Pläne und Ziele

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON RUEDI SCHATZ

Am 2. Juni waren wir im Basislager Camballa angekommen; endlich in « unserm Gebiet »! Ich hatte es schon einmal sehen dürfen vor rund drei Wochen. Die peruanische Luftfahrtsgesellschaft Faucett hatte ein Freibillett spendiert. In diesem Fall bedeutete das ausnahmsweise nicht eine fast sichere Fahrkarte in den Himmel, wie es von andern Linien dieses löblichen Landes behauptet wird. So gibt es eine Linie TAM ( Transportes Aereos Militares ), was von den wenigen überlebenden Passagieren mit « Transporte al Muerte » ( Transport zum Tod ) übersetzt wird. Die Faucett aber ist zuverlässig, und als mich beim Einsteigen in das viermotorige Kursflugzeug der Pilot mit « Na, da ist ja unser Schweizer Bergkraxler » begrüsste, da wusste ich, dass mein Geschick diesmal nicht in den Händen eines der lächelnden, braunen Fatalisten lag. Flugkapitän Klien ist ein Deutscher, seit Jahrzehnten in Peru daheim, Chefpilot seiner Gesellschaft. Und obwohl Flieger, so klopfte doch ein Bergsteigerherz unter seinem Uniformrock. Mit 50 Passagieren gondelte er Cuzco zu; ich durfte bei ihm in der Führerkabine bleiben und das Flugzeug « steuern », wie ein Schiffskapitän sein Boot: « An jenem Berg links vorbei, dort rechts, den grossen bitte überfliegen », und bereitwillig führte Klien die ganze Gesellschaft erstaunt-erschrockener Passagiere über die gleis-sendwilden Berge hin.

Und ich durfte zum erstenmal unser Tätigkeitsgebiet sehen, sehen, wovon wir geträumt hatten, was wir uns aber nie hätten vorstellen können! Die Maschine flog über dem braunen Hochland: weite Flächen, da und dort das hellgraue Band einer einsamen, leeren Strasse, eine kleine Lagune, ein niedriger, schneebedeckter Gipfel in der Endlosigkeit der Puna. Und dann steht am Horizont plötzlich eine Wand kugelig grauschwarzer Wolken, aufsteigend aus der feuchten Tiefe des Ama-zonas-Urwaldes. Mit einem Male wird die weite Hochfläche von einem riesigen Graben durchrissen, eine hin und her sich ziehende tiefe Schlucht, ihr Grund, 4000 Meter unter uns, erfüllt mit Urwald: der Flusslauf des Apurimac, des grössten Flusses von Südost-Peru, der hier die Ostkette der Cordillère durchbricht, um sich den Weg zur Vereinigung mit dem Vaterstrom Amazonas freizuschaffen. Zersägt wird das Land, zerfurcht von hundert Gräben und Tälern, ausgefressen von den vielen Wassern, die auf kürzester Strecke von der 3000 bis 4000 Meter hohen Ebene in die Meerestiefe des Urwaldes eilen. Vorbei ist die melancholisch-sanfte Weite des Hochlandes, die Formen werden wild, und da glänzt jenseits der Schlucht schon der erste Gipfel der Cordillera Vilcabamba auf, der Choquesafra; zu seinen Füssen sollen die letzten Inkas Zuflucht gefunden haben. An seinem Sockel liegen die letzten Hazienden, von der Hochebene her erreichbar; flussabwärts kann kein europäischer Mensch vordringen. Der wilde Fluss ist selbst für die kühnsten Kanufahrer unschiffbar; die Chunchos, die wirklich Wilden, Kopfjäger noch zum Teil, hausen in der Nacht seiner Schlucht-wälder.

Hinter dem Choquesafra steigt die ganze Panta-Gruppe empor, Gipfel an Gipfel, der Panta, der höchste von allen, dann die vielen Spitzen um ihn, die unerhört kühne Form der Camballa als Abschluss. Ein neues Absinken, der Choquetacarpo-Pass, und dann das riesige Pumasillo-Massiv, eine Unzahl von Gipfeln; dann wieder Passland, kleine Berge und zuletzt, Höhepunkt der Cordillera Vilcabamba, der Salcantay, den unser Flugzeug beinahe streift, um kurz nachher in Cuzco zu landen.

20 Minuten hatte die Überfliegung des ganzen Berglandes vom Apurimac nach Cuzco gedauert; wir brauchten zehn Tage, um nur die Hälfte dieser Distanz bis zum Panta-Basislager zu Fuss zurückzulegen!

Der Blick war Verheissung und Versprechen gewesen; er sollte nicht zuviel versprochen haben. Wer beschreibt das Gefühl, wenn man in ein Bergland sehen darf voller herrlicher Gipfel, und man darf sich sagen: Keiner ist bestiegen, kein Tal von Weissen betreten, alles wartet auf die Ersten und in zehn Tagen wirst du jene Erde, jenen Schnee, jenen Fels fühlen unter deinen Schuhen, in deinen Händen!

Die Cordillera Vilcabamba erstreckt sich auf einer Länge von rund 100 km vom Urubamba zum Apurimac. Sie wird von drei grossen Gebirgsgruppen gebildet. Am nächsten bei den modernen Verkehrsmitteln, relativ gut und schnell erreichbar, liegt gleich der höchste Gipfel der Kette, der Salcantay, mit rund 6270 Metern, ein einsamer, riesiger Schnee- und Eiskoloss. Der gute Zugang und die unvergessliche Form brachten ihm die ersten bergsteigerischen Besucher der Kette. Im Jahre 1953 wurde sein Vorgipfel von den zwei Schweizern Brönnimann und Marx erreicht, einen Monat später der Hauptgipfel durch eine amerikanisch-französische Expedition, zu der auch Claude Kogan gehörte. Seither hat ihn auch Lionel Terray bestiegen; und der Eiger-Nordwand-Erstbegeher Kasparek hat nach einem Wächtenbruch in seiner ungeheuren NW-Flanke den Tod gefunden. Eine neue Route auf diesen Berg dürfte denkbar sein, aber sie konnte für uns nicht ein dankbares Expeditionsziel bilden.

