Schlechtwetterphotographie in den Bergen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Mit 8 Bildern.Von Stefan Jasienski.

Im Märzheft machte uns Herr Marc Juland darauf aufmerksam, dass ein Jahrhundert verflossen war seit der Ausstellung jenes Aufsehen erregenden Bildes: « Gewitter an der Handegg » von A. Calarne im Pariser Salon. Mir scheint, dass es kein Zufall ist, wenn das erste wirklich alpine Motiv, das durch einen damals noch nicht sehr bekannten Maler eingereicht wurde und Gnade vor der Aufnahmejury fand, gerade eine Schlechtwetterdar-stellung war.

Obschon in diesem verflossenen Jahrhundert nicht nur das allgemeine Interesse, sondern auch das Verständnis für die Gebirgswelt sehr grosse Fortschritte gemacht haben, so begegnen wir doch immer einem gewissen Mangel an Einfühlungsvermögen für das Thema Bergbild. Die Tatsache, dass der Alpenclub und andere alpine Vereinigungen von Zeit zu Zeit eigene Ausstellungen alpiner Kunst veranstalten, beweist, dass in unseren Kreisen das Gefühl herrscht, unser Idol, die Gebirgswelt, komme in den übrigen allgemeinen Ausstellungen zu kurz und gelange nicht zu der Geltung, die wir ihr geben möchten.

Ich selbst habe diese gewisse Zurücksetzung alpiner Motive oft und immer erneut bei der Beschickung internationaler Photoausstellungen bestätigt finden müssen, indem Figurenbilder, Landschaften und Stilleben oft wenig qualifizierter Rangordnung vor bedeutend besseren Bergbildern von der Jury bevorzugt wurden, sei es in England, sei es in den Vereinigten Staaten, aber auch in Holland und selbst in Deutschland und Frankreich. Das schien ungefähr im richtigen Verhältnis zu der Entwicklung des Bergsportes in jenen Ländern zu stehen; denn handelte es sich um eine Ausstellung in München oder Wien, so war man dort sicher für Bergbilder empfänglicher als in Hamburg, Amsterdam oder Brüssel.

In meinen Abhandlungen über die unterschiedlichen Einstellungen zu den verschiedenen Arten von Photographie, die im Jahre 1933 im « Photo-freund » ( Photokinoverlag Berlin ) erschienen sind, schrieb ich u.a. folgenden Satz, den ich auch heute nicht besser zu formulieren vermag: « Aber es gibt noch eine dritte Gruppe von Bildern, nämlich so gute Bilder, dass man sie betrachten kann und Freude daran empfindet, ohne dass sie Erinnerungen wecken, ja ohne dass man weiss, wer sie aufgenommen hat und wo. Bilder, die bei jedem Beschauer Interesse erwecken, Bilder, die an und für sich schön und interessant sind, Bilder, die gleichsam an keine Episode des eigenen Erlebens gebunden, die zeitlos sind. » Nun glaube ich beobachtet zu haben, dass es für der Bergwelt Fernstehende am schwierigsten ist, sich in jene Bergbilder einzufühlen, die uns unsere Bergriesen bei strahlend schönem Wetter darstellen, bei einem Wetter und Licht, das das Herz eines jeden Bergsteigers höher schlagen lässt. Dagegen bringen Wolkenmassen, Nebel und Lichteffekte Bergdarstellungen jenen Leuten näher, die selbst nicht Alpinisten sind und in denen ein Schönwetterbild keine noch so zarte Saite des Eigenerlebens in Schwingungen zu bringen vermag.

