Saurierjagd in den Tessiner Kalkalpen

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Fossiliengrabungen des Zoologischen Museums der Universität Zürich. Mit 1 Bild ( Seite 426 ) und 11 Figuren im Text.Von Bernhard Peyer

( Zürich ).

In den « Alpen », wie zuvor in der langen Reihe der Jahrbücher des S.A.C., hat sich die Tradition herausgebildet, unter Alpinismus nicht nur die Technik des Bergsteigens, die Berichte von der kühnen Erstbesteigung stolzer Gipfel zu verstehen, sondern alles einzubeziehen, was mit den Bergen zusammenhängt, ihre Pflanzen- und Tierwelt, die alpinen Mineralien und nicht zuletzt auch den Menschen der Bergtäler mit seinen alten Sitten und Gebräuchen und seinen Beziehungen zur ausseralpinen Welt in geschichtlicher und vorgeschichtlicher Zeit. Durch diese schöne Tradition ermutigt, folge ich gerne der freundlichen Aufforderung des Herausgebers, etwas über die erdgeschichtliche Vergangenheit eines Gebietes zu berichten, das zwar keine mit ewigem Schnee bedeckte Gipfel besitzt und Alpenrosen nur noch an wenigen versteckten Stellen aufweist, das aber nach dem Gefüge seiner Berge als südlichste Randpartie zum Bau der Alpen gehört, aus dem Mendrisiotto.

Der auffallende Wechsel der Felsarten in der Umgebung von Lugano hat schon in den Frühzeiten der Geologie das Interesse der Geologen erweckt; schon im Jahre 1825 erkannte der weitgereiste Leopold von Buch die vulkanische Natur der Hänge des Monte San Salvatore gegen Morcote hin und die davon verschiedene Beschaffenheit des Salvatoregipfels, der aus Triasgesteinen besteht. Der grosse Zürcher Geologe Arnold Escher von der Linth war in führender Weise an der vergleichenden Feststellung des Alters der alpinen und der ausseralpinen Triasschichten beteiligt. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts setzte im benachbarten italienischen Gebiete eine Periode intensiver Forschung ein, durch welche der Fossilreichtum der Trias- und Juraschichten in zahlreichen Spezialarbeiten erschlossen wurde. Mit der Entwicklung der Lehre vom Bau der Alpen wurden die südalpinen Gebiete erneut eingehend untersucht, so unter anderem auch von Albert Heim, der in der Geologie der Schweiz eine meisterhafte Übersicht über die Resultate der bisherigen Forschung gegeben hat, sowie von seinem Nachfolger Hans Schardt. Diese Arbeit auf vorwiegend tektonischem Gebiet dauert zurzeit noch an, indem sich jüngere Geologen verschiedener deutschschweizerischer Hochschulen der weiteren Erforschung des genannten Gebietes widmen. Auch der kristalline Untergrund und die vulkanischen Gesteine des Perms bildeten den Gegenstand neuerer Untersuchungen.

Von besonderer Bedeutung für das Mendrisiotto ist die in den Eclogae Geologicae Helvetiae 1916 erschienene Dissertation von Albert Frauenfelder geworden, die hauptsächlich das Gebiet zwischen Capolagó und Porto Ceresio behandelt und durch welche das zuvor umstrittene Alter der unteren Triasschichten abgeklärt worden ist. Ich entnehme dieser Arbeit ein Profil SAURIERJAGD IN DEN TESSINER KALKALPEN.

durch den Monte San Giorgio ( siehe Fig. 1 ). Dieser Berg erhebt sich als bewaldete Felspyramide von 1100 Meter Höhe als der südöstliche Nachbar des Monte San Salvatore zwischen Capolago und Porto Ceresio. Auf dem Gipfel steht eine dem Beato Manfreddo geweihte Kapelle, die jährlich das Z .el von Prozessionen aus den drei Gemeinden bildet, deren Gemarkungsgrenzen auf dem San Giorgio-Gipfel zusammentreffe!, Brasino Arsizio, Meride und Riva San Vitale. Die Legenden, die sich um das Leben des seligen Manfred gewoben haben, fanden ihre bildliche Darstellung in der Hauptkirche von Riva San Vitale, wo Pietro Chiesa vor einigen Jahren zu den Eil«: erri aus dem XVIII. Jahrhundert FreskDdarstellungen von Szenen aus dem Leben Manfreddos beifügte.

