Ringelspitz -beinahe

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON RUEDI MEIER, STÄFA

Heute braucht es wieder einmal viel Optimismus, um zu einer ernsthaften Skitour ja zu sagen. Es ist ein trüber Samstagvormittag anfangs Februar. Zur Zeit der Entscheidung regnet es in Strömen, aber nach Wetterbericht soll ein Kaltlufteinbruch aus Osten auf den Sonntag schönes Wetter bringen. Also los! Rasch noch die Lawinenschaufel eingepackt, denn es scheint, dass es heute noch allerhand Neuschnee geben wird. In Rapperswil treffe ich den zweiten Optimisten: mein Kamerad Walter Künzler. Gewitterartige Graupelschauer durchfährt unser Zug, aber in Chur scheint das Gewölk schon nicht mehr so dicht zu sein.

In Reichenau sind wir zwei die einzigen Skifahrer, die dem Züglein der RhB entsteigen; die Pickel auf unsern Rucksäcken ziehen verwunderte Blicke auf sich. Wir folgen der Hauptstrasse bis nach Tamins, wo wir den Fahrweg zum Kunkelspass einschlagen. Sehr zügig ist unser Schritt, wir wollen möglichst weit kommen vor dem Einnachten. Nach einer guten Stunde, auf etwa 1000 m, können wir die Ski anschnallen. Eine Skispur ist bereits vorhanden. In wenigen, weit ausholenden Kehren im bewaldeten Steilhang gewinnt das Strässchen die Höhe des Kunkelspasses. Eine Felswand, fast zuoberst, wird durch einen Tunnel umgangen. Noch bevor wir diesen Tunnel erreichen, wird es Nacht. Sachte beginnt es zu schneien. Eben läuten die Glocken von Tamins den Sonntag ein.

Kunkelspass. Nebel aus dem Vättisertal füllt die Senke. Gut, dass mein Kamerad den Weg kennt. Absolute Stille, nur durch das rythmische Sch—sch der gleitenden Ski unterbrochen. Herrlich ist dieses Steigen im tief verschneiten Bergwald! Jeder hängt seinen Gedanken nach. Doch bald nimmt das steiler werdende, coupierte Gelände uns voll in Anspruch. Wir kommen über den Nebel und sind ob dem Mondlicht recht froh. Nachdem wir dieses anstrengende Stück überwunden haben, kommen wir in offene Hänge der Grossalp. Noch eine halbe Stunde sanften Anstieges, und wir sind am Ziel.

Die kleineren Hütten der Grossalp sind fast zugeschneit, doch die im Dachraum der grössten Hütte eingerichtete SAC-Unterkunft erreichen wir über eine hölzerne Freitreppe. Drei Knaben, die wir an ihrer Sprache als Einheimische erkennen, sind schon hier. Sie sind scheu; mit einiger Mühe bringen wir heraus, dass sie morgen nur etwas üben und dann ins Tal abfahren wollen. Wir werden also die Einzigen am Berg sein. Mit Kochen, Essen und Abwaschen vergeht viel Zeit. Eine Stunde vor Mitternacht verkriechen wir uns unter die Decken. Ich kann aber nicht so rasch einschlafen, die grossen Neuschneemengen machen mir Sorgen. Meinem Kameraden scheint es nicht besser zu gehen, auch er dreht sich von einer Seite auf die andere.

Die Tagwache haben wir auf 5 Uhr angesetzt, doch schon um 3 Uhr höre ich Walti am Herd hantieren. Er ist sehr erstaunt, wie er auf meine Aufforderung hin auf die Uhr schaut und seinen Irrtum bemerkt. Ehe er wieder abliegt, schaut er noch nach dem Wetter. « Es schneit. » Nicht gerade ermunternd. Aber um 5 Uhr stehen wir doch auf. Die erste Sorge gilt wieder dem Wetter. Es schneit nicht mehr, über dem Nebel klart der Himmel auf, und einige Sterne sind schwach zu sehen. Rasch treibt uns die Kälte in die Hütte zurück. Unverzüglich beginnen wir mit Kochen. Einige Tansen voll des kalten Lockerschnees muss ich holen, bis wir genügend Wasser haben. Der heisse Kaffee tut gut! Abwaschen und Ordnung machen. Dann verstauen wir unsere ganze Ausrüstung in die Rucksäcke, um für die Abfahrt nicht an die Grossalproute gebunden zu sein. So muss auch das Seil mit, obschon wir die Hoffnung, den Gipfelturm besteigen zu können, schon längst begraben haben. Recht ansehnlicher Ballast am Rücken ist die Folge...

