Rückzug in den Bockmattlitürmen

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VON RUEDI MEIER, STÄFA

Mit 1 Bild ( 100 ) Es war im Vorsommer, die erste Klettertour des Jahres, als wir in den Bockmattlitürmen im Wägital völlig unerwartet und unfreiwillig zu einer Art Erstbegehung kamen. Zuerst waren wir an der steilen Kante gut vorwärts gekommen. Doch an der Schlüsselstelle, einer glatten, durch die Nässe der regnerischen Vortage noch erschwerten Wandstelle, fanden weder mein Kamerad Walti noch ich den « passenden Schlüssel », so dass uns der Weg nach oben verschlossen blieb.

Resigniert stellten wir fest, dass wir uns zuviel zugemutet hatten fürs erste Mal. Da wir nichts erzwingen wollten, beschlossen wir, einen ehrenvollen Rückzug zu versuchen.

Aber wie? Wir klebten fast zuoberst in der über 200 m hohen Wand. An unsern Füssen vorbei fiel der Blick auf das von der Alp Schwarzenegg kommende Weglein, auf dem eben einige Wanderer beschaulich bergan pilgerten. Keiner von uns sprach es aus, doch wusste jeder, dass es der andere auch dachte, wie schön es wäre, dort unten im Grase zu liegen und die in schwindelnder Höhe herumturnenden Kletterer zu beobachtenWir hatten Zeit, waren gut ausgerüstet: ein 45 m langes Reserveseil, drei Stehschlingen, einige Meter Reepschnur für Schlingen, ein gutes Dutzend Haken und einige Karabiner.

Den nächstliegenden Rückweg, unsere Aufstiegsroute über die Kante, schliessen wir nach kurzer Diskussion aus, da dort ein Abseilen nicht möglich ist. Also bleibt nur noch die Wand selbst. Diese fällt in der oberen Hälfte sehr steil ab, ist aber immer wieder von Gras- und Schuttbändern durchzogen. Dann folgt eine flachere Zone, von einer Schlucht schräg durchrissen, die, soweit sichtbar, gangbar zu sein scheint. Was weiter unten folgt, ist unserm Auge verborgen... Wir hoffen, dass uns die Schlucht ermöglichen werde, einen Teil der untern Wandstufe zu umgehen, um dann den Rest mittels Abseilen zu überwinden. Ob wohl unser Seil immer bis zu einem Standplatz reichen wird?

12 Die Alpen - 1961 - Les Alpes177 Vom Wetter haben wir nichts zu befürchten; obwohl der Himmel bewölkt ist und vereinzelte Nebelschwaden um die Wände streichen, vermag sich die Sonne meistens durchzusetzen. Zögernd beginnen wir mit den Vorbereitungen für die erste Abseilstelle. Ein zuverlässiger Haken ist vorhanden, wir müssen nur noch eine Schlinge knüpfen und einhängen. Schon fällt das Seil durch die Luft, und nachdem ich mich vergewissert habe, dass es bis zum nächsten Absatz reicht, trete ich die freie Fahrt über den ersten Überhang hinunter an. Das Grasband erweist sich als sehr abschüssig und gewährt nur schlechten Stand. Noch durch Walti von oben gesichert, rekognosziere ich die nächste Abseilstelle. Es geht! Auf meinen Zuruf kommt Walti nach. Keine Sicherungsmöglichkeit ist zu finden; um mich beim Anlegen der neuen Verankerung sichern zu können, klinkt sich Walti an das noch herabhängende Seil. Auf dem schmalen, schuttdurchsetzten Grasband gibt es nichts besseres, als am äussersten Rand, wo fester Fels Ritzen bietet, einen Haken einzuschlagen. Dieser muss mir einmal zur Selbstsicherung dienen, um gefahrlos das Seil einholen zu können. Wie das Seil an unsern Köpfen vorbeipfeift, wird uns so recht bewusst, dass es jetzt für uns nur noch einen Weg gibt: abwärts. Und so muss sodann der Haken die weitere Sicherung sein für die kommende Arbeit: Seil aufnehmen, durch die Hakenschlinge ziehen, auswerfen, kontrollieren, ob es bis zum nächsten Stand reicht, Verankerung prüfen, und wieder geht es wie im Lift 20 m abwärts. Diese Manöver wiederholen sich drei-, viermal mit kleinen Variationen, immer Bänder, die grosse Vorsicht erheischen, immer Haken als Seilverankerung. Bis dann plötzlich eine überhängende Abseilstelle für Abwechslung sorgt...