Der kristalline Untergrund des Berges tritt nur in der Nähe von Porto Ceresio zutage. Die nach Nordosten und Nordwesten steil gegen den See abfallende Basis des Berges wird von Porphyrit gebildet, einem vulkanischen Gestein. Die Zeit seiner Entstîhung fällt gegen das Ende des erdgeschichtlichen Altertums, in jene Periode, die auf die Steinkohlenzeit folgte und den Namen Perm erhalten hat. Die tief reichende Verwitterung dieses Porphyrites muss schon relativ kurz nach seiner Bildung eingesetzt haben, denn die ihn bedeckenden Schichten, die dem frühen Mittelalter der Erdgeschichte, dem sogenannten Bunt-sands ;ein, dem untersten Gliede der Trias angehören, enthalten Porphyrgerölle, ähnlich wie sich im Buntsandstein des Schwarzwaldes Gerolle finden, die aus den Gesteinen der Unterlage bestehen. Daneben finden sich eine Anzahl von Meeresmuscheln und -Schnecken. Die nächst-höhen; Stufe, die sogenannten anisischen Dolomite, treten im Gelände als weithin sichtbare Steilwand hervor; aus diesen Dolomiten, einer zweifellosen Meeresablagerung, sind bisher fast nur Reste von.

Kalkalgen, sogenannte Gyroporellen, bekanntgeworden. Um so überraschender wirkt die ungeheure Menge von versteinerten Resten von Wirbellosen und von Wirbeltieren, die sich in den obersten Lagen der anisischen Dolomite finden; A. Frauenfelder hat diese Schicht als Grenzbitumenhorizont bezeichnet. Darüber folgen erst Dolomite, dann Kalke, die sogenannten Meridekalke, in einer Mächtigkeit von ca. 500 Meter. Über diesen Kalken liegen die Raiblerschichten, mit bunten Mergeln und Gips, der seit vielen Jahren in der Umgebung des Dorfes Meride am Südhang des Monte San Giorgio ausgebeutet wird. Darüber folgt der Hauptdolomit, der den Gipfel des die Grenze gegen Italien bildenden Poncione d' Arzo bildet. Das Rhät, jene Übergangsformation zwischen der Trias und den ältesten Ablagerungen der Juraperiode, dem Lias, fehlt im San Giorgio-Gebiet. Auch der Hauptdolomit war stellenweise zur Zeit der Ablagerung der Liasschichten zum Teil durch Erosion beseitigt, so dass eine Rinne im Hauptdolomit unmittelbar von Ablagerungen des Liasmeeres ausgefüllt wird. Die den permischen Porphyr bedeckenden Schichten der Trias und des Jura fallen steil nach Süden ein, so dass man beim Abstieg vom Monte San Giorgio nach Süden trotz des Abwärtswanderns in geologisch immer höhere Schichten, zeitlich in immer jüngere Zeitabschnitte gelangt, bis die gefalteten, zum Alpenbau gehörigen Schichten gegen die lombardische Ebene hin unter das jüngste Tertiär und glaziale Bildungen untertauchen und so nicht weiter verfolgt werden können.