Daher wählte ich zum Titel meiner Darlegung: Schlechtwetteraufnahmen. Ich möchte mich dabei nicht mit jenen Fällen befassen, wo bei schönem Wetter zeitweise Wolkenbildung aufkommt, die dann unter dem Einfluss eines gelinden Windes wiederum verfliegt. Nein, bleiben wir bei richtigem Schlechtwetter, wobei wir natürlich keinem Photographen zumuten, ausgerechnet bei andauerndem Bindfadenregen auf die Suche nach geeigneten alpinen Motiven auszugehen. Wanderungen im Gebirge bieten aber leider nur zu oft Gelegenheit, das mehr oder weniger langsame Umfallen des schönen Wetters zu beobachten, wie auch vorübergehende, örtliche Gewitter und endlich auch Aufheiterung nach mehrtägigem Schlechtwetter.

Diese drei typischen Möglichkeiten möchte ich einer näheren Erörterung unterziehen im Hinblick auf deren Einfluss auf die bildmässige Gestaltung unserer Bergbilder.

Die äussere Gestalt des schlechten Wetters tritt in Form von Nebel, Wolkenballungen und Niederschlägen auf. Der Unterschied zwischen Wolken und Nebel ist nicht scharf zu ziehen, da wir nur dann von Wolken zu sprechen pflegen, wenn wir uns selbst noch im unbewölkten Gebiet befinden und erst die Wolke, die uns einhüllt, für uns zu Nebel wird. Vergleichend spricht man von Wolkenmeer, wenn die sich ballenden Gebilde scharf umgrenzt sind, während die gleiche Erscheinung als Boden- oder Tiefnebel bezeichnet wird, wenn keine eindeutige Grenze wahrnehmbar bleibt, sondern die Verdichtung nur allmählich einsetzt. Wolken und Nebel sind die erwünschten Hilfsmittel zur individuellen Gestaltung eines Bergbildes, nur sie geben uns das Einmalige, das Nichtwiederzufindende in der Aufnahme. Bei strahlend schönem Wetter und völlig wolkenlosem Himmel können viele Photographen identische oder nahezu identische Aufnahmen herstellen, ohne sich in die Quere zu kommen. Bei Auftreten von Wolkengebilden aber wäre es nur Zufall oder eine bewusste Absicht, wenn zwei verschiedene Autoren wirklich den gleichen Aufnahmeaugenblick erwählen würden, um das flüchtige Gebilde festzuhalten.

Gerade der stete Wechsel in Form, Gestalt und Ballung ermöglichen es dem geduldigen Gebirgsphotographen, jenen Augenblick auszuwählen, der ihm die willkommene Ergänzung der Linien der Bergzüge und Gipfel durch die Wolkengebilde bringt und so ein Bild gestaltet, das nicht nur ein Erlebnis verewigt, sondern auch beim Fernstehenden, beim Nichtdabeigewesenen einen Komplex von Empfindungen auszulösen vermag.

Aber auch Nebel in der gemeinen Form vermag den Raum dadurch zu betonen, dass er alle Täler und Zwischenräume anfüllt und nur die Gebirgszüge zur Geltung bringt, die gleich Kulissen aus ihm hervorzuragen vermögen.

Mein Bildbeispiel 138 veranschaulicht einen solchen typischen Fall. Recht dichter Frühnebel, vor Sonnenaufgang, füllte alle Becken und Niederungen des Vierwaldstättersees und liess nur die uns vertrauten Gipfel herausragen. Dieses Bild, aufgenommen vom Gipfel des Pilatus, unterscheidet sich doch sehr wesentlich von dem, was man durchschnittlich von einem Besuch auf diesem Berg heimzubringen pflegt. Ich wählte dieses Beispiel absichtlich, um drastisch vorzuführen, welche Darstellungshilfe der an und für sich unerwünschte Nebel zu geben vermag, wenn anders man nicht sehnsüchtig darauf wartet, einen klassisch schönen Sonnenaufgang zu erleben, und jede Störung oder Trübung ins Pfefferland verwünscht. Mit dem Sonnenaufgang war es nämlich an diesem Tage nichts, der Nebel stieg höher und hüllte uns vollkommen ein, um erst dann zu verschwinden, als die Sonne so hoch am Himmel stand, dass er erwärmt sich verflüchtigen konnte. Somit ist das Bildbeispiel 138 Ersatz für nicht möglich gewordene Sonnenaufgangsauf-nahmen, aber er ist mir lieber als solcher, da es sicher noch viel seltener ist, derartigen Nebel anzutreffen als die nur relativ selten schönen Sonnenaufgänge.

