Rund um den Bara Shigri

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VON J. P. O. F. LYNAM

Mit 6 Bildern ( 42-47 ) und einer Skizze Anlässlich meines ersten Besuches im Jahre 1958 in Lahul, schien mir diese Gegend für eine kleine, auf fünf Wochen im Juli und August beschränkte Expedition Vorteile aufzuweisen: die Gegend ist dem Monsun nicht unterworfen; der Anmarsch ist kurz und die Landkarte ist für ihre Unrichtigkeiten berühmt.

Bei der Zusammenstellung unserer Pläne hatten wir drei Karten zur Verfügung, alle verschieden: das Blatt des Survey of India im Massstab 1:125000, nach den Aufnahmen des Jahres 1860 und mit Ausnahme der Handelsstrassen keinen Anspruch auf Genauigkeit erhebend; die Karte von Peter Holmes nach Panoramaaufnahmen zusammengestellt, die er während seiner Forschungsreisen von 1955 und 1956 kartiert hatte, als er den Kopf des Bara Shigri von Osten her erreichte; schliesslich die Karte der Abinger Expedition auf Grund der Pläne zusammengestellt, die sie während ihrer Erforschung des Westgletschers 1956 aufgenommen hatte. Wir wussten auch, dass Holmes vergeblich versucht hatte, die Schlucht von Gyundi und das Sapitital aufzusteigen, und dass die Abinger Expedition auf einer Strecke ein Tal abstieg, das möglicherweise das Gyundital war. « Das Gyundi, schrieb ich damals, ist ein „ illusorisches Tal "... Wir haben unzählige Photos von Personen auf „ ins Gyundi abfallenden Pässen " gesehen. Leider, wollte man die Richtigkeit dieser Photos voraussetzen, hätte der Gyundi in drei verschiedenen Richtungen und in zwei verschiedenen Höhenlagen fliessen müssen. Was den Bara Shigri anbelangt, so hat er die Tendenz, sich zu erweitern und zusammenzuziehen und änderte sich sogar um 40 Prozent innert eines Jahres, je nach dem Ort, wo er aufgenommen wurde. Jedoch ist er für drei Expeditionen am gleichen Ort geblieben, und wir hofften, dass es auch für uns so sein wird. » Unser Plan war, uns nach Losar, dem höchstgelegenen Dorf im Spiti, zu begeben, dann in südlicher Richtung das Gyundital oberhalb der Stelle zu erreichen, wo sich Holmes zurückziehen musste, und in südlicher Richtung in das Gebiet Bara Shigri vorzudringen. Als Ausgangspunkt sollten unserer Expedition die Stationen des Survey of India im Spitital dienen, und so hofften wir, bis zum Kreuzungspunkt Kulu-Bara Shigri zu gelangen.

Drei Mitglieder unsrer Gruppe, die grossartigerweise « Kulu-Spiti-Expedition » genannt wurde, Gwynn Stephenson ( der Leiter ), David Osseton und John Stopford, begaben sich auf dem Landweg nach Manali. Ich flog nach Delhi ab, wo ich R. K. Malhotra traf, unseren inoffiziellen Verbindungsoffizier, der als Hauptmann in meinem ehemaligen Regiment der Bengal Engeneers gedient hatte. In aller Hast kauften wir Proviant für die Expedition ein, unter einem strömenden Monsunregen, der die Strassen halb überschwemmte. Wir stürzten auf den Bahnhof, in zwei mit Kisten beladenen Taxis, und, obschon wir viel zu viel Gepäck hatten, gelang es uns, in den Zug nach Pathanko einzusteigen. Zwei Tage später ( am 23. Juli ) erreichten wir Manali, wo die anderen Mitglieder am 25. Juli zu uns stiessen. Major Banon, der dortige Sekretär des Himalaya Clubs, hatte drei Träger verpflichtet, wovon zwei Lakadis: Jigme, der 1955 Holmes begleitet hatte, Wangshuk, stumm aber ergeben, und Chering, der sich als Sherpa ausgab und der alles andere als stumm war.