Es ist 7 Uhr, wie wir die schützende Unterkunft verlassen. Eben dringt das erste Licht des anbrechenden Tages durch den Nebel. Wir steigen direkt zum Grat empor, der das Lavoitobel von der Grossalp trennt, und verfolgen ihn bis zum Sattel, der den Übergang ins Lavoital vermittelt. Das ist zwar länger als der Schräghanganstieg, aber so können wir nicht fehl gehen. Wir müssen steile Hänge traversieren. Vorsichtig, um nicht mitsamt dem Neuschnee abzugleiten, legen wir unsere Spur an. Ohne Zwischenfall erreichen wir den Grund des oberen Lavoitales. Hier kommen wir besser vorwärts. Wir spuren abwechslungsweise, denn es ist eine strenge Arbeit, im tiefen Neuschnee den Weg zu legen. Nach etwa zwei Stunden durchstossen wir den Nebel und sehen nun in weiter Ferne unser Ziel, aber immer noch 1000 m über uns, den weissen, kühn in den tiefblauen Himmel ragenden Gipfelturm des Ringelspitz '. Ein prächtiger Anblick!

Bei der Gabelung des Lavoibaches müssen wir diesen überschreiten. Es ist nicht leicht, eine geeignete Stelle zu finden, denn das Wasser hat ein schluchtartiges Bett gegraben. Dann geht es, scharf ansteigend, zwischen den beiden Bächen empor. Indem wir einen lawinengefährdeten Schräghang vermeiden, geraten wir etwas weit rechts auf eine kleine Kuppe. Nach kurzer Abfahrt sind wir im Sandboden. Über steile, wellige Moränenhänge gewinnen wir den kleinen Taminser Gletscher. Äusserst anstrengend finden wir das Steigen.Ungeachtet seiner eigenen Müdigkeit übernimmt Walti die Spurarbeit, da er erkennt, dass ich etwas hergenommen bin.

Um die Mittagsstunde haben wir den Fuss des Gipfelturmes erreicht. Wir versuchen etwas zu essen, aber trotz der strahlenden Sonne ist es fast zu kalt dazu. Auf den Ski sitzend, baue ich meinen Feldflaschenkocher auf, die Lawinenschaufel als Unterlage benützend. Es braucht einigen Aufwand an Geduld und Zündhölzern, um warmes Wasser zu erhalten, denn plötzlich kommt wieder von irgendwoher ein heftiger Windstoss, und aus ist es mit der Meta-Flamme! Doch die Mühe wird belohnt, die warme Bouillon belebt unsere Kräfte spürbar. Doch geht damit auch kostbare Zeit verloren...

Links über unserm Skidepot baut sich der Gipfelturm nahezu senkrecht auf. Rechterhand strebt der Mittelgrat in die Höhe, den Gipfelkamm unweit östlich des Turmes erreichend. Da- zwischen zieht sich das Gipfelcouloir hinauf. Bei normalen Verhältnissen bietet der Mittelgrat die beste Winterroute; jetzt aber ist er so vereist, dass eine Begehung ausgeschlossen ist. Jede Kante, jede Unebenheit ist mit dickem, weissem Eis gepanzert. So steigen wir frischen Mutes in das Couloir ein. Aber schon die ersten Meter werfen uns beinahe zurück. Im von den Seitenwänden und durch das Couloir herabgerieselten Schnee versinken wir bis zur Brust. Wir wühlen uns durch diesen Einstieg, wobei mir meine langen Beine gute Dienste leisten! Das Couloir wird nach oben immer steiler und enger, aber wir sinken nur noch knietief ein. Bald stossen die Füsse auf Fels, bald auf Eis. Der Lockerschnee gewährt fast keinen Halt, wir sind weitgehend auf unsere Pickel angewiesen.