Die zwei andern Massive der Vilcabamba-Kette liegen schon weit abseits der zugänglichen Welt. 40 Kilometer westlich des Salcantay erhebt sich die Pumasillo-Gruppe. Der Pumasillo selbst, des « Pumas Klaue », wie dieser Berg genannt wird, war schon lange in den Übersichtskarten Perus so auf 50 Kilometer genau eingetragen. Aber bis er wirklich gefunden wurde, sollte viel Schweiss vergossen werden. Zunächst wollte ihn eine englische Expedition mit dem Everest-Mann und Kang-chendzönga-Besteiger George Band bezwingen - aber sie fand ihn gar nicht. Im Gewirr der urwald-erfüllten Täler, ohne Karte, verlor die Expedition die Orientierung und erreichte nie den Fuss des Berges. Erst als es zu spät war, wurde von einem andern Gipfel aus der verborgene, scheue Herr entdeckt und lokalisiert. Den nachfolgenden Amerikanern ging es etwas, aber nicht viel besser. Ihr Weg führte sie an den Fuss der offenbar völlig unbesteigbaren Pumasillo-Ostflanke; sie mussten sich mit einem andern Gipfel zufrieden geben. Als daher die englische Cambridge-Expedition 1958 auszog, waren noch manche Rätsel um diesen Berg nicht gelöst. Über einen Monat irrten die Expeditionsmitglieder in den Tälern umher, bis der Zugang zur Pumasillo-Westseite gefunden war. Sie errichteten ein Basislager, drei Hochlager und bestiegen den Gipfel in einem Kampf von nahezu 14 Tagen am Berg selbst. Dann war ihre Zeit abgelaufen, die Kraft erschöpft. So war der Pumasillo zu Anfang 1959 der einzige bestiegene Gipfel in einer mächtigen Gruppe annähernd gleich hoher Gipfel. Da ich die Expedition in zwei Gruppen arbeiten lassen wollte, war das Pumasillo-Massiv das gegebene Ziel einer fünfköpfigen Gruppe unter Leitung von Ernst Reiss mit Seth Abderhalden, Franz Anderrüthi, Erich Haitiner und dem Arzt Dr. Thoenen. Diese Gruppe sollte möglichst viele der mächtigen Trabanten des Pumasillo und, wenn möglich, auch diesen selbst als zweite Begehung besteigen.

Das dritte Massiv endlich, die Panta-Gruppe, war gänzlich unberührt; 10 Tage kostete uns der Anmarsch ins Basislager; er ist wohl der längste in den peruanischen Anden. Die Gefahr, die Berge überhaupt nicht Bier nur nach langen Irrwegen oder schliesslich auf der falschen, ungünstigen Seite zu erreichen, war gross. Viel Glück führte uns fast ohne Umwege an den Fuss geeigneter Aufstiegsrouten.

Die Berge der Panta-Gruppe sind in absoluten Zahlen etwas niedriger als diejenigen der beiden andern Massive. Da die Täler aber schon tiefer eingeschnitten sind, bleiben sich die relativen Höhenunterschiede gleich, und an Wildheit der Formen haben wir in Peru kaum Grossartigeres gesehen. Der schwierigste Gipfel, das war sofort klar, würde die Camballa sein, ein kühnes Gebilde aus schwarzem Fels und haarfeinen Schneegräten und Firnrillen. Der Zufall hatte unsere Kolonne zuerst an seinen Fuss geführt. Wir wollten ihn auch als ersten Gipfel anpacken; nach der fortgeschrittenen Akklimatisierung durch den langen Anmarsch durften wir das wohl riskieren. Zudem ist es psychologisch vielleicht nicht ungeschickt, wenn die gefährlichste Aufgabe gerade zu Anfang gelöst werden kann. Der höchste Gipfel, der Panta selbst, steht um einen Tagesmarsch weiter im Westen. Ihn wollten wir nicht auf dem vielleicht leichtesten Weg über seinen Ostgrat versuchen, der endlos lang ist und sehr viel Zeit erfordert hätte, sondern über die bergsteigerisch viel interessantere Nordwand, die allerdings sehr steil ist.

Zwei Hauptziele - und viele Nebenziele, Berg an Berg, alle schön im blendenden Firn, alle unbetreten, oft kaum mit Namen. Was gibt es Schöneres, als hier den ersten Schritt in nie berührten Firn zu tun?

Mit den Bergsteigern Asper, Bron, Frommenwiler, Steiger und dem Schreibenden waren auch die drei Wissenschafter in das Panta-Gebiet gekommen; denn gerade sie suchten das ganz Unbekannte.

Der Topograph wollte eine Karte aufnehmen; eine erste Skizze davon ist in diesem Heft zu sehen. Der Geologe und der Botaniker wollten zunächst rund 10 Tage mit uns im Basislager bleiben, um die höchste Region ihres Forschungsgebietes zu erschliessen, dann langsam absteigen und durch einen Marsch zum Apurimac das Gebirge umwandern, um so ein vollständiges Bild zu erhalten.

Für uns alle also war Arbeit genug vorhanden, und mit Freude machten wir uns an das, worauf wir so lange hatten warten müssen: 6 Wochen waren seit der Abreise in Genua vergangen!

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