Der Anmarsch ins Innere des Landes, über den Rohtang Pass, im obersten Teil des Chandratals, verlief ohne Zwischenfälle bis Batal, das wir am 31. Juli erreichten. Es gab nur eine Seilbrücke über den Chandra, so mussten die Poneys das Tal ohne Lasten hinaufsteigen, eine Furt traversieren und längs des anderen Ufers wieder herunter kommen John und ich, die topographische Mannschaft, beförderten das Gepäck mit einer Fähre und warteten auf die Poneys, während die anderen weiter gingen und eine Anhöhe oberhalb des Kunsukpasses, etwa 5330 m, bestiegen, um Aufnahmen der Berge südlich von Lasar zu machen. Leider wurde Malhotra krank, begann Blut zu erbrechen und musste nach Manali zurückkehren.

Versammlung der Gruppe in Losar ( 4078 m ), dem höchstgelegenen Dorf des Spiti. Bezahlung der Poneys. Während Gwynn das Dongrimotal erforschte, das südlich von Losar hinabführt, und Dave Malhotra nach Batal begleitete, bestiegen John und ich endlose Schutthänge und brüchige Grate, um die fast verschwundenen Stationen des Survey of India zu suchen und mit den topographischen Aufnahmen zu beginnen.

Am 7. August stiegen wir alle den Dongrimo hinauf, eine pfadlose Schlucht, wo wir ständig über Felssporne klettern und den Fluss mehrmals überqueren mussten. Nach sieben Stunden hatten wir viereinhalb Kilometer zurückgelegt. Die Kulis von Lasar beschlossen, aufzugeben. So drangen wir mit riesigen Lasten auf den Schultern noch anderthalb Kilometer weiter und kampierten auf einer grossen Schneebrücke in der Schlucht. Weiter oben erweiterte sich das Tal, und das Lager II wurde auf dem Dongrimogletscher, auf einer Höhe von 5334 m, errichtet, mit einer prächtigen Aussicht auf die 6100 m hohen Gipfel im Westen.

Gwynn und Dave überschritten einen Pass im obersten Teil des Gletschers und hofften, in den Gyundi absteigen zu können. Inzwischen führten John und ich die topographischen Aufnahmen weiter und bestiegen bei dieser Gelegenheit den Fluted Peak, 6140 m, im obersten Teil des Gletschers. Wir versuchten auch, einen felsigen Gipfel zu erreichen; wegen des hoffnungslos brüchigen Gesteins mussten wir aber 100 Meter unter dem Gipfel aufgeben. Es gelang uns jedoch, Fixpunkte zu errichten, von denen aus es möglich war, die nördlichen Gipfel des Bara Shigri zu erkennen und uns zu versichern, dass wir in der guten Richtung gingen.

Rückkehr der anderen am 14.August; mit grosser Mühe hatten sie einen Abstiegsweg in den Gyundi gefunden, konnten ihn aber wegen Zeitmangel nicht bis zum Ende erforschen. Es wurde klar, dass wir nicht genug Proviant hatten, um den Bara Shigri zu erreichen, und dass es nötig war, abzusteigen, um unsre Vorräte zu ergänzen. Gwynn meldete sich grosszügig, um mit Chering und Wangshuk nach Losar und Batal zurückzukehren. Dann sollte er mit den Lasten den Bara Shigri hinaufsteigen, um uns im Concordia, dem grossen Kreuzpunkt im oberen Bara Shigri, zu treffen.

Am 15. August überschritten Dave, John und ich mit 70-80 Pfund schweren Säcken den Pass, um ins Gyundi zu gelangen. Der Abstieg auf dem Gletscher war zuerst leicht, dann mussten wir stundenlang steile und rutschige Geröllhalden durchqueren, um eine begehbare, ins Tal führende Schlucht zu erreichen. Wir waren so müde, dass wir nach jeden fünf Minuten Marsch fünf Ruhe-minuten einschalten mussten. Es war schon Nacht, als wir das vom Vortrupp zurückgelassene Zelt erreichten.