Verbissen steigen wir Meter um Meter aufwärts, mit Pickel und Füssen unter dem Schnee nach Tritten tastend. Häufig lösen wir uns in der Führung ab. Von Zeit zu Zeit überschüttet uns ein eisiger Windstoss mit alles durchdringendem Flugschnee. Unsere Finger spüren wir nicht mehr, die Handschuhe sind steif gefroren. Bereits sind wir im Schatten. Die Verhältnisse werden immer schwieriger.

Unter einem Eiswulst halten wir an. Wir müssen einsehen, dass ein Weitergehen nicht mehr zu verantworten ist. 40 m unter dem gesteckten Ziel! Phantastisch ist der Ausblick von unserm etwas ungemütlichen Standpunkt. Der senkrechte Pfeiler des Gipfelturmes, die in ihrer Vereisung grotesk wirkenden Felsen des Mittelgrates, dazwischen das Couloir, über uns von vereisten Felsklippen und grünlichen Eiswülsten durchsetzt, unter uns die von oben unheimlich steil erscheinende Spur. Ohne Zeit zu verlieren, machen wir uns an den Abstieg. Dabei müssen wir doppelt vorsichtig gehen, um in den schlechten Stufen nicht auszugleiten. Erst unten im Auslauf des Couloirs kommen wir rascher vorwärts, denn im Lockerschnee können wir nicht weit stürzen, und bald haben wir herausgefunden, dass wir mit einzelnen, mächtigen Sprüngen schneller abwärts kommen als mit « Wühlen ».

Beim Skidepot zurück, machen wir uns rasch für die Abfahrt bereit. Aber das Einschnallen der Rucksackriemen macht uns der steifen Finger wegen Mühe, und die Skibindungen können wir nur mit gegenseitiger Hilfe schliessen. So wird es 16 Uhr, bis wir startbereit sind, auf einer Höhe von 3000 m. Und der Endpunkt liegt bei 600 m! Die Sonne neigt sich schon dem Horizont zu, und ab etwa 2000 m liegt eine kompakte Nebeldecke. Welche Einsamkeit, aber wohltuende Stille hier oben! Soweit das Auge reicht, ist kein Leben zu sehen ausser uns zwei. Mir graut beim Gedanken an die Abfahrt durch den steilen Grossalpwald bei Nacht und Nebel! Aber die einzige andere Abfahrt durch das Val Lavadignas kommt jetzt nicht in Frage.

Vorerst geniessen wir eine grossartige, stiebende Abfahrt über die steilen Pulverschneehänge des Taminser Gletschers und bis zum Sandboden hinunter. Das geht schneller als im Aufstieg! Die folgende kurze Gegensteigung kommt uns sehr sauer an; da es sich nicht lohnt, die Felle anzuschnallen, stolpern wir eben zu Fuss hinauf. Im nächsten Teilstück der Abfahrt, zwischen den beiden Armen des Lavoibaches, ist der Schnee sehr mühsam zum Fahren. Doch bringen wir die sanft abfallende Strecke dem Lavoibach entlang rasch hinter uns, indem wir unsere Aufstiegsspur zu langen Schussfahrten ausnützen. Die anschliessende, auf- und absteigende Hangtraverse aus dem Lavoital zur Grossalp legen wir in zügigem Langlaufschritt zurück, um Zeit zu gewinnen. Wie wir über den Grat auf die Grossalp kommen, tauchen wir in den Nebel ein. Bis hier hinauf sind offenbar unsere Schlafgenossen der vergangenen Nacht gekommen; ihre Spuren sind uns willkommene Wegweiser über die weiten Hänge der Grossalp hinunter. So können wir trotz der mehr als mangelhaften Sicht in einer einzigen Schussfahrt bis unter die Hütten der Grossalp gleiten, mehrmals völlig unerwartet über unsichtbare Bodenwellen hinausspringend.

