Punteglias

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

EIN ANMARSCH VON WALTER BOPP, WINTERTHUR

Mit 3 Abbildungen ( 207-209 ) Da mein Freund Martin und ich erst am späten Abend in Linthal wegkamen und wir den Weg in der Dunkelheit mit unseren schweren Säcken bis zur Bifertenhütte scheuten, hatten wir in der Muttseehütte genächtigt. Nach wenigen Stunden Ruhe standen wir, als der junge Frühsommertag anbrach, bereits beim Einstieg in den Bänderweg am Bifertenstock. Wir hatten die Absicht, über die « Bänder »-Bifertenstock—Südgrat—Obere Frisallücke nach der Puntegliashütte zu gelangen, um von dort aus während einer Woche mit dem Führer Adolf Caduff Bergfahrten zu unternehmen.

Zu unserer grossen Enttäuschung stellten wir fest, dass jetzt, Ende Juni, das Band noch knietief mit Schnee aufgefüllt war. Schon letztes Jahr - damals war es anfangs Herbst, und eine Schlechtwetterperiode war vorangegangen - mussten wir nach äusserst mühsamem Schneewühlen nach dem ersten Kessel den Rückweg antreten und der vorgerückten Zeit wegen nach Brigels absteigen.

Es folgte nun der Abstieg zur Bifertenhütte, wo wir zum zweitenmal frühstückten und den Entschluss fassten, von der Akademikerhütte aus direkt ins Val Frisal hinabzusteigen, um, wie wir glaubten, uns den Umweg über die Rubialp zu ersparen. Am Anfang ging es leidlich gut. Dann wurde der Hang nicht nur steiler, sondern auch nässer. Felsbänder und Plattenschüsse zwangen uns zum seitlichen Ausweichen. Da jeder von uns glaubte, den günstigeren Weg gefunden zu haben, ging es auf diese Art nach links und nach rechts, hinab und sehr oft wieder ein gutes Stück hinauf. Die Sonne brannte immer heisser, die Säcke drückten immer mehr, und wir wurden immer schweigsamer. Oft mehr rutschend als gehend, fanden wir dann endlich den Anfang einer Wegspur, welche vom Fusse der mächtigen Bifertenwand weg zur Talsohle führte. Dass wir mit dieser vermeintlichen Abkürzung viel Zeit und Kraft verloren hatten, erwähnte keiner von uns beiden. Das Gespräch war übrigens schon längst verstummt Wir stolperten durch die Steinwüste dem Flem entlang aufwärts, und wenn ich von Zeit zu Zeit den Kopf hob, so war der das Tal abschliessende Piz Frisal immer noch gleich weit entfernt. Unsere Lasten, Proviant für eine Woche, hatten wir gleichmässig aufgeteilt, bis auf das 30-m-Hanfseil, welches vereinbarungsgemäss abwechslungsweise hätte getragen werden sollen, jedoch infolge Abbruch jeglichen Gespräches immer noch meinen Rucksack zierte. Damals gab es noch kein Projekt für einen Stausee im Val Frisal, sonst hätten wir uns vielleicht gefragt, ob man wohl eines Tages einen Teil des Weges zur Untern Frisallücke mit dem Motorboot zurücklegen könne!

Die Mittagszeit war schon längst vorüber, als wir auf der Untern Frisallücke anlangten. Ich setzte mich an der tiefsten Stelle des Überganges nieder. Martin suchte sich einen Sitzplatz ausser meiner Sichtweite aus. Jetzt sahen wir auch, dass in den Kesseln noch so viel Schnee lag, dass wir kaum durchgekommen wären. Nach einer längeren Rast seilten wir uns für den Abstieg auf den Punteglias-Gletscher an. Erfreut stellte ich fest, dass mein Sack nun doch leichter geworden war. Mein Kamerad fand zwar, dass auch der seinige an Gewicht abgenommen habe. Rasch kamen wir tiefer. Die uns schon von früher her bekannte, kurze Abseilstelle bereitete uns keine Schwierigkeiten; dann über Geröll absteigend, befanden wir uns bald auf dem Gletscher und grüssten unsere alten Bekannten in der Runde, wovon wir einigen unseren Besuch in den nächsten Tagen in Aussicht stellten. Unsere schlechte Laune war verflogen. Im Angesicht der Berge, die wir in den nächsten Tagen zu besteigen gedachten, besprachen wir nochmals unser Programm, vor allem die Über- schreitung des Urlaun-Nordostgrates und der Brigelser Hörner. Auch die Frage, wer auf diesen Touren in der Mitte gehen sollte, wurde angeschnitten. Wir wurden uns einig, diese Entscheidung dem Führer zu überlassen. Wir freuten uns auch auf die stillen Hüttenabende; denn um diese Jahreszeit hat es gewöhnlich auf Punteglias keine Besucher.

Als wir noch ca. 200 m von der Hütte entfernt waren, sahen wir eine Frau im nahen Gletscherbach Wasser holen. Wir liessen uns auf den nächsten Block nieder und gaben mit sehr bewegten Worten unserer Enttäuschung Ausdruck, dass sich nun auch auf Punteglias Hüttenwanzen eingenistet hätten. Als wir unsere Kröpfe geleert hatten, begaben wir uns in die Hütte, stellten unsere Säcke auf die Bank und antworteten auf den freundlichen Gruss dieser Frau-mit Gebrumm. Während wir uns am Bach erfrischten, stiess Adolf Caduff zu uns, und sofort waren wir im schönsten Plaudern. Auf einmal rief eine Stimme zum Essen. Es war die « Hüttenwanze ». Adolf stellte uns nun seine Frau vor! Er erklärte uns, er habe angenommen, es sei für uns eine Erleichterung, wenn wir uns während dieser Woche nicht mit Kochen und Hausgeschäften abgeben müssten. Er habe deshalb seine Frau gebeten, auf Punteglias mitzukommen Während des Essens stellten wir dann fest, dass Maria Caduff nicht nur eine hübsche Bündnerin, sondern auch eine gute Köchin ist. Auch sorgte sie dafür, dass abends in der Hütte die fröhliche Stimmung allzu langes Fachsimpeln verdrängte.

Nach dem Essen wurde noch die Marschbereitschaft für die morgige Tour erstellt. Martin suchte seine Steigeisen. Er konnte seine « 10-zackigen Eckenstein » nirgends finden. Auf einmal erinnert er sich, seine Steigeisen bei der Rast auf der Untern Frisallücke ein wenig abseits von seinem Sitzplatz, gut sichtbarauf einen grossen Stein gelegt zu haben. Und nun? Wegen diesen Steigeisen wollten wir unser Programm, in welchem die Untere Frisallücke nicht berücksichtigt wurde, nicht ändern. Adolf war der Auffassung, dass unsere Dreierpartie auch mit zwei Paar Steigeisen auskommen werde, indem Martin einfach in die Mitte genommen werde. Somit war auch die Frage « Mittelmann » entschieden!

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