Sar-Berg in Mazedonien

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AUFZEICHNUNGEN UND ERINNERUNGEN VON MIRKO MARKOVIC, ZAGREB

Mit 3 Bildern ( 6-8 ) Unter den hohen Bergen des Balkans und auch Südeuropas nimmt der Sar-Berg, Sar-planina, einen hervorragenden Platz ein. Seine Lage in Mazedonien, fast im Zentrum der Balkanhalbinsel, über 2700 m hoch, und mit seinen weitreichenden Ausblicken längs des ganzen Kammes lockt viele Touristen und Bergsteiger an.

Der Kamm der Sara bildet einen zwischen 2200 bis 2600 m hohen und nahezu 100 km lang sich hinziehenden Gebirgszug, welcher sich gegen Süden stark ausbreitet, im Rudoka bzw. Vraca und weiter südlich im Korab an der albanischen Grenze sein Ende findet.

Die tiefen Täler Podrim und Metochia im Westen und Polog im Osten trennen diesen Gebirgszug von den übrigen Gebirgsgruppen des Balkans, so dass er ein besonderes Massiv bildet, nach Prof. Cvijic die Sar-Pindische Gruppe. Charakteristisch für den Sar-Berg sind die ausgedehnten Höhengraswiesen und Weiden; doch gibt es, besonders auf der Nordseite gegen Prizren, auch steile, senkrecht abfallende Felsen. Mancherorts trifft man auf Spuren der Glazialzeit und im Massiv des Sar-Berges eine grosse Zahl von Gletscherseen, welche eine besondere Zierde der Landschaft sind.

Es gibt mehrere Zugänge zu diesem Berg. Am besten geht man von grössern Ortschaften aus, wo man Unterkunft findet und auch einen Führer oder ein Lasttier zur Gepäcksbeförderung finden kann. Vom Süden aus sind die besten Ausgangspunkte Gostivar, Tetovo, Kacanik; im Norden Prizren.

Gostivar ist bestens geeignet für den Aufstieg zu den Gipfeln Borislajec und Vraca. Diese Ortschaft ist durch ihre carsija ( türkischer Ausdruck für die Haupthandelsstrasse in einer Ortschaft ) noch aus den Zeiten der türkischen Herrschaft bekannt und litt vor Jahrhunderten viel unter Überfällen.

Tetovo, zur Zeit der Türken Kalkendele genannt, ist ein kleiner malerischer Ort. Hier steht noch ein aus dem Jahre 1230 stammendes Kloster, Htetovski manastir. Tetovo und Gostivar haben gute Normalspurbahn-Verbindung mit Skopje. Tetovo wird vom reizenden Sara-Fluss namens Tetovska Bistrica durchflössen. Sie entspringt einer grossartigen, von steilen Felsen der Karanikolica Dzinibeg und Rudoka-Bergen eingeengten Klamm. Von Tetova aus findet man die günstigsten Zugänge zum Sar-Berg. Seit den ältesten Zeiten reiste man hier auf Pferden über den Kobilica-Sattel, zwischen Kobilica und Karin. Der Weg führt durch das romantische Tal der Sarska Reka bis Brodac und Vecala und führt über den Berg hinüber bis Prizren. Heute jedoch ist diese, obwohl noch immer kürzeste Verbindung zwischen Polog und Prizren, selten begangen. Zur Zeit der türkischen Herrschaft war dies eine rege Strassenverbindung, doch mit zahlreichen gefährlichen Stellen, an die selbst heute noch im Volke Erzählungen von wilden Kämpfen der Reisenden und Geschäftsleute gegen die böswilligen Ljumaer und die kampflustigen Räuber fortleben.

Meine erste Begegnung mit dem Sar-Berg datiert aus der Vorkriegszeit, als ich mit meinem Vater von Skopje her reiste und die schneebedeckte scharfspitzige Pyramide des Ljuboten bewunderte. Im Jahre 1948 durchquerte ich zum erstenmal Westmazedonien, bei welcher Gelegenheit ich meinen ersten Beuch dem Ljuboten abstattete, und zwar von Tetovo aus. 1954 wanderte ich wieder durch diese Gebiete und war begeistert von den herrlichen Ausblicken aus den Nordalbanischen Alpen ( Prokletije ) gegen Sara, so dass ich noch im selben Jahr eine Herbstwanderung in diese Berge unternahm.

So packte ich meine sieben Sachen und zog mit meinem Freund M. Lazovic nach Kacanik und von hier in das nördliche Gebiet der Sara. Wir bestiegen den Ljuboten und kamen hinüber ins Tal von Radusa am Vardar-Fluss.

