Reisen im Himalaya: Begegnungen und menschliche Kontakte

Mireille Chaperon Ghobert, Gryon/VD

Der Taboche ( ca. 6300 m ), so wie er sich uns beim Abstieg vom Mingbo-La-Pass nach Pangboche gezeigt hat; Blick auf die Alp von Mingbo ( 4500 m ) Mit einer Agentur reisen:

ein verachtenswertes Vorgehen?

Wir sind am Morgen des 20. Oktober 1991 von Lukhia aufgebrochen und kampieren am dritten Abend in Kote am Ufer des Hinku Drangka. Zwei Amerikaner mit zwei Trägern, schwer beladen, treffen nach uns ein.

Bei Reisen und vor allem Trekkings im Himalaya, mit oder ohne Gipfelbesteigung als Höhepunkt, sind das andere Land, die geographischen und menschlichen Entdeckungen, ein gewisser Abstand zum eigenen Leben für den Alpinisten oder Wanderer eine Quelle tiefer Freude und einer einzigartigen Bereicherung. Ich hatte das Glück, das mehrfach zu erleben, und habe es jedesmal genossen. Ich möchte hier ganz besonders auf einen Aspekt dieser Reisen eingehen, der für Erfolg oder Fehlschlag eines Himalaya-Abenteuers von entscheidender Bedeutung sein kann: die menschlichen Beziehungen. Dies ohne die Absicht, eine eingehende psy-cho-soziologische Analyse zu liefern, auch nicht in der Hoffnung, das Thema erschöpfend zu behandeln.

Zunächst haben wir, mein Mann und ich, an einer Gruppenreise in Tibet und Nepal teilgenommen, darauf, nur zu zweien, einen Treck mit einer Gipfelbesteigung gewagt. Im Herbst 1991 haben wir dann eine kleine Gruppe von SAC-Mitgliedern auf eben diesen nepalesischen Berg, den Mera Peak ( ca. 6480 m ), geführt. Es ist der höchste der für Wanderer zur Besteigung freigegebenen Gipfel; man erreicht ihn durch das Tal des Hinku. Bei unserer zweiten Besteigung haben wir das Programm bereichert: Aufstieg durch das obere Hunku-Tal, Überschreitung des Mingbo-La-Passes ( 5860 m ), dann durch das stark begangene Tal des Everest ( Rückkehr über Lukhia ). Wie auch vorher haben wir die Dienste einer spezialisierten nepalesischen Agentur in Anspruch genommen, denn das nötige Training, um die persönliche Ausrüstung und die Lebensmittel ( 20 bis 30 kg ) zu tragen, erfordert mehr Zeit und physische Kondition als wir aufbringen können. Die Agentur kümmert sich um die gesamte Logistik- Lastentransport, Küche, Lager, Begleitung - und um deren Organisation. Ein unschätzbarer Zeitgewinn, wenn man nur einen Monat Ferien hat.

Freundliche Begrüssung, dann Enttäuschung, als einer unserer Gefährten sich mit ihnen unterhält: Die jungen Amerikaner äussern ihren Abscheu, weil wir für unsere Reise eine Agentur in Anspruch nehmen. Unser Gefährte ist etwas betrübt, ich dagegen denke: ( Das ist also das zweite Mal, dass amerikanische Trekker mir ihre Verachtung an den Kopf werfen, weil wir mit'Unterstüt-zung'unterwegs sind; nun ja!> Es stimmt, dass wir 1989, nachdem wir in einer Lodge'ebensolche bösen Bemerkungen hatten einstecken müssen, die Etappe des nächsten Tages etwas nachdenklich und, wegen der zehn Nepalesen, die für uns zwei den Erfolg des Projekts Mera Peak sichern sollten, auch beschämt in Angriff genommen haben.

Warum derartige Angriffe und Vorwürfe? Wir haben keine unangreifbaren Argumente zu unserer Verteidigung; aber, um nicht als primitive Antiamerikaner zu gelten oder als Alpinisten mit dem Benehmen von Nabobs der Kolonialzeit, hier einige Hinweise:

1 ) In der Region des Mera Peak gibt es entlang der von uns gewählten Route keinerlei Möglichkeit, Lebensmittel oder Brenn- stoff zu beschaffen. Man muss reichlich vierzehn Tage von Nachschub unabhängig sein.

