Romsdalshorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

KLETTERFAHRT IN NORWEGEN VON WOLFGANG STEFAN, NEUENHOF

Mit 2 Bildern ( 17/18 ) Voll Erwartung biegen wir in der kleinen Ortschaft Dombas von der nach Norden führenden Hauptstrasse, Riksvei 50, in das Romsdal ab. Die sanfte Landschaft mit den flachen Rücken lässt noch nicht den eigentlichen Charakter dieses romantischen Tales erkennen. Nur die Schneefelder auf den runden Kuppen zeigen uns die nördliche Breite an. Noch trennen uns 100 km von Andalsnes, dem Ausgangspunkt unserer Bergfahrt. Das kleine Buch « Mountain Holidays in Norway », welches eine Übersicht über die einzelnen Berggebiete mit Besteigungsangaben gibt, beschreibt das Romsdal als eine der grossartigsten Felsszenerien Norwegens.

Je weiter wir uns dem Fjord nähern, um so enger rücken die Berge an den Fluss heran. Das schräg über dem Zackengrat der Trolltindane einfallende Licht gibt den saftigen Wiesen ein sattes Grün und lässt die gewaltigen Plattenschüsse, die von dem Stock des Romsdalshornes herunterkommen, in ihrer ganzen Grosse hervortreten. Den Gipfel selbst können wir von diesem Standpunkt aus noch nicht erkennen.

Die Fahrt geht weiter, das Tal öffnet sich, und vor uns liegt die tiefblaue Fläche des Romsdal-fjordes. Helga, meine Frau, entdeckt als erste das Horn, dessen Gipfel jetzt majestätisch über dem massigen Vorbau aufragt. Bald darauf kommen wir in Andalsnes an. Obwohl man sich in Norwegen meistens mit der englischen Sprache verständigen kann, haben wir hie und da doch Schwierigkeiten beim Einkaufen. Aber Helga kommt nicht einmal aus der Ruhe, als ihr die Verkäuferin Bier an Stelle des verlangten Öles zum Kochen bringt ( Bier norwegisch = oel ).

Von Andalsnes fahren wir über Isfjorden bis zu einem kleinen Mautsträsschen ( Zollsträsschen ). Steil führt dieses durch Laubwald hinauf bis zum Venjadal seter. Die Alp, die auf norwegisch « seter » heisst, scheint jedoch sehr verlassen zu sein; dafür reiht sich auf der Sonnenseite des Hanges ein Wochenendhaus an das andere. Überall rinnen Wasser herunter, und nur mit Mühe können wir einen trockenen und ebenen Platz für unser Zelt finden.

Vor uns im Tal, weit entfernt, steht das Romsdalshorn, welches auch von dieser Seite seinen Namen mit Recht trägt. Es ist schon spät am Abend, und obwohl Mitte August die Tage schon weit über den höchsten Sonnenstand fortgeschritten sind, liegt noch die letzte Abendsonne auf unserem Berg. Wie von einem Messer abgeschnitten, bricht seine steile N-Kante von dem Gipfel bis zu dem flachen Rücken ab, welcher in seinem weiteren Verlauf bis zu dem Fjord hinunterzieht.

Abenteuerlich war die Erstersteigung dieses Berges, dessen leichteste Route keine schwierige, jedoch immerhin eine richtige Kletterei bietet. Nach einem fröhlichen Trinkgelage bestiegen 1827 Hans Bjermehand und Christen Hoel, von ihren Kollegen aufgefordert, das Romsdalshorn, wahr-

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19Claridengletscher, Düssistock, Schärhorn, Berner Alpen von Nordosten. Flache Hochdrucklage mit klarer, absinkender Luft bis gegen 3000 m herab, darunter Cumuluswolken aus den warmen Tallagen emporquellend. Im Hintergrund links höher steigende Cumuli über den Walliser AlpenPhotos Swissair-Photo ag, Zürich 20Piz Patii, Piz Zupo, Piz Bernina. Am Ende einer Hochdrucklage oder in einer Flachdrucklage mit Cumuluswolken aus den überhitzten, schneefreien Tallagen ( Veltlin ) emporquellend scheinlich über die Ostflanke. Die zweite Besteigung erfolgte erst 1881 über die heute als Normalweg gebräuchliche Route. Wir wollen über die luftige Nordkante klettern, die im Führer auch als N-Wand-Anstieg bezeichnet wird.

Früh am Morgen des nächsten Tages verlassen wir das kleine Zelt. Über die sumpfigen Alpböden folgen wir einem spärlich ausgetretenen Steig. Einige Male müssen wir Bäche überspringen, die durch den Regen des heurigen Sommers stark angeschwollen sind. Nach einer Stunde erreichen wir den kleinen Venjadalsvatn-See, am Fusse der Venjatinder. Noch liegt das Romsdalshorn weit entfernt vor uns. Das kleine Steiglein schlängelt sich durch dichtes Gestrüpp dem Ufer entlang. Dann gelangen wir auf freie Hänge, die bis zu einer kleinen, steinernen Alphütte hinaufleiten. Diesen Unterschlupf haben die Hirten unter einen riesigen Granitblock hineingebaut. Ein kühler Wind bläst von den Schneefeldern östlich des Hornes herab. Einer alten Moräne folgend, kommen wir zu dem steilen Hang, der uns bis auf den Rücken und an den Fuss der Nordkante bringt. In den Alpen sind die Schutthalden aus losen Blöcken aufgetürmt, über die das Höhersteigen sehr mühsam ist. Hier liegen die Felsbrocken, vielleicht schon seit Jahrtausenden, von Flechten überwuchert und in eine dünne Erdschicht eingebettet.