Im Jahre 1955 war ich wieder in diesem Massiv, aber diesmal ganz südlich von Gostivar und Mavrovo, und erstieg den Korab ( 2764 m ), den zweithöchsten Gipfel Jugoslawiens. Hier stellte ich fest, dass es eigentlich keinen wesentlichen Unterschied in der Tektonik dieser Berge und auch nicht scharfe Grenzen zwischen dem Sar-Gebiet im Norden und dem Korab im Süden gibt. Die beiden Gebiete bilden eine orographische Einheit.

So blieb mir noch der höchstgelegene Abschnitt der Sar-planina zu begehen. Über diesen Teil des Berges wurde in den letzten Jahren viel geschrieben, zumal die höchsten Punkte darin strittig waren und Untersuchungen darüber unterzogen wurden.

So entschloss ich mich im Sommer 1956, auch diese Gegenden aufzusuchen. Nach meinem Plan sollte ich, von Tetovo ausgehend, nach Ceripasino, von da aus gegen Süden das Gebirgsmassiv des Turcingebirges und noch weiter den Dzinibeg erreichen, um dann auf der Gegenseite ins romantische Dörflein Brod hinunterzusteigen, von wo ich noch einen Tagesmarsch bis zur albanischen Grenze und zum Koritnik ( 2394 m ) zu bewältigen hatte.

Aus zwei Gründen zog mich der Koritnik besonders an: In einer Bildermappe sah ich die wildschöne Schlucht, welche durch die grossen Koritnikgletscher entstanden sein musste - und diese wollte ich besichtigen. Dies um so mehr, als ich darüber in der Literatur leider nichts vorfinden konnte. Auch sehnte ich mich, die drei grossen Berge ganz aus der Nähe betrachten zu können, und besonders erregte meine Neugierde der vielbekannte geheimnisvolle Djalic ( 2486 m ) in Albanien, am Zusammenfluss der Ljuma und Drim, wo noch vor 30 Jahren die gefährlichen Ljumaer ihre Verstecke hatten, aus welchen sie die ganze Umgebung in Schach hielten und gefährdeten. Dann wollte ich auch von der Westseite, die einen guten Überblick des ganzen Kamms des Sar-Gebirges von Ljuboten bis Korab zeigt, mir ansehen, was aber nur vom Koritnik aus möglich ist. Und dann wollte ich Prokletije vom Süden aus sehen. Meine Wanderung endete in Prizren.

Schliesslich hatte ich Gelegenheit im vorigen Jahr, zwar nicht als Tourist und Bergsteiger, sondern dienstlich, das ganze Sar-Gebiet zu studieren, wobei ich das Volk und die Sitten noch näher beobachten konnte. Sar-planina verliert viel von ihrem Reiz und ihrer Schönheit, wenn wir die dortlebenden Menschen nicht verstehen. Man darf behaupten, dass dank seinen Bewohnern der Sar-Berg derart reich an Überlieferungen ist wie kein anderes Gebirgsgebiet der Balkanhalbinsel.

Schon in den alten Büchern finden wir Kunde über den Sar-Berg. Das antike Zeitalter kannte diesen Berg und seine Bewohner. Livius nennt ihn Scordus. Im Mittelalter verliert sich dieser alte Name, und wir treffen Namen wie Monte Argentaro, Gebel Almaqedonia, Catene del Mondo u.a.

In der Karte von Coronelli aus dem Jahre 1692 finden wir den Namen Qglibotan. Die türkische Benennung Sar-Dag kommt zum erstenmal im 17. Jahrhundert bei dem türkischen Geographen Had zi vor. Nach einigen Autoren soll der alte und ursprünglich mazedonische Name Sar-Berg schon im 15. Jahrhundert bekannt gewesen sein, worüber in alten mazedonischen Klöstern Aufzeichnungen bestehen. Der bekannte kroatische Dichter Ivan Gundulic aus Dubrovnik erwähnt den Sar-Berg in seinem Heldenepos « Osman » als Kunoviza. Aber dieser Name geriet in Vergessenheit. Der türkische Name Sar-Dag hielt sich am längsten, ist jedoch heute verschwunden.