2 ) Nimmt man für die Verpflichtung der Mannschaft, vom Träger bis zum qualifizierten Sirdar ( Führer ), eine Agentur in Anspruch, so gibt man den Nepalesi die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt, zumindest teilweise, zu verdienen. Das gilt nicht nur für die Volksgruppe der Sherpa, sondern angesichts der wachsenden Zahl von Touristen auch für viele Tamang, Magar, Raï und Chetris. Der Tourismus - mit oder ohne Agentur -hat das Leben, die agrarischen und Familienstrukturen, die Erwerbsquellen der einheimischen Bevölkerung verändert. Sieht man einmal von den besorgniserregenden Problemen der Abholzung, der Abfälle und von der Zweischneidigkeit von Reisen in wenig entwickelten Ländern ab, so scheint es klar, dass die Einnahmen aus dem Tourismus für die dortige Bevölkerung den Zugang zu besserer Ausbildung und Gesundheitspflege erleichtern. Die Zahl der Probleme ist gross, und sie sind vielfältig. Es kommt mir nicht zu, anstelle der Einheimischen darüber zu urteilen, ob der Wandel gut oder schlecht ist.2 Und haben nicht am Ende des vorigen Jahrhunderts die reichen Eroberer unserer Alpen, oft Engländer, eine recht ähnliche Situation geschaffen? Haben sie nicht, indem sie Bergbewohner in ihre Dienste nahmen, unsere gesamte alpine Tätigkeit ausgelöst und damit, wie es heute im Himalaya geschieht, Änderungen zum Guten und zum Bösen provoziert?

3 ) In unseren Alpen werden Touren dank Strassen, Hütten, Seilbahnen zu ( schnellen ) Ausflügen, immer in der Nähe von Hilfsmöglichkeiten und Zivilisation. Unser heutiges Leben bereitet uns - abgesehen von Berufsbergsteigern und Bezwingern von Achttausendern - nicht sehr gut auf den erheblichen physischen und mentalen Einsatz vor, den mehr als eine Route im Himalaya fordert, wenn man sie ohne Unterstützung in Angriff nimmt.

1 Lodge: Eine oft noch recht einfache Pension; entlang vielbegangener Strecken nimmt ihre Zahl stark zu.

Die Trägerequipe kampiert im allgemeinen für sich, vom Tross der Führer und der Küche getrennt, hier im Schutz eines Felsens.

Um noch einmal auf die Geschichte von den Amerikanern zurückzukommen: Im Lauf der folgenden Tage haben die beiden jungen Burschen ihre ( Unabhängigkeit ) bewiesen. Sie haben abwechselnd unserm Koch Kerosin und Lebensmittel verkauft oder von ihm erworben, ihre Träger fortgeschickt, dann einen der unsern verpflichtet und schliesslich, als sie unsern Ärger bemerkten, sich einer Gruppe von Engländern , um von den für die Überschreitung des Mingbo-La-Passes nötigen Fixseilen zu profitieren. Und das alles ohne die geringsten Skrupel und ohne die erforderlichen nepalesischen Bewilligungen.

Begegnungen unterwegs: Freuden, Überraschungen und Verdruss Die geographische Entfernung von der Heimat oder zumindest von dem vertrauten Gebiet der Alpen begünstigt den Kontakt Eine wunderschöne Geburts-tagstorte, die im Basislager des Mera Peak auf fast 5000 m Höhe hergestellt wurde Ein immer wiederkehrender Anblick während des ganzen Trecks: die Aluminiumwasserkes-sel, die bereits unzählige Reisende mit Tranksame versorgt haben zwischen den Reisenden und Wanderern. Auf wenig begangenen Routen grüsst man sich sozusagen immer, ein wenig wie bei uns, und oft schliesst sich ein Gespräch an. Das ist deutlich seltener der Fall auf einigen vielbegangenen Strecken wie zum Beispiel im Tal des Everest. Überall haben wir aber erlebt, dass ein Gruss auf französisch oder nepalesisch, eher als auf englisch, zu guten Kontakten führte. Wenn es zu einem Gespräch kam und Englisch die einzige gemeinsame Sprache war, haben wir es natürlich auch benutzt. Abgesehen von solchen allgemeinen Dingen ist wirklich nichts genauso wie bei uns. Könnte man sich vorstellen, auf der Normalroute zum Bishorn von fünf in riesige Daunenjacken gepackten Japanern -und das bei 15 °C -, die drei Worte Englisch sprechen können, Leckereien und Tee anzunehmen, wie wir das auf den Vorbergen des Mera getan haben? Oder würde man, wie in der Lodge von Pangboche, auch im Refuge du Goûter ungenügend trainierte Franzosen trösten, die von ihrer Gruppe in die Hütte zurückgeschickt wurden? Andererseits würde man in den Alpen den Informationen irgend- Einer der Küchengehil-fen beim Abwasch eines Bergführers oder einer Seilschaft, die man unterwegs trifft, viel mehr Vertrauen schenken. 1989, bei unserer ersten Besteigung des Mera, sind uns nacheinander fünf zurückkehrende Gruppen begegnet, von denen kaum 20% der Teilnehmer den Gipfel erreicht hatten. Unter dem Eindruck ihrer Ausrüstung und ihres Auftretens glaubten wir ihren Berichten und sahen unsere Hoffnungen auf einen Erfolg dahinschwinden. Und doch standen wir einige Tage später bei besten Bedingungen auf dem Gipfel, ohne auf grosse Schwierigkeiten gestossen zu sein. Seitdem relativieren wir Informationen von Trekkern, deren alpinistische Fähigkeiten wir nicht kennen.