Auf italienischem Gebiete, unweit der Schweizergrenze, waren schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Überreste von Fischen und von ichthyosaurusähnlichen Reptilien bekannt geworden. Die Funde mehrten sich, als vor beinahe 40 Jahren die bituminösen Schichten des Grenzbitumenhorizontes zum Zweck der Gewinnung eines pharmazeutischen Produktes durch eine italienisch-schweizerische Gesellschaft, die S. A. Miniere Scisti Bituminosi di Meride e Besano, bergmännisch ausgebeutet wurden, und zwar nicht nur auf italienischem Gebiete ob Besano, sondern auch auf Schweizer Boden, in Stollen am Nordhang des Monte San Giorgio, bei Cava Tre Fontane ob Serpiano, ca. 700 Meter über Meer. Das durch trockene Destillation der bituminösen Schichten gewonnene Produkt stimmt in seiner Zusammensetzung mit dem bekannten Ichthyol überein, darf aber diesen Namen nicht führen, weil er als Markenschutz für das ältere deutsche Produkt anerkannt worden ist. Das Erzeugnis von Cava Tre Fontane und Besano führt den Namen Saurol; es leistet namentlich bei entzündlichen Prozessen der Haut und bei rheumatischen Erkrankungen gute Dienste. Der Schichtkomplex, der die abbauwürdigen Bitumina enthält, hat eine Mächtigkeit von etwa 5 Metern; darin sind gegen zwanzig einzelne Bitumenlagen von meist nur wenigen Zentimetern Dicke vorhanden. Die stärkste Bitumenlage hat eine Mächtigkeit von 10 Zentimetern. Die dunklen Bitumenlagen sind durch Dolomitbänke von bedeutend grösserer Mächtigkeit voneinander getrennt ( siehe Fig. 2 ). Bei der Gewinnung müssen die bituminösen Schiefer sorgfältig von dem begleitenden Dolomit getrennt werden, was den Betrieb naturgemäss verteuert.

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Der Umstand, dass Schichten mit der Fauna von Besano auch auf Schweizerboden durch bergmännischen Abbau erschlossen worden waren, legte es nahe, durch sorgfältige Bergung vollständigere Wir-beltierreste zu gewinnen als das bisherige, hauptsächlich im Museo civico in Mailand vereinigte Material. Zudem ergab sich aus einem Vergleich mit Fossillagerstätten in bituminösen Schichten aus anderen geologischen Perioden die Vermutung, dass die Tiergesellschaft des Grenzbitumenhorizontes viel reichhaltiger sein müsse, als aus den schon vorliegenden Funden zu ersehen war. Im Jahre 1924 wurde es dank der Unterstützung durch die Georges Fig. 2. Stolleneingang der Galerie Arnaldo superiore bei Cava Tre Fo itane. Die schwarzen bituminösen Schiefer sind durch Dolomitbänke von grösserer Mächtigkeit voneinander getrennt. Die Schichten fallen nach Süden ein.

und Antoine Claraz-Schenkung möglich, den schon Jahre zuvor gehegten Plan einer systematischen Fossilgewinnung in den Schichten des Grenzbitumens von Cava Tre Fontane zu verwirklichen. Zuerst wurde während einiger Wochen ausprobiert, ob sich bei einem behutsamen Abbau unter Vornahme von möglichst wenigen Sprengungen im Stollen selber vollständiger erhaltene Fossilfunde gewinnen liessen. Das Resultat war kläglich; deshalb wurde dazu übergegangen, in einem stillgelegten Betriebe der S. A. Miniere in der Valporina, am Südhang des Monte San Giorgio, einen Tagbau zu betreiben, der binnen kurzem eine Fülle trefflicher Fossilien lieferte, neben den erwarteten Mixosauriern und Ganoidfischen auch eoe neue Art eines bisher nur aus der Binnenmeerent-wicklung der germanischen Trias bekannten Placodontiers Cyamodus ( siehe Fig. 4 ). Dieses Reptil besitzt nicht, wie die meisten anderen Reptilien, spitzkegelförmige Zähne, sondern flache, ovale Zahnplatten, die offenbar zum Zerknacken von harts :haligen Molluske ngehäusen dienten.

