Randen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Alfred Huber

Mit 1 Bild ( 58Schaffhausen ) Es ist etwas Eigenartiges um unsern Randen. Verträumt, zeitlos liegt er abseits vom Getriebe der Welt. In grossem Bogen führt der Verkehr um ihn herum. Keine Sehenswürdigkeiten tragen seinen Ruhm hinaus; keine reissenden Wildbäche, keine Felstürme, keine tiefen Schluchten ziehn den Fremdling an. Weder undurchdringliche Urwälder noch wilde Tiere machen auf ihn auf merksam.

Einsame Wiesen nur schlafen in den weiten Wäldern, und absonderlich geformte Bäume stehen auf den verlassenen Hochflächen... Und doch ist dieses Land uns Schaffhausern besonders lieb. Zu jeder Stunde, zu jeder Jahreszeit haben wir es erlebt. Bei fröhlichem Spiel, auf ungezählten Wanderungen, am nächtlichen Lagerfeuer haben wir es kennen und lieben gelernt. Wie manche Streife zu Fuss oder auf gleitenden Brettern führte über den Randen! Und immer war er derselbe und doch stets wieder anders, ein treuer, nie lang-weilender Kamerad!

Woran mag 's wohl liegen? Sind es die lichten Föhrenwälder auf den Höhen mit ihren knorrigen Stämmen, sind es die ungezählten Blumen am steinigen Weg, das Summen und Schwirren der Käfer in der flimmernden Sommerluft, der Ausblick über das weite Schweizerland bis zu den Alpen hin — oder ist es vielleicht die Erinnerung an alte, entschwundene Zeiten, die aus jedem Winkel, jedem Weg und Stein spricht?

Es war ja nicht immer so wie heute...

Nur schon die Entstehung des Randens! Das blaue Jurameer mit seinen Schnecken und Muscheln, seinen Korallenriffen unter südlich heißstrahlender Sonne — es lebt noch weiter in den Versteinerungen auf den mageren Äckern und in den Lesesteinhaufen!

Und dann die Menschen! Höhlenbewohner lebten in den Kalknischen am Randenfuss und haben ihre Spuren hinterlassen. Generationen sah der Randen aufkommen und wieder verschwinden, und von allen weiss er heute noch zu berichten.

Im Mittelalter erhoben sich oben auf seinen Ausläufern die Burgen von Adeligen. Eng zusammengedrängt standen die Hütten einiger Dörfer in den Tälern. Nachts orgelte der Sturm in den alten Bäumen, durch die Tobel schlich der Wolf — was Wunder, dass da unheimliche Erzählungen und Sagen entstanden! Die « Heidenlöcher », der « Wolfengrund », der « unghürige Weg », sie alle zeugen von belebter Vergangenheit.

Es kam die Zeit der grossen Rodungen. Zunehmende Landnot zwang wohl früh schon die Bevölkerung unserer Gegenden, auch die wenig ertragreichen Randenhochflächen landwirtschaftlich zu benützen. Jahrhundertelang mögen Pflug und Hacke über den kargen Randenboden gegangen sein. Denn das Getreide stand hoch im Preis und die Arbeitslöhne waren gering. Eine alte Landkarte aus dem Jahr 1685 zeigt, wie damals der grösste Teil der Randenhochebenen bebaut worden ist. Nur an den steilen Hängen und Nord-halden konnte sich der ursprüngliche Wald erhalten.

Doch die Zeiten änderten wiederum. In der nahen Stadt siedelte sich Industrie an. Die Fabriken suchten Arbeiter. Die Löhne stiegen; der aufblühende Verkehr brachte Getreide aus anderen Gegenden ins Land.

Mehr und mehr suchten auch Landbewohner ihren Verdienst in den Fabriken. Eine Landflucht setzte ein — es mögen an die hundert Jahre seither verflossen sein. Und so kam es, dass die steinigen Randenäcker da und dort sich selber überlassen wurden, um so mehr als die jahrhundertelange Ausnutzung ohne Düngerzufuhr zu einer weitgehenden Verarmung des Bodens geführt hatte.

Bis in die neueste Zeit hat seither ein stetiges Anwachsen der Waldfläche stattgefunden. Einzelne Bauern streuten mit der letzten Fruchtsaat zugleich Föhrensamen aus — andere überliessen ihr Land einfach dem Schicksal. Immer und überall aber ist es zuerst die Föhre gewesen, die das aufgegebene Ackerland als Pionier des nachdrängenden Waldes besiedelt hat.

Heute stehen wir mitten in dieser Entwicklung: in bunter Mischung tragen weite Teile der Randenhochflächen Föhrenbestände aller Altersstufen, bald in regelmässiger Pflanzung, bald aus lockerem Anflug erwachsen. Unter ihrem Schutz aber kommen Buchen und andere Laubhölzer, die von Natur aus hier heimisch sind, in Menge auf und verdrängen mehr und mehr ihre Schirmpflanze. Die Zeit ist nicht mehr fern, da das heutige Bild des Randens mit seinen reizvollen und charakteristischen Föhrenwäldern verschwunden sein wird, und wo wieder wie in früheren Jahrhunderten die Buche Berg und Tal bedecken wird.

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