Gleich nach dieser tollen Fahrt erlebe ich eine unheimliche Erscheinung: ich vermeine, langsam dahinzugleiten, will bremsen, das geht aber nicht, will durch Einstecken der Stöcke stoppen, stürze dabei beinahe nach vorn, glaube mit einem Schneebrett abzugleiten - bis ich dann den einige Meter neben mir stehenden Kameraden gewahre und wie aus einem bösen Traum erwache. Der ganze Spuk wiederholt sich zweimal; sicher eine Folge meines ermüdeten Zustandes und der schlechten Sicht im Nebel und der einsetzenden Dämmerung. Das Auge findet keinen festen Punkt mehr, und der Gleichgewichtssinn ist von der pausenlosen, raschen Abfahrt etwas benommen Stehend ruhen wir uns etwa drei Minuten aus und stärken uns mit Traubenzucker. Wie gerne würden wir jetzt in eine gastliche Unterkunft einziehen, um uns aufzuwärmen und um zu schlafen, schlafen... Doch wir müssen weiter, mindestens bis zum nächsten Telephon, um unsere Angehörigen zu benachrichtigen. Aber das nächste Telephon ist in Tamins unten...

Also weiter! Wir folgen der im Hang waagrecht liegenden Spur unserer Schlaf genossen. Doch halt! Stehen vor uns nicht die Hütten der Grossalp? Richtig! Wir sind prompt in der verkehrten Richtung losmarschiert! Schleunigst kehren wir um. Es ist nicht so leicht, im Zwielicht die Spuren einzuhalten, und im steilen Gelände und verharsteten Schnee will nicht mehr jeder Bogen nach Wunsch gelingen. Doch kommen wir gut abwärts und erreichen den Wald. Gleichfalls über Stock und Stein fahren und rutschen wir. Bald bleibt ein Ski in einer Wurzel hängen, bald verfängt sich der auf dem Rucksack befestigte Pickel in einem herabhängenden Ast, der dafür dankbar seine schwere Schneelast auf uns abwirft. Unsere Ski werden auf Biegen und Brechen beansprucht; aber sie halten sich tapfer. Glücklicherweise ist es noch nicht ganz finster. Im hellen Schnee können wir uns gerade noch ohne Licht durchschlagen.

Erst im Kunkelspass unten müssen wir die Laternen auspacken. Das geschieht, ohne die Rucksäcke abzustellen, um nicht in Versuchung zu geraten, eine Rast einzuschalten. Und weiter geht 's, vorderhand in leichter Fahrt auf dem gut verschneiten Strässchen. Wie beneide ich nun Walti um seine Stirnlampe, besonders da meine Taschenlampe schwere Schwächeanfälle zeigt. Langsam wird das Strässchen steiler, wir müssen kräftig stemmen, um die Fahrt einigermassen kontrollieren zu können. Durch den Tunnel stolpere ich mehr, als dass ich gehe. Es entbehrt nicht eines gewissen Nervenkitzels, auf dem hoch oben in den steilen Hang gebauten Strässchen mit streckenweise nur dürftigem Lattenzaun durch die Dunkelheit zu fahren und hie und da einen raschen Seitenblick auf die weit unten liegenden Lichter von Tamins zu werfen. Immer mehr treten leicht zugedeckte Steine hervor, bremsen den einen oder andern Ski, dass man fast aus dem Gleichgewicht geworfen wird. Etwas unterhalb der Stelle, bei der wir gestern die Ski angeschnallt haben, halten wir an, und mit geschulterten Ski setzen wir unsern Wettlauf mit der Zeit fort. Wie Gehetzte eilen wir zu Tal.

Wir sehen in Reichenau einen Zug Richtung Chur einfahren. Ist das wohl der letzte, der in Chur Anschluss hat?

Der kurze Anstieg zum Bahnhof, und endlich können wir die Säcke abstellen, das erste Mal seit der Abfahrt vom Skidepot unter dem Gipfelcouloir. Es ist 19 Uhr 30; genau dreieinhalb Stunden haben wir gebraucht, um die 2400 m Höhendifferenz mit all den Gegensteigungen und Hindernissen zurückzulegen.

Noch erreichen wir einen Zug, der in Chur Anschluss hat. Aber wir müssen über Thalwil, Zürich fahren, mit dem Nachtschnellzug, der in Ziegelbrücke keinen Halt macht, und von unserer Großstadt aus mit dem Bummelzug zurück nach Rapperswil. Wir haben Zeit zum Schlafen. Wenn man müde ist, schläft man auch auf harter Bank, sogar sitzend. Aber Mitternacht ist vorbei, wie wir zu Hause zurück sind. Frostschäden, die wir an den Fingern haben, sagen uns, dass wir ein anderes Mal vorsichtiger sein müssen. Die Tour aber - sie war herrlich!

Feedback