Die reiche Ausbeute des Jahres 1924 ermutigte zu weiteren Grabungen. Dank der stetigen Urterstützung durch die Georges und Antoine Claraz-Schenkung konnte in der Folge mit wenigen Ausnahmen Jahr für Jahr gegraben werden, denr immer wieder stellen sich Reste von für die Wissenschaft neuen Tierformen ein. Unter den wirbellosen Tieren sind gewisse Muscheln, die Daonellen, und Ceratiten, ammonitenartige Schalen, in ungeheurer Fülle vorhanden, aber meist nur als Steinkerne oder als Hohlform erhalten. Brachiopoden ( muschelähnliche Armfüsser, wie Terebrateln und die Rhynchonellen ) scheinen vollständig zu fehlen, ebenso Reste von Echino-dermen ( wie Seelilien, Seeigel und Seestsrne ). Dies ist ein bemerkenswerter..., SAURIERJAGD IN DEN TESSINER KALKALPEN.

Unterschied gegenüber den bituminösen Schichten des Lias von Boll und Holzmaden in Württemberg, der im übrigen eine entsprechend dem geringeren geologischen Alter etwas veränderte, aber doch recht ähnliche Tierwelt birgt. Unter den Fischen von Cava Tre Fontane, deren wissenschaftliche Bearbeitung bisher zurückgestellt werden musste, finden sich neben einigen altertümlichen Haifischen und Quastenflossern eine sehr grosse Zahl von verschiedenen Schmelzschuppern, Ganoiden, jener Fischgruppe, die durch das ganze Mittelalter der Erdgeschichte dominierte, dann aber bis auf ganz wenige Vertreter, wie zum Beispiel den Stör, ausgestorben ist. Unter den Reptilien von Cava Tre Fontane sind die Ichthyosaurier am zahlreichsten, die sich, ähnlich wie in geologisch späterer Zeit die Delphine und die Barten-wale unter den Säugetieren, an das Leben im Meere angepasst haben, trotzdem sie nicht Kiemen-, sondern Lungenatmer waren. Vergleicht man die Ichthyosaurier der Trias, hauptsächlich die Gattung Mixosaurus, mit den Ichthyosauriern der Jura- und der Kreidezeit, so lässt sich mit Sicherheit erkennen, dass die Anpassungen an das Meeresleben zwar in den entscheidenden Zügen schon vorhanden, aber doch nicht so weit gediehen sind, wie bei den späteren Formen ( siehe Fig. 3 ).

Während bei den delphinähnlichen Mixosauriern und Ichthyosauriern die Fortbewegung hauptsächlich durch eine kräftige, vertikal gestellte Schwanzflosse erfolgte, waren bei den Plesiosauriern die beiden Gliedmassen- Fig. 3 a. Brustflosse von Mixosaurus, natürlicher Grosse. Grenzbitumenhorizont der anisischen Stufe der Trias, Monte San Giorgio. Zoologisches Museum der Universität Zürich.

Fig. 3 b. Brustflosse von Euryptery-gius communis, Conyb ., var. hyper- dactyla Jaekel. Verkleinert. Unterer Lias von Lyme Regis, England.

Naturalistenkabinett Stuttgart. Nach Jaekel aus O. Abel ( 1919 ).

Bei den Mixosauriern sind der Ober- armknochen ( Humérus ) und die beiden Knochen des Unterarms ( Speiche, Radius und Elle, Ulna ) noch weniger verkürzt und verbreitert als bei den geologisch jüngeren Ichthyosauriern. Sie sind noch, wie bei den landlebenden Reptilien, durch den sogenannten Zwischen- knochenraum voneinander getrennt, während sie bei Ichthyosauriern lückenlos aneinander grenzen. Die Zahl der Fingerglieder ist bedeutend grösser, auch sind mehr Finger- strahlen vorhanden. Bei dem abgebildeten Exemplare von Mixosaurus scheint am Kleinfingerrande ein neuer Strahl in Bildung begriffen zu sein.