Die ersten Berichte und Unterlagen für den Sar-Berg datieren kaum mehr als 100 Jahre zurück. Viel Interesse erweckten die im Jahre 1840 veröffentlichten ersten Berichte im Werk « La Turquie d' Europe » des französischen Geologen Ami Boué aus Wien, der mehrere Reisen in dem damals türkischen Bosnien, in Montenegro, Mazedonien und Serbien unternommen hatte. Im Jahre 1841 gibt uns A. Grisebach, Professor für Botanik an der Universität Göttingen, eine gute Beschreibung dieser Gegenden. Man darf annehmen, dass Grisebach den Ljuboten und Kobilica bestiegen hat. Er untersuchte dieses Gebiet floristisch und gab seinen Bericht darüber in seiner interessanten Publikation « Reise durch Rumelien und nach Brussa im Jahre 1839 » bekannt. Ausser den botanischen Beobachtungen finden wir darin viele geologische, geographische und ethnographische Einzelheiten, die eine damals unbekannte Ecke Europas entdecken liessen. Erst nach diesen Nachrichten erwachte ein regeres Interesse -jedoch nur für die nördlichsten Teile - des Sar-Berges und namentlich für den malerischem Gipfel des Ljuboten ( 2499 m ).

Nach vielfachen Messungen wurde erst in den letzten Jahren, hoffen wir, die endgültige Höhe dieses Gipfels festgehalten: von seinen früheren 3050 m Höhe, als er als der höchste Gipfel des Balkans galt, sank er auf nur mehr 2499 m herab, so dass er nicht einmal die höchste Spitze des Sar-Gebirges ist, wenn er auch beim ersten Anblick diesen Eindruck geradezu aufzwingen möchte. Trotzdem aber behielt er den Ruf, der schönste Gipfel im Sar-Gebirge zu sein!

Die ersten Messungen des Ljuboten stammen von Leutnant R. von Sterneck aus dem Jahre 1871. Zwei Jahre später unternahm Hauptmann T. Milinko vie Messungen von Kosovo aus und kam auf 3050 m. Diese amtlich anerkannte Höhe erscheint in der Generalkarte « Bosnien und Serbien », 1:300 000 des Österreich-Ungarischen Militärgeographischen Instituts, von 1877. Zur Zeit des Eisenbahnbaues in Mazedonien hatte der österreichische Ingenieur Franz Jennisch Gelegenheit, genaue Visuren vorzunehmen, wobei er die Höhe Ljubotens mit 2510 m festsetzte, was aber nicht anerkannt wurde. Erst im Jahr 1890 interessiert sich Prof. Cvijic für den Sar-Berg und berichtet über seinen Aufstieg auf den Ljuboten \ Bei dieser Gelegenheit wurde es klar, dass es im südlichen Sarberg mehrere bedeutend höhere Gipfel gibt als den Ljuboten. Dies veranlasste General Ch. R. von Steeb, den damaligen Vorstand des Militärgeographischen Institutes in Wien, die alten Daten und Messungen des Sar-Berges nachzuprüfen und zu vergleichen, und bestimmte dann die Höhe nach Cvijic auf 2510 m. Diese neue Kote war bis zum Jahre 1926 gültig, bis in der neuen Spezialkarte, Blatt « Kacanik », die Kote des Ljuboten mit 2496 m hoch eingetragen wurde. Eine weitere Vermessung von 1949 ergab dann die Korrektur auf 2499 m, was heute als letzte Messung und Höhe gelten soll!

Um das Jahr 1900 und später war das ganze Sar-Berg-Massiv unter türkischer Verwaltung und schwer zugänglich. Infolgedessen war der Sar-Berg in seinem grössten Teil bis auf heute kaum bekannt und selten begangen. Prof. J. Cvijic gab eine geographische Darstellung in seinem Werke « Grundlagen für Geographie und Geologie Mazedoniens und Altserbiens » ( Band III, Beograd 1911 ); und sein Schüler Prof. Rista T. Nikolic durchquerte 1911 einen beträchtlichen Teil des Massivs, besonders die Gebiete, wo Glazialspuren zu finden waren. Auch er warf die Frage des höchsten Sar-Gipfels in seinen Berichten auf; doch erst in den Jahren 1923 und 1924 wurde die Sache tatsächlich ermittelt, als die damalige jugoslawische Armee Vermessungen vornahm. Es erwies sich, dass es südlich des Ljuboten, in der nach dem Volksmund Rudoka genannten Gebirgsgruppe mehrere Gipfel bedeutend über 2600 m Höhe und einen sogar mit 2702 m Höhe gibt. Letzterer ist auf der Karte von 1925 als Turcin-planina bezeichnet.