Wenig erfreulich, aber zum Glück eine Ausnahme, ist die Geschichte der französischen Flüche, die wir eines Morgens in dem Wald, der zum Namche Bazar ansteigt, vernahmen. Diese Beschimpfungen erstaunten uns, wir wussten nicht, wer sie an wen richtete. Zehn Minuten später begegneten wir zwei atemlosen, schwer beladenen Burschen, denen kurz darauf ein dritter folgte, der in Überkleidern und ohne Rucksack diesen halsbrecherischen Hang hinunterlief. Später holte uns dieser rucksacklose Mann bei Namche ein und erklärte die Geschichte: Als er feststellte, dass ihm seine Jacke gestohlen worden war, hatte er seine Genossen im Schlafraum, die den Diebstahl begangen hatten, verfolgt, sie eingeholt und ihnen, kurz nachdem wir sie gekreuzt hatten, sein Eigentum wieder abgenommen.

Trekking im Himalaya -ein Kinderspiel?

Meine Erfahrung als Bergsteigerin und Hüttenwartsgehilfin in den Alpen hat mir gezeigt, dass viele schlecht ausgerüstet, kaum vorbereitet und wenig trainiert ins Gebirge gehen. Dasselbe haben wir auch im Himalaya gesehen. Aber dort bereitete es uns grössere Sorgen, denn in diesen Ländern und in einer solchen Höhe nehmen Probleme schnell ganz andere Ausmasse an. Das Fehlen oder die grosse Entfernung von einer Rettungsmöglichkeit, ihre Ungewissheit ebenso wie die möglicherweise schnell eintretende Verschlechterung des Gesundheitszustandes sind Faktoren, die erschwerend wirken. Es ist erstaunlich, wie wenig sich manche der Realitäten des Himalaya bewusst sind; sowohl hier bei uns als auch dort haben wir Sätze gehört wie: ( Trekking im Himalaya? Kleinigkeit, man muss nur eine gute Gesundheit besitzen !) Sicher, das kann für jemand mit robuster Konstitution stimmen, und solche Menschen gibt es. Aber wie viele Wanderer haben wir getroffen, die offensichtlich an ihren Grenzen angelangt waren, mit aufgedunsenem Gesicht, mühsam atmend, die sich von einer Etappe zur andern schleppten oder, manchmal allein, zurückgingen, mit einem Gesichtsausdruck, der Abscheu und Überdruss erkennen liess. Keine Spur mehr von der Freude an diesem Abenteuer am Ende der Welt, das sie oft sehr teuer bezahlt haben.

Dank unserer Vorbereitung in der Schweiz -Training, Studium der Literatur, Zusammenstellung einer guten Reiseapotheke -haben wir, auch ohne medizinische Ausbildung, das Glück gehabt, unsere Reisen wirklich geniessen zu können. Dazu hat auch die Einhaltung einiger Regeln während des Trekkings geholfen: genügende Flüssigkeitszufuhr, stufenweiser Aufstieg in die Höhe, Umgehen oder vorsichtiges Angehen von gefährlichem Gelände, wenigstens ein Minimum an Nahrungsmittelhygiene. Unterwegs ist es nicht leicht, Wanderern, die gesundheitliche Schwierigkeiten haben, Hilfe zu leisten, selbst wenn man - wie wir zweimal -von einer Krankenschwester begleitet ist. Manchmal haben wir, ratlos und uns der Ungewissheit einer Rettungsaktion bewusst, Leuten geraten umzukehren, solange sie dazu noch in der Lage seien. Denn man fühlt sich sehr allein und unnütz, wenn man einer zurückgehenden Gruppe begegnet, in der eine Teilnehmerin in der Nacht an einem Ödem gestorben ist; man ist auch ziemlich entsetzt zu erfahren, dass einer der Teilnehmer Arzt ist und es dem Opfer schon seit drei Tagen nicht gut ging.