Fig. 6. Tanystropheus loiigobardlcus Bass. sp. Grenzbitumenhorizont der anisischen Stufe der Trias, Monte San Giorgio. Zoologisches Museum der Universität Zürich. Rekonstruktion nach einem Exemplare von 4,5 Meter Gesamtlänge. Die enorme Hals- länge wird bewirkt durch Verlängerung weniger Halswirbel.

paare zu kräftigen Rudern ausgebildet. Als eine dem Landleben noch näher stehende Seitenlinie der Vorfahren der Plesiosaurier gelten seit langem die Nothosaurier, von denen sich in der germanischen Trias manche Schädel und viele einzelne Knoc hen, aber fast keine einigermassen im Zusammenhang erhaltene Skelette gefunden haben. Die Auffindung eines wunderbar erhaltenen Skelettes von gegen 4 Meter Länge in Cava Tre Fontane war deshalb für die genauere Kennt lis dieser Tiergruppe von Bedeutung. Eine Abbildung dieses Fundes gibt Fig. 11. Die Kenntnis der schon eingangs erwähnten Placodontier erfuhr dadurch eine Bereicherung, dass neben dem hochspezialisierten Cyamodus ( siehe Fig. 4 ) eine bisher unbekannte, viel ursprünglichere Gattung zum Vorschein kam, deren Gebiss noch aus zahlreichen, weniger stark abgeplatteten Zähnen besteht und damit einen Übergang zum regulären Reptilgebiss vermittelt ( siehe Fig. 5 ). Beide Formen zeigen im Skelett Anpassungen an das Wasser-leben; während Cyamodus einen schweren Panzer von Hautver-knöcherungen besass, fehlen solche, abgesehen von den so- Fig. 4. Schädel von Cyamodus hilde-gardis Peyer von der Unterseite. % natürlicher Grosse. Grenzbitumenhorizont der anisischen Stufe der Trias, Monte San Giorgio. Zoologisches Museum der Universität Zürich. Der Schädel dieses seltenen Reptiles wurde durch den Gebirgs- druck zu einer Platte von durchschnittlich weniger als einem Zentimeter Dicke komprimiert; dabei wurden die grossen hinteren Zahnplatten des Gaumens deformiert und Teile der unter den funktionierenden Platten liegenden Ersatzzähne sichtbar.

genannten Bauchrippen, bei Paraplacodus. Von Paraplacodus ist nahezu das ganze Skelett bekannt, während wir von dem viel selteneren Cyamodus noch nicht den ganzen Körperbau kennen. Nach den Erfahrungen mit anderen Gattungen ist zu hoffen, dass diese Wissenslücke im Laufe der Jahre durch weitere Funde ausgefüllt werden wird.

Zwei Seltenheiten, von denen bis jetzt jede nur in einem einzigen, aber gut erhaltenen Exemplare vorliegt, sind Clarazia schinzi und Hescheleria rübeli. Die wissenschaftliche Benennung dieser Funde bot Gelegenheit zur Erfüllung einer Dankespflicht. Herr Georges Claraz ( gestorben 1930 in Lugano im Alter von 98 Jahren; siehe den durch seinen langjährigen Freund Prof. Dr. Hans Schinz verfassten Lebenslauf in der Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, 76. Jahrgang, 1931 ) ist der hochherzige Stifter der Georges und Antoine Claraz-Schenkung, dank deren Unterstützung die Tessiner Fossiliengrabung, die wissenschaftliche Bearbeitung und die Publikation der Funde erst möglich geworden ist. Prof. Dr. Hans Schinz ist der Präsident des Kuratoriums der genannten Schenkung. Mein verehrter Lehrer Prof. Dr. Karl Hescheler sei. war ebenfalls Mitglied des Kuratoriums; als solches hat er sich Jahr für Jahr für die Förderung der Grabung eingesetzt. Der bekannte Geobotaniker Prof. Dr. Eduard Rubel hat als Zentralpräsident der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft in einem schwierigen Moment, als die Mittel nicht ausreichten, wert- Fig. 5. Paraplacodus broilii Peyer. Rekonstruktion des Gebisses, links des Unterkiefers, rechts des Ober-kiefers. y2 natürlicher Grosse. Grenzbitumenhorizont der anisischen Stufe der Trias, Monte San Giorgio. Zoologisches Museum der Universität Zürich. Die Zähne sind zahlreicher und weniger abgeplattet als die Zähne von Cyamodus.