Der nächste Tag führte uns bis zum Zusammenfluss des mittleren und des westlichen Arms des Gyundi. Es war ein sehr angenehmer Tag: wir befanden uns noch im Sedimentgestein des Spiti, und wenn wir zum obersten Teil des Tales schauten, sahen wir jeden Vorsprung anders gefärbt: graublaue und violette Schiefer und wieder rotbraune Platten. Auf einmal stiessen wir auf ein Gebiet von schwarzen Schiefern mit sehr gut erhaltenen Versteinerungen. Wir fanden auch drei Unterkünfte aus Trockenmauerwerk und einen mit Schafmist belegten Pferch. Wie hatten die Hirten diesen Ort erreicht? Unser Pass war für Tiere unbegehbar. Frühzeitig, wenn viele Schneebrücken bestehen, ist es vielleicht möglich, die Gyundischlucht zu passieren?

Nach zwei Tagen erreichten wir das sehr hoch auf dem westlichen Gyundigletscher gelegene Lager V. Hier teilt sich der Gletscher in zwei Arme; eine imposante Kette von « Aiguilles de Cha- monix », die den obersten Teil des linken Arms flankiert, zeigte uns an, dass wir uns dem Granit des Bara Shigri näherten. Im obersten Teil des rechten Arms entdeckten wir einen leicht begehbaren Pass, der aber zu westlich zu führen schien.

Wir beschlossen auszukundschaften. Ein kurzer Abstecher auf den linken Arm bestätigte uns, dass dieser in die falsche Richtung führt, und wir wandten uns dem anderen Arm zu, dessen höchster Punkt von einer Reihe von Felszacken versteckt wird. Jenseits des letzten, als wir schon jede Hoffnung aufgegeben hatten, erblickten wir ein sich zum Grat hinaufziehendes Couloir. Um den Fuss des Couloirs zu erreichen, verbrachten wir eine freudlose Stunde in einem Spaltenwirrwarr mit unsicheren Brücken. Im Couloir selbst fanden wir harten Schnee. Als die Steilheit ausserordentlich gross wurde, führte uns eine Felsrippe in eine Gratscharte. Auf der anderen Seite entdeckten wir einen ost- und südwärts in einen grossen Kessel fliessenden Gletscher, der nur der Concordia sein konnte. Der Weg war gefunden. Wir befestigten für den Abstieg ein Seil an einen Gratfelsen. Unten auf dem Gletscher wurden die von der Sonne aufgeweichten Schneebrücken immer trügerischer, und einige von ihnen mussten schleichend überquert werden. Eine Brücke brach unter Dave zusammen, den wir dann wie einen Fisch herausziehen mussten. Die guten Nachrichten wirkten sehr ermutigend auf Jigme, der Lasten zum Lager V getragen hatte. Er war je länger je deprimierter geworden, als wir uns von Lasar entfernten und der Proviant knapp wurde.

Der 21. August wurde der Topographie gewidmet. Wir bestiegen einen 5811 m hohen Gipfel im Norden des rechten Gletscherarms und entdeckten, dass der Pass im obersten Teil zu einem grossen Gletscher führt, der nach Westen fliesst und dann nach Süden abbiegt, um sich ganz unten mit dem Bara Shigri zu vereinen. In der Biegung des Gletschers erhebt sich ein wunderschöner, 6283 m hoher Gipfel, der Central Peak. Wir beschlossen, seine Besteigung vom Bara Shigri aus zu versuchen.

Am nächsten Tag wurde das Lager zum Fuss des nach dem Bara Shigri führenden Passes transportiert. Es war ein kalter und windiger Tag, was uns sehr gut passte, denn die Schneebrücken blieben fest. Ungemütliche Nacht: der Wind heulte, und seine plötzlichen Stösse warfen Schnee und Steinchen gegen das Zelt. Unsere Rationen waren sehr knapp und die Vorräte beinahe erschöpft ( vor allem hatten wir keinen Zucker mehr ). Ich blieb wach und fragte mich, was geschehen würde, wenn es Gwynn nicht gelingen sollte, den Bara Shigri hinaufzusteigen.