So wurde die Frage der Höhe des Saras für gewisse, aber nicht lange Zeit geregelt, denn schon zehn Jahre später fand man einen kaum einen Kilometer nördlich des Turcin-planina liegenden und 1 J. Cvijié: « Eine Besteigung des Sardagh », Sonderabdruck aus dem XVI. Jahresbericht des Vereins der Geographen an der Universität Wien 1891.

in der Karte nicht kotierten Punkt, den man nach den Isohypsen als höher vermutete, Dies wurde auch am Terrain nachgeprüft, und es meldeten sich mehrere Autoren, welche verschiedene Werte, sogar bis 2850 m, ermittelten. Erst 1953 wurde der höchste Gipfel im Sar-Berg mit 2747 m bestimmt und Titov Vrh ( Titogipfel ) benannt. Vorher trug er den Namen Veliki Turcin. In derselben Gruppe des Turcin-Gebirges liegen noch drei Gipfel über 2700 m, und zwar im Süden zwei Gipfel des Mali Turcin ( 2702 und 2700 m ) und im Norden der Gipfel Bagrdan ( 2700 m ). Am Titov vrh ist eine meteorologische Station mit Unterkunft für Touristen und Bergsteiger errichtet. Der Ausblick vom Gipfel südwärts zum Borislajec und Korab ( 2764 m ) gehört gewiss zu den grossartigsten Gebirgspanoramen. Von hier sieht man auch klar, dass der Gipfel Mali Turcin niedriger als der Korab ist.

Das Begehen des Sar-Berges soll den besonderen Umständen jener Gegend angepasst werden. Die Zahl der Touristenobjekte ist gering, und stellenweise kann man kaum in einem Tagesmarsch die nächste Unterkunftsmöglichkeit erreichen. Daher ist es ratsam, sich mit einem Zelt zu versorgen. Ich tat es trotzdem nicht, weil meine Neugierde mich unter das Hirtenvolk trieb und ich unter diesem manches sehen und erfahren wollte, wovon wir Städter kaum träumen.

Die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen waren früher vor allem auf die reiche und mannigfache Flora des Sar-Berges ausgerichtet. Anfangs waren es meistens ausländische Forscher, und erst nach dem ersten Weltkrieg gesellten sich auch die einheimischen Gelehrten hinzu.

Nach dem obenerwähnten Grisebach durchstreiften den Berg mehrmals Eduard Formänek ( 1889, 1891, 1893, 1895 ), Ignaz Dörfler ( 1890, 1893 ) und unser Botaniker Jordan Petrovic ( 1908, 1909 ). In der neueren Zeit griffen besonders einheimische Botaniker ein. Nedeljko Kosanin bearbeitete in seinen zahlreichen Werken die Pflanzengeographie des Gebietes und eröffnete namhafte Rückblicke auf die floristische Vergangenheit. Die Pionierrolle spielte der Zagreber Professor Dr. Ivo Horvat, der uns in seinem « Istrazivanje vegetacije planina vardarske banovine » ( I—IV, Nachforschungen in der Vegetation der Berge im Vardarbanat ) eine wertvolle Übersicht über die Vegetation der Forstgemeinschaften, Gebirgsrasen, Felsen und Sandbänke gab. Von den anderen zahlreichen botanisch-wissenschaftlichen Publikationen sei besonders jene von Luis Adamo vie ( 1905 ) erwähnt, dessen pflanzengeographische Arbeiten besondere Bedeutung haben.

Touristisch ist der Sar-Berg erst seit etwa 30 Jahren bekannt. Als erster Bergsteiger tritt hier Dr. Ivan Krajac, ein bekannter kroatischer Bergsteiger, im Jahre 1926 auf. Er beging die Nordkette vom Ljuboten bis Bistra, zu dieser Zeit mit bewaffneter Begleitung! Aufklärende Berichte zu dieser Bergfahrt mit vielen Einzelheiten über das Hirtenleben am Sar-Berg erschienen im « Hrvatski planinar » ( Der kroatische Bergsteiger ). Darunter sind besonders wertvoll die Beschreibungen des Besuchs der Hirtensiedlung Causic, worin zum erstenmal genaueres über die Wohneinrichtungen, Lebensart, Arbeiten und auch über die geistige Kultur dieser Hirten berichtet wird. Besonders wird hier das Verständnis der einzigartigen, schwermütigen Musik dieser Schäfer geweckt. « Kavala » nennt man eine nur hier vorzufindende Art Fidel, verbunden mit Dudelsack, die beim Spielen von zwei Personen bedient wird. Auf diesem Instrumente werden schwärmerische, melancholisch klingende Lieder, voll Sehnsucht nach einem besseren und schöneren Dasein, nach unerreichbaren weiten Welten, voll unglücklicher Liebe und voll Glück in der Bergeinsamkeit, begleitet. Die mazedonischen Nationallieder mit ihren feinfühligen und rührenden Melodien stehen im vollen Einklang mit der Natur und sind ein Widerhall längst verklungener Zeiten.