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volle Unterstützung gebracht. Der Skelettbau zeigt, dass die beiden erwähnten Reptilien gute Schwimmer waren; einigermassen ähnliche Gattungen sind bisher nur, allerdings il weniger vollkommen erhaltenen Exemplaren, in der Trias von Shasta County in Kalifornien gefunden worden.

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Fig. 7. Macrocnemus bassanii Nopcsa. Exemplar Valporina 1933. % natürlicher Grösse. Grenzbitumenhorizont der anisischen Stufe der Trias, Monte San Giorgio. Zoologisches Museum der Universität 2 ürich. Zeichnung des zerfallenen Skelettes auf Grund der Röntgenaufnahme. Alle Schädelknochen schwarz hervorgehoben.

Einer der seltsamsten Funde wurde im Jahre 1929 in Gestalt des langhalsigen Reptils Tinystropheus gemacht ( siehe Fig. 6 ). Bei der Bearbeitung dieses Fundes wurden Röntgenaufnahmen in ausgedehntem Masse als Hilfsmittel der Untersuchung herangezogen. Dass dies möglich war, habe ich meinem Freunde Prof. Dr.Ei. R. Schinz, dem Direktor der SAURIERJAGD IN DEN TESSINER KALKALPEN.

Röntgenabteilung des Zürcher Kantonsspitales, zu verdanken. Die funktionelle Bedeutung der geradezu phantastischen Verlängerung des Halses, die wie bei der Giraffe unter den Säugetieren nicht durch Vermehrung der Wirbelzahl, sondern durch Dehnung der einzelnen Wirbel erreicht wird, konnte noch nicht geklärt werden. Zu den ersten Funden gesellten sich im Laufe der Jahre weitere Exemplare, die Einblick in verschiedene anfänglich nicht bekannte Züge des Skelettbaues gestatteten. Das kleinste Exemplar hat eine Länge von 85 Zentimeter, das grösste, von dem nur wenige Knochen vorhanden sind, lässt auf eine Gesamtlänge von gegen 6 Meter schliessen. Als Grundlage für eine plastische Rekonstruktion des Skelettes für die Schweizerische Landesausstellung wurde ein Fund von 4,5 Meter Länge ausgewählt ( siehe Fig. 6 ). Von diesen 450 Zentimetern entfallen 215 Zentimeter allein auf den Hals; der längste Halswirbel misst 25 Zentimeter. Fig. 7 zeigt ein zerfallenes Skelett von Macrocnemus bassanii, einem Reptil, bei dem die Halswirbel auch etwas verlängert sind, aber bei weitem nicht in dem Grade wie bei Tanystropheus.

Der über dem Grenzbitumenhorizont liegende, bis zu den Raiblerschichten reichende Schichtkomplex von ca. 500 Metern Mächtigkeit galt vor den

aLariosaurus balsami Curioni. Aus den ladinischen Kalken von Perledo ( Corner See ). Ufficio geologico, Roma. Dieser wasserlebende Saurier besitzt noch an der Hinterextremität die terrestrische Phalangenzahl.

b ) Ceresiosaurus calcagna Peyer. Ladinische Stufe der Trias, Monte San Giorgio. Zoologisches Museum der Universität Zürich. Vermehrte Zahl der Zehenglieder am Kleinzehenrande der Gliedmasse.

cTrinacromerum ( Plesiosaurier ). Mittlere Kreide ( Upper Barton Cretaceous ), Cragin, Kansas. Nach S. W. " Williston ( 1914 ). Starke Vermehrung der Zahl der Zehenglieder. Schienbein, Mittelfussknochen und die Zehenglieder der ersten Zehe ( beim Menschen der grossen ) schraffiert. Fig. 8 a natürliche Grosse, Fig. 8 b etwas verkleinert, Fig. 8 c stark verkleinert; mit der zunehmenden Spezialisierung erreichten die späteren Plesiosaurier bedeutende Körpergrösse.