Das Band unter dem Dach haben wir mit leichtem Pendeln gegen die Wand gewonnen. Und nun entwischt uns unversehens das Seil, schwingt nach aussen und kommt ausserhalb unserer Reichweite zur Ruhe! Wie wir den Ausreisser endlich wieder geangelt haben, kommt der zweite Schreck: es verklemmt sich! Abwechslungsweise versuchen wir mit allen möglichen Kunstgriffen das Seil loszukriegen, aber vergebens. Was tun? Wieder hinaufklettern? Unmöglich! Und doch müssen wir es haben, mit unserm übrigen 30-m-Seil kämen wir nicht einmal über die nächste Stufe hinunter...

So bleibt uns nur noch eine Möglichkeit: mittels der Prusik-Technik am frei hängenden Seil aufzusteigen. Glücklicherweise haben wir noch beide Seilenden. Entschlossen packe ich meine zwei Stehschlingen aus, befestige jede mit dem Klemmknoten am Doppelseil, führe sie durch die Brustschlinge und versehe sie mit einer Schlaufe. Diese Schlaufen lege ich über die Schuhe, hebe einen Fuss so hoch wie möglich, schiebe den entsprechenden Knoten hinauf, strecke das Bein, und schon pendle ich nach aussen, aufrecht in der Schlinge stehend. Es kommt das andere Bein daran: heben, Knoten hochschieben, strecken, und wieder sind 30 cm Höhe gewonnen. Wie froh bin ich jetzt, dass ich diese Technik einmal zu Hause im Estrich ausprobiert habe!

Es geht über Erwarten gut, wenn auch langsam und unter grosser Kraftanstrengung, denn die Knoten sind nicht leicht zu verschieben. Es ist ein eigenartiges Gefühl, in den Schlingen stehend in der freien Luft sich emporzuarbeiten. Unbehindert schweift der Blick in die Weite, zum Zürichsee, wo im Dunst gerade noch mein Heimatdorf zu erkennen ist. Wenn meine Angehörigen mich jetzt sähen... In der Tiefe, im Grasweg unten, bemerke ich - halb belustigt, halb verärgert - Zuschauer, die wohl mein Zappeln als eine Zirkusvorstellung auffassen. Schwierig wird es, wo das Seil auf dem Fels aufliegt. Aber diese Stelle ist nur kurz. Endlich ist der Standplatz unter der Seilverankerung erreicht. Und nirgends hat sich das Seil eingeklemmt! Lediglich die Hakenschlinge ist etwas kurz geraten, als Folge des rasch schwindenden Reepschnurvorrates. Beim neuerlichen Abseilen achte ich nun darauf, dass weder Schlinge noch Seil irgendwie verdreht sind. Und siehe! Durch vorsichtiges Vorgehen gelingt es uns, das Seil einzuholen. Grosses Aufatmen, wie das Seil an uns vorbeisaust!

Doch wir sind noch nicht am Ende der Fahrt, noch kleben wir über hundert Meter hoch in der Wand, noch trennt uns die untere, Ungewisse Wandstufe vom sicheren Boden. Die Abseilerei geht weiter. Doch bald ist die Verflachung in halber Wandhöhe erreicht. Aber auch unsere Reepschnur ist aufgebraucht, im Rucksack unten wären noch einige Meter... Durch eine Querung von einer halben Seillänge gelangen wir in die Schlucht, in deren Grund wir tatsächlich etwa eine Seillänge weit frei absteigen können. Allerdings eine ungemütliche Sache, da der Boden mit losen Steinen bedeckt ist und überhaupt keine Sicherungsmöglichkeit besteht. Der Steinschlag der ganzen Wand wird offensichtlich in dieser Schlucht gesammelt. Indem ich zwei Meter in der linken Seitenwand aufsteige, finde ich endlich eine Möglichkeit, um ungefährdet durch die fallenden Steine Walti nachkommen zu lassen. Die Schlucht biegt hier scharf nach rechts ab, um nach einigen Metern in die senkrechte Wand auszumünden. Wie wird es dort aussehen? Wird das Seil reichen, hat es Absätze? Es muss gehen, denn an einen Wiederaufstieg ist nicht zu denken, und eine andere Möglichkeit erkennen wir nicht.