Kontakte zu den Einheimischen: eine Frage von Takt und Geduld Eine letzte wesentliche Frage: Wie verhält es sich mit den Kontakten zu den Bewohnern der grossen Himalayakette?

Zunächst das Verhältnis zu der Begleitgruppe: Meist ist der Koch die zentrale Gestalt. Er gebietet sicher und sachkundig über eine kleine Zahl von Gehilfen und seine Feuerstelle, aber es herrscht immer eine fröhliche Stimmung. Lieder und Scherze haben in allen Lagern unserer Wanderungen für Freude und Heiterkeit gesorgt, aber natürlich auch das ausgezeichnete und abwechslungsreiche Essen, das mit einer Hingabe sondergleichen zubereitet und serviert wurde: auf 5000 m in gerissen zusammengefügten Pfannen gebackene Geburtstagstor-ten, mit feinem Gemüse dekorierte Platten, stets bereitstehende Getränke usw. Dann der Führer oder Sirdar: Meist geht er am Schluss, respektiert unsern Rhythmus und unsere Pausen. Ein anderes Mal ist er an der Spitze, sucht einen Platz für das Lager oder uns einen Hang, der uns den Atem nimmt, zu einem Pass oder Gipfel hinauf. Er erkundigt sich nach unserm Ergehen, kümmert sich um die Sicherheit, ist stets rücksichtsvoll und freundlich. Wenn auch alle, vom Träger bis zum Sirdar, Leckereien, kleine Geschenke und Trinkgelder gern entgegennehmen, so veranlasst sie dagegen ihr Pflichtgefühl dazu, bei allem, was ihre Arbeit betrifft, unsere Hilfe abzulehnen. Wenn man jedoch - genau so freundlich wie sie - beharrlich bleibt, darf man manchmal bei kleinen Arbeiten helfen: Wasser oder Holz tragen, auch, wenn die Verhältnisse schwierig sind, sich am Aufbau oder Abbau der Zelte beteiligen. Selbst wenn man ihre Arbeit und die Vorstellung, die sie sich davon machen, achtet, ist es doch manchmal belastend, sich so bedienen zu lassen, mag das auch, wenn man müde oder durstig ist, sehr angenehm sein. Die Beziehungen zwischen Trägern, Helfern, Köchen und Führern sind streng hierarchisch geregelt, der Trekker darf sich da nicht einmischen. Die Träger leben und essen abgesondert an ihrem Platz, ausser in grosser Höhe ohne Zelt; Koch, Führer und Helfer bilden, von ihnen getrennt, eine eigene sehr fröhliche Gruppe, die oft bis sehr spät in den Abend lacht und singt, während die ( Klienten ) satt und müde einschlafen.

Wir lernen eine eigene kleine Welt kennen. Aber Vorsicht, in ihren Kreis einzudringen, sie sich zu Freunden zu machen, das ist eine ganz andere Sache. Nicht nur wegen ihrer wirklichen Schüchternheit und der Sprachbarriere bleibt ein echter Kontakt unserer Meinung nach schwierig und erfordert vor allem viel Takt. Wir haben es mit Asiaten zu tun, die ihre wahren Gefühle hinter Lächeln und natürlicher Höflichkeit verbergen. Ihre Liebenswürdigkeit darf nicht selbstverständlich als Freundschaft verstanden werden, und ausserdem sind sie bei der Arbeit.2 Bleibt man zurückhaltend und respektiert ihren privaten Bereich, so werden einige nach und nach zugänglich, vor allem, wenn man sie bei der zweiten oder dritten Wanderung wiedertrifft. Es gibt auch Überraschungen: Ein Träger, den wir vor zwei Jahren hatten, erkannte uns wieder und redete mit uns in 2 Ich beziehe mich auf das ausgezeichnete Buch des amerikanischen Ethnologen James F. Fisher, Sherpas, Reflections on Change in Himalayan Nepal, Oxford 1990.