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Grabungen des Museums als praktisch fossilleer. Schon 1924 erhielt ich im Dorfe Meride ein Bruchstück des zierlichen kleinen, auch in Perledo am Corner See vorkommenden Pachypleurosau-rus edwardsi, der nach Angabe des Besitzers vom Monte San Giorgio stammte. In systematischer Verfolgung dieser Spuren gelang es, im Herbst 1927 in den Meridekalken überaus reiche Lager von Fossilien aufzufinden mit Hunderten von Exemplaren dieses kleinen Sauriers. In je- Fig. 9. Miocidaris ( Serpian)tiaris ) hescheleri Jeannet. Natürliche Grosse. Ladinisch« Stufer der Trias, Monte San Giorgio. Zoologisches Mi.seum der Universität Zürich. Der einzige Seeigel, der bis heute in der Trias des Monte San Giorgio gefunden wurde.

nem Jahre wurde deshalb an zwei Grabungsstellen gearbeitet, im Grenzbi- tumenhorizont und in den Meridekalken. Spätere Grabungen erschlossen weitere Saurier- und Fischlager in verschiedenen Niveaus der Meridekalke. So ist ein gewaltiges Fossilmaterial gewonnen worden, das die Basis :ür eine noch im Gang befindliche monographische Bearbeitung des kleinen Sauriers bildet.

Aus den ladinischen Schichten von Perledo am Corner See ist schon vor hundert Jahren Lariosaurus, der Saurier des Lario, des Corner Sees, beschrieben worden. Es ist uns bisher nicht gelungen, diesen Lariosaurus auch auf Schweizergebiet zu entdecken; dagegen führte diese Jagd zur Auffindung einer nahestehenden Ga tung, die den Namen Ceresiosaurus, der Saurier des Ceresio, des Luganer Set s, erhielt. Lario- und Ceresiosaurus gehören beide zu den eingangs erwähnte :! Sauropterygiern, das heisst wohl schon wasser-lebenden Verwandten der Plesiosaurier. Die Umbildung der Gliedmassen zu Rudern ist bei den beiden Gattungen an der Vordergliedmasse schon im Gange; die hintere Gl:edmasse von Lariosaurus besitzt noch die Phalangen-formel des landlebenden Reptiles mit 2 3 4 5 4, das heisst zwei Zehengliedern an der ersten Zehe, drei an der zweiten usw., bei Ceresiosaurus dagegen hat die für hochmarine Reptilien und Säugetiere charakteristische Vermehrung der Zahl der Phalangen am Kleinzehenrande des Fusses schon eingesetzt; die Formel lautet 2 3 5 S 6; damit ist ein entscheidendes Übergangsstadium in der Umwandlung eine: ' terrestrischen zur flossenähnlichen Gliedmasse fossil überliefert worden ( siehe Fig. 8 ). Im Gegensatz zum Grenzbitumenhorizont wurde in den Meridekalken von Acqua del Ghiffo auch ein Seeigel, Miocidaris ( Serpianotiaris ) hescheleri Jeannet, gefunden, dessen Untersuchung durch Prof. Dr. A.J.eannet vorgenommen wurde. Während der vieljährigen Grabungen wurde nur ein einziges Exemplar gefunden; es handelt sich wohl um die Überreste eines Tieres, das irgendwie in eine ihm ursprünglich fremde Umgebung verschlagen wurde ( siehe Fig. 9 ).