Am nächsten Morgen erkletterten wir das Couloir. Wir waren froh, die festen Seile zu finden, denn es war nicht leicht, die überzuckerten Felsen mit grossen Lasten zu ersteigen. Sobald ich den Gletscher gut überblicken konnte, entdeckte ich zwei sich bewegende Punkte: Gwynn und Chering! Ich tanzte und schrie; sie tanzten und schrien, wir alle tanzten und schrien! Eine halbe Stunde später trafen wir uns auf dem Hang. Gwynn hatte es schon aufgegeben, uns erreichen zu können. Er dachte, wir seien angesichts der Knappheit unserer Nahrungsmittel nach Lasar zurückgekehrt und wollte deshalb selber aufsteigen, um einen Blick auf den Gyundi zu werfen. Wir stiegen zu seinem Lager in Concordia ab, um dort reichlich Proviant und, was noch besser war, Post von zu Hause zu finden.

Wir beschlossen, während der letzten Tage, die uns noch blieben, den Central Peak zu versuchen, denn er lag an unserem Weg. Am 23. August Abstieg vom Bara Shigri bis zum Gletscher, der, wie wir vermuteten, zum Central Peak führt. Leider bemerkten wir aber zu spät, dass dies nicht zutraf. Wir mussten uns mit einem 5821 m hohen Gipfel begnügen, von welchem aus wir aber den Central Peak überblicken konnten, der von der anderen Seite des Gletschers angreifbar ist. Hätten wir nur Zeit gehabtDer Central Peak wurde 1961 von Jo Scarr und Barbara Spark bestiegen. ) Wir kehrten dann nach Manali zurück, das wir am 30. August erreichten.

Drei Jahre später ergab sich neuerdings eine Gelegenheit, diese Gegend zu erforschen. Ich arbeitete in Indien. Gwynn konnte sich für zwei Monate freimachen, und wir fanden zwei Kameraden, Harold Mellor und Peter Harvey, die einverstanden waren, uns zu begleiten. Die Benennung « Expedition » konnte sich kaum rechtfertigen. Die Pläne wurden in aller Eile aufgestellt, die Verproviantierung in Delhi organisiert, und die Gruppe versammelte sich in Manali. Das einzige, das uns fehlte, war die Bewilligung der Regierung, uns in den Osten des Bara Shigri, nach Parahio zu begeben und weiter südlich nach Parbati zurückzukehren - ein Weg, der die Möglichkeit gegeben hätte, die weissen Flecken der Karte auszufüllen.

Jigme und Wangshuk wurden wieder als Träger engagiert, unterstützt von dem sehr guten Träger Wangyal und von Soman, der Holmes und andere Reiseforscher begleitet hatte. Sechs Tage später waren wir am Fuss des Bara Shigri. Eine Hängebrücke in Batal hatte unterdessen den Weg erleichtert. Die Lasten mussten auf einer 20 km langen Gletscherstrecke bis Concordia getragen werden. Der unterste Teil des Bara Shigri ist ein Chaos von Moränenmaterial und losen Felsblöcken, und wir kamen mit einer fürchterlichen Langsamkeit vorwärts. Wir benötigten fünf Tage, um unser Basislager auf Concordia zu errichten. Für mich war der Anmarsch eine Qual, denn ich hatte Blasen an den Fersen, weil ich das ganze Jahr hindurch Sandalen getragen hatte.