Unter den Serben kennt gewiss Dusan Krivokapic aus Beograd den Sar-Berg am besten. Er war in der Gegend bedienstet und hat auf Grund eigener Betrachtungen Beiträge über Klima, Höhe und Rundblicke sowie über die Bewohnerschaft dieses Berges geschrieben. Auch heute noch befasst er sich mit dem Sar-Berg1.

Auch Slowenen besuchten die Sara. Ich will nur die grosse Skifahrt des Slowenischen Bergsteigervereins im Jahre 1939 erwähnen, worüber der slowenische Geograph B. Jordan im « Planinski vestnik » eine geographische Zusammenfassung des ganzen Gebietes veröffentlichte.Vor dem Krieg setzte besonders der serbische Geograph B. Milojevic die Beobachtungen Professor Nikolics fort.

Heute misst man dem Sar-Berg als Skigelände grosse Bedeutung zu. Bergsteigerisch, und das nur im Sommer, zieht er leider bei weitem nicht so an, wie er es verdient; es besuchen ihn nur die wenigen begeisterten lokalen Bergsteiger aus Skopje, Tetovo und Prizren. Dabei kommt jedoch nur der nördliche Teil in Betracht, Ljuboten und Livadica, Bistra, seltener auch der Turcin. Die Südseite gegen den Korab verblieb bis heute ein für breite bergsteigerische Kreise fast völlig unbekanntes Gebiet.

Den ganzen Sar-Berg als eine zusammenhängende Bergkette vom nördlichen Ljuboten bis zum Korab im Süden betrachtend, teilen ihn die Geographen in drei Gebirgsgruppen ein: den eigentlichen Sar-Berg ( nach Prof. Cvijic Bas-Sar genannt ), die Rudoka und die Vraca.

Der Sar-Berg-Kamm beginnt im Norden bei der Kacanicka Klisura ( Kacanik-Fels ) und steigt steil aufwärts zum Ljuboten ( 2499 m ). Dieses Massiv ist aus Marmorkalk gebaut und unterscheidet sich wesentlich vom übrigen Teil des Sar-Berges, welcher bis zu seinem höchsten Gipfel mit Hochalpen bedeckt ist. Die überwältigende Rundsicht vom Ljuboten wird als von keinem Balkanberg zu übertreffen bezeichnet. Der majestätische Gipfelberg Ljuboten ist vom weiterlaufenden Sar-Berg-Grat durch eine tiefe Talschlucht getrennt. Unterhalb des Gipfels, oberhalb der Waldgrenze ( 1500 m ), liegt eine Bergsteigerhütte, fünf Gehstunden von der Eisenbahnstation Orasje oder Radusa, an der Strecke Skopje-Gostiver.

Der Kamm zieht sich in südwestlicher Richtung über mehrere Spitzen der Livadica ( 2491 m ) hin. Hier spiegelt ein Gletschersee. Weiter zieht sich die Gratlinie ansteigend über Jezerska Cuka ( 2604 m ) zum höchsten Gipfel in diesem Abschnitt der Sara, genannt Bistra ( 2640 m ). Dann senkt sich der Grat allmählich, um wieder zweimal aufzuragen, am Crni Vrh ( 2587 m ) und am Kobilica ( 2526 m ), in dessen Flanke sich der zuvor genannte Karawanenweg nach Prizren zieht.

Südlich des Kobilica liegt das felsige Gebiet, das die Sarska Reka ( Sara-Fluss ) einengt. Dann reihen sich immer höhere Gipfel mit steilen Flanken, und voll scharfer Felsbildungen. Hier überwiegen verhältnismässig junge Kalkschichten. Einzelne Gipfel tragen lokale Benennungen, da das Volk den Namen Sara nicht benützt. Tektonische und orographische Momente sprechen dafür, dass gerade hier die höchsten Erhebungen des Sar-Berges sind, was manchen Autoren die Zweifel über die Länge und den Umfang des Sar-Berges brachte und sie den Berg nur auf den Ljuboten und auf das Gebiet des Sarflusses begrenzten.

Das höchste Gebiet Saras heisst Rudoka, und in diesem erreicht die Turcingruppe die maximale Höhe. Hier finden wir auch die schönsten Gipfel, Bergformen mit gut erhaltenen Spuren eiszeitlicher Jahrtausende.

Südwärts folgt das Vraca-Gebirge mit der Borislajec ( 2662 m ) und mit noch weiteren Gipfeln bis zur albanischen Grenze. Da beginnt der Korab mit seinen grauen Felsen und Schneefeldern und 1 D. Krivokapic: Kako su mjerili visinu Sar-planina ( Wie die Höhe des Sar-Berges ermittelt wurde ), Planinski vestnik, Ljubljana, 1956.

den gewaltigen, steilen Graten. Hier offenbaren sich zwei Gebirgswelten: eine grüne, wo es neben den grossen Schneefeldern noch Gras und Hochgebirgsblumen gibt, und die andere - am Korab -versengt und trockener Fels.

