Schnee- und Gletscherbeobachtungen 1939 in den Schweizeralpen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Paul L. Mercanton.

Von Oktober 1938 bis Mai 1939 waren die Monatsdurchschnitte der Temperatur in den höheren Lagen der Alpen in der Regel zu hoch mit einziger Ausnahme des März. Ähnlich verhielten sich die Niederschläge: ein trockener, warmer Winter mit Ausnahme des normalen März. Dagegen kehrte sich diese Tendenz im Mai vollständig um, indem dieser Monat einen Kälteüberschuss von 2,5°, starke Bedeckung und die doppelten Niederschläge der normalen aufwies. Auch die Monate Juni bis September zeigten ( wie wir Bergsteiger leider ja alle wissen! Red. ) wenig Sonnenschein und viel Niederschläge, mit wärmerem Juni und August, aber kälterem Juli und September.

Es geht aus diesen Umständen eine eher späte Zeitlage der ausgiebigen Schneefälle in den Alpen hervor, der allerdings eine entsprechend späte Abschmelzung gegenübersteht. Der gesamte Schneezuwachs war übrigens nicht sehr gross, aber die Augustwärme vermochte doch nicht ganz mit ihm aufzuräumen. Einige Beispiele der Schneemengen: Der Säntisgipfel ( 2500 m ) wurde am 7. Oktober eingeschneit und erreichte am 24. März ein Maximum der Schneehöhe von 4,4 m ( 1938: 4,3 m ). Am 23. Juni, einen Monat später als im Vorjahr, war er vollständig aper. Am Weissfluhjoch ( 2660 m ) betrug die Maximalhöhe, ebenfalls am gleichen 24. März, 2,4 m ( 1938: 2,05 m ). In ähnlicher Weise unterscheiden sich die Schneehöhen an den zentral- und westschweizerischen Stationen nicht viel von den letztjährigen, so dass also die Schneebedeckung der Schweizeralpen im Jahre 1939 stationär genannt werden kann. Forstinspektor Dr. Oechslin beobachtete Ende August die Höhe der Schneegrenze an den Hängen des Bristenstocks und der Belmeten: sie reichte auf die Höhe von 2310 m herab, das ist 60 m tiefer als 1938.

Während des ganzen Jahres war die Lawinentätigkeit nicht sehr gross. Immerhin denken wir an das schmerzliche Unglück vom 7. März zurück, wo eine riesige Staublawine bei der Wildhornhütte eine Abteilung Offiziere und Soldaten begrub und vier von ihnen dabei den Tod fanden. Während mehrerer Tage wütete ein starker Schneesturm und blockierte das Militär in der Hütte. Im gleichen Monat forderte auch bei Escholzmatt eine Lawine ihr Opfer.

Die Gletscherkontrolle umfasst dieses Jahr nur 57 Gletscher und war stark beeinträchtigt durch die Mobilisation, so besonders in Graubünden. Dafür wurden über die Reussgletscher durch die Sorgfalt des Forstinspektors Oechslin glücklicherweise vollständige Aufzeichnungen gemacht, wobei diese Beobachtungen ein gutes Bild der Verhältnisse in den Zentralalpen überhaupt geben. Ihm wie auch allen andern Beobachtern an den übrigen Gletschern, darunter besonders dem Ingenieur der Kraftwerke Oberhasli, Flotron, ge- bührt der wärmste Dank, ebenso dem S.A.C. für eine Subvention der Sondierungen auf dem Unteraargletscher.

Immer wieder ist der Zustand des Rhonegletschers, des klassischen Bodens der Gletschervermessung, Gegenstand neuer Untersuchungen. Sein Gletscherende ist wieder mit seiner linken Zunge um 7 m zurückgewichen, was einem freigegebenen Quadratraum von 540 m entspricht. Die rechte Zunge war unzugänglich, da der Gletscherabfluss nun offen zwischen dem rechten Rand des Eises und einem abschüssigen Felshang verläuft. Diese Art Schlucht scheint sich weiter unter dem Eise zu verlängern bis zu einem Loch unterhalb Untersaas, wohinein man seit Jahrzehnten in mächtiger Kaskade die Schmelzwasser des Gletschers sich stürzen sah. Damit wird die alte Vermutung bestärkt, dass dieser Wasserfall nichts anderes ist als ein Zufluss der Rhone oder die Rhone selbst, deren Lauf unter dem Eise dem rechten Rand des grossen Abbruchs folgt. Nach Messungen über die Breite des Gletschers auf der Höhe des Belvédère, die dort gegenüber 1938 um 5 m zugenommen hat, ist es nicht ausgeschlossen, dass diese Ausdehnungstendenz in Zukunft zunehmen dürfte, womit das baldige Ende des frontalen Rückzugs eingeleitet wäre.