Die nächsten Tage verbrachte ich, um mich zu erholen, während meine Kameraden auf meine Anweisungen hin einige Gipfel bestiegen und Panoramaaufnahmen machten. Die Tatsache, dass ich der einzige mit guten topographischen Kenntnissen war, machte diese Arbeitsmethode sehr ungenügend. Vor eine Menge ganz verschiedenen Distanz- und Winkelmessungen gestellt, musste ich mir Rechenschaft abgeben, dass es unentbehrlich war Vergleiche anzustellen, um herauszufinden, wo Fehler gemacht worden waren.

Gwynn und Wangshuk gingen, um einen Blick ins verbotene Parahio zu werfen. Sobald meine Füsse geheilt waren, stiegen die übrigen Expeditionsmitglieder den Gletscher in südlicher Richtung hinauf, um eine Verbindung mit den Aufnahmen von Pettigrew im Nostal zu suchen. Leider scheiterte ein Versuch, den 5974 m hohen Gipfel zu erreichen.

In Concordia versammelt, wandten wir uns endlich unserem Hauptziel zu, dem Shigri Parbat, einem grossen, 6550 m hohen Gipfel im obersten Teil des nördlichen Gletscherarms.

Zwei Tage später, gegen 2 Uhr nachmittags, kampierten wir unter der Nordwestwand, aber erst am Abend, als der Nebel sich gehoben hatte, konnten wir den Berg prüfen. Der Westgrat zeigte sich auf einer grossen Länge begehbar. Aber wie konnten wir dorthin gelangen? Ein direkter Aufstieg vom Gletscherkopf aus bedeutete Klettern auf steilem und zerklüftetem Eis unter einem vom Felsgrat kommenden Steinschlag. Bei Prüfung der Nordwestwand - lauter Schnee und Eis - gelang es uns, zwischen Eiswänden und Gletscherspalten einen gewundenen Weg herauszufinden, der zum Westgrat führt, an jene einzige Stelle, wo die Wächte unterbrochen war.

Am nächsten Morgen litt Harold an Dysenterie, einer Krankheit, an der er schon seit einigen Tagen herumlaborierte. Gwynn, Wangyal und ich verliessen das Lager um 8.45 Uhr mit einem kleinen Zelt und Proviant für zwei, um die Nacht in einer grösseren Höhe zu verbringen. Es stellte sich heraus, dass die Route, so wie wir sie vorgesehen hatten, begehbar war. Man musste Stufen schlagen, kleine Schrunde überschreiten. Trotzdem wir im Leichenzugtempo vorwärtskamen, gewannen wir allmählich an Höhe. Wir blieben ständig im Schatten, und Gwynn und Peter litten an kalten Füssen. Zweimal mussten wir anhalten, damit sie die Schuhe ausziehen und die Füsse massieren konnten. 60 Meter unterhalb des Grates, unter einer Eismauer, fand ich eine kleine Schnee-plattform, die gerade die nötige Grosse für unser Zelt hatte. Höhe etwa 6000 m, auf halbem Weg zum Gipfel. Wir beauftragten Wangyal, das Zelt aufzuschlagen, und gingen weiter Richtung Grat:

längs eines Bandes, über eine verschwindende Spalte, über einen Buckel, dann links über eine steile Mauer, die sich in einem weniger steilen Hang bis zur Wächte fortsetzte. Dann nach links querend dorthin, wo die Wächte nur um 30-40 cm überhing, und so bis zum Grat. Es war 3 Uhr, es wehte ein durchdringender Wind, und wir kehrten in aller Eile zum Zelt zurück, wo Wangyal uns Tee zubereitet hatte. Beim Trinken besprachen wir, welche von uns dreien zurückbleiben werden. Jeder war bereit, sich zu opfern; es war aber offensichtlich, dass keiner Lust hatte, abzusteigen. Schliesslich beschlossen wir, dass Peter und ich oben bleiben werden. Wir verabredeten auch, dass es möglich sein sollte, wenn der oberste Teil des Berges keine Schwierigkeiten aufweist und der Weg vorbereitet ist, vom Gletscherlager direkt hinaufzusteigen. Für Gwynn und Wangyal blieb diese Chance somit offen.