Als Bildbeispiel 139 bringe ich eine schlichte Landschaft bei Leysin, die nur durch den zarten Nebel Wert erhält. Ohne den Nebel wäre es eine Postkarte, und zwar sogar keine gute. Aber hier war eine jener unscharfen Nebelgrenzen, die dem an und für sich wenig Raumtiefe aufweisenden Motiv den Odem einhaucht, der es uns freundlich, licht und duftig erscheinen lässt und Leben in die tote Masse bringt.

Blick vom Pilatus nach 0-NO.

( Hochfluh, Gr. Mythen, Mürtschen-, Rädertenstock ) Nebelschwaden ( Landschaft bei Leysin ) s S. Jasienski Behördl. bewilligt am 29. S. 40 gemäss BRB. vom 3. 10. 39 Dieser Nebel verdichtete sich allerdings alsbald, um in Form von einem regelmässigen Regen niederzugehen, der eine Schlechtwetterperiode einleitete.

Zieht schlechtes Wetter ein langgestrecktes Tal abwärts, dann hat man Zeit, es zu beobachten und den kommenden Wetterumsturz herannahen zu sehen, was dann nicht der Fall ist, wenn das schlechte Wetter in einer Front antritt, die sich quer zur Talrichtung fortbewegt.

Für eine solche scharfe, schwarze, dicke Schlechtwetterfront hatte ich ein vorzügliches Bildbeispiel bereitgestellt, doch hat es die behördliche Bewilligung zur Veröffentlichung nicht erhalten. Schade, dass ich dieses Bild zu den Kriegsopfern rechnen muss. Nicht ganz so typisch stelle ich in Bildbeispiel 140 den herannahenden Platzregen vor: vom Schloss Tarasp aus ein Blick talaufwärts, von wo das Unwetter rasch herannaht. Wäre man nicht nur wenige Schritte vor einer guten Unterkunft gestanden, so wäre wohl die erste Sorge gewesen, sich entsprechend regendicht zu kleiden, und nicht, den günstigen Lichteffekt zu erhaschen. Auch hier bieten die schweren Regenwolken mit dem kümmerlichen Rest einfallender Sonnenstrahlen ein Medium, das die Seitenrippen des Haupttales und die Nebentäler kulissenhaft auflockert und die grosse Tiefe zur Geltung bringt. Wenige Minuten danach goss es in Strömen. Bild 141 veranschaulicht eine ähnliche und doch sehr verschiedene Lage. Hier hatte es schon tüchtig gegossen, und es tritt eine kurze, vorübergehende Pause ein, die zur Abdeckung einiger Gipfel führt. Wir sind hier wiederum am Vierwaldstättersee, der ja für Schlechtwetteraufnahmen ein besonders dankbares Gebiet darstellt, und zwar nicht etwa im ironischen Sinne, sondern durchaus positiv. Es ist nämlich auffallend, dass es Gegenden gibt, die besonders günstige Effekte auch bei schlechtem Wetter aufkommen lassen, während in anderen Gegenden dem schlechten Wetter schwerlich etwas abzugewinnen ist. Es mag dies an Windströmungen liegen, die durch die Bodengestalt bedingt sind und rein lokal auftreten. Dieses Bild zeigt ein richtiges Fenster in den Aufhellungsherd, während der Rahmen düster und schwer die Gruppierung nur wenig andeutet.