Aus Gründen praktischer Natur konnte bisher erst ein kleiner Teil der Fossilausbeute präpariert und wissenschaftlich untersucht werden. Wenn ein Fund wohlpräpariert im Museum steht oder doch wenigstens durch gute Abbildungen der Wissenschaft erschlossen worden ist, so ist ihm der lange Weg vom Moment seiner Auffindung bis zum ausstellungsreifen Museums-objekt in der Regel kaum mehr anzusehen. Nur selten lässt ein Fund schon bei der Hebung viel erkennen, zum Beispiel im Falle einer Spaltung der Schichten im Niveau des Fossiles. Bei näherem Studium erweisen sich solche Stücke meist mehr oder weniger durch die Spaltung beschädigt, und nicht immer ist es möglich, durch Übertragung der Knochenreste der einen Platte auf die Gegenplatte dem Übel abzuhelfen. Manche der besten Funde waren im Moment der Auffindung nichts als ein Haufen Steine, die Querschnitte von Knochen erkennen liessen. Durch vorsichtiges Zusammensetzen von oft Hunderten von Bruchstücken wird der Bestand an Ort und Stelle ermittelt und in einer Zeichnung festgehalten, bei der die Position jedes Fragmentes durch eine Nummer angegeben wird. In der Werkstatt werden dann die Stücke zusammengekittet und in armiertem Gips in einen festen Rahmen zusammengefügt. Wenn eine Röntgenaufnahme Erfolg verspricht, wird diese vor der Präparation hergestellt. Das Präparationsverfahren richtet sich nach der Natur des umgebenden Gesteines und nach der Grosse des Fossils; die Skala der Werkzeuge reicht vom groben Meissel bis zur feinsten Nadel. Die schwersten Stücke können nur mit Hilfe eines Kranes bewegt werden. Für die Entfernung grösserer Gesteinsmassen dient der elektrisch betriebene Meissel, zum Zurechtschneiden mancher Platten eine Steinsäge. Für das Arbeiten unter dem Binokular bei starker Vergrösserung hat die Praxis ergeben, dass je nach Bedarf zugeschliffene, in Haltern befestigte Grammophon-nadeln ausgezeichnete Werkzeuge sind. Gewissenhafte, zuverlässige Präparation ist eine Grundbedingung für erfolgreiche wissenschaftliche Bearbeitung.

Bei der langwierigen Präparation eines bedeutenden Fundstückes findet sich reichlich Zeit dazu, durch Beobachtung und Überlegung das Schicksal zu rekonstruieren, welches einem Tiere, das einmal gelebt hat, vor und bei der Einbettung des Kadavers beschieden war. Die Arbeit in dieser Richtung ist letzten Endes für die Ermittlung des Charakters des Lebensraumes der Tiere von Bedeutung. Von Interesse sind auch die Umwandlungen, die das Skelett nach seiner Einbettung erlitt. Dazu gehört einmal die Deformierung durch Schichtdruck, wie sie sich auch in tektonisch ruhigen Gegenden findet. Sodann lassen sich an den Fossilien vom Monte San Giorgio aber auch Veränderungen feststellen, die eindrücklich kundtun, dass es sich um alpine Fossilien handelt, welche die Aufrichtung des Baues der Alpen selber mitmachen mussten. Fig. 10 zeigt Schädel und Hals eines Sauriers, dessen SAURIKRJAGD IN DEN TESSINER KALKALPEN.

Knochen längs verschiedenen, nachträglich durch Einlagerung von Kalk-salzen verkitteten Bruchlinien um mehrere Zentimeter gegeneinander verschoben sind. Der Originalfund wurde anhand des Röntgenbildes, das die überraschenden Verhältnisse enthüllt hatte, auspräpariert, aber in seiner Fig. 10. Kopf und Hals ei les Sauropterygiers aus den ladinischen Kalken von Acqua ferruginosa, Monte San Giorgio. Zoologisches Museum der Universität Zürich. Natürliche Grosse. Die Figur rechts zeigt das Fossil in dem Zustande, wie es gefunden und auspräpariert worden ist. Die Teile des Schädels sind längs Dislokationslinien, die durch tektonische Einwirkung, die während der alpinen Gebirgshebung stattfand, gegeneinander verschoben. Die Fig ur links gibt die ursprüngliche Form des Schädels.

Gestalt belassen. Die ursprüngliche Form des Schädels ergab sich dadurch, dass ein Gipsabguss entlang den Dislokationslinien zersägt und die Teile entsprechend den Bruchflächen der Knochen zusammengefügt wurden. Verglichen mit den gezerrt ;n Belemniten und anderen deformierten Fossilien, auf die Albert Heim die Aufmerksamkeit lenkte, und mit den deformierten Fischen aus den Schieferbrüchen des Glarnerlandes sind die Veränderungen, welche die Fossilien vom Monte San Giorgio erlitten haben, bescheidener Natur. Für den Paläontologen ist es natürlich ein Glück, dass dem so ist.

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