Ich erwähnte bereits, dass es am Sar-Berg fast gar keine Wälder gibt, oberhalb 1500 m sind keine Bäume mehr zu sehen. Die Bevölkerung leidet an Holzmangel, namentlich in den Gorska 2upa ( Gebirgsgemeinden ), wo man - was ich am Cubricevo oberhalb Brod selbst sah - gezwungen ist, das Holz aus drei Tageweiten karawanenmässig auf Maultieren herbeizuschaffen.

Einzelne Vegetationslagen im Sar-Gebirge unterscheiden sich klar voneinander und sind gürtel-artig, fast isohypsenreihig übereinandergelegt: in den Tälern liegen Äcker und Obstgärten, mit vielen Nuss- und Kastanienbäumen. Im Gebiete Sredska und Sirinic werden in den Flussebenen nur Terrassen bebaut. Auf den tieferen Hängen liegt hie und da ein Acker, doch sind die Flanken überwiegend von Gestrüpp bedeckt und nur ab und zu von spärlichem Waldstreifen. Höher erstrecken sich Wiesen- und Weidezonen. So ist Viehzucht und Hirtenleben seit jeher an diese Zone gebunden.

Die ersten Forschungsarbeiten im Gebiet der Vergletscherungen hat Prof. Nikolic durchgeführt; ihm folgten dann weitere Forscher. Der grösste Gletscher, ca. 10 km lang, dürfte im oberen Gebiet des Lepenac in der Gemeinde Sirinic gelegen haben. Die grösseren der heute vorhandenen 20 Gletscherseen sind der Livadicasee ( 2280 m Höhe ) nördlich des gleichnamigen Gipfels, Jazinacsee ( 2170 m ) nordwestlich der Jezerska Cuka und zwei Seen südwestlich der Karanikolica, der Weisssee und der Schwarzsee unter Borislajec usw.

Sar-planina ist ein ausgesprochener Weide- und Schäferberg. Grosse Schafherden und Scharen von Kleinvieh und die reichen üppigen Weiden bilden den Hauptreichtum dieses Bergvolkes. Un-überblickbar sind die breiten Weideflecken am Sar-Berg; stundenlang dehnen sich die Weiden aus, mit blossem Auge kaum abzuschätzen.

Die Bewohner des Sar-Gebirges zeigen ein fast besonderes, fremdes Gepräge. Um Polog herum sind die Einwohner stark vermischt. Die Wohnorte mit modernen Bauten machen einen zeitgemässen Eindruck. In Tetovo, Gostivar, Radusa, Vratnica findet man nur noch Spuren der frühern Türkenzeit. Doch die entlegenen Gemeinden bilden auch heute noch interessante Dorfschaften, wo die alte Lebensweise und die alten Sitten gutenteils erhalten blieben und nur langsam verschwinden.

In der Zupa ( Gemeinde ) Sirinic, nördlich Ljuboten, gibt es 17 Dörfer, davon 7 mit rein arnau-tischer, die übrigen mit gemischter Bevölkerung. Die Schafzucht ist hier der Haupterwerbszweig. Vor etwa 20 Jahren war die öffentliche Sicherheit in diesen kleinen Ansiedlungen noch sehr fraglich, und es mussten die Serben arnautische Sitten, Sprache und Trachten annehmen, um sich vor Überfällen und Plünderungen seitens der Arnauten zu schützen. Diese Art « Menschenmimikri » hatte einen grossen Wert und besondere Bedeutung für diese Gegenden: Frauen, besonders arnautische, leben ganz zurückgezogen und vor der Aussenwelt von Männern ganz getrennt; die Frauen-trachten in Sirinic stammen noch von den uralten Schäferbekleidungen. Kropf, die Volksplage, wird zurzeit erfolgreich bekämpft, ältere Leute lassen sich aber nur schwer bewegen, sich entsprechenden Massnahmen zu unterziehen.