Waren wir bisher mit unseren Betrachtungen in Voralpen und Tälern, so führt uns Bild 142 zu einer Schlechtwetterfront in Form einer schwarzen Aureole zum lieben Bietschhorn. Eine typische Schlechtwetterfront, die nicht das Lötschental hinab wandert, sondern aus der Flanke über das Bietschhorn hinwegfliesst! Zufall ist es, dass der Rand dieser Schlechtwetterbank gerade noch über der Höhe des Gipfelgrates lag, so dass das Bietschhorn noch völlig abgedeckt in seiner ganzen Würde diesem Vorstoss zu trotzen scheint.

Anders lagen die Verhältnisse am Sustenhorn, das im Bild 143 erscheint. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten plastisch die Wolkenballen, die sich nicht in einer geschlossenen Formation, sondern von allen Klüften und Tälern her ansammelten und im Laufe der Nacht erst das gute Wetter erdrosselten. Dieser Angriff war somit weniger drastisch, weniger spontan, dafür rückte er gleich mit kompakten Wolkenmassen auf. Der gedeckte Gipfel zeigt übrigens deutlich an, wie eng sich diese Wolkenballungen an den Berg anschmiegen und ihn einschliessen.

Die Alpen — 1940 — Les Alpes.33 Wenn in einem Gebirgstale einige Tage lang schlechtes Wetter geherrscht hat und endlich der gute Wind kommt, um die Säuberungsaktion einzuleiten, dann lichten sich die vorher grauen und schweren Wolkengebilde und verwandeln sich in daunenartige, weisse, fröhliche Wolken, die sich um die Gipfel sammeln und dem Gutwetterwind noch Widerstand zu bieten vermögen Immerhin stimmt derartiges Geplänkel den Wanderer fröhlich, denn er weiss, nun gibt es doch noch einige Schönwettertage hier oben.

Bildbeispiel 144 veranschaulicht eine solche Wetterlage in den Venetianischen Alpen bei Cortina d' Ampezzo. Hier ist wichtig, das Lichte am Gewölk zu betonen und die paar Fetzen blauen Himmels recht tief, somit dunkel, wirken zu lassen, um die ganze auflockernde Stimmung zu unterstreichen.

Zur Deutung der gewaltigen Macht von Wind und Sturm kann im Bilde ( dies im Gegensatz zum Kino ) nur der indirekte Weg beschritten werden, der Bäume, Sträucher, Gras und eventuell Rauchfahnen zu Hilfe nimmt Da die höheren Regionen, soweit sie noch Baumbestand aufweisen, zumeist so wetterharte Exemplare hervorbringen, dass deren Äste eine sehr deutliche Windabwendung zeigen, die dauernd, also auch bei Windstille, verbleibt, ist damit photographisch nicht viel anzufangen. Somit kann man mit einer Wetterarve nur schwerlich den augenblicklichen Wind bildlich darstellen, vielmehr den Dauerwind, der sie geformt hat. Je mehr man in die Hochregion vorstösst, desto ärmer wird man an Mitteln, Wettereinfluss darzustellen. Daher ist auch der Regenbogen erwünscht, um das Bild eines abziehenden Gewitters zu versinnbildlichen. An und für sich ist nämlich der Regenbogen, das Symbol der Buntheit, ein sehr untaugliches Mittel in der Schwarzweissdarstellung. Bringt er doch gerade den Mangel der Farbe schmerzlich in Erinnerung. Im Bildbeispiel 145 habe ich den Regenbogen doch herangezogen, um auch dieses Requisit der Dramatisierung im Bergbilde belegt zu haben. Ich besitze die gleiche Aufnahme auch als Agfacolor-Farbbild und bedaure nur, dass « Die Alpen » es nicht in seiner farbigen Gestalt bringen können.

Nachdem nun die Bildbeispiele erläutert sind, bleibt mir die Aufgabe, zusammenfassend diejenigen Elemente zu nennen, die meines Erachtens das Bergbild auch dem Fernstehenden begreiflicher machen und es seiner Auffassung näher bringen.