Die Kameraden sind fort, die Sonne ist untergegangen. Wir kehren ins Zelt zurück, um das Abendessen zuzubereiten. Keine Zündhölzchen! Gwynn hat die letzte Schachtel mitgenommen! Wir diskutieren eine Zeitlang, bis wir zum Schluss kommen, durchzuhalten. Der Mangel an warmem Essen ist nicht so ärgerlich wie der Mangel an jeglicher Flüssigkeit. Wir kauen traurig etwas Corned Beef, Konfitüre und Biscuits. Dann schlüpfen wir in die Schlafsäcke für eine miserable Nacht.

Um 5 Uhr erwachen wir ( oder genauer gesagt, hören wir auf, zu versuchen zu schlafen ). Wieder Konfitüre und Biscuits, dann Vorbereitungen zum Abmarsch. Alle Gegenstände sind « Stein und Bein » gefroren, unsre Schuhe inbegriffen, die wir zwar ins Zelt, nicht aber in unsre Säcke genommen haben. Wir brauchen eine ganze Stunde, um in unsre Schuhe zu kommen, die Steigeisen anzuschnallen, das ganz steif gewordene Seil auszurollen.

Punkt 7 Uhr, im Moment wo sich zwei Punkte auf dem Gletscher unten in Bewegung setzen, brechen wir auf. Schneller Vorstoss auf der Spur zum Grat; in einer halben Stunde legen wir die Strecke zurück, für die wir gestern zwei Stunden benötigt hatten. Wir hoffen, bald die Sonne zu finden, aber sie ist vom Nordgrat verdeckt. Wir machen einen Halt, damit Peter seine Schuhe ausziehen und seine steifgefrorenen Füsse massieren kann. Die meinen machen mir auch Sorgen, aber während ich diejenigen Peters massierte, bewegte ich meine Zehen in den Schuhen und fühle jetzt mit Erleichterung, wie meine Füsse « kuhnägeln ».

Damit Peters Füsse nicht mehr erfrieren, beschliessen wir, dass er die Steigeisen nicht mehr anschnallen soll und dass ich deshalb die Führung übernehme. Der Grat ist sehr breit, aber steil und von verschneitem Eis bedeckt. Jede Stufe muss mit äusserster Anstrengung geschlagen werden. Nach je fünf Schritten kauere ich auf meinen Pickel, um Atem zu holen. Allmählich nähern wir uns einigen Felsen, die uns etwas Wärme und eine angenehme Abwechslung im ewigen Stufenschlagen bieten. Sie sind aber mit Schnee überpulvert, und wir verlieren viel Zeit, um sie vorsichtig zu überklettern. Oben angelangt, stellen wir fest, dass der Grat sich zurücklegt. Wie wir einen Blick zurückwerfen, sehen wir die andern uns auf dem Grat folgen. Wir rufen ihnen zu, die Felsen auf dem steilen Schnee links zu umgehen. Über den leichten Grat steigen wir zum vermuteten Gipfel hinauf, entdecken aber, dass noch ein langer Felsgrat zu traversieren ist. Die Austrocknung in uns macht sich arg bemerkbar und wir schleichen eher, als wir marschieren. Endlich fällt der Grat wieder ab, wir sind auf dem Gipfel. Wir lassen uns auf die Felsen fallen und versuchen vergeblich, unsern Durst mit Obstbonbons zu stillen. Nach einem langen Gewissenskampf reisse ich mich zusammen, um eine Reihe photographischer Aufnahmen zu machen. Sie werden aber wenig nützen, weil überall Wolken herumstreichen. Es ist unmöglich, die Gipfel des Gyundi zu erkennen, die wir 1958 bestiegen haben, und die verwickelten Grate zwischen Parahio und Parabati, die wir nicht erforschen konnten, zu bestimmen. Eine halbe Stunde später erscheinen Gwynn und Wangyal, die den Aufstieg in sehr kurzer Zeit bewältigt haben.