Am Westhang des Sar-Berges liegt der Bezirk Gora, die grösste und die ausgedehnteste Siedlung am oberen Lauf des Ljumaflusses. 27 Dorfgemeinschaften liegen hier zwischen 900-1500 m Höhe. Doch gibt es hier kein kulturfähiges Land und keine Wälder, so dass die Bevölkerung ausschliesslich auf Kleinviehzucht angewiesen ist. Brod heisst der Hauptort, als Bezirksort gilt heute Dragas. Das Bergvolk bilden Muselmanen mit serbo-kroatischer Muttersprache. Ausser der Sprache bewahrte dieses Volk zahlreiche serbische Sitten und Bräuche, und den Islam nahmen sie erst im 17. Jahrhundert an. Wir wissen, dass diese Hirten mit ihrem Vieh noch gegen das Ende des 19. Jahrhunderts im Winter bis an das adriatische Küstenland oder nach Trazien und Anatolien am Ägäischen Meere nomadisierten. Obwohl sie den Islam annahmen, waren sie gar nicht arnauten-freundlich, aber auch nicht gleichgestellt, so dass sie deswegen oft von den Nachbarn aus Ljuma überfallen und ausgeplündert wurden. Diese Überfälle erreichten ihren Höhepunkt nach 1878, was dann den Zerfall und die Auflösung der ungeheuer grossen Herden zur Folge hatte, so dass die Gebirgsbevölkerung auf Lohnarbeiten und kleinere Handwerksberufe sich umstellte. Es ist erwähnenswert, dass sich diese Leute besonders im Zuckerbäckergewerbe gut ausweisen und über die Landesgrenzen hinaus einen guten Namen besitzen.

Die alte Gebirgsgemeinde Sredska liegt im Flussbereich der Prizrenska Bistrica und deren linksseitigen Nebenflüssen. Die Bevölkerung ist hier halb serbisch, halb muselmanisch. Auch hier ging die Islamisierung im 17. Jahrhundert vor sich mit der Freisprechung von Zwangsabgaben ( harac ) und der Zusicherung der Bewegungsfreiheit unter den Türken. Die meisten Bewohner dieses Gebietes richten sich für die Weidezeit Sommerunterstände in den Höhen des Sar-Berges ein, und andere wandern bis auf den Kodza Balkan und Osljak ( 2212 m ). Durch Sredska führte einst ein alter Karawanenweg, eine Abzweigung der Strasse nach Skadar ( Scutari ), welcher von Prizren über den Prevalac-Sattel ( 1515 m ) dem Lepenac entlang nach Skopje hinunterführte.

Auch in dieser Gemeinde sind viele alte ethnische Eigenarten und Überlieferung zurückgeblieben. Typisch sind die Frauentracht mit einem Überhang und der helmartige Kopfaufputz für Bräute.

Als letzten Bezirk im Sar-Berg nenne ich Opolje mit 16 Dörfern, wovon 14 im Flussbecken der Plavska Rijeka ( Plavafluss ) liegen und die 2 übrigen, Zapulzje und Piava, im Tale des Opoljesees. Die Opoljer Bewohner sind Schäfer, die ihre Produkte auf den Markt in Prizren bringen. Auch diese Einwohner sind meistens bis Ende des 17. Jahrhunderts islamisiert worden.

Das traditionsreiche Hirtenleben im Sar-Berg hat Prof. Cvijic eingehend erforscht und das Hirtentum und die Wanderungen in Mazedonien sehr umfassend beschrieben.

Das Wanderleben der Hirten ist an die Weidemöglichkeiten, die besseren Lebensbedingungen, an die klimatischen Gegebenheiten gebunden. Prof. Cvijic spricht von zwei Richtungen dieser Bewegungen: talwärts, wenn die Herden aus den Höhen in die Gemeindegebiete wandern, und bergwärts, wenn sie die Hänge zurück zu den Weiden emporsteigen. Diese Wanderungen haben inzwischen beinahe ganz aufgehört, ausgenommen im Süden auf Vraca und in den südlichen mazedonischen Bergen ( Perister, Bristra, Stogovo ). An diesen Hirtenmigrationen nehmen meistens die Cincari, seltener Albaner oder Slaven teil. Sie drängen also im Oktober ins Tal und treiben ihre Herden immer tiefer in das Tiefland, wo sie auch im Winter Weide vorfinden; die einen an die Adria nach Musakija oder an die ägäische Küste; die anderen halten sich an den Ufern der mazedonischen Seen auf. Im April steigen sie dann alle zu den Hochalpen-Weidestätten zurück. Diese mittelalterlichen Herdenwanderungen, die auch unter der Türkenherrschaft bestanden, verschwinden allmählich. Die erste Beschreibung über dieses Wanderleben gab Henry Holland; Nomadenhirten im Sar-Gebirge soll es noch vor 20 Jahren gegeben haben. Ich traf keine mehr. Im Korab soll man sie noch antreffen, die sog. Karakacani und Kucovlasi, die kein ständiges Heim besitzen. Sie fristen ihr ganzes Leben unter Zelten, bewegen sich mit dem Vieh nach den Weidegründen und leben auf dem niedrigsten Lebensstandard.