Das alte Sprichwort, wonach der Bauer nur das isst, was er kennt, ist eine Weisheit, die nicht verkannt werden darf. In einem Bilde, das ein an und für sich fremdes Milieu zu schildern versucht, alte Bekannte wiederzufinden, schlägt die Brücke zu den vertrauten Vorstellungen und vermittelt so einen Kontakt mit der dargestellten fremden Materie, der sonst schwer zu erreichen ist.

Man glaube dabei nicht, dass selbst allen Bewohnern unseres Landes die Welt der Hochalpen, das Gebiet des nackten Felses und des ewigen Eises, so vertraut und heimisch sei. Durch gelegentlichen kurzen Besuch auf dem Jungfraujoch kann für einen Tieflandmenschen ein klein wenig Verständnis für die Eigenart dieser Region geweckt werden, aber daraus schliessen zu wollen, dass sein Kunstempfinden nun auf ein subtiles Bergbild gleich sympathisch reagiere, ist zuviel verlangt.

Es gibt im Verhältnis von Mensch und Berg ein gewisses Etwas, das zunächst überwunden werden muss, bis sich ein Kontakt, eine Vertrautheit herauszubilden vermag. Eigentümlich ist es nun, dass in der Natur das schöne Wetter, der blaue Himmel und die Lichtfülle der Sonnenstrahlen es sind, die dem Menschen der Ebene die Berge harmlos, freundlich und anziehend gestalten. Aus dieser Einstellung heraus erklären sich auch so zahlreiche Unglücksfälle von unerfahrenen Alpinisten, die, von schlechtem Wetter überrascht, im Gebirge hilflos werden und erst dann entdecken müssen, dass ein kleinerer Ausflug in gewisse Regionen bei Wettersturz an Harmlosigkeit plötzlich verliert und zu einem Problem von Lebensgefahr werden kann.

Hier herrscht eine gewisse Analogie zum Meer. Auch das ewige Meer, bei schwachem Wind und schönem Wetter, sieht für den Neuling so harmlos aus, dass er sich gerne in einem kleinen Schiffchen hinauswagen möchte. Aber das gleiche Meer kann im Augenblick wild, tobend und stürmisch werden, und erst dann bekommt man den richtigen Begriff nicht nur von seiner Grosse und Macht, sondern von der Kleinheit und Hilflosigkeit der Menschen.

Merkwürdig ist aber in der bildlichen Darstellung — wobei ich keinen Unterschied zwischen Malerei und Photographie glaube machen zu müssen — der Umstand, dass es eben nicht die Darstellung des schönen Wetters im Gebirge ist, die dem Nichtvertrauten Interesse und Verständnis abzugewinnen vermag, sondern im Gegenteil jene Darstellung, die es versteht, den Einfluss der sichtbaren Naturgewalten zu veranschaulichen. Liegt es vielleicht daran, dass Wolkengebilde mit ihren sanften, abgerundeten Formen es vermögen, die oft harten und derben Linien der Gebirgslandschaft zu mildern? Der Mensch, der gewohnt ist, im reichbesiedelten Unterland zu leben, empfindet zunächst die Ruhe und Einsamkeit der Bergtäler wohltuend und abregend. Hält er sich aber länger darin auf oder steigt er in Regionen, in denen weder Flora noch Fauna das Leben sichtbar und greifbar verkörpern, dann stellt sich ein Gefühl der Leere, der Verlassenheit ein, das sich nicht bei jedem Menschen gleichartig in seinem Kunstempfinden ausdrückt. Daher kann der Anblick einer bildlichen Darstellung der Bergwelt unterbewusst dieses kalte Gefühl der Einöde aufkommen lassen, so dass man sich zum Bild nicht freundlich, sondern interessiert-fremdartig einstellt. Kommt aber im Bilde ein Nebelstreif oder ein Wolkengebilde vor, um diese Starre und Einöde zu brechen, gleichsam zu « bewohnen », so verhindert dies das Aufkommen dieses Gefühles, und die Einstellung zum Bilde wird anders, wärmer, positiver.