5 Die Alpen — 1965 -Les Alpes65 Alle zusammen angeseilt, brechen wir um 14.45 Uhr zum Abstieg auf. Die Stufen sind inzwischen geschmolzen, und wir bewegen uns mit der grössten Vorsicht. Wangyal staunt über alle diese Vorsichtsmassnahmen; aber da jeder Misstritt einen Absturz auf die Nordwestseite bedeuten würde, raten wir ihm entschieden ab, abzurutschen. Nachdem wir den Grat verlassen haben, finden wir wieder Schatten und harten Schnee, und um 3 Uhr erreichen wir das Sturmlager. Zuerst macht Wangyal Tee, dann Oxo. Peter und ich nehmen Feuchtigkeit auf, während Gwynn herumstapft, um mit vier Kameras Aufnahmen zu machen. Der Standort des Lagers ist wirklich eindrucksvoll! Um 5 Uhr stehen wir mühsam auf und machen uns auf den Weg zum Gletscherlager. In der Nacht entdeckte ich, dass meine grosse Zehe ganz gefühllos geworden war, und trotz stundenlanger Massage war sie am nächsten Morgen noch violett und geschwollen. Gwynns Arzt hatte ihm einige Notizen über die Behandlung der üblichen Krankheiten gegeben, ich fand aber keine Angaben gegen Erfrierungen. Ich gab mir alle Mühe, mich an die in Bergbüchern beschriebenen Behandlungen zu erinnern, konnte mich aber nur an die Zehenamputation in einem Zugabteil nach der Annapurnaexpedition erinnern!

Wir beschlossen bald, nach Concordia zurückzukehren. Ich brachte meinen Fuss nicht mehr in den Schuh hinein. Man verpackte ihn, warm eingewickelt, in meinen Rucksack. Anfänglich rutschte und stolperte ich, bald aber fand ich eine Technik heraus, die mir gestattete, diesen unförmigen Schuh an den Riemen zu heben. Auf dem apern Gletscher angelangt, seilten wir uns los und liessen die Träger vorauseilen. Es war Mittag, und bald wurde ich von der Durchschreitung eiskalter Bäche vollkommen durchnässt. Ich befürchtete neue Erfrierungen und eilte voraus, unbeachtet der vielen offenen Spalten oberhalb Concordia. Gwynn und Peter folgten in einem würdigeren Tempo.

Im Lager inspizierte ich den Schaden: die Zehe war aufgesprungen und obschon sie gelb und violett war, sah sie besser aus als am Morgen. Das war mehr oder weniger das Ende der Expedition. Peter stieg mit mir hinab; Gwynn und Harold unternahmen einen Versuch am Kulu Pumo Ri, einen schönen, 6553 m hohen Gipfel oberhalb Concordia. Wegen eines neuen Dysenterieanfalls von Harold mussten sie aber aufgeben.

Jetzt ist das Gebiet ziemlich gut kartiert1. Obschon einige Gipfel bestiegen worden sind [die italienische Expedition von Consiglio erreichte 1961 den Peak Lai Qilla ( 6350 m ) und Pettigrew den Kulu Pumo Ri ( 6553 m ) oberhalb Concordia im Jahre 1964], bleiben noch viele 6100 m und einige 6400 m hohe Gipfel zum Besteigen offen, vor allem der imposante, 6632 m hohe Gipfel zwischen dem Bara Shigri und dem Parbati, dessen Nordwand an die Nordwand der Grandes Jorasses erinnert. Bara Shigri und seine Umgebung eignen sich ausgezeichnet für kleine Expeditionen, für die wenig Zeit zur Verfügung steht.Übersetzung, nach dem französischen Text, Nina Pfister ) 1 Die Skizze, die diesen Artikel illustriert, stammt aus einer Karte, die uns der Verfasser geschickt hat. Sie wurde dank der Aufnahmen und dr Photos, von einem halben Dutzend verschiedener Expeditionen, und der Arbeiten der von J.P.O. F. Lynam organisierten Expeditionen aufgestellt.

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