Mit grösster Vorsicht, da Walti für mich keine gute Sicherung besitzt und mich kaum halten könnte, klettere ich zur Ausmündung der Schlucht hinab. Nur mit Mühe kann ich mich auf dem unsicheren Gelände soweit vortasten, dass ich Einblick in die Fortsetzung unseres Weges gewinnen kann. Höher, als wir uns vorgestellt haben, und nahezu senkrecht bricht hier die Wand ab. Doch scheint es auch hier wieder genügend, wenn auch nur sehr schmale Bänder zu geben. Also zurück, um das Seil zu verankern. Das ist jedoch schneller gesagt als getan. Erst nach langem Suchen entdecken wir einen Riss, der das Setzen eines zuverlässigen Hakens erlaubt. Mangels Reepschnur müssen wir nun unsere Stehschlingen im Haken hängen lassen, eine nach der andern. Während wir bis jetzt im Karabiner-Schultersitz uns abgeseilt haben, kommt nun die gute alte Dülfer-Methode des Schulter-Schenkelsitzes ausgiebig zu Ehren.

Und wieder folgt ein Abseilen auf das andere. Zwei-, dreimal haben wir gerade noch einen halben Meter Seil in der Hand, wenn wir auf dem nächsten Stand ankommen, aber immer reicht es. Wie auch unsere Stehschlingen weg sind, bleibt uns nichts anderes mehr übrig, als Karabiner zu opfern. Auch unsere Hakenbündel schrumpfen unheimlich rasch zusammen, und immer noch haben wir abwärts nicht kletterbares Gelände unter uns.

Wir befinden uns bereits über vier Stunden auf dem Rückzug. In meinen Händen macht sich eine gewisse Verkrampfung bemerkbar; nach einer langen Abseilstelle kann ich die Finger fast nicht mehr vom Seil lösen. Aber das macht nichts, besser so als umgekehrt!

Doch alles geht einmal zu Ende, so auch unser Rückzug. Bereits hören wir, wie auf dem Rückmarsch befindliche Kletterer diskutieren, wo die beiden da oben wohl herkommen mögen. Ob da wieder eine neue « Direkte » gemacht worden sei? Noch schlagen wir einen Haken, noch müssen wir einen Karabiner hängen lassen, nochmals das Seil um die bereits schmerzenden Körperteile nehmen—und dann lande ich endlich auf einem Schneeflecken am Fusse der Wand! Ein letztes Mal der Ruf: « Nachkommen. » Ein letztes Mal hoffen, dass das Seil sich einholen lasse. Und dann stehen wir auf sicherem Boden! Still drücken wir uns die Hand, als hätten wir einen hohen Gipfel erklommen. Ein mächtiges Gefühl der Erleichterung, der Dankbarkeit, dieser Wand entronnen zu sein, befällt uns.

Das Inventar ist rasch aufgenommen: an meiner Brustschlinge baumelt noch ein einziger Haken und ein Karabiner, alles andere ist in der Wand. Das ist der Preis, den wir für das falsche Einschätzen der Schwierigkeit unserer Route haben bezahlen müssen. Aber dafür sind wir wieder um ein bleibendes Erlebnis und auch um eine Erfahrung reicher!

Mit dem plötzlichen Nachlassen der Spannung meldet sich der Hunger. Wir rollen die Seile auf und erreichen mit einigen Schritten unser Rucksackdepot, wo wir das versäumte Mittagessen zu- sammen mit dem « Zvieri » nachholen. Dabei können wir in aller Musse unsere Abseilroute verfolgen, wobei wir aber die Köpfe unbequem weit zurücklegen müssen! Trotzdem wir eigentlich die Geschlagenen sind, sind wir zufrieden. Auf der Heimfahrt schmieden wir bereits wieder Pläne für den kommenden Sonntag, aber eine Tour ohne Abseilen, denn unsere Oberschenkel und Schultern sind vom Seil gezeichnet!...

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