Rheinwaldhorn

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Harald Pfeiffer, Tübingen

Eine Frühjahrsskitour Es war vor mehr als zwei Jahren, als wir auf dem Tödi standen und die grossartige Rundsicht auf die nahen und fernen Gipfel bewunderten. Manche von ihnen riefen Erinnerungen an eine gelungene Berg- oder Skitour wach, manche erregten Wunschträume, da sie uns so klar und verlockend vor Augen standen.

Besonders ein Gipfel im Süden zog unsere Aufmerksamkeit auf sich, eine Pyramide aus Schnee und Eis mit einem herrlichen Nordhang: das Rheinwaldhorn ( 3402 m ), und dass wir diesem prächtigen Berg über seine weisse Nordflanke zu Leibe rücken würden, war schon an diesem Tag eine beschlossene Sache.

Dann mussten wir aber doch zwei Jahre lang warten, da der Stützpunkt für diesen Nordanstieg, die Lentahütte, durch eine Lawine zerstört worden war, bis im Oktober 1968 eine neuer- baute, etwas höher gelegene Unterkunft eingeweiht wurde. Der darauffolgende Winter brachte relativ geringe Niederschläge, und als anfangs März die Sonne den Vorfrühling ankündigte, wollten wir die Schönwetterperiode ausnützen, um unsern zweijährigen Wunsch wahrzuma-chen.

Obwohl keine Lawinengefahr zu erwarten war, zogen wir zu viert mit etwas gemischten Gefühlen los; jeder fragte sich im stillen, ob sich die Brücken über die Gletscherspalten bei den geringen Schneefällen und zu dieser frühen Jahreszeit wohl schon genügend gefestigt hätten.

Über Bregenz und Chur gelangen wir direkt ins Vorderrheintal, durchfahren Flims, wo eine stattliche Schar Skiläufer Schlange steht, um sich zum Cassonsgrat hinauf baggern zu lassen. Weiter geht unsere Reise über Ilanz hinauf nach Vals, von wo man auf schmaler Strasse noch weitere acht Kilometer bis Zervreila fahren kann. Dort bändigt eine imposante Staumauer den Valser Rhein.

Ein sehr gut angelegter Weg führt uns entlang dem Stausee zur Alp Soreda und wendet dann genau nach Süden, unserem Ziel entgegen. Aufgescheuchte Schneehühner trippeln vor uns her.

Die neue Lentahütte erblicken wir erst, als wir unmittelbar davor stehen; tiefverschneit steht sie da, an einen Fels gelehnt, im einsamen Tal des jungen Valser Rheins, und der Schnee reicht fast bis zur Dachtraufe. Die mit Legföhrenzweigen umrahmte Hüttentafel verrät, dass darunter der Eingang zu suchen und zu finden ist. Wir stampfen den Schnee etwas zusammen, machen einen Klimmzug an der Tafel und stehen unter dem Vordach, wo in weiser Voraussicht eine Schneeschaufel unter den Sparren befestigt ist, damit wir die Hüttentüre freilegen können. Vom Innern der Hütte sind wir angenehm überrascht und machen es uns im wohnlichen Winterraum gemütlich. Die Fensterläden an der Giebelseite sind nicht verschneit und werden sogleich aufgeschlagen - und da sehen wir sie vor uns: unsere Route aufs Rheinwaldhorn!

t Glacier du Trient und Aig. du Tour Photo Paul Giger, Luzern 2Blick von der Trienthütte zu den Aig. du " i Photo Hermann Kienast 3Trienthütte, Plateau du Trient, Aig. Doré Photo Ernst Stirnemann, Zürich Am andern Morgen sind wir schon in aller Frühe unterwegs; noch bei Dunkelheit haben wir die Hütte verlassen. Der Weg bis zum ersten Steilaufschwung des Lentagletschers ist leicht zu finden, denn er führt zuerst auf der Talsohle und weiter oben auf der Mitte des Gletschers bergan. Diese Strecke lässt sich deshalb gefahrlos vor Sonnenaufgang bewältigen. Wie wir dann an den Steilhang gelangen, vergolden eben die ersten Sonnenstrahlen die höchsten Gipfel um uns herum. Wir queren den Hang von links unten nach rechts oben. Vor längerer Zeit muss sich hier ein Schneebrett gelöst haben; nun ist der Untergrund sehr hart, und die Harscheisen leisten, wie so oft, gute Dienste. Die anschliessende spaltenreiche Zone bietet keine Schwierigkeiten; die Verhältnisse sind über Erwarten günstig. Bald verflacht sich auch der Gletscher wieder, und die Spalten werden kleiner. In einem weiten Linksbogen ziehen wir gegen den Nordostgrat, um möglichst lange im Schatten anzusteigen, legen ein paar Zickzackspuren und traversieren hinaus auf den Grat.

Hier stossen wir auf alte Skispuren, die von der Zapporthütte über die Lentalücke heraufkommen. Nach einer kurzen Rast in der wärmenden Sonne folgen wir dem genau nach Süden ansteigenden Grat, doch wird dieser bald so steil und schmal, dass wir es vorziehen, den Gipfelhang zu queren, um den Nordwestgrat zu erreichen, wo die Ski deponiert und die Steigeisen untergeschnallt werden. Es wäre zwar möglich, bis zum Gipfelkreuz mit den Ski zu gehen, aber starke Verwehungen und grössere Blankeisflächen versprechen keine genussreiche Abfahrt.

Auf dem Gipfel rasten wir lange und ausgiebig und geniessen die grossartige Aussicht, die vom Gran Paradiso und den Walliser Alpen bis zur Adamello- und Ortlergruppe und den Ötztaler Alpen reicht. Über der Po-Ebene liegt ein blauer Dunst, vor dem sich im zarten Gegenlicht die Spitzen der Bergamasker und Lombardischen Alpen aufreihen. Kein Lüftchen weht, Schmetterlinge gaukeln leichtfertig um uns herum, und die ungewöhnliche Wärme kündet einen Wetterumschlag an.

Beschwingt und berauscht von so viel Gipfel-und Wetterglück, steigen wir hinunter zu unserem Depot und richten uns zur Abfahrt. Herrlicher Pulver im oberen Teil lässt unsere Herzen nochmals höher schlagen; doch dann folgt tückischer Bruchharsch, und nur wo der Schnee vom Wind hartgepresst ist, gelingen noch ab und zu leidliche Schwünge. Im Steilhang geht 's dann wieder flott weiter zu Tal bis zur Hütte, und die im mittleren Abschnitt hinterlassenen Badewannen sind schnell vergessen.

Ende gut - alles gut! Es war eine herrliche, einsame Frühjahrsskitour - und eine gemütliche, guteingerichtete Hütte, die man jedermann nur empfehlen kann.

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