Nach Abschluss des Trekkings, bevor jeder wieder seiner Wege geht, gibt es ein Fest mit Gesang und Tanz.

korrektem Englisch ( er, der damals keine drei Sätze gesprochen hatte ) und gestand, er zöge es vor, seine Yaks zu hüten statt für Touristen zu arbeiten. Oder die Familie eines bekannten Sirdar, die eine Lodge führt, in der wir die Nacht verbringen. Es gibt ein Neugeborenes in der Familie, aber die Mutter beeilt sich, mir die Photos zu zeigen, die ich vor zwei Jahren von ihnen gemacht und ihr geschickt habe.

Ein Kontakt entsteht auch, wenn der eine oder andere Pflege braucht. Mag es sich um wirkliche Krankheiten oder um kleine Wehwehchen handeln, die gutgefüllte Apotheke der Fremden zieht sie unweigerlich an. Da wir nicht immer wussten, was ihnen fehlte und ob ihnen eine medizinische Behandlung zugänglich sein würde, haben wir in manchen Fällen nicht gewagt, ihnen mehr als eine Schmerztablette, eine Salbe oder ein Vitaminbonbon zu geben. Aber ihre zugleich dankbare und ängstliche Haltung, wenn der Apothekenkoffer geöffnet wurde, und der Anblick der gedrängt darum versammelten Mannschaft haben bei uns einige rührende Erinnerungen hinterlassen, ein paar schöne Photos gibt es auch davon.

Dorfbewohner und Trekker: Neugier, Geschäft und Gastfreundschaft In den stark von Touristen besuchten Gegenden beschränkt sich der Kontakt mit den Einheimischen leider oft auf Geschäfte, auf Handel. Die Kinder bieten Blumen an, posieren für Photos, fordern dafür allerdings Geld, Bonbons oder Geschenke. Winzige Weiler, die aber an einem wichtigen Weg liegen, verwandeln sich am Tag in Auslagen von Andenken jeder Art. Wenn man die Kleidung und das unpassende Verhalten vieler Touristen bedenkt, versteht man leicht, dass die Einheimischen so weit gekommen sind. Angesichts des totalen Mangels an Achtung, den einige Trekker beweisen, kann es jetzt sogar vorkommen, dass man sie übers Ohr haut oder ihnen unhöflich begegnet. Andererseits kann eine Begegnung aber oft auch eine schöne, bereichernde Erfahrung sein. Einmal herrscht auf beiden Seiten die gleiche Neugier: Die Abendländer betrachten bis in alle Einzelheiten Kleidung, Geräte und Verhalten der Menschen, denen sie begegnen; genauso scheuen sich die Einwohner nicht, eine Zeltbahn hochzuheben, den Inhalt unserer Rucksäcke zu besehen oder - wie in Tibet - den Stoff unserer Kleider und das Leder unserer Schuhe zu betasten. Und überall in der Himalayakette lachen sich die Mädchen halbtot über die Behaarung der Weissen, besonders über behaarte Arme!

Eine andere Dimension nimmt die Begegnung mit den Menschen an, wenn man zu ihnen nach Hause eingeladen wird. Tee, Buttertee, Chang3 oder sogar eine ganze Mahlzeit angeboten zu kriegen, manchmal mit einem Lächeln als einziger Gegengabe, gehört jedesmal wieder zu den besonderen Erlebnissen der Reise.

Sicher, um mehr zu erfahren und zu erleben, müsste man Wochen oder Monate dort bleiben, die Sprache lernen, lange Zeit das Leben in einem Dorf oder einer Familie beobachten. Dennoch kann man mit offenen Augen, mit Takt und der nötigen Achtung viele ungewöhnlich schöne Augenblicke erleben, selbst bei einem einfachen Treck.

Abschliessend: Wohl ist offensichtlich der Himalaya ein riesiges und herrliches Gelände für sportliche Abenteuer, doch das grosse Gebiet der menschlichen Begegnungen bietet jedem dafür empfänglichen Bergsteiger oder Wanderer ein weites Feld für hinreissende Entdeckungen, ebenso strahlend wie die besten Reisephotos!

3 Chang: ein leicht alkoholisches, dem Bier ähnliches Getränk, das in Nepal auf der Grundlage von Reis, in Tibet, Zanskar und Ladakh auf Gerstenbasis hergestellt wird.

Begegnung mit der einheimischen Bevölkerung: ein Grossvater von grosser Würde

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