Nun ist schönes, klares Wetter im Gebirge eigentlich ein seltener Ausnahmezustand, der sich in gewissen Jahreszeiten vorübergehend einzustellen pflegt und nun zum Aufenthalt in den Bergen und zu Touren ausgenutzt wird. Schreckliche Stürme und dauernde Niederschläge sind ebenfalls nicht Dauerzustände, so dass diejenigen Wetterverhältnisse, die dazwischenliegen, am ehesten anzutreffen sind. Zweck dieser Überlegungen ist es nun, darauf aufmerksam zu machen, dass diesen Witterungsverhältnissen bildlich auch etwas abzugewinnen ist, und wenn man sich hierzu richtig einstellt, so scheint mir dieses Feld besonders dankbar zu sein.

Wenn ich damit den einen oder anderen Clubkameraden nur veranlassen kann, bei umfallendem oder langsam aufheiterndem Wetter seine Photokamera nicht zutiefst im Rucksack zu lassen, sondern sie greifbar zur Hand zu haben, so ist schon damit etwas gewonnen.

Es ist vielleicht an dieser Stelle nicht unangebracht, einige knappe Bemerkungen über die technische Seite der Schlechtwetterphotographie einzuflechten, damit jene, die sich damit nicht befasst haben, auf Besonderheiten aufmerksam werden.

Wir müssen dabei zwei sehr unterschiedliche Grundfälle auseinanderhalten: gar keine Sonne oder noch einfallende Sonnenstrahlen. Ohne Sonne werden alle Kontraste stark herabgesetzt, so dass zu einem guten Bilde doch eine etwelche Steigerung der Kontraste in der photographischen Darstellung nicht zu umgehen sein wird.

Dabei wird man durchaus nicht so weit gehen dürfen, grössere Flächen reinstes Weiss ins Bild zu pflanzen, da solche dem Charakter der Aufnahme bei trübem Wetter nicht zukommen.

Ganz im Gegenteil werden ausserordentlich grosse Beleuchtungskontraste dann zu überwinden sein, wenn noch spärlicher Sonnenlichteinfall vorliegt und fleckenhafte Beleuchtung der Landschaft und der Wolkengebilde auftritt. Hier muss so weit gemässigt werden, dass die bildliche Wiedergabe gut durch-gezeichnete Lichter und nicht übertrieben schwere Schatten bekommt.

Eine Eigentümlichkeit der photographischen Abbildung muss besonders erwähnt werden, das ist die sogenannte Summationswirkung des einfallenden Lichtes. Bekanntlich vermag eine genügend lang belichtete Aufnahme auch die düstersten Ecken durchgezeichnet wiederzugeben. Es ist daher durch Dosierung der Belichtungszeit in weiten Grenzen möglich, die Stimmung zu verändern, durch reichliche Belichtung sie aufzuhellen, durch knappe Belichtung zu verdüstern. Ein Beispiel haben wir an jenen überlichteten Nachtaufnahmen, die wie bei Tag aufgenommen wirken, und solchen Aufnahmen, bei welchen der Nachthimmel hell wird. Derartige Bilder zerstören vollkommen die herrschende Stimmung und wirken wie bei beginnender Dämmerung aufgenommen. Diese eigentümliche Erscheinung bildete vor einigen Jahren Gegenstand eines Preis-ausschreibens der philosophischen Fakultät der Universität Bern, ohne dass ich je über das Ergebnis in der Fachpresse etwas gelesen habe. Es liegt also am Photographen, seine Belichtungszeit so zu wählen, dass der Charakter der bei der Aufnahme herrschenden Beleuchtung gewahrt bleibt. Es ist ebensowenig angängig, eine harmlose Bewölkung zu dramatisieren, als auch einen völlig verhängten, bleifarbenen Himmel so aufzuhellen, dass er seinen Charakter einbüsst und in unnatürlichen Gegensatz zu der fahl beleuchteten Landschaft tritt. Wir haben es hier sowohl mit Beleuchtungs- wie auch mit Farbgegensätzen zu tun x ).

