebung wie ein Spukschi oss erschien. Dann standen endlich die ersten Häuser von Claro vor uns. Ausgedörrt, müde und zerkratzt, aber um ein herrliches Abenteuer bereichert, betraten wir hier die Gotthardstrasse, dreissig Stunden, nachdem wir sie bei Cresciano verlassen hatten. Beim Bahnhof setzten wir uns auf die Laderampe und liessen unsere schmerzenden Fusse baumeln. Es war die im Tessin so schöne Zeit der Abenddämmerung. Die Lichter des Dorfes durchtränkten den Dunst; in der Nähe zirpte eine Grille, während das einsilbige, wehmütige Bimmeln eines Campanile gegen die hohe Bergflanke anstieg. Ganz oben aber, zwischen der Flanke und dem verblassenden Himmel, zog die lange, gerade Linie des Südgrates zum Gipfelkopf des Pizzo di Claro.

Hinter uns beleuchtete eine alte Ampel das Bahnhofschild « Claro ». Für Tausende, die hier vorbeireisen, ist es irgendeines unter vielen; für Mario und mich aber wird es immer eine ganz besonders bedeutungsvolle Tafel bleiben.

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