Vor uns baut sich die Nordkante unheimlich steil auf, und wir können von hier noch nicht erkennen, wo die Route, die den vierten Schwierigkeitsgrat nicht überschreiten soll, hindurchführt. Von der Höhe des Rückens beginnt die Kletterei. Die erste Seillänge führt im gutgestuften Granit hart an der Kante aufwärts. Nun müssen wir ein Stück nach links in die Wand queren. Durch eine offene Rinne klettern wir bis zu einem luftigen Standplatz mit einem herrlichen Tiefblick auf das Romsdal. Mehr als 1000 m unter uns liegt die Strasse, auf der wir gestern zu dem blauen Fjord hinausfuhren. Mit Staunen schauten wir von unten auf das spitze Horn.

Jetzt gilt unser Interesse wieder der nächsten Umgebung. Ein alter, verrosteter Haken an einem kleinen Überhang weist uns den Weg. In festem Fels turnen wir die nächsten Seillängen höher, bis wir eine kleine Kanzel betreten. Über uns gliedert sich die Wand wesentlich mehr auf, als man von unten vermutet hätte. Einige Felsstufen überwindend, erreichen wir den letzten Teil der Kante. Noch ein paar Meter, und der Gipfel ist unser. Hier empfängt uns ein geräumiges Plateau mit einer aus Granitplatten zusammengeschichteten Hütte und übermannshohen Steinmännern. Von der Natur geformte Steine wurden von müden Bergsteigern geschickt in Armstühle verwandelt, die zu einer gemütlichen Rast einladen. Genau 1555 m befinden wir uns über dem blauen Fjord.

Unsere dicken Wollpullover schützen uns vor dem kühlen Wind, der trotz des schönen Wetters auf dieser hohen Warte weht. Nachdem wir in den bequemen Sitzgelegenheiten Platz genommen haben, kommen zwei Bergsteiger in kurzen Hosen über den Normalweg zum Gipfel. Uns fröstelt beim Anblick der hitzigen Burschen, und als der eine bei der Rast noch sein Hemd auszieht, merken wir, dass die Norweger andere Temperaturen gewohnt sind. In einer Metallbüchse sorgfältig verwahrt, befindet sich das Gipfelbuch. Neugierig ziehen wir es aus seinem wetterfesten Verschluss. Wieviel weiss doch ein Gipfelbuch in den Alpen zu erzählen, und um wieviel interessanter muss es erst hier sein! Mit grossen Lettern steht auf der ersten Seite « Bestigere av Romsdalshorn efter 1914 ». Vorsichtig schlagen wir dieses ehrwürdige Buch auf, und siehe da, es ist nur bis zur Hälfte beschrieben. In den ersten Jahren nach 1914 gab es sehr wenige Besteigungen, oft nur zwei bis drei pro Jahr. In letzter Zeit erfreut sich das Romsdalshorn oder das « Storehorn », wie der höchste Punkt auch bezeichnet wird, immer grösserer Beliebtheit, und Bergsteiger aus allen Teilen Europas und sogar aus Amerika und Japan haben diesen Gipfel bestiegen.

Die zwei Norweger beginnen durch die « Hall-Rinne » abzusteigen, die nach Hall, einem der Zweitbesteiger benannt wurde, der eine genaue Beschreibung der Route verfasste. Wir folgen 4 Die Alpen -1966- Les Alpes49 ihnen, um nicht den Abstieg suchen zu müssen. Zuerst führt ein luftiges Gratstück hinunter in die Scharte zwischen Storehorn und Lillehorn, dem zweiten, niedereren Gipfel. Von hier beginnt die eigentliche Rinne. Die Norweger klettern sehr schnell, so dass wir sie weiter unten aus den Augen verlieren. Vor uns, auf einem Hochplateau, liegt ein kleiner See, dessen Wasser über eine steile Wandstufe in den Hanjvatn-See neben der steinernen Alphütte fliesst.

Ein alter Haken verleitet uns, gerade hinunter abzuseilen. Leider reicht unser 40-m-Seil nicht bis auf den nächsten Absatz, so dass wir noch ein sehr heikles Stück abklettern müssen. Von hier aus leitet uns ein kleines Steiglein sicher zu Tal. Noch am gleichen Abend brechen wir das Zelt ab und fahren talwärts. Während wir in dem schütteren Laubwald untertauchen, entschwindet das Romsdalshorn unseren Blicken. Bald liegt der blaue Fjord wieder vor uns, und wir ziehen neuen Erlebnissen entgegen.

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