Ausser dieser Frage der Abstufung der Tonwerte der Grauskala haben wir die Möglichkeit, die Wiedergabe der Farbflächen durch geeignete Wahl von Farbfiltern zu beeinflussen. Auf diesem Gebiete kann man viel verbessern, aber leider noch viel mehr Übertreibungen und Exzesse begehen, die kaum mehr zu verantworten sind. Lebhaft steht mir in dieser Hinsicht ein Film in Erinnerung, der im Frühjahr 1932 bei uns lief und eine an und für sich durchaus hervorragende Leistung darstellte. Über « Das Blaue Licht » schrieb ich damals im « Kino Amateur » Nr. 7, Juli 1932: « Die Photographie des Filmes operiert mit gewaltigen Übertreibungen der Tonwerte. Auf schwarzem Himmel jagen blendend weisse Wolken vorbei. Frisches Grün der Fichten wird schneeweiss dargestellt, und das duftende grüne Gras der Bergweide wirkt grell neben geheimnisvollem Dunkel der Umgebung. » Als allgemeine Regel gilt, dass jedes Filter die Eigenfarbe bevorzugt, also im Positiv heller macht, während die Komplementärfarbe benachteiligt, also dunkler wiedergegeben wird.

So macht ein Gelbfilter Gelb hell und Blau dunkel, ein Rotfilter Rot und benachbarte Farben hell, dagegen Blau und Violett schwarz. Ein typisches Beispiel ist die Wiedergabe des Regenbogens. Macht man ihn ohne Filter, so wird er zu einem hellen, faden Strich im Bilde, der in uns nicht den Eindruck der Vielfältigkeit aufkommen lässt. Dagegen macht ein Rotfilter den blauen Teil dunkel und gibt damit die in Schwarzweiss bestmögliche Illusion des Wesens dieser Erscheinung ( Bildbeispiel 145 ).

Wichtig ist natürlich auch die Wahl des Bildausschnittes, der so knapp als möglich gehalten sein soll, um das Bildinteresse auf das Wesentliche zu konzentrieren. Da im Gebirge die Anpassung der Entfernung des Bildvor-wurfes an den Abbildungsmaß stab der Kamera durch Verlegung des Standortes recht umständlich und langsam ist, so muss durch passende Wahl der Brennweite vom selben Standort aus der richtige Bildausschnitt von vornherein gewählt werden, um so mehr, als bei wechselnder Bewölkung ein rascher Wechsel der Stimmung des Vorwurfes zu erfolgen pflegt.

Gerade denjenigen unter den Lichtbildnern, die mit kleinformatigen Aufnahmeapparaten arbeiten, sei der vorzügliche Grundsatz in Erinnerung gerufen: « Gross aufnehmen, um gross vergrössern zu können. » Es bleiben noch genügend Feinkorrekturen bei der Vergrösserungsarbeit, die den Bildausschnitt durch Teilvergrösserung verbessern, so dass man sich redlich Mühe geben muss, schon bei der Aufnahme alles Nebensächliche wegzulassen.

Gerade Wetterumschläge nimmt man vorteilhaft aus einiger Entfernung auf, wozu lange Brennweiten ( Teleobjektive ) von grossem Nutzen sind. Dass bei eingetretenen Niederschlägen die Optik vor Wassertropfen zu schützen ist, wird wohl kaum besonders betont werden müssen, da dies unliebsame Unscharfen hervorrufen kann. Auch Filter sind vor Regentropfen sorgsam zu bewahren, was die Sonnenblenden gut erfüllen, wenn sie damit auch scheinbar ihrer eigentlichen Aufgabe entfremdet werden.

Feedback