Jetzt, wo der Rhonegletscher den Boden des Tales von Gletsch ganz freigibt, ist es bei dessen leichter Zugänglichkeit möglich, den Spuren der früheren Perioden des Gletscherwachstums nachzugehen, bevor die Rhone oder der Mensch sie ausgetilgt haben wird. Sie bestehen einesteils aus alten Stirnmoränen wie die von der letzten Zunahmeperiode von 1913-1921, andernteils aus den künstlichen Steinkränzen mit Spuren von schwarzer Farbe, mit denen seit 1874 während vieler Jahre Ingenieur Gösset die Bewegung des Gletscherendes markiert hat. Weiter vorn zeigt ein Steinmal mit dem Datum 1856 in der Nähe der Seilerhotel die letzte grosse Wachstumsperiode des Gletschers im 19. Jahrhundert an. Diese Moräne war 5-6 m hoch und wurde oft als Steinbruch benützt. Ein weiterer Steinpyloii weist auf die bedeutende Vergrösserung des Gletschers von 1818 hin, und endlich kann man die Spuren der Stirnmoräne von 1602 beim Hotel selbst bemerken. So bietet sich dem aufmerksamen Touristen die ganze Geschichte dieses Phänomens offen dar.

Auch auf den beiden Aargletschern führten die Beobachtungen des Ingenieurs Flotron zu überaus interessanten Schlüssen: So erfährt man z.B., dass der Hugi-Stein seit der neunjährigen Kontrolle zum erstenmal sich langsamer fortbewegte als das Eis, das ihn trägt. Die jährliche Anschwellung des Grimselsees — sie ist dieses Jahr sehr langsam eingetreten — lässt schliessen auf den Grad der Abschmelzung des Gletschers. Beide Gletscher sind auch dieses Jahr sehr stark zurückgegangen, aber nicht im gleichen Masse wie 1938. Was aber die Gletscherkommission auf dem Unteraargletscher hauptsächlich verfolgte, war die Fortsetzung der seismometrischen Erforschung der Profile zwischen Pavillon Dollfus und Abschwung. Eine sechsköpfige Forschergruppe unter Leitung von Prof. Jost, Kreis und Renaud und unter Assistenz eines zufällig anwesenden Führerkurses der J. O. unter Dr. R. Wyss und von zwei Gehilfen der Kraftwerke Oberhasli hat wäh- Die Alpen — 1940 — Les Alpes.18 rend 20 Tagen, leider bei schlechtem Wetter, gearbeitet, um mit 200 kg Telsit über 200 Seismogramme vom Bett des Gletschers aufzunehmen, deren Auswertung nun, trotz des Krieges, im Gange ist. Ihnen allen, ebenso der Sektion Zofingen für die Überlassung ihrer Clubhütte und dem Kraftwerk Oberhasli für den Transport über den See von Personen und Material, sei hier gedankt. Die maximale Tiefe, in der Nähe des Abschwungs, wurde zu 440 m ermittelt. Prof. Florin hat auch zahlreiche photographische Aufnahmen von der Eisoberfläche genommen, von denen einige hier wiedergegeben sind. Das seltene Aquarell vom Obern Grindelwaldgletscher vom Jahre 1847 verdanken wir einem Nachkommen des Künstlers Hogard, Madame Raguet von Genf. Leider konnten die Grindelwaldgletscher in diesem Jahre nicht gemessen werden.

Im ganzen waren auf 100 Gletschern der Schweiz 14 im Vorrücken begriffen, 5 blieben stationär und 81 gingen zurück.

( Auszug aus dem französischen Originalbericht. Red. )

Bergfrühling.

Von Martin Schmid.

Föhn fährt

In des Himmels zitternde Seide,

Treibt rieselnde Nebelschleier

Über der Gemsen lachende Morgenweide.

Unter besonnten Felsenzacken

Fetzt der Schnee wie verbrauchte Laken.

Rubine funkeln! An kühlen Quellen

Schauern und frösteln die Soldanellen.

Durch die Stille donnert am Felsenhang

Dröhnender Steinschlag den Freiheitsgesang.

Da hat am Bergsee der Enzean

Die tauschweren Augen aufgetan!

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