Ein Bergsteiger oder Tourist kann den Sar-Berg vielfach geniessen: er wird von der grossartigen Ausdehnung begeistert sein. Der Sar-Berg ist kahl und bietet weite Ausblicke in alle Himmels- richtungen; es gibt von den bequemen Spaziergängen über weiche, mit herrlichsten Blumenteppichen belegte Grasflächen voll Duft und Poesie bis zu den eigentlichen Bergwanderungen und Fahrten auf steilen Felsgraten und in Flanken, in einer Gebirgslandschaft mit Seen und Schneefeldern und herrlichen Gipfeln.

Wenn der Bergsteiger auch für die Bergbewohner Sinn und Verständnis hat, so findet er gerade im Sar-Gebirge Gelegenheit, es zu beobachten. Allein, ein Menschenleben ist zu kurz, um eingehend die Vergangenheit und den Reichtum der Hinenbewohner, deren Sitten, Religion, Lieder, Sprache, Lebensweise usw. zu erleben. Hier aber findet man noch unverfälscht Vergangenheit und Gegenwart verbunden, mit einer Landschaft voll orientalischen Stimmungen.

Es gibt aber auch Schwierigkeiten. Es fehlen Touristen- und Bergsteigerunterkünfte. Man muss sich selber zu helfen wissen. Der Bergsteiger wird oft in Hirtenunterständen nachten müssen. Doch all das hat auch seine Reize, die zur Stimmung des Sar-Berges gehören und sie erhöhen. Bergsteigervereine bestehen in Tetovo ( « Ljuboten » ) und in Prizren ( « Pastrik » ).

Auf Wildtiere bin ich im Sommer nicht gestossen. Im Winter üben oft genug Wölfe den Viehherden Schaden zu.

Bei Besuch des Sar-Gebirges sollte man es nicht unterlassen, Prizren aufzusuchen. Die Lage und die Vergangenheit und noch mehr die unzähligen Sehenswürdigkeiten machen dieses Städtchen zu einer kleinen Schatzkammer, in welcher sich Jahrhunderte widerspiegeln. Es ist der Mittelpunkt des Sar-Gebirges. Beim Besuch von Prizren überzeugte ich mich davon, dass ein Tag nicht ausreicht, um alles zu sehen und zu erleben, was diese Stadt zu bieten vermag!

Zur Römerzeit war Prizren - damals Therenda genannt - der Hauptort an der Skadar ( Scutari)-Strasse für den ganzen inneren Balkan. Die Byzantiner nannten es Prizdrijan. Im 14. Jahrhundert war es die Residenzstadt der serbischen Kaiser und hatte eigene Stadtmünzen usw. Als es im Jahre 1455 unter die türkische Herrschaft gelangte, fiel es gewissermassen in den Rückhalt und konnte sich nicht mehr erholen. Das soll eine Analogie mit dem kroatischen Dubrovnik ( Ragusa ) in Dalmatien zeigen, welches eine ähnliche Vergangenheit, doch ein anderes Los teilte.

Als die Türken im Jahre 1912 Prizren räumten, atmete die Stadt auf; aber seine alte Bedeutung erlangte es nicht mehr, und der weitere Aufschwung hängt von der sich jetzt im Bau befindlichen Eisenbahn, die Prizren mit Skopje verbinden wird, ab.

Die Lage Prizrens am Auslauf des Bistricaflusses, nahe der Talenge, im Schatten des Sar-Berges einerseits und unter dem Pastrik und Koritnik, den « Wachtposten des Drims », andererseits, ist reizend. Hier dringt die Skadarstrasse zum Burgturm Ljums und zur berühmten Ljumsbrücke vor, auch Teufelsbrücke ( türkisch: Urd Sajit ) genannt. Auf dieser Strasse wanderte der Mönch Lovro Mihaöevic vor 60 Jahren und hinterliess eine interessante Beschreibung seiner bunten Erlebnisse.

Ich denke immer wieder gerne zurück an all die herrlichen Begegnungen, die ich bei meinen Bergfahrten im Sar-Berg erlebte. Besonders berühren mich Erinnerungen an das kirchenmausarme Volk, das mich dennoch herzlich und gastfreundlich empfing und beim Abschied aufrichtig « Auf Wiedersehen » sagte.

Ich kenne die meisten unserer Berge. Herrlich sind sie, unvergesslich. Aber den Sar-Berg habe ich so ins Herz geschlossen, dass ich den Wunsch hege, wieder zu ihm zu wandern, sobald sich Gelegenheit gibt.

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